Auf alles, was war! Auf alles, was ist! Auf alles, was kommt!

Herzlichen Glückwunsch an die Ruhr-Universität Bochum, die Kunststiftung NRW, die Stadt Bochum und ganz besonders an die Lehrenden und alle szenisch Forschenden zu dieser erfolgreichen Gründung vor 10 Jahren! Auf Euch!

Dieses produktive und innovative Projekt entstand aus einem starken theaterwissenschaftlichen Institut mit Prof. Ulrike Hass und Prof. Nikolaus Müller-Schöll, das sich nie nur auf die theoretischen Aspekte des Fachs bezogen hat, sondern immer auch die Praxis im Blick hatte und nicht selten ermöglichte. Dies belegen  die zahlreichen kollaborativen Arbeiten von Chor über Performance bis zu Gamification, bei denen auch immer wieder der Ringlokschuppen eine Bühne und einen Raum für das Werden bot.

Die erste Zeit der szenischen Forschung durfte ich als damaliger künstlerischer Leiter des Ringlokschuppen Ruhr begleiten, mit einigen kleinen Impulsen zur künstlerischen wie strukturellen Arbeit in den frei produzierenden Darstellenden Künste.

Die Atmosphäre in den Seminaren war dabei immer offen, engagiert und natürlich auch kritisch, eben so wie wir uns beste Lehre und Forschung wünschen. Die sorgsame und engagierte Leitung von Prof. Sven Lindholm hat hierfür die Voraussetzungen geschaffen und ebnet die Wege bis heute.

Apropos heute: Nun steht dieses Land und mit ihm andere europäische seit vielen Jahren wirtschaftlich führende Länder in einer Zeitenwende. Wir spüren die Vorzeichen und betreten alte Straßen, auf denen nach Lösungen gesucht wird, aber eben auch neue Pfade. Einige dieser neuen, auch wirtschaftlich wichtigen Wege, z.B. das Sharing-Modell, hatten ihre Vordenker*innen in den Künsten – Performerinnen wie Anna Rispoli kreierten Timebank, Urbane Projekte von raumlabor oder modularbeat erprobten erste – heute Tiny House genannte – Wohnmodelle, die nachhaltige Materialen nutzen oder wie das Kollektiv Umschichten die Materialien umdeuteten und dadurch recycelten.

In vielen dieser Fälle – auch in den aktuellen machtkritischen Diskursen an den Theatern und in der Kunstszene – gewinnt unsere diverse, demokratische Gesellschaft an Zukunftspotenzial. Selbstverständlich auch immer in aller Widersprüchlichkeit und in Differenz zur der meist längere Zeit vor der gesellschaftlichen Breitenwirkung angelegten künstlerischen Erforschung.

Ich bin sehr froh, dass ich als Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste vor einiger Zeit auch dieses performativ gestaltete Jubiläum fördern konnte und ja, die Förderung verweist zwangsläufig immer auf etwas Zukünftiges – auf Euch, auf uns, und auf die Vielen, die noch kommen, neue Situationen, neue Arbeitsformen, neue künstlerische Herausforderungen.

Foto: Holger Bergmann

Und nun gibt es leider wieder zunehmend die Vorstellung, Fördernde und Kulturpolitiker*innen könnten die Künstler*innen quasi beauftragen, zielgerichtet mit Fragen der Nachhaltigkeit, des Zusammenlebens, der Demografie, der Diversität, des ländlichen Raums, der sozialräumlichen Gemengelage in den Städten. Das sind alles wichtige Gegenwartsfragen, auf die wir reagieren müssen. Aber Künstler*innen darauf festzulegen ist Blödsinn, so läuft das überhaupt nicht. Hier wird wieder einmal Korrelation und Kausalität verwechselt – eine solche Richtung in der Förderung schafft bestenfalls kulturelle Agent*innen, sehr selten Kunst.

Deshalb habe ich die Zeit während der Pandemie mit dem Fonds dafür genutzt, die Fördergrundlagen auf ergebnis- und formatoffeneres Arbeiten auszurichten.

Diese gilt es jetzt nachhaltig weiterzuführen, damit wir Potenziale für die Fragen generieren, die wir heute noch nicht kennen – hierzu braucht es die Kunst, die Perspektiven und Wahrnehmungen der Gegenwart auf noch Kommendes ausrichtet, die Versammlungen generiert, die jenseits der geltenden Spielregeln neue erfinden: Für eine Aushandlug noch kommender Herausforderungen. Und diese werden ganz sicher kommen: In einer Zeit, in der sich die Krisen wie tektonische Platten übereinander schieben, sind die Freien Künste Forschende, Seismografen, Erdbeben und Rettungstruppe! Nicht selten gar alles in einem! 

Etwas sehr frei nach Jean-Paul Sartre: „Vielleicht gab es schönere Zukünfte, aber diese wird Eure!“

Auf die Szenische Forschung! Auf alles, was kommt!

Oder wie man hier anner Ruhr sacht: Hau wech!