Projektförderungen 2016 / Förderrunde 1

Fonds Darstellende Künste vergibt 24 Projektförderungen

Der Fonds Darstellende Künste vergibt an 24 neue Projekte der frei produzierenden Darstellenden Künste Fördermittel in Höhe von insgesamt 249.050 Euro. Das Kuratorium hat sich auf seiner Frühjahrssitzung am 18./19. April 2016 in Berlin für die Förderung von Projekten aus 11 Bundesländern u.a. Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt entschieden.
Die Mehrzahl der in dieser Förderrunde geförderten Neuproduktionen sucht mit unterschiedlichen ästhetischen Ansätzen und Formaten die Auseinandersetzung mit aktuellen Transformationsprozessen: Zu den Themen der Tanz- und Theaterschaffenden zählen weiterhin „Migration-Geflüchtete“, „Soziale Ungleichheiten“ „Demografischer Wandel“ sowie die Auswirkungen der „Digitalisierung“.

Es wurden folgende Projekte ausgewählt:

In der Objekt-Performance Made for Love geht es dezidiert um die Liebe zu den Dingen – und zwischen ihnen. Welchen Täuschungen erliegen wir Tag für Tag, wenn uns Objekte angedreht werden, die wir nicht brauchen? Und welchen Täuschungen, wenn wir die Objekte viel mehr brauchen, als wir dachten? Monster Truck operiert provokant und progressiv zwischen den Bereichen Theater, Performance, szenische Installation und Video.

In ihrem neuen Projekt Der Prozess 2.0 widmen sich Interrobang einer ganz spezifischen Facette unserer digitalen Zukunft: der juristischen Dimension des digitalisierten Menschen. In diesem installativen Theaterlabyrinth, durch das sich die Zuschauer*innen hindurchnavigieren, wollen sie ein undurchschaubares Labyrinth aus Vermutungen, Verdächtigungen und obskuren Verfahrensweisen errichten.

Nagelneu sucht in Zusammenarbeit mit lokalen Nageldesignerinnen neue Wege des stilvollen Selbstausdrucks. Hendrik Quast und Maika Knoblich leiten dabei Fragen aus Beobachtungen des Alltags ab und entwickeln daraus ein situations- und ortsspezifisches Happening. In der ihnen eigenen Expert*innen-Mimikry geht ein themenspezifisches Fachwissen hervor, das auf der Bühne sowohl im Tun als auch im Kommentieren erprobt wird.

minor matter ist eine körperlich-prägnante und akustisch-vehemente chorische Choreografie. Inspiriert vom Wahn des Rassendenken und Repräsentationspolitik lädt Ligia Manuela Lewis das Publikum zu einer visuellen und körperlichen Abstraktion des Minoritären.

Die Atopie des Anderen ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Fremdheit. Gegen das Prinzip der Gleichmachung der heutigen Informations- und Leistungsgesellschaft setzt Angela Schubot auf das Fremde in sich selbst und im Anderen.

Das Ensemble MEINHARDT KRAUSS FEIGL cinematographic theatre beschäftigt sich in DIE ZWEITE REALITÄT mit den tiefgreifenden Veränderungen unserer Welt durch die moderne Technik und zeichnet das dystopische Bild einer zunehmend digitalisierten und computerisierten Gesellschaft. Der durch Video- und Sound-Tracking computergenerierte Bühnenraum tritt dabei in ein Spannungsfeld mit den organische Körpern der Schauspieler*innen.

Die Choreografin und Tänzerin Barbara Fuchs verdreht mit Vorliebe gewohnte Sichten auf Objekte und ihre Materialität. Mit Hang zur Anarchie, mit großer Lust am Absurden und stets mit Humor widmet sie sich in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung auch den kleinsten Zuschauern. Mit Pfffhh… – ein GUMMI-Schlauchspiel entwickelt sie ein Solo, in dem nicht nur Gummi in etlichen Erscheinungsformen auf sein Elastik-Potential überprüft wird. Fahrradschläuchen und Gummi-Reifen wird neues Leben eingehaucht und andere Erfahrungsräume jenseits des Bekannten kreiiert.

All about Nothing sensibilisiert die Zuschauer*innen für die sozialen Machtstrukturen einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft und schafft eine Öffentlichkeit für die Perspektive von Kindern und Jugendlichen in Armut. Dabei richtet pulk fiktion den Blick auf deren Sichtbarkeit sowie Unsichtbarkeit im sozialen Leben. Die performative Collage, basierend auf einer intensiven Recherche mit Kindern und Jugendlichen, sucht nach unerwarteten und überraschenden Sichtweisen jenseits von Stigma und Romantisierung.

DIE GROSSE KOALITION ist ein Parlament der Zukunft, in dem die Zuschauer*innen eingeladen werden, als Parlamentarier*innen Platz zu nehmen, um vor dem Hintergrund festgefügter kultureller Normen zu untersuchen, welche Strategien nötig sind, den Chor der Zwänge zu verlassen und eine neue Form der Kommunikation zu erfinden. NOVOFLOT stellt dem frei improvisierenden Ensemble die Zusammenkunft eines Barockquartetts mit Sänger*innen und Schauspieler*innen gegenüber.

In Magical. Acts. Matter verweben apparatus – Thorsten Eibeler & Stefanie Wenner Tanz, Performance, Sound, Video, räumliche Gestaltung und Text miteinander und schaffen eine Aufführung, deren Zentrum die Sinnlichkeit körperlicher Erfahrung ist. Durch die Verbindung der psychischen und geistigen Welt mit theatralen und performativen Aktionen und Musik, soll der Dualismus von Mensch und Umwelt/Ding aufgelöst werden.

Mit diesem Projekt untersuchen lunatiks produktion, inwieweit der Konsum von PILLEN unsere Gesellschaft und individuelle Biografien prägen, welche Sehnsüchte und Glücksversprechen damit verbunden sind, und in welchen Momenten die Grenze zwischen Rettung und Rausch verschwimmen kann. Über die Collage individueller Erfahrungen setzt sich eine Kulturgeschichte der Pille zusammen, die informative Aspekte der Pharmakologie mit einer sinnlichen und sehr subjektiven Erlebniswelt verbindet.

Die Performance Inmitten der Stadt fokussiert die persönliche Lebensgeschichte junger Migrant*innen, die sich oft in einer Parallelwelt befinden. Immer an der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen öffentlichem und privatem Raum, sucht unitedOFFproductions mittels Videos, Text, szenischem Spiel und verschiedener räumlicher Situationen die Verständigung zwischen Anwohner*innen, Passant*innen und Zuschauer*innen.

Mit Weltproben – Eine Versammlung wagt sich Drama Köln an das Aufspüren von Realität. Wer ist Performer*in, wer Zuschauer*in, wer Statist*in und wer Passant*in? Die Produktion spielt in Zeiten des Turbokapitalismus und digitaler Parallelwelten mit unserer Sehnsucht, im Echten den Fake zu erkennen und im Fake das Echte zu erspüren.

KeinOrt.Finsternis ist eine performative Suche von Anne Schneider nach Ursachen und Auswirkungen der hierzulande am weitest verbreiteten psychischen Erkrankung: Depression. Aufbauend auf Erfahrungsberichten und literarischen Vorlagen entsteht das Kaleidoskop eines Krankheitsbildes, das sich in poetischen Bekenntnissen niederschlägt.

Auf der Basis von „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift zeigt das Kanaltheater in GULLIVER UNTER UNS ein Stück über Flucht, Migration und Postkolonialismus, indem Swifts Kritik im Abenteuerreisegewand mit der aktuellen Debatte über sinnlose Kriege und Machtmissbrauch verschnitten wird.

Wer hilft hier eigentlich wem? HILFE ist ein Stück über ehrenamtlich, hauptamtliche, uneigennützige und lukrative Hilfestellungen zwischen Hilfsbedürftigen und Hilfegebenden. Das boat people projekt benennt den unumgänglichen Statusunterschied, der zu Beginn jede Begegnung beeinflusst und überprüft die Möglichkeiten diesen Unterschied durch künstlerische Prozesse zu überwinden.

Das site-specific Setting des Jahrmarkttheater liegt in einer Schwundregion. Wer garantiert hier ein gutes Leben? Niemand weiß das. Vieles ist möglich. Das Jahrmarkttheater spielt es durch. Schwundregion 3000. Das Spiel der Giganten lädt sein Publikum ein in die Welt des Spielens.

In Dance House, literally formen Tänzer*innen mit der Mobilität ihrer Lebensentwürfe Choreografien, die wie Häuser in kürzester Zeit an jedem Ort der Welt gebaut und abgebaut werden. Stefan Dreher und das Kollektiv Loving Lucy arbeiten in ihrer mehrstündigen Performance die Möglichkeiten von Sicherheit, Stabilität und Kontinuität aus, die sich zwischen Tänzer*innen und Tanzhäusern als permanente polyvalente Orte formen können.

Die Tanzkompagnie Rubato erschafft in VOLTAGE / ZERO einen dynamischen „Nachdenkraum“. Im Gegensatz zum Konzept des Konsenses, verhandelt der Konflikt, die Differenzen, die eigenen Wahrnehmungen immer neu. Es gibt keine festen Positionen. Mit diesem Konzept der Offenheit antwortet Rubato auf die Schlüsselfrage: „Wie bleiben wir angesichts der immer komplexer werdenden Krisensituationen handlungsfähig?“

Mit bodytext erforscht Modjgan Hashemian die Qualität, Dynamik, Rhythmus, und die Bedeutung von Schrift als widerständige Form im Kampf gegen Unterdrückung und Zensur mit den Mitteln des zeitgenössischen Tanzes und der Bildenden Kunst. Dabei folgt sie den Regelwerken der Schriften und versteht sie als choreografische Anweisungen, um so in unbekannte Welten einzutauchen,

Patricia Carolin Mai untersucht in READY TO SNAP Körper in Extremzuständen und betrachtet den Moment der angespannten Erwartung vor einer (Re-)aktion. Ready – der Moment der angespannten Erwartung. Zwei Körper lauern, brodeln, reizen und provozieren einander. Snap – Körper schnappen zu, erstarren, zerbrechen, rennen weg oder greifen an.

PARTY von ALFREDO ZINOLA ermöglicht Menschen gemeinsam Ort und Zeit zu teilen, Konventionen aufzulockern und sich auf verschiedenen Ebenen der Kommunikation zu begegnen. Die Performer*innen treten dabei als Vermittler*innen der Party und der Bewegungsarbeit auf. Sie lösen die Situation aus und begleiten sie.

Das Publikum taucht in ShortCuts & U-Turns. Irina Pauls and 30 Years of Dance. aus verschiedenen Blickwinkeln in TanzTheater-Szenen aus acht Inszenierungen seit 1986 ein und erlebt einen sinnlichen Einblick in Irina Pauls individuellen choreographischen Ausdruck. Er ist geprägt von den internationalen Künstler*innen, die sich an die Arbeitsprozesse erinnern. Die sichtbare Veränderung ihrer Körper ermöglicht den Zuschauer*innen den direkten Zugang zur ihren Lebenswelten und zeigt das Konzept „Tanztheater“ als komplexe tanzkünstlerische und zeitpolitische Äußerung.

Künstler*innen aus verschiedenen Ländern, schon lange in der Rolle des Fremden zu Hause, zielen in The Strangers Question darauf ab, sich „anzufremden“. Sie suchen nicht nach Gemeinsamkeiten, sondern fokussieren sich auf Arbeitsmethoden und Denkmuster des jeweils Anderen. Sie bieten keine Lösungen und suchen den Dissens. Angesichts derzeitiger Diskussionen über die Grenzen der Gastfreundschaft wird das Machtverhältnis zwischen Gastgeber und Gast zur zentralen Frage von Alma Toaspern.