„Ein Theater für alle Menschen"
Von Georg Kasch
Wolfgang Schneider hat die deutsche Kultur- und Theaterpolitik wesentlich geprägt, als Vorstandsvorsitzender zehn Jahre lang auch den Fonds Darstellende Künste. Zum Abschied beim „Fonds.Salon“ betonte er die Bedeutung der Theaterlandschaft.
© Dorothea Tuch
Es gibt Menschen, bei denen muss man tief Luft holen, um all ihre Positionen, Ehrenämter und Verdienste aufzuzählen. Wolfgang Schneider ist einer von ihnen: Gründungsdirektor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und Deutschlands erster und einziger Professor für Kulturpolitik. Persönliches Mitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. Mitglied des Vorstandes der Initiative für die Archive des Freien Theaters e.V., Mitglied des Internationalen Theater-Instituts, des Rates für darstellende Kunst und Tanz im Deutschen Kulturrat, Ehrenmitglied der ASSITEJ Deutschland und der Schweiz sowie Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche.
Und das ist noch lange nicht alles. Aus Sicht der Freien Szene war sein wichtigstes und prägendstes Ehrenamt vermutlich der Vorstand des Fonds Darstellende Künste: 2015 in der Findungskommission, ab 2017 dann als Vorstandsvorsitzender. Knapp zehn Jahre lang prägte er die kulturpolitische Ausrichtung des Fonds maßgeblich mit. Zum Abschied lud der Fonds Schneider und Wegbegleiter*innen zum ersten „Fonds.Salon“ in die Geschäftsstelle in der Welserstraße ein – von der Kinder- und Jugendtheaterspezialistin Christel Hoffmann über den Publikumsforscher Thomas Renz bis zur Fonds-Vorstandskollegin Anne-Cathrin Lessel.
Diese Jahre beim Fonds hatten es in sich, wie Ingo Mix, Abteilungsleitung Kunst- und Kulturförderung beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), in seiner Rede betonte. Schneiders Zeit im Vorstand fiel in eine turbulente Zeit, weil vieles im Umbruch war. Zu den ersten Amtshandlungen des Vorstands gehörte 2015, Holger Bergmann zum Geschäftsführer zu berufen. Aus Schneider und Bergmann wurde ein Team, das die nächsten Jahre im Fonds wesentlich prägen sollte. Mix würdigte, dass in Schneiders Amtszeit der Fonds zu dem geworden sei, was er heute ist: Eine Institution mit Haltung und ein Ort, an dem nicht nur Geld verteilt, sondern auch wichtige Debatten geführt werden. Schneiders und Bergmanns gemeinsame Meisterleistung: während der Corona-Jahre innerhalb kürzester Zeit 160 Millionen Euro zu akquirieren und an die betroffenen Künstler*innen und Gruppen zu verteilen – ein wesentlicher Grund, warum die Freie Szene vergleichsweise gut durch die Zeit der Lockdowns gekommen ist.
Wie schnell und pragmatisch der Fonds 2020 reagierte, erzählte Schneider im anschließenden Gespräch mit Regisseurin Simone Dede Ayivi, die einst bei ihm in Hildesheim studiert hatte. Anfangs habe, so erzählt Schneider, noch niemand an eine Kulturmilliarde gedacht, „weil man immer gehofft hat, bis zum Sommer ist es vorbei“. Begonnen habe alles mit einer sehr pragmatischen Lösung: „Wir hatten schon das Geld für das zweite Halbjahr 2020. Da haben wir vorsichtig beim BKM angefragt: Lasst uns dieses Geld aus den schon vorgesehenen Programmen rausnehmen und jetzt ein Sonderprogramm aufstellen für Solo-Künstler*innen und Gruppen. Das wurde uns bewilligt.“
Weiteres Geld gab es erst mal nicht. „Aber diese umgewidmeten Mittel reichten, um Take Care auf den Weg zu bringen. Da gab es 5.000 Euro gezielte Hilfe für Künstler*innen. Natürlich ist es grandios, wenn sowas funktioniert. Aber es zeigt auch die Fragilität der Freien Darstellenden Künste.“
Neben der Corona-Zeit schälten sich im Gespräch aber auch die anderen Verdienste Schneiders um die Freie Szene heraus. So hat Schneider den Begriff von der Theaterlandschaft mitgeprägt, der das feine Geflecht meint, das sich in Deutschland aus Stadt- und Staatstheatern, der Freien Szene, den Kinder- und Jugendtheatern, aber auch den Amateurtheatern entwickelt hat. Mit Thomas Renz hat er einmal in einer Studie herausgefunden, dass es allein in Niedersachen mehr als tausend Amateurtheater gibt. „Ein Großteil der Bevölkerung ist dem Amateurtheater verbunden, auf und hinter der Bühne oder als Publikum. Und diese Publika, die sind auch Teil der Theaterlandschaft!“
Die Überzeugung, dass auch das Publikum zur Theaterlandschaft gehört, hat die Publikumsforschung mit angestoßen. Heute sind Daten zum Audience Development und Besucher*innenforschung aus der Kulturpolitik nicht mehr wegzudenken. Umgetrieben hat Schneider zudem immer die Frage der Kunstfreiheit – heute wieder erschreckend aktuell – und in diesem Zusammenhang die der öffentlichen Förderung, so wie sie der Fonds umsetzt.
„Der Staat selbst kann nicht entscheiden, was gefördert werden soll.“, sagt Schneider, „Sondern er gibt es in die Hände derer, die nicht nur eine Expertise haben, sondern auch versuchen, die Anträge in die jeweiligen Kontexte zu stellen. Wo findet das statt – im ländlichen Raum? Was soll da experimentiert werden? Wie sehen die Häuser aus, die die Infrastruktur bieten müssen?“
Kulturpolitik sei politische Haltung, und zu dieser Haltung gehöre, Theater als einen gesellschaftlichen Auftrag zu begreifen. „Wichtig dafür ist, Zugänge zu schaffen, barrierefrei im weitesten Sinne zu sein, Diversität nicht als Kampfbegriff zu benutzen, sondern als Auftrag in einer Gesellschaft, die sich so weiterentwickeln wird“. Auch wenn eine Partei wie die AfD die Kultur, wie wir sie heute kennen, abschaffen möchte: „Noch gibt es den Konsens, öffentliche Kultur zu fördern. Gebt nicht auf! Kämpft nicht nur für die Sache des Theaters, sondern seht das Theater als ein Theater für alle Menschen. Deshalb ist mein Plädoyer immer gewesen: Mehr Theater für mehr Menschen.“
Dieser Satz muss in den zehn Jahren beim Fonds öfter gefallen sein. Denn „Mehr Theater für mehr Menschen“ steht auch auf dem Schal, den Fonds-Geschäftsführer Bergmann Schneider als Abschiedsgeschenk überreichte. Was plant Schneider jetzt? Er freut sich darauf, „ab und zu mehr Luft zwischendurch zu haben“ und ist sich auch „nicht zu schade für Basisarbeit“. Vor allem aber sei es ihm immer darum gegangen, nicht nur Spuren, sondern Strukturen zu hinterlassen. Und das ist ihm gelungen – nicht zuletzt beim Fonds Darstellende Künste.