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Projektförderungen 2017 / Förderrunde 2

Fonds Darstellende Künste vergab 2017 insgesamt 15 Projektförderungen in der Förderrunde 2

Das Kuratorium des Fonds sprach sich für die Förderung der folgenden Projekte aus:

In Der Fluch der Türken (AT) wird Beethovens Neunte Symphonie vom Kreuzberger Musiker und Performer Volkan Türeli aus der Vergangenheit in die Gegenwart transportiert, um eine transdisziplinare Performance zu erarbeiten. Zusammen mit dem Istanbuler Performer und Schauspieler Çağlar Yigitogullari stellt er sich die Frage, warum im berühmten Vierten Satz – auch bekannt als Ode an die Freude – ein türkischer Marsch auftaucht und warum dieser Song zur Hymne der Europäischen Union wurde.

Der Kerngedanke des Projektes Stille (AT) vom :Sabine Seume. Ensemble. ist es, die Zuschauer in die Vielschichtigkeit von nervöser, angespannter, aufregender, beruhigender, entspannter, zerstörter Stille zu entführen. Durch den performativen, genreübergreifenden Stil mit Mitteln des Butoh und des Tanztheaters, der Installation ist es kein übliches Kinderstück, das materielle Objekte untersucht, eine Geschichte erzählt. „Stille“ vertraut auf die Kraft der Performance, des Tanzes, der Weitsichtigkeit der Kinder, die Aktivität der Kinder.

Birds on Strings ist ein Performance-Projekt des theater rosenfisch an der Schnittstelle von Figurentheater, Musik und Literatur. Ausgangspunkt ist die Arbeit an Vogelfiguren, das Experimentierlabor des Puppenspielers und Figurenbildners Stephan Wunsch. Aus dem Monolog wird Begegnung, wenn Claire Goldfarb das Cello zum Wesen werden lässt und den Vogel zum Instrument.

Die Theatermacher Tim Gerhards und Peer Gahmert bringen in facebook-AGB – das musical den Facebook-Nutzern (und Nicht-Nutzern) in Form des für sie am weitesten vom juristischen Fließtext entfernten Format näher, was in den Nutzungsbedingungen steht. Mit zuckersüßen Melodien, einer herzzerreißenden, muscialmäßigen Story und eingängigen Songs thematisiert das Stück den Wunsch von Facebook, dass nicht allzu viele Menschen über die Verwendung der Nutzer- und Nichtnutzerdaten Bescheid wissen.

In Carne Vale! fokussiert die Ben J. Riepe Kompanie die Inszenierung des menschlichen Körpers, auf den sich Kulturen einschreiben und Grenzen zwischen Subjekt und Objekt veräußert werden. Der Düsseldorfer Choreograf bündelt seine bisherige künstlerische Auseinandersetzung in einer deutlichen Zuspitzung auf den politischen Körper und die gesellschaftliche Kraft der Aufladung/Darstellung.

Im Ein-Personen-Stück TASCHEN – Eine bewegte Materialreise (AT) gehen wir mit Figurenspielerin Julia Raab auf eine doppelte Reise: Die Flucht einer Frau von West nach Ost und die Rückkehr der Tasche von ihrer Benutzerin hin zum Produzenten, nach China. Die einen nennen sie „Türkentasche“, die anderen „Polenkoffer“, kaufen kann man sie für 1,50 Euro beim Händler um die Ecke. Das Objekt dient als Projektionsfläche.

Turbo Pascal versetzt sich und das Publikum im Projekt Böse Häuser in scheinbar fremde Denkweisen, die die eigenen Vorstellungen übersteigen. Die Recherche führt ins Netz, zu aktivistischen Veranstaltungen oder Interviews mit Andersdenkern. Der installative Bühnenraum, zusammengesetzt aus labyrinthisch verschachtelten Denkräumen, dient der Erforschung von Publikumsinteraktion.

Im Stück Tea/t for Two des COMMEDIA FUTURA kommen zwei Tänzerinnen nach über 20 Jahren, in denen jede ihren eigenen künstlerischen Weg gegangen ist, erstmals wieder zusammen, um ihre Geschichte auf die Bühne zu bringen – d.h. die Geschichte zweier Japanerinnen, die in einem fremden Land, in einer fremden Kultur, einen eigenen Weg gehen und aus den Wurzeln des Butoh etwas Neues schaffen. Es ist eine eminent körperliche Geschichte; denn der Körper ist ihr Ausdrucksmedium.

pulk fiction interessiert sich für eine popkulturelle, historische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit „Max und Moritz“. Zwei Performerinnen begeben sich in Max & Moritz auf die Spuren der Störenfriede und testen die Grenzen des Erlaubten aus – inhaltlich und auf der Bühne, für ein Publikum ab 8 Jahren. Das Thema der Geschlechterzuschreibungen wird hierbei besonders in den Fokus gerückt. Jenseits von politischer Korrektheit und moralischer Läuterung, soll ein grenzüberschreitendes Fest als kollektive Erfahrung entstehen.

Das Projekt Klang-Stücke – Zwei musikalische Performances für die Jüngsten (ab 2 Jahren) des Theater o.N. ist geprägt von der experimentierenden Haltung zweier künstlerischer Teams, die hier bewusst ohne eine Regieposition miteinander arbeiten. Aufbauend auf ihrer Forschung im FRATZ Symposium 2017 entwickeln sie u.a. unter der Fragestellung „Wie kann man Musik sichtbar machen, ohne sie narrativ zu bebildern?“ Musiktheaterinszenierungen für sehr junges Publikum.

Im interaktiven Videowalk Meine fremde Stadt für Kinder thematisieren theatrale subversion Erfahrungen der Fremdheit in der städtischen Nachbarschaft. Ausgestattet mit einem Smartphone und Kopfhörern bewegen sich die jungen Besucher*innen mit Hilfe einer Audio- und Videospur durch ein klar abgestecktes Spielfeld mit mehreren interaktiven Stationen. Dabei folgen sie der virtuellen Protagonistin des Walks – einem 10jährigen Mädchen, das gerade erst nach Dresden gezogen ist – und begleiten sie einen Tag lang auf ihrem abenteuerlichen Streifzug. Die Videospur eröffnet neue Perspektiven und spielerisch die Bewusstwerdung der eigenen Wahrnehmung.

Mit Tupper (AT) planen heißes medium:polylux ein Lecture Performance–Format zwischen Wissensvermittlung und Wohnzimmerperformance. Dabei werden sie zur Geschichte weiblicher bzw. weiblich konnotierter Arbeit, zum Aufkommen des Bildes der Hausfrau im Bürgertum, über Privatheit und Öffentlichkeit, über Konsum und emotionale Aufladung von Gegenständen forschen. Angelehnt an Tupper-Parties in privaten Räumen wird das jeweils bespielte Wohnzimmer als objets trouvés Auskunft über die Geschlechtlichkeit des Wohnens geben.

Die Reise – Il Viaggio verknüpft die Themen Migration und Altern mit einer emotionalen Familiengeschichte und initiiert so eine Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Zeit. Christian Concilio taucht in die Biografie seines Vaters: ein Mann, der als junger Gastarbeiter aus Süditalien nach Hamburg gekommen ist und heute auf sein Leben zurückblickt. In einer Lecture-Performance erzählt, spielt und ordnet Christian Concilio die Lebensgeschichte seines Vaters neu. Was ist aus den Gastarbeitern von damals geworden? Welche Parallelen lassen sich zum heutigen Umgang mit Geflüchteten und Migranten finden?

Entlang der Motive des Essbaren aus dem Märchen von Lewis Carroll werden von Katharina Speckmann in der Performance Alice sagt, Senf ist ein Vogel in abstrakten Bildern und Situationen konkrete Fragen zum Thema Essen und dessen Einfluss auf unseren Körper, unsere sozialen Beziehungen und unser Verhalten behandelt. Die Performance möchte mit wenig Sprache arbeiten, dafür aber mit starken, phantasievollen Szenen und Aktionen Fragen nach Körperbildern und seelischen Zuständen, Völlerei und Verzicht, Genuss und Ekel, Portionierung und Rationierung, Tischmanieren und Tischgesellschaften stellen.

In einem leeren U-Bahn-Tunnel führt aufBRUCH mit seinem Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern, Berliner Schauspieler*innen und Bürger*innen Thomas Braschs frühes Drama Rotter auf. Der Tunnel als Symbolort zwischen den Stationen des Lebens – letzte Einfahrt, letzte Ausfahrt, kein Ankommen – aber in aller Bewegung ist das Elend des Abstellgleises zu spüren. In der Inszenierung durchlaufen die Akteure eine Versuchsanordnung, in der die Wechselwirkung von Handlung und Haltung deutlich wird. Dabei wird die Vorlage Rotters um Texte der Spieler*innen und polizeiliche Ermittlungsberichte ergänzt.