HOMEBASE 2016 / Förderrunde 1

Fonds Darstellende Künste fördert 13 interkulturelle Theaterprojekte

Mit dem neu aufgelegten Programm HOMEBASE – Theater für die kommende Gesellschaft möchte der Fonds Darstellende Künste den Künstler*innen bundesweit gezielt Freiräume eröffnen, um die Auseinandersetzung mit Fragen von Herkunft, Heimat und Migration zu erproben, zu realisieren und zu verstetigen. In der ersten von zwei Förderrunden vergab die Kommission des Kuratoriums in ihrer Sitzung am 11. Juli 2016 Projektförderungen an insgesamt 13 neue Vorhaben der frei produzierenden Darstellenden Künste u.a. in Sachsen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hamburg, Bayern und Berlin.
Die Kommission sprach sich für die Förderung von sechs Produktionsvorhaben sowie sieben projektvorbereitenden Recherche- und Konzeptionsphasen in sieben Bundesländern aus.

In der Kategorie „Produktion“ wurden folgende Projekte ausgewählt:

Mit der Produktion First Black Woman in Space möchte die Regisseurin Simone Ayivi den Fokus auf Frauen of color richten, die in Deutschland leben – schon immer oder erst seit kurzem. Wie erleben sie Deutschland in 2016 zwischen Willkommenskultur und rechtem Terror?

Ausgehend von dem Phänomen der russischen Wissenschaftsstadt Akademogorodok stellt das Stuttgarter post theater die Frage, ob Nationalitäten heutzutage verblassen gegenüber einer kosmopolitischen Wissenschafts-Welt. Im russisch-deutschen Team wollen sie vor diesem Hintergrund Wissenschaftsutopien allgemein und konkret in Adlershof und im Bosch Campus Renningen untersuchen.

Inspiriert von rituellen Praktiken aus Traditionen der Sufi möchte das international besetzte Orchestral Theatre Ensemble unter der Leitung von Regisseur und Komponist Haitham Assem Tantawy basierend auf der kulturübergreifend bekannten Geschichte von Josef und Suleika das Musiktheaterstück YUSUF’S entwickeln.

Ausgestattet mit einem mobilen Checkpoint widmet sich die geheimagentur in unLTD der praktischen Erforschung verschiedenster Grenzfelder im Münchner Stadtraum. Dabei geht es im Speziellen um die Grenzerfahrungen von Flüchtlingen, die in die diversen Aktionen vor Ort einbezogen werden sollen.

Unter dem Titel AM FLUSS / gestrandet möchte die cie. Freaks und Fremde ein internationales Theaterprojekt der Begegnungen im einem Zelt im Zentrum von Dresden etablieren. 17 Theatermacher*innen aus diversen Nationen sollen hier gemeinsam Theatervorstellungen entwickeln und dem Publikum präsentieren.

Mit Migrantpolitan-The Label entsteht in Hamburg auf Kampnagel eine Plattform, auf der Refugee-Künstler*innen selbstverwaltete Kunstprojekte verwirklichen können. Das Portfolio reicht von einer Theaterproduktion über eine Refugee-Voices-TV-Show und Oriental Karaoke Nights bis hin zu performativen Ausstellungen.

In der Kategorie „Anbahnung und Recherche“ entschied sich die Kommission für folgende Projekte:

In Kooperation mit einer jamaikanischen Künstlerin und Aktivistin und dem Schifffahrtsmuseum in Flensburg möchte die Theaterwerkstatt Pilkentafel neue Mitbürger*innen aus afrikanischen Ländern unter dem Motto a relation to explore zu Theaterworkshops und Gesprächen entlang der Frage des Zusammenhangs zwischen Flucht und Kolonialismus einladen.

Das Kinder- und Jugendtheater theater morgenstern arbeitet seit Februar 2016 unter einem Dach mit einer Notunterkunft in Berlin-Friedenau. Das Vorhaben Halt in Friedenau will deren Bewohner*innen mit professionellen internationalen Künstlern und Anwohnern in einen Dialog über eine mögliche gemeinsame künstlerische Sprache bringen.

Im Mittelpunkt der Recherche Miroir – Spiegel, die im Rahmen eines Tanzfestivals in Abidjan/ Elfenbeinküste erfolgen soll, steht die Anbahnung eines Dialogs zwischen afrikanischem und europäischem zeitgenössischen Tanz. Auf dieser Basis möchten die Künstlerinnen von TanzART in Kirschau ein Tanztheaterstück mit deutschen und afrikanischen Tanzkünstler*innen entwickeln.

Unter dem Titel Come On In will die akademie der autodidakten im Ballhaus Naunynstraße eine Reihe von Workshops in den Bereichen Performance, Tanz, Musik und Spoken Word mit Kindern, Jugendlichen mit und ohne deutschen Pass und jungen Refugees unter der Leitung von Künstler*innen mit Fluchterfahrung konzipieren und umsetzen.

Die Regisseurin Recha La Dous, der Dramaturg Kris Merken und die Schriftstellerin Lana Chudnowska planen eine Performance zu jüdischer Identität heute. Die vorbereitende Recherche Schabbatot soll Gespräche mit deutschen Rabinner*innen und die Aufbereitung dieses Materials für die Produktion ermöglichen.

Die Regisseurin des freien Theaters boat people projekt, Nina de la Chevallerie, will gemeinsam mit dem syrisch-kurdischen Schauspieler Rzgar Khalil eine Recherchereise durch acht bis zehn Städte in Niedersachsen unternehmen und die dort ansässigen professionellen geflüchteten Künstler*innen besuchen. Ziel ist die Vorbereitung eines geplanten künstlerischen Netzwerktreffens Meetingpoint (AT) in Göttingen.

Unter dem Arbeitstitel Nach gültiger Rechtslage möchten sechs Künstler*innen – je zwei aus Deutschland, Syrien und Afghanistan – der Gruppe suite 42 für eine geplante Stückentwicklung zum Thema Asylrecht recherchieren. Juristen, Sachbearbeiter, Asylbewerber und Lokalpolitiker, sollen zu ihren Erfahrungen auf allen Ebenen mit dem deutschen Asylrecht befragt werden.

Das neue Programm HOMEBASE – Theater für die kommende Gesellschaft des Fonds Darstellende Künste ist für die Jahre 2016 und 2017 mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien von bis zu 300.000 Euro ausgestattet. Ziel des Programms ist es, die Kreation neuer, identitätsstiftender Narrative für die kommende Gesellschaft mit den Mitteln des Theaters zu unterstützen. Der Begriff HOMEBASE steht dabei zum einen im Wortsinn für den Ausgangspunkt einer Suchbewegung, zum anderen als Platzhalter für zeitgemäße, im Wandel begriffene Formen und Praktiken von Heimat.

Der Fokus der Förderung liegt explizit auf dialogorientierten und interkulturellen Ansätzen. Zum ersten Einsendeschluss am 16. Juni 2016 lagen dem Fonds Darstellende Künste 78 Anträge mit einem Antragsvolumen von insgesamt rund 740.000 Euro vor. Bis zum 15. September 2016 können erneut Anträge eingereicht werden.