C the bubble, C the gap, C the treasure
Von Sarah Kilter
Chemnitz – eine Kulturhauptstadt zwischen Millionenförderung und Kulturkürzungen. Hier zeigt der Fonds Darstellende Künste „Die Kunst, Viele zu bleiben“. Ein Film, der die Kunstszene stärken und vor der Spaltung schützen will und am Ende doch seine eigene Blase kollabieren lässt. Sarah Kilter besuchte die Filmvorführung im Kino Metropol.
© Dorothea Tuch
Darf ich vorstellen? Chemnitz. Das sind Trettmann, Kraftklub, Mai Duong Kieu, „Kati“ Witt, der Nischel, Böhmermann auf´m E-Scooter, NSU, Taschenalarme und „Hase, du bleibst hier“. Chemnitz: Auf eine seltsame Art zur gleichen Zeit abstoßend und anziehend. Voller leerstehender und günstiger Altbauwohnungen, um die man sich in den bekannten deutschen Großstädten wohl regelrecht prügeln würde. Eine Stadt, die in manchen Ecken so schön ist, dass man sich fragen könnte, warum Chemnitz nicht schon längst von allerhand wohlbetuchter Schwaben gentrifiziert wurde. Eine Stadt, durch die manch einer staunend-kopfschüttelnd laufen und sich denken mag: „Hier liegt doch irgendwo ein Schatz vergraben. Er muss nur noch gefunden werden.“
Aber während in Städten wie Nürnberg über den Bau einer Magnetschwebebahn nachgedacht wird, können die Menschen in Chemnitz von einer ICE-Anbindung nur träumen. In Chemnitz muss man sich mit Regionalzügen zufriedengeben. Manche Exemplare sind so alt, dass Daniel Brühl aka Alexander Kerner aus dem Film „Good Bye, Lenin!“ seiner Mutter Christiane Kerner damit sicher heute noch vormachen könnte, dass es den Mauerfall niemals gegeben habe. Und wenn man doch einen neueren Regio erwischt, zum Beispiel den RE6, der einmal pro Stunde nach Leipzig fährt, dann ist darin seit Ende März dieses Jahres der vorderste Wagon gesperrt. Begründung: Mief. Denn elektrifizierte Bahnstrecke: Fehlanzeige. Gesundheitsschädliche Dieselabgase im Wagon haben zu der Sperrung der eh schon störungsanfälligen Strecke geführt. Chemnitz, eine Stadt, in der die Frage gestattet sein muss: Hängen beschissene Infrastruktur und beschissene Wahlergebnisse in irgendeiner Form zusammen?
Dass Chemnitz (inklusive mehrerer Städte und Gemeinden aus Mittelsachsen, dem Zwickauer Land und dem Erzgebirge) bereits im Jahr 2020 zur Kulturhauptstadt 2025 gekürt wurde, war und ist für viele mit sehr viel Hoffnung verbunden. Man erinnere sich an den Livestream aus Chemnitz, der den rührenden Jubel der Menschen in Chemnitz zeigte, als die Jury ihre Wahl zur Kulturhauptstadt verkündete. Bei anderen hingegen hinterließ die Entscheidung und vieles, was dann folgte, mindestens einen unangenehmen Beigeschmack. Während das Theater Chemnitz seit Frühling 2022 auf eine Interimsspielstätte im Chemnitzer Spinnbau ausweichen muss und die dringend notwendigen Sanierungsarbeiten des denkmalgeschützten Theaters nun aus Kostengründen auf unbestimmte Zeit gestoppt wurden, werden zig Millionen Euro in die Kulturhauptstadt gepumpt. Da kann man schon mal wütend werden. Dass dem Theater jetzt noch zusätzlich wegen der allgemein bekannten Kulturkürzungen Gelder fehlen, macht die Sache natürlich nicht besser. Darauf machte auch ein Chemnitzer Aktionsbündnis aufmerksam. Um die 150 Aktivist*innen und Künstler*innen, darunter (ehemaligen) Mitarbeitende des Theaters, besetzten Anfang Mai in einem friedlichen Protest das seit 2021 geschlossenen Chemnitzer Schauspielhaus in der Zieschestraße. Auf einem Banner des Bündnisses war im Rahmen der Besetzung die Aufschrift „C the closed“ zu lesen. Eine Anspielung auf die Kulturhauptstadt, die mit dem Motto „C the unseen“ um die Ecke kommt.
Doch bei finanziellen Einsparungen bleibt es nicht. Im Zuge der Kulturhauptstadt erhöhte die Stadt Chemnitz auch Eintrittspreise für Museen und den Tierpark. Und gerade die Sache mit dem Zoo könnte Wasser auf die Mühlen der über 30 Prozent bei der letzten Bundestagswahl sein. Wenn man jetzt mal grundsätzliche Zookritik und Tierschutz beiseitestellt, dann sind es doch oft Tiere, insbesondere kuschelige und süße, auf die sich viele Menschen trotz ihrer gewaltigen Unterschiede einigen können. Die Freude beim Betrachten und Streicheln eines kleinen Fellknäuels – der kleinste gemeinsame Nenner.
Wie vermeidet man also, dass die drittgrößte Stadt Sachsens mit dem Siegel „Kulturhauptstadtjahr“ zum Fußballstadion für Auswärtsspiele kulturinteressierter Großstadt-Ultras wird? Wie kann es gelingen, dass das Kulturhauptstadtjahr auch etwas Nachhaltiges hat und auch den Menschen etwas bringt, für die Kunst und Kultur auf den ersten Blick einen gar nicht so großen Stellenwert haben? Und was kann die Kulturhauptstadt der erstarkenden rechten Szene anhaben? Hoffnung, Wut, Hilferufe.
© Dorothea Tuch
Publikumsgespräch mit Regisseur Felix Meyer-Christian im Kino Metropol in Chemnitz
In diesen Druckkochtopf an Stadt also lädt der Fonds Darstellende Künste an einem späten Donnerstagnachmittag im Mai ins Kino Metropol ein. In dem Gebäude, das 1913 nach den Plänen des Architekten Wenzel Bürger errichtet wurde, feiert der Film „Die Kunst, Viele zu bleiben“ Sachsenpremiere.
Regisseur Felix Meyer-Christian dokumentiert darin verschiedenste Foren für Kunst, Freiheit und Demokratie, die im Sommer 2024, initiiert vom Fonds Darstellende Künste, ebenfalls unter dem Titel „Die Kunst, Viele zu bleiben“ durch die Republik tourten. Dabei wurden nicht die üblichen Städte wie Hamburg, München, Frankfurt am Main bespielt, sondern es wurde sich auf sonst weniger Beachtung findende Städte wie Leipzig, Düsseldorf, Bitterfeld-Wolfen, Potsdam, Erfurt, Weimar und Dresden konzentriert. Aber keine Sorge: Berlin ist natürlich auch dabei. Diese Stadt ist obligatorisch. Immer.
Doch während die im Film dokumentierten Foren darauf aus waren, den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und auch gemeinsam mit dem Publikum zu diskutieren, gehe es laut Regisseur in dem 90-Minüter, der im Auftrag des Fonds Darstellende Künste entstand, vor allem um ein Empowerment der Menschen aus der Kunst- und Kulturbranche. Zweifelhaft, ob diese Tatsache aus der Ankündigung des Films, der laut Selbstbeschreibung die Vielstimmigkeit in den Künsten versammle und Ausgrenzung und Polarisierung in einem diskursiven wie poetischen Ansatz zusammenfasse, unmittelbar erkennbar wird.
„Die Kunst, Viele zu bleiben“ beginnt in dem Land, in dem auch die einstige Initiatorin der Kulturhauptstadt, Melina Mercouri, geboren wurde: Griechenland. Weiße Dächer, Motoradfahren auf kurvigen Landstraßen, Souvlaki, Taramas auf Weißbrot, Sonne, Mittelmeer, Nana Mouskouri, Ouzo. Yamas!
Naja, nicht ganz. „Die Kunst, Viele zu bleiben“ startet nicht im klischierten Sommerurlaub-Griechenland der Jetztzeit, sondern im antiken Griechenland – der Gebärmutter der westlichen Demokratie. Mehrere hundert Jahre vor Christus entstand dort die Agora (von altgriechisch ἀγορά, „Marktplatz), ein städtischer Versammlungsplatz der Bürger*innen. Sozusagen eine antike Form des Speakers‘ Corner. Ein Ort des Austauschs und der Diskussion. Ein Ort des Zuhörens und Zustimmens und Anderer-Meinung-Seins. Ein Ort verschiedenster Perspektiven und Ort der Gemeinschaft. Und der Film fragt: Ist Deutschland die Agora, der Ort der Begegnung, abhandengekommen? Ist Deutschlands Agora kaputt?
Antworten sucht der Film zunächst in West-Berlin. Eine Stadt wie ein sich aufgeregt-schnipsend-meldendes Schulkind, das immer und ständig glaubt, die Antwort zu kennen.
Da stehen also die beiden Hosts des Films, Tina Pfurr und Hauke Heumann, auf dem Teufelsberg und betrachten die Berliner Skyline bei Sonnenaufgang. Zu sehen ist der Funkturm, groß und gut sichtbar. Dahinter, klein und etwas vernebelt, steht das Ostberliner Pendant: Der Fernsehturm. Dieses Bild des großen überpräsenten Westens vor dem kleinen, vernebelt im Hintergrund stehendenden Ostens – eine Analogie auf Deutschland?
Auf ihrer Tour durch die Bundesrepublik haben das Filmteam und die beiden Hosts mit unterschiedlichsten Künstler*innen und Politiker*innen demokratischer Parteien gesprochen. So kam über 100 Stunden Videomaterial zusammen. Aus diesem Wust aus 16 Terrabyte samt 60 Interviews kuratierte das Filmteam den 90-Minüter.
„Die Kunst, Viele zu bleiben“ versucht keine Handlung zu erzählen. Ziel war vielmehr, einen Zustand einzufangen, Perspektiven aufzuzeigen. Regisseur Felix Meyer-Christian widmet sich in dem Film der Frage, ob (experimentelle) Kunst in der aktuellen politischen Situation so überhaupt noch stattfinden und fortbestehen kann. Was kann Kunst in politisch aufgeladenen Zeiten wie diesen bewirken und wie schaffen es Menschen aus der Kunst- und Kulturbranche, nicht in die Einzelteile ihrer eigenen Uneinigkeiten zu zersplittern? Wie können Menschen aus der Kunst- und Kulturbranche rechtsextrem(istisch)e Kräfte als größten gemeinsamen Feind bekämpfen, anstatt einander im Streit rund um Corona-Maßnahmen, Waffenlieferungen, Gaza oder Antisemitismus zu verlieren? „Die Kunst, Viele zu bleiben“ hat sich nicht zur Aufgabe gemacht, mehr zu werden. Denn der Film richtet sich vorrangig an Menschen aus der Kunst- und Kulturbubble (ohne abwertenden Unterton). Künstler*innen und Politiker*innen bekommen Raum, ihre Arbeitsrealität und Motivation für ihr künstlerisches und politisches Schaffen darzulegen mit dem Ziel, eine produktivere interne Streitkultur zu finden. Was sicher für viele Künstler*innen sehr heilsam ist, unterläuft aber gleichzeitig die Erwartung des Publikums in Chemnitz – zumindest vieler derer, die sich im Nachgespräch zu Wort melden. Hier zeigt sich der dringliche Wunsch, endlich Möglichkeiten zu finden, aus der eigenen oder allgemeingesellschaftlichen Handlungsparalyse herauszukommen. Wie mit Rechten reden? Was tun? Ist es überhaupt richtig, was wir tun, wenn es doch nicht besser, sondern immer schlimmer wird? Absolut relevante Gedanken, die die Publikumserwartung nachvollziehbar machen: Ein Film über die Agora sollte selbst eine Agora für alle Bürger*innen sein. Aber diese hohen Erwartungen kann und will der Film nicht erfüllen.
Themen, die besonders Potential haben, eine typische Künstler*innen-Bubble (auch hier ohne abwertenden Unterton) zu spalten, werden allerdings nur gestreift. Es kommt zwar auch eine Person zu Wort, die erzählt, wie die eigene Haltung zum Gaza-Konflikt zum Prüfstein für eine berufliche Zusammenarbeit wurde, insgesamt vermittelt der Film aber nicht den Eindruck, dass die freie darstellende Kunstszene in Deutschland beunruhigend stark gespalten wäre oder droht sich zu spalten. Der Tenor der Interviewten ist eher Harmonie und Einigkeit, vor allem auch dahingehend, andere Meinungen auszuhalten und Menschen anderer Meinungen nicht zu vermeiden. Aber kann man das dem Film zum Vorwurf machen? Es wäre wohl auch nicht sehr wirksam, eine zersplitterte und sich bekämpfende Kunstszene abzubilden.
Dennoch lässt sich im Film ein klarer Antagonist ausmachen: Die Bedrohung von rechts. Zu der auch jene politischen Kräfte zählen, die dafür sorgen, dass Carsten Brosda – Hamburgs Senator für Kultur und Medien – vermehrt Anträge erhält, die fordern, Gelder lieber in die Grünflächenpflege zu stecken anstatt in die Kunst- und Kulturförderung. Und auch Aljoscha Begrich, Kurator des Osten Festivals in Bitterfeld-Wolfen, hat schon Bekanntschaft mit zwielichtigen Gestalten gemacht, die entlang des Festivalgeländes drohend Patrouille fuhren.
Zugleich wird in „Die Kunst, Viele zu bleiben“ sichtbar, dass die rechte Bedrohung nicht nur in der Kunst- und Kulturszene Realität ist. Awet Tesfaiesus, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen, berichtet von ihr bekannten Personen, die für den Fall, dass die AfD an die Macht kommt, bereits Vorbereitungen getroffen haben. Nach dem Motto: Reisepass, Koffer, Autoschlüssel, weg hier. Und immer dann, wenn sich der Film von seiner spitzen Zielgruppe der Kunst- und Kulturbranche löst und eine allgemeingültigere Dynamik bekommt, ist es besonders zu bedauern, dass es fast keine Gespräche oder Interaktionen mit den in vielen Arbeiter*innenfamilien als „normale Menschen“ gelabelten Personen gibt. In einer kurzen Sequenz kommt zumindest auch mal eine Besucherin einer Kunstveranstaltung im öffentlichen Raum zu Wort. Da fragt eine Person während ihrer Performance eine Frau im Publikum:
-Womit hast du aufgehört?
-Steppen.
-Wieso?
-Hüfte.
Ein Dialog, lakonisch und gleichzeitig rührend, man könnte ihm und der Frau mit dem Hüftleiden übermütig und unironisch einen Heiratsantrag machen. Für weitere solcher Interaktionen oder gar Interviews mit Menschen fern der Kunst- und Kulturbranche bräuchte es laut Felix Meyer-Christian eine Fortsetzung des Films. Wie wäre es mit einem zweiten Teil mit dem Titel „Die Kunst, Viele zu werden“?
© Thomas Oswald
Aber nicht nur eingespielten Interviewschnipsel sowie Einblicke in die Foren und Veranstaltungen sind wiederkehrendes Element des Films. Es werden auch regelmäßig Zwischenspiele gezeigt, in denen Tina Pfurr und Hauke Heumann durch die Natur laufen oder vor Monumenten stehen und samt metaphorisch aufblinkenden Lämpchen à la „Wir haben einen Bildungsauftrag“ die passenden historischen Details liefern.
In anderen Sequenzen kann man die beiden Hosts immer wieder dabei beobachten, wie sie sich in einem Meer aus weißen Laken befinden. Wellen aus Stoff. Seegangsskala Stärke 2. Zunächst könnte man denken, die beiden liegen im Bett und man sitzt intim mit ihnen unter einer Decke. Doch mit der Zeit wird immer deutlicher: Tina Pfurr und Hauke Heumann sind gefangen in einer Blase. Im eigenen Dunstkreis. Am Ende wird diesem Inflatable die Luft genommen. Es verliert Volumen und fällt in sich zusammen. Da liegt diese Bubble dann herrlich platt nur noch als Pelle auf dem Boden. Wie eine Scheuerblase, die endlich abheilt. Auch Tina Pfurr und Hauke Heumann treten dann aus dieser Echokammer hinaus in die Welt.
Vielleicht ist es nun an der Zeit, sich Worte wie die von Deniz Utlu zu Herzen zu nehmen und auch das zuzulassen, was man selbst nicht ist, um nicht in der eigenen Meinungswelt unterzugehen. Vielleicht ist es nun Zeit, sich an die Worte von Dr. Luce deLire zu halten und sich anzugewöhnen, Kunst auch als hospitale bzw. gastfreundliche Institution zu betrachten und danach zu handeln. Und vielleicht ist es auch wichtig, sich die Worte von Şeyda Kurt ins Gedächtnis zu rufen und sich klarzumachen, dass vieles von dem, was wir tun, nicht nur in unserem eigenen Interesse geschieht, sondern manchmal auch erst für Generationen nach uns profitabel sein wird.
Also, raus aus dem ICE und rein in den Regio, um diesen Schatz zu suchen, der irgendwo in Chemnitz vergraben liegt. Und wenn man ihn gefunden hat, dann sollte man doch möglichst alle daran teilhaben lassen. Vielleicht ist dieser Schatz ja eine gesamtgesellschaftliche Agora.
C the Unseen - das Motto der Kulturhauptstadt Chemnitz wurde für zwei Tage die Einladung an Studierende im Masterstudiengang Kulturjournalismus der Hochschule für Musik und Theater München, das Programm von „Die Kunst, Viele zu bleiben. Forum für Kunst, Freiheit und Demokratie: Deutschland und Europa“ des Fonds zu besuchen und Chemnitz zu erkunden. Ihre Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen zum Nachlesen, -schauen und Staunen.