Projekte

HOMEBASE Erfahrungsberichte

1. Förderrunde

Akademgorodok – Silicon Forest (September 2016 in Stuttgart)
post theater

PRODUKTION

Wir haben 14 Tage in Akademgorodok, der Wissenschaftsstadt 25 km südlich von Novosibirsk, Sibirien, geforscht. Die Interviews mit Kernphysikern, Plasmaphysikern, MathematikerInnen, Biologinnen etc. haben kaum direkt Eingang finden können in unsere Tanz-Performance. Wie kann man komplexe Rechercheergebnisse in eine möglichst nicht-textlastige Performance gießen. Dokumentartheater ist einfach. Expertentheater ist einfach. Dokumentarisches Tanz-Theater nicht. Wir haben früh entschieden, dass die PerformerInnen nur sich selber spielen sollten. Der Anlass für den Tanz ist es, eine Künstliche Intelligenz mit darstellender Kunst zu füttern – um deren Mangel an Menschlichkeit für ihre Arbeit an der perfekten Wissenschaftsstadt zu beheben.

Foto: Elitza Nanova

Die Performance war an der Oberfläche über die russische Kultur der Wissenschafts-Politik und – Planung. Eigentlich war sie aber über die Grenzen der Darstellbarkeit von hochkomplexen Sachverhalten mit den Mitteln von Tanz Medienkunst. Wir haben keine unserer vielen Fotos aus Akademgorodok gezeigt.

Wir haben Akademgorodok als Stadtmodel aus Holzklötzchen gezeigt, das immer wieder umgebaut wurde – auch und gerade von den TänzerInnen. Die Live-Projektionen des Models – gefilmt von einer Tänzerin – überlagerten sich mit digitalen 3D-Grafik-Modellen.

Foto: Elitza Nanova

Die TänzerInnen tanzten nie die WissenschaftlerInnen von Akademgorodok, sondern die emotionalen Reflexionen von wisschenschaftlichen Diszplinen und ihrer Verortnung an einem besonderen Ort. Das hat erstraunlich gut funktioniert – aber kann noch weiter getrieben werden. Oft kam die Frage, ob es diesees Akademgorodok wirklich gäbe – und ob wir wirklich dort waren. Wir freuen uns über diese Frage sehr. Denn Akademgorodok ist ein Mythos – gerade auch in Russland selber. Mythen sagen uns immer etwas aus über unser eigenes Wissen, unsere Weltsicht des vermeintlich bekannten.

Wir hoffen, verschiedenen Menschen an verschiedenen Orten diese Art von Verwirrung über unbekannte Städte mit auf den Weg geben zu können.

Gefördert aus Mitteln des Ministeriums für Forschung und Kultur des Landes Baden-Württemberg via LaFT BW und dem HOMEBASE Programm des Fonds Darstellende Künste aus Mitteln des Bundes. Mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Instituts Nowosibirsk, PALERMO Galerie Stuttgart, Axel-Springer-Plug&Play und Accenture.

 

AM FLUSS – gestrandet (September 2016 in Dresden)
Cie. Freaks und Fremde

PRODUKTION

Für alle Beteiligten im Netzwerk der Cie. Freaks und Fremde war das Projekt im Vorfeld ein eher vages Unterfangen, wir haben uns mit Hilfe des Societaetstheaters und anderer Partner zunächst materielle Grundlagen und eine Arbeitsbasis geschaffen, die es in der praktischen Arbeit mit Inhalt und Leben zu füllen galt.

Foto: jsn-media-art

Anders als geplant, konnten wir unser Theaterzelt nicht im Zentrum der Stadt auf den Elbwiesen zwischen Altstadt und Neustadt aufbauen. Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit wurden nach und nach alle Zentrumslagen zu Sicherheitszonen erklärt und wir wurden aufgefordert, alternative Spielorte zu finden. Dieser Eingriff erwies sich allerdings als großer Glücksfall für das Projekt. Wir errichteten unser Theaterzelt schließlich zentral im Alaunpark im Herzen der Dresdner Neustadt, dem Melting Pot der Stadt schlechthin. Hier treffen im Grunde alle Kulturen und Generationen aufeinander.

Hier lagern bei gutem Wetter Gruppen von pakistanischen und syrischen Flüchtigen, Punks und Berufsschüler hängen hier ab, Rentner führen hier Ihre Hunde aus, es ist der Platz, auf dem sich Familien und junge Leute treffen, hier spazieren die Alten und die Polizei fuhr mehrfach zu Razzien auf. Hier fanden wir nicht nur unser Publikum, sondern auch unsere Stichwortgeber, Diskussions- und Sparringspartner. Eine für uns beglückende Symbiose von Alltagsleben und Kunstproduktion verwirklichte sich. Das wäre womöglich so auf den Elbwiesen gar nicht möglich gewesen, dort wären wir eher das UFO, der Fremdkörper gewesen – hier waren wir Bestandteil des täglichen Lebens. – Und sowohl die Verantwortlichen in der Stadt, das Societaetstheater und die Anwohner und Passanten haben das Theaterzelt schnell als Bestandteil in diesem Teil der Stadt verstanden, das in irgendeiner Form in der Zukunft hier „institutionalisiert“ werden sollte.

Alle Darsteller und Musiker hatten sich in der vorgelagerten Proben- und Vorbereitungszeit ein Repertoire von Geschichten, szenischem Material, Pattern, Choreografien und Arbeitsprinzipien geschaffen, mit dem wir dann in unserem öffentlichen Produktions- und Aufführungsort zusammentrafen – ein Theaterzelt mitten in der Stadt, im Dresdner Alaunpark, der täglich von hunderten frequentiert und als vielfältiger Lebensraum genutzt wird.

Eine große Anzahl von Fragen bewegte uns: Werden wir tatsächlich inhaltlich und vor allem ästhetisch künstlerisch arbeiten können? Oder werden wir nur unsere Kunst an diesen Ort tragen und dort recht und schlecht abliefern? Wie wird der Ort, werden die Begegnungen und das vorhandene soziale Leben dort auf die künstlerische Arbeit wirken? Werden wir das Ganze als Gewinn für unsere Arbeit erleben? Wird der Ort durch unsere künstlerische Arbeit reicher werden? Sind insbesondere für die Asylsuchenden, die in den Wochen und Monaten ihrer langwierigen Verfahren an diesem Ort ihre Zeit totschlagen, solche Dinge wie Kunst, Geschichten, kultureller Brückenschlag überhaupt von Relevanz? Wie befreien wir uns von einem Leistungsdruck und verfolgen einfach offenen Auges unsere Arbeit?

Verblüffend war, wie schnell die meisten von Skepsis getragenen Fragen verschwanden.

mehr ...

Da ja schon der Aufbau ein paar Tage dauert, wurden wir mit Neugier und Hilfe empfangen, wir konnten die unterschiedlichsten Personengruppen für das interessieren, was da kommen werde … Den Auftakt machten wir mit einem Abend, an dem wir verschiedene Elemente aus unserem Repertoire und für den Ort erarbeitete Szenen zu einer Vorstellung verflochten, die das Interesse an unserer Arbeit über Begeisterung und großes Vergnügen wecken sollte, verschiedene inhaltliche und ästhetische Pfade wurde aufgemacht …

In den darauffolgenden Tagen trafen wir uns immer 10.00 Uhr zum Meeting, bei dem der Tagesplan festgelegt wurde, d.h. welche Szenen in den Impros und Szenenvorstellungen am Nachmittag gezeigt werden sollten, eine Art öffentliche Proben, die auf die abendlichen Vorstellungen gespannt machen sollten. Außerdem wurden die Elemente der jeweiligen Abendvorstellungen besprochen, die von einem täglich wechselnden dramaturgischen Team im Laufe des Tages entwickelt wurden. Täglich gesellten sich dann auch Zuschauer und Beobachter zu den Meetings und gaben Feedbacks zu unserer Arbeit.

Foto: jsn-media-art

Wir hatten uns eine spannende und wilde Zeit erwartet, was aber unsere Erwartungen überstieg, waren die künstlerischen Ergebnisse der allabendlich wechselnden und stets neu entstandenen Performances.
Wir haben das Glück, mit den Musikern Daniel Williams und Frieder Zimmermann auch dramaturgisch versierte Theaterkomponisten an unserer Seite zu haben und in Josia Werth einen Lichtdesigner, der selbst in einem spartanisch bestückten Theaterzelt jedem Abend einen völlig neuen Charakter verleihen kann.
Aber auch die Situation, sich täglich in der Öffentlichkeit dem Kommunikations- und Probenprozess neue Kraft und Konzentration abzuringen, schuf eine unglaublich kreative und suchende Atmosphäre. Die größte Stärke der Arbeit war aber tatsächlich, dass alle künstlerisch Beteiligten, sich einem künstlerischen Transformationsprozess unterzogen und eben nicht nur ihre „Zutat“ in einen Eintopf einbrachten. So gerieten die Begegnungen von Kathak, klassischem und zeitgenössischem Tanz, von afrikanischem Storytelling mit der Collagen-Kompositionsform des amerikanischen Komponisten und Performers John Moran und der Forschung an den Kulturen des Drone, von experimentierendem Objekttheater mit iranischer Dichtung, von Freakshow und dokumentarischer Recherche zu völlig neuen Genre-Erfahrungen, die unsere zukünftige Arbeit maßgeblich bestimmen.
Erstaunlich auch, wie selbstverständlich Geschichten aus dem sozialen Umfeld des Zeltes in die Arbeit einflossen. Durch die Beteiligung pakistanischer und iranischer Künstler, kamen dann auch etliche Pakistaner und Iraner vorbei und suchten Austausch…
Der Gang auf die andere Elbseite in die Altstadt, wo wir unsere Arbeit im Öffentlichen Raum weiterentwickeln und präsentieren wollten, wurde kompliziert, unter strengsten Auflagen waren Vorstellungen in Fußgängerzonen und Passagen möglich. Man befand sich in den Sicherheitsvorbereitungen für den Tag der Deutschen Einheit. Die flüchtigen Kontakte mit Passanten, Gespräche und Reflektionen waren zwar interessant, aber die intensive Arbeit und die nachhaltigen Kontakte, die wir in unserer Arbeit im Alaunpark geknüpft hatten, waren nicht mehr zu toppen.
Einhellig wurde die Arbeit „AM FLUSS – gestrandet“ von allem Beteiligten als eine der wichtigsten, wenn nicht gar als die wichtigste Arbeit von Freaks und Fremde beschrieben, in Hinsicht der künstlerischen Zusammenarbeit, der ästhetischen Ausprägung und der Art und Weise des Zuschauerkontaktes.

Es gibt unterschiedliche Pläne, die Arbeit in dieser Konstellation weiter zu verfolgen und auch, das Format mit dem Theaterzelt im Alaunpark zu einer festen Größe zu machen, die alljährlich neu aufgelegt wird.

Gestrandet ist ein Projekt der Cie. Freaks und Fremde im Rahmen des Festivals „AM FLUSS – Zu Kulturen des Ankommens entlang der Elbe“, ausgerichtet vom Societeatstheater Dresden und dem Kunsthaus Dresden. Gefördert vom Societaetstheater Dresden, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und dem Fonds Darstellende Künste.

 

Halt in Friedenau (August/September 2016 in Berlin)
Theater Morgenstern

ANBAHNUNG & RECHERCHE

Mitten im Berliner Stadtteil Friedenau, arbeitet theater morgenstern unter einem Dach mit einer Notunterkunft.

Folgende Fragestellungen führten zu der Beantragung und Realisierung des Projekts „Halt in Friedenau“: Wie können die Potentiale zusammen gebracht werden der Menschen, die vorübergehend oder längerfristig in Friedenau gestrandet sind mit denjenigen der Alteingesessenen? Wie funktioniert Begegnung über Kleiderkammer und Deutschkurse hinaus, und wie kommt sie überhaupt zustande?

Trotz der räumlichen Nähe von Notunterkunft im Rathaus und Kiez, sind die Kontakte spärlich. Die Möglichkeiten, welche in der Begegnung, im Austausch versteckt sein könnten, liegen brach. „Halt in Friedenau“ hat künstlerisches Potential vor Ort gebündelt. Es hat Künstler*innen vereint, welche in der Notunterkunft im Rathaus Friedenau wohnten mit anderen, die bereits mehrere Jahre in Deutschland leben oder hier geboren sind.

Foto: Theater Morgenstern

Das Ziel des Recherche-und Anbahnungsprojekts „Halt in Friedenau“ war das Finden einer gemeinsamen künstlerischen Sprache des Projektteams, das in dieser Kombination noch nie zusammen gearbeitet hatte sowie die Ausarbeitung einer Inszenierungsidee für eine gemeinsame Bühnenproduktion. Dem Projektteam gehörten Künstler*innen aus dem iranischen, dem arabischen, dem afrikanischen, südamerikanischen und europäischen Kulturkreis an. Ausgehend von autobiographischen Geschichten in Bezug auf Ankunft, Hiersein, Abfahrt, erzählten und improvisierten wir 6 Tage lang. An zwei Tagen öffneten wir den Probenraum für die Bewohnerinnen der Unterkunft sowie für Nachbar*innen. Andere geflüchtete Künstler*innen stießen tageweise hinzu und brachten Ideen ein. Es kristallisierte sich die Idee nach einem Bühnenstück mit dem Thema einer gemeinsamen Reise heraus, eingeflochten die Geschichten in Rückblenden, die zum Aufbruch geführt haben genauso wie das Einblenden von Hoffnungsbildern an die Zukunft.

Insbesondere die Erzählungen der autobiographischen Geschichten der Teilnehmenden führten zu einer Nähe und Empathie, die den kreativen Prozess beflügelte. Leider hielten sich die Besucher*innen der öffentlichen Proben aus der Notunterkunft in Grenzen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass viel Zeit, persönliche Gespräche und Erinnerungsarbeit notwendig ist, um Termine ins Bewusstsein zu bekommen. Dafür fehlten uns die Ressourcen. Somit sind wirklich funktionierende Wege der Kommunikation ein Thema, das uns weiter beschäftigen wird.

Email für weitere Auskünfte: sennkoch@theater-morgenstern.de
Videodokumentation des Projektes

 

52 Schabbtot (September-Dezember 2016, diverse Orte)
Shabbatot GbR

ANBAHNUNG & RECHERCHE

52 Schabbtot ist ein Rechercheprojekt zu Vorarbeit einer geplanten Theaterperformance über das Leben von jüdischen Kontingentflüchtlingen in Deutschland. In der Performance geht es um die Auseinandersetzung mit der Suche nach der eigenen Identität im Spannungsfeld von familiärer und gesellschaftlicher Prägung.

Lana Chudnovska ist jüdischer Abstammung und kam als Kontingenflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland. In kollektiver Arbeit beschäftigen wir uns anhand von Lana Chudnovskas Biographie mit jüdischer Identität, Flucht und der Frage nach Heimat. Wie lässt sich die eigene Identität zwischen jüdischer Abstammung und Tradition, postsowjetischer Sozialisation und dem Leben als Kind von Einwanderern in Deutschland verorten? Wie lässt sich Heimat finden zwischen den Stühlen, wie ist eine Auseinandersetzung mit eigenen, aber fremden Traditionen möglich? Und welches Schlaglicht kann diese – mit zeitlichem Abstand stattfindende – Auseinandersetzung mit Einwanderungsgeschichte auf die aktuelle Flüchtlings- und Einwanderungsdebatte werfen?

Foto: privat

Zur Vorrecherche haben wir uns mit RabbinerInnen aus Deutschland und der Schweiz getroffen, und uns mit Ihnen unterhalten und diese Interviews aufgezeichnet. Gespräche geführt haben wir mit Rabbinerin Antje Yael Deusel aus Bamberg und mit Tuvia Ben Chorin, einem Rabbiner, der in St. Gallen (CH) tätig ist.

Die Gespräche wurden auf Video festgehalten, zudem gab es einen separaten Audiomitschnitt. Die so entstandenen Audio- und Videomaterialien sollen uns als Ansatzpunkt für die zukünftige Stückentwicklung dienen, könnten aber auch direkt Eingang in die Inszenierung finden.
Mit etwas zeitlichem Abstand zu den Gesprächen haben wir uns dann in Berlin getroffen und mit der Auswertung begonnen. Wir haben uns das Videomaterial gemeinsam angesehen und darüber zu diskutieren begonnen. Wir haben auch darüber debattiert, auf welche Weise das Material für das geplante Stück verwendet werden kann und wie sich die unterschiedliche Positionen zur Thematik auf welche Weise in einer Inszenierung miteinander in Beziehung setzen lassen.

Durch die Vielzahl jüdischer Feiertage, die sich in unserem ursprünglich geplanten Zeitfenster befanden, hat sich unser Projektablauf zeitlich stark verschoben, da die meisten RabbinerInnen keine Zeit hatten, sich mit uns zu treffen. So gestaltete sich die Terminkoordination dann auch schwieriger als erwartet. Ursprünglich hatten wir einen kompakten Ablauf von 2 Wochen geplant, in dem wir vorbereiten, die Interviews führen und nachbearbeiten wollten. Dieser Zeitplan war jedoch nicht haltbar, sodass sich der Projektzeitraum auf mehrere Wochen verlängerte und sich die letzten Nacharbeiten bis Ende November/Anfang Dezember hinzogen.

Emailkontakt für weitere Auskünfte: produktion@ladous.de
Website
Projektblog