Beim Boßeln Beziehungen bilden

Merle Mühlhausen hat in ihrer flausen+-Residenz am Oldenburger theater wrede+ ortsspezifische Freizeitpraktiken aus Theaterperspektive neu konzipiert.

Von Elena Philipp

Kommt das Publikum nicht ins Theater, geht das Theater eben zum Publikum! Aufsuchende Kulturarbeit als Zukunftsstrategie für die Darstellenden Künste im ländlichen Raum: Mit diesem Ansatz beschäftigte sich die Kulturwissenschaftlerin und freie Theatermacherin Merle Mühlhausen in ihrer Residenz am Oldenburger theater wrede+.

„Gesucht habe ich alternative Freizeitpraktiken, die abgewertet werden, weil sie als nicht hochkulturell angesehen werden – und die unterwegs ausgeübt werden“, erzählt Merle Mühlhausen. Coronasichere, niedrigschwellige Angebote, die sich künstlerisch adaptieren lassen. 

Mit dem Wagen über die Wege

Nahe gelegen habe die Kohl- oder Vatertagstour, ein in und um Oldenburg weit verbreiteter Brauch. „Man zieht mit dem Bollerwagen über die Feldwege, oft mit Bierkasten und Equipment zum ‚Boßeln‘.“ Beim Boßeln werden auf Wegen Holz- oder Plastikkugeln geworfen, ähnlich dem Boule. „Das ist in Oldenburg und Umgebung ein Ding, man kann sich Bollerwagen und Boßel-Equipment auch in der Touristeninfo ausleihen“, so Merle Mühlhausen. 

„Vatertag ist wie ein Festival – alle ziehen zu einer Kneipe außerhalb, zum Drögen Hasen, um weiterzutrinken.“ Geprägt sei das Event männlich, und diese Ausrichtung brachte Merle Mühlhausen auf ihre künstlerische Kernfrage: „Wenn patriarchale Traditionen den öffentlichen Raum dominieren, wie kann man sie sich aneignen, ohne sie zu reproduzieren?“ Welche Elemente der Tradition sollen beibehalten werden – muss Alkohol an Bord sein? Wie lässt sich eine feministische Bollerwagentour gestalten, ohne Konfrontation hervorzurufen?

Ein globales Netzwerk von Schatzsuchenden

Eine zweite Kulturform, für die Merle Mühlhausen in ihrer zweimonatigen Residenz am theater wrede+ ein ortsspezifisches Walk-Format zu entwickeln begonnen hat, ist das Geocaching. Über eine App suchen die Nutzer*innen dabei nach „Schätzen“, die im öffentlichen Raum versteckt sind und via GPS-Navigation gefunden werden können. „Versteckt sind meist Behältnisse, mit einer Namensliste, in die man sich eintragen kann. Oder es werden trinkets ausgetauscht, kleine Objekte; man nimmt etwas mit und lässt dafür etwas da“, so Merle Mühlhausen. Neu war das Geocaching für sie, aber seine Faszination sei ihr unmittelbar zugänglich gewesen: „Das ist ein geheimes Netzwerk, das den Globus überzieht und alle Beteiligten verbindet.“ 

Oft widmeten sich die Schatzsucher*innen ihrem Hobby über eine lange Zeit. Verstecke würden über Jahre betreut, Aktive erwürben Renommee über die Bewältigung von Suchen mit hohem Schwierigkeitsgrad und über die wachsende Anzahl an gefundenen Geocaches, so Mühlhausen. „Als Theatermacherin habe ich mich gefragt, was passiert, wenn man in die GPS-Schnitzeljagd die ephemere Zeitlichkeit der Darstellenden Künste hineinbringt, wenn zum Beispiel eine Schatzsuche nur für einen bestimmten Zeitraum verfügbar ist. Oder wenn man anderen Sucher*innen begegnet und sich austauscht. In der Szene ist man eher einzelgängerisch unterwegs.“

Foto: Merle Mühlhausen

Auftrag: Neue Besucher*innen gewinnen

Für Veranstaltungsorte wie das theater wrede+ schließen sich in diesen Zeiten schwankender oder schwindender Besucher*innenzahlen hier drängende Anliegen an: Wie kommt man als Veranstalter*in mit Menschen in Kontakt, deren Freizeit bislang außerhalb der Theater stattfindet? Und wie holt man sie ins Haus? Menschen über ihre ohnehin schon ausgeübten Freizeittätigkeiten zu erreichen, könnte eine vielversprechende Strategie sein. Mit der Frage, „Warum gehen Sie nicht ins Theater?“, beschäftigt sich längst nicht mehr nur die akademische Nichtbesucher*innenforschung, sie ist nach der Pandemie zu einer zentralen Frage für die Darstellenden Künste geworden, Community Management und Audience Development sind zu Kerndisziplinen der Theater aufgerückt.

Im ländlichen Raum ist das Thema Besucher*innenbindung noch existenzieller als in Großstädten, in denen Künstler*innen und Spielstätten ein großes, wechselndes, auch touristisches Publikum ansprechen können. In der sogenannten Peripherie, wo die kulturelle Infrastruktur weniger dicht angelegt ist, sind die Darstellenden Künste immer auch „Beziehungskünste“, die ihr Publikum viel direkter ansprechen müssen, stetig im Gespräch bleiben und langfristige Kontakte aufbauen müssen. Das hat auch die Teilstudie zur „Förderung der Freien Darstellenden Künste jenseits der Großstädte“ bestätigt, die Micha Kranixfeld und Marten Flegel von der Universität Koblenz-Landau im Rahmen des wissenschaftlichen Forschungsprogramms zur Förderung in den Freien Darstellenden Künsten für den Fonds Darstellende Künste durchgeführt haben. „Eine solche Beziehungskunst braucht langen Atem“, schreiben die Autoren in ihrem Beitrag „Zwischen Eigensinn und Peripherisierung“. Und dieser lange Atem wiederum setze die richtigen strukturellen Rahmenbedingungen und kulturpolitischen Förderinstrumente voraus: den Ausbau prozessorientierter Förderungen, mehr Basisförderungen und überjährige Projektförderungen, so Micha Kranixfeld und Marten Flegel.

Residenzen als modellhafte Förderinstrumente

Ein Modellprojekt prozessorientierter Förderung, das Künstler*innen durch Stipendien unterstützt und ihnen erlaubt, sich auf ihre Arbeit zu fokussieren und dem Produktionsstress für eine Weile zu entkommen, ist das flausen+-Netzwerk. 2011 von Winfried Wrede am Oldenburger theater wrede+ gegründet, wird flausen+ mittlerweile von einem bundesweiten Netzwerk von 29 kleinen und mittleren Theaterhäusern getragen. Am Oldenburger Stammhaus konnten mit Geldern aus dem NEUSTART KULTUR-Programm #TakeHeart, die der Fonds Darstellende Künste vergeben hat, 2021 und 2022 Residenzen ausgeschrieben werden. 17 freie Künstler*innen, die abseits von Ballungsgebieten einen schwierigeren Zugang zu Fördertöpfen haben, widmen sich an dem kleinen, aber als Infrastrukturknoten wichtigen Haus in diesem Jahr ihren Forschungsprojekten.

Mit dabei ist auch Merle Mühlhausen. Nach ihrem Studium in Hildesheim und freien Arbeiten, unter anderem mit der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft, ist Mühlhausen kürzlich zurückgezogen in ihren Heimatort nahe Itzehoe. Schön ist es dort: Im Zoom sieht man hinter ihr zwei große Fenster, aus denen man direkt auf eine Schafweide blickt, wie sie erzählt. Hoch ist die Lebensqualität, aber an der Westküste fehlt die Infrastruktur für Kultur. „Außerhalb der Kirche, die in Norddeutschland keine riesige Rolle spielt, gibt es kaum Räume für Theater“, erzählt Merle Mühlhausen. Mit der „Westküste“ hat sie ihren eigenen Begriff für die Kreise Nordfriesland, Dithmarschen und Steinburg gefunden, die demographisch und infrastrukturell anders geprägt sind als die norddeutsche „Ostküste“ mit Flensburg, Kiel und Eckernförde – „da geht kulturell viel mehr“, wie sie sagt. Aber sie ist in Itzehoe. Und die Residenz am theater wrede+ eröffnete ihr die Möglichkeit, von der kleinen Großstadt Oldenburg aus ihre Arbeit im ländlichen Raum zu verorten. 

Foto: Merle Mühlhausen

Kontakt in Zeiten der Pandemie

Kultur, als Beziehungsarbeit verstanden, bedeutet für Merle Mühlhausen auch das Moderieren sozialer Spannungen. „Viele Veränderungen, die hier in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten passiert sind, sind unverhandelt geblieben“, ist als Kulturwissenschaftlerin ihr Eindruck vom ländlichen Norddeutschland. „Da braucht es auch Künstler*innen aller Sparten, die das auf einer anderen Ebene als beim Plausch verhandeln können.“

Über eBay Kleinanzeigen, einen zentralen Kommunikationskanal für die zunehmend nicht mehr in nachbarschaftlichem Austausch verbundenen Bewohner*innen von Oldenburg und den umliegenden Gemeinden, suchte Merle Mühlhausen Kontakt zu Interessierten, um mit ihnen eine alternative Schatzsuche zu entwickeln. Geplant hatte die freie Theatermacherin auch den Bau eines eigenen „Mobils“ für ihre Bollerwagentour – während ihrer Residenz im Frühjahr 2022 waren Bollerwagen ein knappes Gut; der Draußen-Brauch hatte während der Coronazeit Hochkonjunktur. Doch dann grätschte auch ihr die Pandemie dazwischen: „Ich habe Corona bekommen und es ist vorerst bei der Idee geblieben“, erzählt sie von der großen Enttäuschung ihrer Residenz. Statt auf Tour zu gehen oder eine Schatzsuche zu organisieren, blieb Merle Mühlhausen zuhause in Isolation. „Als Alternative habe ich ein Zine gebastelt, um zusammenzufassen, was passiert ist in dem Prozess. Es zeigt ganz gut, dass bei der Residenz kein finales Ergebnis herausgekommen ist, ich aber über Vieles nachgedacht habe. Es gibt nun mindestens zwei Formate, an denen ich weiterarbeiten kann.“

Beschenkt fühlt sich Merle Mühlhausen mit den zwei Monaten Zeit für einen ergebnisoffenen künstlerischen Prozess. Sie hat aber auch ein dringendes Anliegen für die kulturpolitische Ebene: „Die strukturellen Probleme, die kleine Theater haben, müssen gelöst werden.“ Das theater wrede+ etwa bewältige mit sehr wenig Personal sehr viel Arbeit. „Es wäre gesünder, das auf mehr Schultern zu verteilen.“ Ihre Beobachtung trifft sich mit den Forschungsergebnissen von Micha Kranixfeld und Marten Flegel: Wenn langfristige Beziehungsarbeit, die Gewinnung von Besucher*innen gerade im ländlichen Raum, Zeit voraussetzt, dann sind dafür auch weitere Ressourcen nötig. Wie Merle Mühhausen vor Ort festgestellt hat: Es braucht mehr kulturelle Infrastruktur für die Westküste.

Von der Förderung in den Probenraum und auf die Bühne – die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp besuchen im Rahmen von #TakeHeart des Fonds Darstellende Künste geförderte Projekte.