Anker in die Zukunft werfen

Von Georg Kasch

Kulturkürzung, rechte Narrative, eine Freie Szene im Strukturwandel – wie geht der Fonds Darstellende Künste damit um? Georg Kasch im Gespräch mit Geschäftsführer Holger Bergmann über Allianzen, Resilienz und die Frage, was das freie Kunstschaffen eigentlich ausmacht.

Portrait Holger Bergmann © Heike Steinweg

Holger, wenn man sich gerade umschaut, sieht man vor allem Krisen. Was macht dich optimistisch?

Der Blick zurück hilft. Mein Optimismus speist sich daraus, dass es immer Berg- und Talfahrten gegeben hat und dass eine Fahrt nach unten einen darüber nachdenken lässt, wie man wieder in die andere Richtung kommt.

Und wie kommt man in die andere Richtung?

Indem man sich auf den eigentlichen Kern bezieht: Wofür steht der Fonds? Was fördert er und warum? Da haben wir eine sehr eindeutige Satzung: die künstlerische Selbstbeauftragung von freien Künstler*innen für die Kunstproduktion. Freie Künste produzieren schnell und sind deshalb nah am Zeitgeschehen und an gesellschaftlichen Debatten, etwa bei Fragen von Identität, Kultur, Zuschreibung und Technologie. In all diesen Bereichen erleben wir derzeit tiefgreifende Veränderungen und das unter politisch herausfordernden Bedingungen. Leider ist es der AfD sehr erfolgreich gelungen, bis in die bürgerliche Mitte hinein zu erzählen, dass die Künste gleichzusetzen seien mit den wichtigen demokratiefördernden Nichtregierungs-Organisationen (NGOs). Deshalb ist wichtig zu betonen: Kunst ist nicht unpolitisch, aber sie ist auch keine Politik.

Was sind in dieser angespannten politischen Lage die größten Herausforderungen für den Fonds?

Es geht jetzt darum, die Fragen von gesellschaftlicher Relevanz der Kultur neu zu beantworten. Für uns ist das besonders wichtig, weil es auf der Bundesebene noch immer keinen expliziten Kulturförderungsauftrag gibt. Wir müssen die bundesweite kulturelle und künstlerische Bedeutung, die der Freien Szene zukommt, noch stärker sichtbar machen.

Wie kann das gelingen?

In Zeiten knapper werdender Gelder gilt es, sich mit einer gemeinschaftlichen und resilienten Perspektive zu beschäftigen, mit wirksamen Allianzen, mit einer realen Basis: Wie kann die Kunst in Formen und Ästhetiken auf die Gegenwart reagieren oder intervenieren? Wie agieren? Gibt es Verbindendes? In inhaltlichen, künstlerischen Aspekten? In der Produktions-, in der Arbeitsweise? Die Frage wollen wir auch beim Bundestreffen im September in den Mittelpunkt rücken: Was ist die Eigenart des freien Produzierens, was macht es im Kern aus? Welche Chancen strecken darin?

Apropos Resilienz. Gibt es eigentlich sowas wie eine Neiddebatte in der freien Szene: Ihr beim Fonds seid als Bundesinstitution gut finanziert und wir hier unten werden davon nie was abkriegen?

Ich würde sagen, wir kreisen gerade um die Frage, wieviel Sicherheit verträgt die Freiheit? In den letzten Jahren ist der berechtigte Wunsch gewachsen nach besseren Arbeitsbedingungen, gesicherten Strukturen, mehr Zugänglichkeit, Netzwerken, Wissenstransfer, Organisation von Substrukturen etc. Das produziert einen Zuwachs an Administration und Verwaltung, aber nicht notwendigerweise ein Mehr an bundesweit relevanten freien Kunstproduktionen. Vieles von dem Eingeforderten bieten die ausbildungsbasierten Theaterstrukturen der Staats- und Stadttheater. 

Aber sind die Forderungen nicht berechtigt?

Natürlich muss der Fonds in erster Linie Kunstproduktion sicherstellen. Aber wie in den anderen Politikfelder sind Sicherheit und Freiheit immer in einer Balance miteinander zu sehen. Und eine Struktur muss ihrem Wesen nach immer auch eine Planungssicherheit und kontinuierliche Abläufe entwickeln und neigt somit dazu, sich als Struktur in die Produktionsweise einzuschreiben. Das sollten wir Reflektieren und so wie die Freien Künste es können smart beantworten mit wachsender Sicherheit und herausfordernder künstlerischer Freiheit. Als einer von sechs Bundeskulturfonds mit 40-jähriger Geschichte sind wir uns natürlich auch sehr bewusst, dass wir ein entscheidender Faktor sind auf der Bundesebene, um auch hier vorbildhaft Strukturen und die Potentiale des Freien zu verbinden. 

Dazu gehört auch eine gewisse Repräsentativität.

Genau. Das war dem Fonds lange Zeit nicht möglich, weil er aus seiner Gründungsgeschichte heraus eher ein kleiner Appendix der Bundesförderung war. Diese Rolle hat sich in den letzten Jahren verändert. Ich würde mir wünschen, dass in diesem Bedeutungszuwachs viel häufiger eine Chance gesehen wird. Wir sind die intermediäre Instanz, nämlich Partner sowohl der freien Künstler*innen als auch des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Wir gestalten nach den Haushaltsrichtlinien des BKM und mit dem Blick und Verständnis auf die notwendige Flexibilität für die künstlerische Arbeit. In diesem Sinne begleiten, beraten, qualifizieren wir Projekte bis in ihre Abrechnungen hinein. Das wissen ganz viele Künstler*innen sehr zu schätzen. 

Apropos Kommunikation in die Politik hinein – gibt es Dinge, die man heute politisch Verantwortlichen anders erklären muss als vor 20 Jahren?

Vor allem müssen wir uns mit der erwähnten erfolgreichen rechtsextremen Propaganda im Kulturkampf auseinandersetzen. Das erschwert die Arbeit immens, auch, weil immer wieder erklärt werden muss, auf welchen Grundfesten die Kulturförderung in diesem Land steht: Alle Bundeskulturfonds verteilen ihre Fördergelder durch unabhängige Fachjurys, weil es zur Freiheit der Kunst gehört, dass diese Freiheit nicht an der eigenen Nasenspitze aufhört.

Gerade hat man den Eindruck, dass die Freie Szene mit dem Rücken zur Wand steht, weil auf der einen Seite die Produktions- und Lebenskosten steigen, auf der anderen Seite aber Fördermittel reduziert werden. Kann, darf, sollte der Bund das über Einrichtungen wie den Fonds kompensieren?

Das geht nicht, weil unser Grundgesetz vorsieht, dass Kultur Ländersache ist und die einzelnen Länderverfassungen regeln, dass sie durch die Kommunen wahrgenommen wird. Gerade im Theaterbereich ist das auch wichtig, weil Theater immer für ein Publikum vor Ort stattfindet und auch ein freies Theater braucht eine Kommune oder auch ein Land, die dahinterstehen. Die Aspekte von bundesweiter Bedeutung, also bundesländerübergreifendes Arbeiten, bundesweite Präsenz der Theaterprojekte oder herausragende Qualität, werden dann vom Fonds Darstellende Künste mit Bundesmitteln getragen.

Zugleich belastet der Bund die Kommunen durch Sozialabgaben so stark, dass sie fast alle pleite sind und ihre freiwilligen Leistungen, zu denen die Kultur gehört, nicht mehr angemessen wahrnehmen können.

Das macht der Städtetag gerade sehr deutlich. Deshalb ist es wichtig, dass sich der Bund zu seiner Rolle und seinen Förderinstrumenten verhält. Zwar ist die Arbeitsstruktur des BKM erst kürzlich neu aufgestellt worden, doch die Förderinstrumente wie die Bundeskulturfonds sind seit ihren sogenannten Landing-Points, die nach Neustart vereinbart wurden, wieder massiv rückläufig in ihren Zuwendungen. So wirkt der BKM natürlich nicht bundesweit in der Vielzahl der Wahlkreise und Kommunen, sondern immer wieder nur über einzelne Leuchtturmprojekte, die die zahlreichen Leistungen vieler Kommunen in diesem Land im Kulturbereich zu unrecht in den Schatten stellen!

Aber wie würde denn eine ideale Bundesförderung aussehen?

Die Frage, wie die Rolle in der Förderung des Bundes aussehen könnte, haben wir nach Corona sehr deutlich beantwortet: in Verbindung mit den Ländern, den Kommunen und den Fachbereichen des BKM haben wir eine abgestimmte Förderarchitektur entworfen. Diese konnten wir 2024 mit einer Haushaltsposition von 12,3 Millionen Euro genau einmalig komplett umsetzen, 2026 steht der Fonds nur noch bei 8,6 Millionen Euro Zuwendung.

Trotz der aktuellen Sparbemühungen des Bundes wurde der Etat des Fonds im Vergleich zum Vorjahr kaum beschnitten, dafür andere wichtige Institutionen. Unterm Strich bleibt für die Freie Szene ein deutliches Minus. Wie geht der Fonds damit um?

Es sind insgesamt 16 Millionen Euro weniger Mittel zwischen 2024 und 2026 – eine spürbare Reduktion, die zentrale Strukturen der Freien Darstellenden Künste betrifft. In erster Linie das Bündnis internationaler Produktionshäuser, auch die auslaufende Förderung der mittleren und kleineren regionalen Netzwerke und die Mittel des Fonds sind vom Haushalt 2024 um mehr als 4 Millionen Euro zurückgegangen. Deshalb haben wir in der letzten Haushaltsdiskussion unseren Wunsch zum Ausdruck gebracht, eine Förderung für Produktionsorte mitgestalten zu können Diesem Wunsch wurde von Seiten des BKM nicht entsprochen. Wir verfügen mittlerweile über eine Expertise, die weit über unseren Fachbereich hinaus anerkannt ist. Besonders in den Bereichen Digitalität und innovative, unabhängige Förderverfahren gilt der Fonds als Vorreiter.

Es gibt Produktionshäuser, die bringen gerade eine große Premiere nach der nächsten – und haben für die kommende Spielzeit erst vier, fünf Positionen sicher. Was macht das mit der Freien Szene?

Gerade die freien Produktionsorte stehen für die kulturellen Stärken dieses Landes: Aufbruch, Infragestellung, Utopie, Radikale Kunstpräsenz, nah an der Gegenwart, nah am Menschen. Es ist halt – auch wenn das Deutschnationale in letzter Zeit so oft falsch bemüht wird – nicht der Tanz unterm Maibaum, der die Kunst in diesem Land groß gemacht hat. Sondern Sturm und Drang! Und diese Linie zieht sich in die Gegenwart, die wunderbare Internationalität der Künste hier, die Perspektivverschiebungen, die Übertreibungen, die Widersprüche und das Widerspenstige. Das alles hat eine Position wie einen Beauftragten für Kultur und Medien erst hervorgebracht und nicht die auch wichtigen Schlösser und Gärten der Hohenzollern. Ich verstehe nicht, wie die Bundesregierung diese kreative und innovative Zukunftsarbeit der freien Tanz- und Theaterproduktionen, die im Haushalt 2025 nicht mehr als einen Autobahnkilometer gekostet haben, so nachlässig behandeln kann.

Während Corona hatte man den Eindruck, dass die Freie Szene als relevant wahrgenommen wurde, gerade durch Aktionen im öffentlichen Raum. Davon scheint – zumindest gefühlt – aber nicht mehr viel geblieben zu sein.

Dass wir jetzt politisch einen solchen Rückschritt erleben, war bereits vor und auch während Corona angelegt. Wir haben wahrgenommen, dass es eine Verschärfung der gesellschaftlichen Debatte gibt, dass der rechte Rand gegen eine Gesellschaft kämpft, die sich für alle einsetzt. Und dass sich darunter auch die Einstellung der Mehrheit zur Freien Darstellenden Kunst ändert. Schon während Corona fiel häufig der Begriff der Resilienz. Resilienz meint aber nicht, sich in einen sicheren Kokon einzuspinnen. Sondern sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, einen klaren Weg einzuschlagen, um Anker in die Zukunft zu werfen.

Ist Resilienz auch ein Thema des Bundestreffens im September?

Der Fonds möchte sich beim Bundestreffen mit den Fragen des freien Produzierens beschäftigen, den ästhetischen Fragen. Vielleicht ist es eine Erörterung der Resilienz-Frage: Worauf konzentrieren wir uns? Es gab mal eine Phase in der Entwicklung der Freien Szene, in der klar war, dass es etwas gibt, das wichtiger als Geld ist. Zuletzt haben wir uns so auf die Finanzfragen und die Arbeitsbedingungen fokussiert, die – so waren die Ziele – sich der Absicherung in den Stadttheatern immer stärker angeglichen haben. Das ist in der Praxis noch gar nicht so weit gediehen. Aber wir haben unsere Perspektive sehr darauf konzentriert, statt zu fragen: Warum tun wir das eigentlich?

Und vielleicht auch: Wovon erzählen wir? Ist die Freie Szene thematisch breit genug aufgestellt, müsste sie populärer werden? Oder ist sie das schon längst? Interessant ist ja: Wenn Magdeburg oder Mannheim ihre Musiktheaterfestivals machen, sind die überwiegend mit Arbeiten der Freien Szene bestückt.

Ich glaube, dass es gut ist, für solche Durchlässigkeiten zu sorgen. Wir verschieben die Wirklichkeit, auch politisch, nur dann, wenn wir uns in den Grenzbereichen so bewegen, dass wir Verbindungen knüpfen und nicht weitere Gegensätze aufmachen. Die Beispiele Magdeburg und Mannheim zeigen, dass die Freie Szene genau das kann: institutionelle, soziale, kulturelle, nationale Grenzen überwinden. Das ist aber gerade alles andere als populär. Deshalb würde ich sagen, wir müssen unpopulärer werden, wieder unbequemer, uns nicht einrichten in einer Gesellschaft, die sich zunehmend in Kampfzonen bewegt.

Kommen wir noch einmal auf den Optimismus zurück: Wie könnte eine Vision für einen Fonds der Zukunft aussehen?

Die Bundeskulturfonds bauen auf eine zivilgesellschaftliche Struktur auf, die aktiv in einem kleinen Feld Demokratie und Gemeinwesen mitgestaltet. Davon braucht es mehr und nicht weniger. Der Fonds Darstellende Künste ist eine sehr gut aufgestellte Förderverwaltung, mit einem komplett digitalen Fördersystem und einer digitalisierten und engagierten Geschäftsstelle. Auch deshalb können wir jetzt das Vier- bis Fünffache an Förderung ausreichen, was wir vor Corona ausgereicht haben – im gleichen Verhältnis Verwaltungskosten zu den Förderkosten. 

Das klingt, als würde sich der Fonds gerade erst warmlaufen…

Wir sind als Einrichtung tatsächlich sehr effektiv und verfügen über erprobte Strukturen, mit denen wir komplexe Aufgaben erfolgreich umsetzen können. So haben wir zuletzt wieder den Theaterpreis des Bundes realisiert – vom Juryverfahren bis zur Preisverleihung. Aus meiner Sicht ist das Potenzial der Bundeskulturfonds damit noch längst nicht ausgeschöpft. Gerade in der aktuellen Situation – mit Blick auf die Bedeutung der Kunstfreiheit, den langen Atem, den Kulturförderung braucht und die Neuaufstellung des BKM – lohnt es sich, die bestehenden Förderinstrumente zu betrachten. Unsere Programme entfalten Wirkung bis in die einzelnen Wahlkreise hinein. Wir verfügen über die Erfahrung und die Strukturen, um hier weitere Aufgaben zu übernehmen.