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Projektförderungen 2017 / Förderrunde 3

Der Fonds Darstellende Künste vergab 2017 insgesamt acht Projektförderungen in der Förderrunde 3

Das Kuratorium des Fonds Darstellende Künste hat sich in seiner Kuratoriumssitzung am 10.10.2017 für sechs Initialförderungen und acht Projektförderungen ausgesprochen. Der Fonds Darstellende Künste fördert somit in seiner dritten Förderrunde mit einer Summe von
120.000 € Projekte der Freien Szene.

Das Kuratorium des Fonds sprach sich für die Förderung der folgenden acht Projekte aus:

„Was wissen wir schon voneinander? Georgische Migranten sind in Deutschland eine stille Community.“ Mit dem Musiktheaterprojekt SUPRA Düsseldorf-Uplisziche will das Musik Theater Kontra-Punkt, das mit einem deutschen und einem georgischen Künstlerteam auf allen Ebenen kooperiert, alles auf den Tisch bringen, was „uns eint und was uns unterscheidet.“ Sie treffen sich an einer großen Tafel. In Georgien wird ein solches Festmahl „Supra“ genannt. Der Zeremonienmeister ist der Tamada, der mit Trinksprüchen die Dramaturgie des Festes und damit die Inszenierung steuert. Das Musik Theater Kontra Punkt veranstaltet einen lustvollen Wettstreit der Länder, indem die verschiedenen Texte gespielt, rezitiert, kolportiert, persifliert, zur großen Oper hochstilisiert werden. Je weiter der Abend fortschreitet, umso stärker verschwimmen die Grenzen zwischen den Ensembles.

Hörende Körper – ein Duett (AT) von Laurent Chétouane findet auf einer Fläche von nur
2 m² statt, das Publikum am Rand um das Spielfeld herum. In der Stille sind nur die Geräusche der Bewegungen zu hören. Der Fokus aufs Hören und die Enge richten die Aufmerksamkeit auf die räumliche Organisation aus der Zeitlichkeit und die Konsequenzen für die Ko-Existenz der Körper. Wie lösen Impulse Bewegungen aus, die sich aus der Zeiterfahrung und nicht mehr im geometrischen Raum ausdehnen? Wie werden Bewegungen vom Tänzer „gehört“, weitere abgeleitet und komponiert? In einer unkontrollierbaren Welt ist uns die Möglichkeit der Vorstellung genommen. Das Theater als Bild-Dispositiv scheint also der Zeit nicht angemessen. Wie kann in einer solchen Situation das Zusammenleben von Menschen noch gedacht und präsentiert werden?

Die Bretter, die die Welt bedeuten – Ubao unaomaanisha dunia/kila kitu ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Berliner Choreographen Christoph Winkler und dem Ugandischen Choreographen Robert Ssempiija. Das Projekt nimmt Friedrich Schiller’s Sentenz von den Brettern, die die Welt bedeuten zum Anlass, dass Verhältnis von afrikanischem Tanz und westlichen, zeitgenössischem Tanz zu hinterfragen. Wem gehören die Bretter, was wird darauf gespielt und von wessen Welt ist da die Rede? Schaut man auf den westlichen Tanz, so wird klar, dass dessen Ästhetiken einen weißen Erfahrungshintergrund haben. Daraus entwickeln sich Präferenzen für bestimmte Körperkonzepte, die unsere Idee von zeitgenössischem Tanz prägen. Das Projekt beginnt mit einer symbolischen Geste: R. Ssempijja baut die Bodenbretter des einzigen Tanzstudios in Kampala für zeitgenössischen Tanz ab und bringt sie mit nach Berlin. Diese Bretter sind ein Symbol für die Identität der Tanzszene Ugandas. Mit ihrem Umzug nach Berlin reisen auch all die Ideen mit welche auf ihnen entworfen worden und stellen sie dadurch in einen neuen Kontext.

Archäologische Artefakte vermitteln den Eindruck, ein ‚unverfälschtes’ Zeugnis menschlichen Handelns abzulegen und scheinen damit ‚unmittelbaren’ Kontakt zur Vergangenheit zu ermöglichen. Archäologische Funde und Orte haben weltweit historische wie politische Bedeutung. Sie prägen Geschichtsbilder und dienen zur Ausübung von Macht. Wesentlich ist dabei der ambivalente Charakter archäologischer Artefakte. Das Echte ist schwer zu widerlegen, in seiner Bruchstückhaftigkeit aber in unterschiedliche Richtungen deutbar. vorschlag:hammer entwickeln mit A text is worth a thousand pots eine Inszenierung, die sich an verschiedenen archäologischen und geschichtlichen Inszenierungsstrategien bedient, diese offenlegt, hinterfragt und umdeutet. Sie arbeiten mit dem bildenden Künstler Gil Shachar zusammen, der mit seinen originalgetreuen Abgüssen am Verhältnis von Original zu Dublikat arbeitet. Mit ihm Entwerfen vorschlag:hammer Artefakte oder kopieren Gefundenes – das Ausgangsmaterial um visuell und sprechend Geschichtsbilder zu de/konstruieren.

In The short life of Punch lassen GÜTESIEGEL KULTUR* den größten Kasper der Welt entstehen, ein theatraler Superheld, der unberechenbar, rebellisch und albern, mit Brennlanze, Bohrmaschine und Sprengstoff ausgestattet, ständig begleitet von seinem Nilpferd und musikalischem Getöse, durch paradiesische australische Landschaften flötet, im Großstadtgetümmel von Kinshasa Politik macht, auf der FIDENA in Bochum das Amtsgericht übernimmt und in Stuttgart seine Beerdigung inszeniert… Im interkontinentalen Kooperationszusammenhang entstehen immer neue brisante Episoden. Der Kasper ist historisch und aktuell das Wappenbild der Nicht-Moral, des Un-Sinns, der Anarchie. Was hat der Kasper uns nun, in Zeiten der beschworenen Re- und De-Politisierung der Künste und des Lebens, zu sagen?

JAKOB K. von Moritz Frischkorn ist ein künstlerisches Experiment, für das ein fiktiver Choreograph in die Geschichte eingeschleust wird. Die Erfindung Klenkes umfasst u.a. seinen Lebenslauf, sein Manifest, mit dem er sich von vorherrschenden Körperbildern seiner Zeit abgrenzt, und sein choreographisches Werk. Klenkes Werk und Praxis erscheint auf der Bühne nur in Bruchstücken. Inspiriert vom Paradigma der Forensik (Eyal Weizman), die versucht, vergangene Handlungs- und Tatzusammenhänge aus materiellen Spuren zu rekonstruieren, zeigt die Performance Fragmente seiner Arbeit, die sich allerdings nicht widerstandslos zu einem Bild zusammenfügen lassen. Die Performance produziert Faktizität und historische Legitimität, und hinterfragt diese zugleich. Andererseits ermöglicht Klenkes Auseinandersetzung mit dem ‚Neuen Mensch‘ eine historisch tiefenscharfe und aktuell relevante Kritik des im Neoliberalismus ins Individuelle gekehrten körperlichen Ideal von Hyper-Fitness und -Leistungsfähigkeit.

Ein Löwe weckt morgens seine Frau, die Frau verabschiedet sich ins Büro und der Löwe bleibt zu Hause mit seiner Arbeit am Computer und den sieben Kindern. Im Verlauf des Tages äußern die Kinder nacheinander sehr unterschiedliche Wünsche, die der Vater parallel zu seiner Arbeit erfüllt: u.a. bauen sie gemeinsam eine Rakete und fliegt damit ins Weltall. In Die glücklichen Kinder lassen ciacconna clox Szenarien einer kindlichen Phantasiewelt entstehen, die die Koordinaten der Arbeitswelt des Vaters aushebeln. Das Publikum erlebt die Zuspitzung einer täglichen Erfahrung, der Kollision von Ratio und Spiel. Der Sog in die anarchische, phantastische Kinderwelt ist groß, der Sog in die rationale Erwachsenenwelt ebenfalls. Das Ziel ist, damit die großen Konflikte zwischen Kindern und Erwachsenen auf leichte, unterschwellige, aber tiefe Weise zum Thema zu machen. Es wird nichts verniedlicht, sondern sowohl die Kinder- als auch die Erwachsenenwelt werden ernst genommen als zwei gleichwertige, aber scheinbar unvereinbare Seiten der Lebenswirklichkeit.

Mobile Albania setzt sich in der unwirtlichsten Jahreszeit als wandernde Straßenuniversität für fünf Wochen auf der Straße aus – und begibt sich mit einem trojanischen Holzrollesel auf Wanderschaft durch die verspekulierten Wohnungslandschaften Frankfurts. Mit Gast-Spiel eroberm sie die Schwellen von Wohnungen, Küchen, Schlafzimmern und lernen von Gastgeber*innen über Besitz und Teilhabe – um danach eine Gegeneinladung auszusprechen. Das mobilalbanische Wohnzimmer – der umgestaltete Mousonturm – wird zum Kaleidoskop der Frankfurter Gastfreundschaft & versammelt Gastgeber*innen aus der Stadt mit dem Theaterpublikum. Eine Jurte aus Wahlplakaten wird neben dem Theater anschließend Archiv und offener Diskussionsraum. Was sind die ungeschriebenen Gesetze der Gastfreundschaft bei uns? Wie kann man sie erfahren, gestalten, ausloten? In der Arbeit fallen Recherche, Aufführung und Diskussion ineinander – als unscheinbare wandernde Intervention bewegt sich Mobile Albania durch Orte, die ihm Obdach gewähren.