HOMEBASE 2016 / Förderrunde 2

Fonds Darstellende Künste fördert 14 interkulturelle Theaterprojekte

Die Kommission des Kuratoriums sprach sich für die Förderung von vier Produktionsvorhaben sowie zehn projektvorbereitenden Recherche- und Konzeptionsphasen aus.

In der Kategorie „Produktion“ wurden folgende Projekte ausgewählt:

© Diana Wesser

© Diana Wesser

Die Interreligiöse Stadterkundung Eine Frage des Glaubens, konzipiert von Diana Wesser & Sophia Brock, soll Menschen einer Vielzahl religiöser und spiritueller Gruppen im Leipziger Osten dazu einladen, diese multikulturelle und -religiöse Nachbarschaft und die damit verbundenen Lebenswelten zu entdecken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Rolle von Religion und Glauben soll vor dem Hintergrund einer sich aktuell im Aufbruch befindlichen Gesellschaft und der spezifischen Situation in Ostdeutschland hinterfragt werden.

© LUKULULE e.V.

© LUKULULE e.V.

Unter der Regie von Mable Opoku Preach soll sich die Science Fiktion Musiktheaterproduktion Ich Du Wir Superhelden des LUKULULE e.V. u.a. mit allen Formen und abgründigen Schichten von Rassismus beschäftigen und sie im Rahmen der künstlerischen Arbeit spielerisch übersetzen. Durch eine radikale Nutzung von Sozialen Netzwerken will eine Gruppe junger Hacker*innen schrittweise das Denken und Handeln ihrer Anhängerschaft verändern.

Diva © Matthias Hoff

Diva © Matthias Hoff

Das Projekt DIVA: Celebrating Oum Kalthoum zielt darauf ab, Verbindungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften in Berlin zu stärken und durch Musik eine kulturelle Brücke zwischen alten und neuen Bewohnern der Stadt zu schlagen. The Wedding Orchestra for Middle Eastern Music ist eine neue Initiative des Regisseurs Ariel Efraim Ashbel und widmet sich mit einem Performance-Konzert und Film dem Erbe der legendären ägyptischen Sängerin Oum Kalthoum, die in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt scheint.

Memorial in München © Recke

Memorial in München © Recke

Mit der Produktion MITTELREICH plant die künstlerische Leiterin und Regisseurin Anta Helena Recke (Recke/Niang GbR) eine Kopie der gleichnamigen Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, die sich u.a. mit dem Motiv der Herkunft beschäftigt und starken Bezug zur gesellschaftlichen Gegenwart hat. Recke wird alle Parameter des Originals übernehmen, jedoch die Besetzung aus ausschließlich weißen Schauspieler*innen durch schwarze Schauspieler*innen ersetzen. Mit der Strategie der abweichenden Wiederholung will sich die Produktion in den Kanon des deutschen Sprechtheaters einschreiben und so die Vorzeichen problematisieren, unter denen dieser Kanon immer weiter hervorgebracht wird.

In der Kategorie „Anbahnung & Recherche“ entschied sich die Kommission für folgende Projekte:

Das Letzte Kleinod geht im Jahr 2017 unter dem Titel ÜBERSIEDLUNG in Niedersachsen (Deutschland) und Kasachstan auf Spurensuche und beschäftigt sich mit der Frage, welche Erfahrungen deutschstämmige Aussiedler aus dem ehemaligen Ostblock in der Bundesrepublik gemacht haben und was besser hätte laufen können. Zusammen mit der Dramaturgin Zindi Hausmann wird Regisseur Jens-Erwin Siemssen ein Licht auf die Integration der (Spät-)Aussiedler werfen, die wertvolle Anregungen für den Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation geben kann.

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© FDK

Die geplante Musik-Performance Neverland São Paulo/Neverland Berlin handelt von ernüchternden Erkenntnissen im kulturellen Austausch, von eitlen Wünschen und Missverständnissen, aber auch von den komischen Momenten der Erkenntnis, die sich ereignen, wenn die Kommunikationspartner ihren eigenen Standpunkt wanken sehen. Autor und Performer Veit Sprenger recherchiert dazu mit seinem Team in São Paolo und Berlin und erhofft sich, mit der Bezugnahme auf Michael Jackson (Pop-Ikone der 1980er und -90er Jahre), die nötige Distanz zur Beurteilung aktueller Vorgänge schaffen zu können.

© TOTAL BRUTAL

© TOTAL BRUTAL

DABKE ist ein alter Folkloretanz des Nahen Ostens, der heute noch getanzt wird und unter dessen Titel ein Tanzlaboratorium zwei syrische Tänzer und zwei PerformerInnen von TOTAL BRUTAL in einer Körperrecherche zusammenbringen will. Der künstlerische Leiter Nir de Volff zielt darauf ab, die Verbindung, in der Gesellschaft und Körper zueinander stehen zu erkunden und den Fokus auf das „neue“ Leben der syrischen Tänzer in Berlin zu richten. Welche Methoden können entwickelt werden, um die Erfahrungen der Darsteller in eine Körpersprache übersetzen?

© Terra Nostra

© Terra Nostra

Im Projekt Bldeshi-Fremder erforscht der Tänzer und Choreograf Tomas Bünger vom TanzKollektivBremen zusammen mit einer zeitgenössischen Tänzerin aus Brasilien deutscher Herkunft, einem Tänzer der urbanen Szene mit syrischen Wurzeln und einem 2014 aus Gambia geflüchteten Breakdancer, wie sich Migrationserfahrung und -erlebnisse körperlich ausdrücken und in den Leib einschreiben. Die tänzerische Recherche bewegt sich zwischen „Prägung“ und „Freiheit“.

© Kamila Kurczewski

© Kamila Kurczewski

New Urban Stories 2017 (AT) ist ein als Sommerakademie angelegtes Rechercheprojekt, dass partizipatorische künstlerische Beziehungen zwischen Kindern und Künstler*innen etablieren möchte.
Die Schülerschaft der Düsseldorfer Gemeinschaftsgrundschule Sonnenstraße, gelegen im spannungsgeladenen Sozialraum Stadtteil Oberbilk, wird zusammen mit Ingo Toben und Anke Platon insbesondere Vorstellungen der Kinder von Politik, Demokratie und kollektiver Macht untersuchen und aktuelle sowie visionäre Erzählungen von Stadt, Stadtregierung und Zusammenleben betrachten.

© privat

© privat

No man delights in the bearer of bad news vereint einen hochaktuellen Diskurs und seine Verschränkung mit einer kulturgeschichtlichen Konstante – der Identifikation von Botschaft und Überbringer sowie des daraus erwachsenden Dilemmas. Die Rolle der Dolmetscher im Asylverfahren wird ins Zentrum gerückt und genauso wie die Bedeutung der kulturellen Übersetzung als Methode für unsere künftige Gesellschaft diskutiert. Zusammen mit ‚Alltags-Experten‘ lotet Isabelle Kranabetter (Dramaturgin und Produzentin) das theatrale Potential der Übersetzungsmetapher aus.

© Julia Wissert

© Julia Wissert

performance of being in-between ist als wissenschaftlicher, biografischer und künstlerischer Recherche-Workshop angelegt, innerhalb dessen Regisseurin Julia Wissert und Dramaturgin Laura Paetau in Zusammenarbeit mit der akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße die alltägliche Performance eines Lebens zwischen den gesellschaftlich genormten Erwartungen untersuchen. Sie fragen danach, wie Mehrfachidentitäten erlebt und gestaltet werden und was diese kosmo- und multipolitischen Erfahrungen für sie als Kulturschaffende bedeuten. Als Dokumentation steht eine begehbare, polyphone Klanginstallation – ein Raum der Mehrstimmigkeit.

© privat

© privat

Das internationale künstlerische Team Gruppe trunkene Zeiten um Regisseur Philip Baumgarten will in seiner Recherche den Konflikt in der Ukraine aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, ohne einer Partei Recht zu geben. das Haus in der Straße der erfundenen Traditionen ist darauf angelegt, die Grenzen der Länder und der divergenten Realitäten unserer Gesellschaften zu überwinden und die Individuen als internationales Ensemble in Berlin zu versammeln.

© Ursula Kaufmann

© Ursula Kaufmann

Innerhalb der Recherchephase zum transkulturellen Tanzprojekt OUT OF JOINT des steptext dance project unter der künstlerischen Leitung von von Helge Leonja und Gregroy Maqoma findet eine inhaltliche Auseinandersetzung mit globalen Dynamiken zwischen Macht und Ohnmacht, Besitzenden und Besitzlosen und den kulturellen und religiös motivierten Mechanismen von In- und Exklusion statt. Die afrikanischen Communities in Bremen werden Partner des inhaltlichen Austausches.

Frank Heuel - Konzeptgespräch in Istanbul © fringe ensemble

Frank Heuel – Konzeptgespräch in Istanbul © fringe ensemble

Im deutsch-kurdischen Vorhaben mikan – #Heimat #Hoffnung #Ort #Platz (AT) stehen Aspekte der Heimatsfindung und -behauptung im Fokus. mikan bedeutet im kurdischen nicht nur Heimat, sondern auch Hoffnung oder, neutral, Ort und Stelle – ein Verweis darauf, dass Heimat für Kurden alles andere als eine eindeutige Sache ist. Die Recherche des fringe ensembles soll aufzeigen, welche identitätsstiftenden Merkmale für die kurdischen Migrant*innen in der Homebase NRW von besonderer Bedeutung sind.