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Konzeptionsförderung 2015 – Kainkollektiv

Fin De Mission
November 2016, Mülheim an der Ruhr / Oktober 2017, Yaoundé
kainkollektiv

Gefördert von: Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Kunststiftung NRW, Konzeptionsförderung des Fonds Darstellende Künste e.V. aus Mitteln des Bundes, Goethe Institut, Regionalverband Ruhr im Programm Interkultur Ruhr, Ministerium für Kunst und Kultur Kamerun. Eine Produktion von kainkollektiv und OTHNI – Laboratoire de Théâtre de Yaoundé in Koproduktion mit Kampnagel, Ringlokschuppen Mülheim/Ruhr, FFT Düsseldorf und Doual’Art Douala.

Erfahrungsbericht

Nach der ersten Kooperation mit dem kamerunischen OTHNI Theater in FIN DE MACHINE im Jahr 2013, in dem es um die Kolonialgeschichte Deutschlands/Europas in Kamerun im 19. und 20. Jahrhundert und um die Frage ihrer (vergessenen) Bilder anhand zweier in der kamerunischen Gegenwart virulenten Phänomene – des toten Kinos und des „verbrannten Gedächtnisses“ – ging, sollte FIN DE MISSION eine in der Geschichte noch weiter zurückliegende Thematik, quasi die Vorgeschichte der Kolonialgeschichte auf musikalische Art behandeln: den Beginn und das Gedächtnis des transatlantischen Sklavenhandels. Wir haben, da wir kaum „Bilder“ dieser Geschichte besitzen, zu Beginn des Projekts versucht, uns selbst ein „Bild der Lage“ zu machen. In aufwendigen Reisen und Recherchen in Kamerun im August 2016 sind wir auf zahlreiche Spuren eines weithin verdrängten und vergessenen Erbes der Sklaverei- und Kolonialgeschichte gestoßen: vom ehemaligen und erst seit kurzem wiederentdeckten Sklaverei-Hafen Bimbia, einem der größten in Westafrika, über die völlig vergessene Kolonial-Insel Manoka, die man nur auf einer sehr gefährlichen Bootstour zu erreichen vermag, bis hin zu einer großen Zahl von Gesprächen, Interviews und Diskussionen, in denen das Fortwirken der Sklaverei-Geschichte in der Gegenwart auf verstörende Weise deutlich wird, haben wir uns versucht, den Abgründen des Themas zu nähern. Zugleich haben wir zu Beginn vor allem musikalisch gearbeitet und von hier aus später tatsächlich eine Art europäisch-kamerunische Oper entwickelt: eine Hybridisierung vollkommen verschiedener Traditionen und Stile. Wir haben uns sehr intensiv mit dem Verhältnis von Theater und Ritual beschäftigt, um der Frage nachzugehen, wie man in einem durchaus zeitgenössischen kamerunischen Sinne die Geschichte der Sklaverei in ein Bühnen-Ritual überführen kann, das ihrer reinen „Inszenierung“ entgeht. Dabei sind viele Unterschiede zwischen deutschen und kamerunischen Konzepten von Theater, Musik, Erinnerung und Diskurs das gewesen, was unseren gemeinsamen Arbeitsprozess immer wieder ab- und umgelenkt, gestoppt und dann erneut produktiv befeuert hat. Bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze ist so ein extrem produktives Miteinander entstanden, das von der im afrikanischen (post-)kolonialen Diskurs immer wieder zu findenden Frage einer „universalen menschlichen Berührung“ getragen wurden – eine Frage im Übrigen, deren humanistisch-moralischer Anstrich europäischer Prägung sich in unseren Diskussionen zugunsten einer viel extremeren, existentiellen Perspektive nach und nach verflüchtigt hat. Es geht nicht so sehr um die wohlfeilen Debatten einer menschlichen Moral als vielmehr um die Existenzbedingungen der menschlichen Gattung als solcher, die mit der verdrängten Geschichte der Sklaverei wieder zutage treten. Was ist das, ein Mensch? Und wer bestimmt die Kriterien für die Beantwortung dieser Frage?

In FIN DE MISSION lassen wir zahlreiche „Figuren“ auftreten und diese Frage verhandeln, durch die langen Jahrhunderte der Sklaverei-Geschichte hindurch: von Noah, der seinen Sohn Cham verflucht – eine Episode, die wir in Europa kaum zur Kenntnis nehmen, die in Afrika aber jeder kennt, da sie seit der Entstehung des Alten Testaments immer wieder zur Legitimation der Sklaverei eingeladen hat – über den Sonnenkönig Louis XIV, der die (Tanz-)Akademie und den Code Noir gleichermaßen begründet hat, über die rassistischen Auslassungen von Victor Hugo bis Angela Merkel bis hin zu kamerunischen Königen, Geister- und Fabelwesen – etwa der Mami Wata, einer Sirene, die sich um die Toten auf dem Meeresgrund kümmert – erscheint ein Panoptikum von Figuren, die uns in die Untiefen dieser Geschichte mitnehmen. Durchkreuzt werden diese historischen Aufrisse durch das (auch in Videosequenzen) eingebrachte dokumentarische Material unserer Reisen und Recherchen, das immer wieder die Ebene der Gegenwart einzieht und die Frage nach dem „Erbe/Gedächtnis der Sklaverei“ heute Einzug halten lässt. Dieser Frage sind wir, wie oben gesagt, vor allem in zwei ästhetischen Suchbewegungen nachgegangen: in einer musikalisch-tänzerischen Komposition/Choreografie und einer dokumentarisch-fiktionalen Text- und Bildproduktion. Diese wird von zwei klaren ästhetischen Setzungen getragen: Der Bühnenraum besteht im Kern aus zweihundert bunten kamerunischen Plastikstühlen (die gleichermaßen die Frage der abwesenden Toten wie der Transportproblematik in der globalisierten Welt berühren) und die Kostüme, die wir in Kamerun haben anfertigen lassen, bewegen sich zwischen der Tradition des europäischen Barock und der kamerunisch-kongolesischen Sapeur-Tradition. Diese Form von Kurzschlüssen zwischen den Traditionen ist das, was wir immer wieder zu exponieren versuchen, denn es spiegelt die Lage von unabsehbaren Verflechtungen, in denen wir uns bis heute befinden und die unser Erbe seither bestimmt – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Diese Einsicht steht bereits am Anfang des Stückes, in dessen Eröffnung sich die Erbschaften auf unheilvolle Weise durchkreuzen:
„Als im Jahre 1607 in Mantua mit Monteverdis „Orfeo“ die erste Oper der Weltgeschichte zur Aufführung kommt und darin Eurydike als Ausgeschlossene des Orpheus’schen Kosmos das Boot Richtung Unterwelt besteigt und in London die erste Kolonial-Expedition Richtung Amerika aufbricht, um in Jamestown, Virginia schließlich die erste amerikanische Kolonie zu gründen, da legt weit entfernt, an einem verborgenen westafrikanischen Strand ein weiteres Boot ab, mit Menschen beladen, die zu einer gewaltsamen Reise aufbrechen. Ziel: jene „Neue Welt“, die wir noch heute bewohnen.“
Dorothea Marcus hat in ihrer Nachtkritik resümiert: „Als Geschichtsforschung aus doppelter Perspektive entfaltet dieser Abend nachhaltige Wirkung.“ Wir hoffen darauf, noch eine Reihe weiterer Vorstellungen zeigen zu können – in Kamerun und Deutschland – um dieser Wirkung noch mehr Raum geben zu können.