„Ich wollte immer Kunst ermöglichen“

Von Georg Kasch

Wer hält den Fonds Darstellende Künste am Laufen? Eine der Personen hinter den Kulissen ist Christina Roth, Verwaltungsleiterin und stellvertretende Geschäftsführerin und seit zehn Jahren mit dafür verantwortlich, dass Abläufe funktionieren und Gelder fließen. Ein Gespräch über Corona, seine Nachwirkungen und Kulturförderung heute.

Christina, du bist seit zehn Jahren beim Fonds. Hat es in dieser Zeit einen Moment gegeben, an dem du gemerkt hast: Hier bin ich richtig?

Das wusste ich schon von Anfang an. Ich wollte immer Kunst ermöglichen und in einer Institution arbeiten, die den Künstler*innen finanzielle Spielräume bereithält. Das ist Teil der Arbeit als Kulturförderer. Mit Neustart Kultur hat sicher die Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeit zugenommen, als wir schnell agieren mussten, um die Künstler*innen zu unterstützen.

Wie war denn die Corona-Zeit im Fonds: aufregend oder erschlagend?

Es war aufregend. Ich glaube, wir alle blicken immer wieder darauf zurück. Nicht nur aufgrund der vielen in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen bei der Konzeption und Umsetzung dieser groß angelegten Maßnahmenpakete, sondern auch aufgrund der damaligen Neuimplementierung von Geschäfts-, Aufgaben- und Förderprozessen. Diese bewähren sich noch heute, werden von uns aber natürlich regelmäßig reflektiert und evaluiert. Nach Corona mussten wir Arbeitsprozesse anpassen und andere Arbeitsroutinen annehmen – die es von Geschäftsführungsseite zu thematisieren und moderieren galt. Wir konnten damals auch die einmalige Chance angehen, welche Entwicklungen wir durch diese Summen anstoßen und wie wir uns als Fonds neu aufstellen können – in der Szene, als kulturpolitischer Akteur und Partner der Künstler*innen. Und das insgesamt betrachtet, war eine Aufgabe, die uns als junges Team im Positiven herausgefordert hat. Es war eine sehr erfüllende Zeit, aufregend und erschlagend zugleich.

Und das alles von zu Hause und vom Küchentisch aus!

Auch am Wochenende, natürlich. Es gab als Teamleitung keine Bürozeiten zu dieser Zeit. Aber man konnte sehr vieles neu denken und auch überdenken. Und das war ein großer Vorteil.

Stellt sich bei dir eigentlich so etwas wie Frust ein, wenn du siehst, wie stark nach Neustart Kultur die Summen plötzlich wieder zurückgefahren wurden?

Holger Bergmann hat immer von der Abbruchkante gesprochen, und die hat es auch nach dem Ende von Neustart Kultur so gegeben. Seither können wir nur annähernd von einer Stabilisierung der jährlichen Zuwendung sprechen und stehen nicht da, wo wir den jährlichen Bedarf für die Gesamtszene sehen. Als Fonds erwähnen wir immer wieder die notwendigen 16 Millionen Euro, die es für die Szene vor dem Hintergrund sinnvoller Strukturierung und Systematisierung von Förderung bräuchte. Frust entsteht manchmal, weil man die Bedarfe sieht und gleichzeitig die klammen und klammer werdenden Kassen der Kommunen und Länder, aber wir regelmäßig in zähen Vorgängen verharren. 

Hat sich die Rolle des Fonds auch jenseits der Corona-Förderprogramme verändert?

Rein finanziell waren wir vor dem Neustart-Programm mit einem Volumen von zwei Millionen Euro ein Förderer mit kleinem Budget. Während Neustart wurden wir für viele Künstler*innen, die bislang wenig oder gar keine Förderung erhalten haben, ein plötzlicher Fördermittelgeber. Durch die während Neustart entstandene Förderarchitektur verfügen wir jetzt über mehr Förderinstrumente, wie zum Beispiel die Residenzförderung und decken hierdurch für einen größeren Teil der Szene wichtige Bedarfe ab. 

Warum ist sie so wichtig?

Residenzen ermöglichen ergebnisoffenes Arbeiten, das auch mal am Ende im Sand verlaufen kann und vielleicht nur das Scheitern zu erzählen hat. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Kunst nicht unbedingt zu etwas führen muss: sie ist frei, auch im Outcome. Im klassischen Zuwendungsrecht ist Ergebnisoffenheit schwierig, wie ich als Verwaltungsleiterin natürlich weiß. Es braucht gute Argumente, um den Ermessensspielraum auszuschöpfen. Und genau dies ist die soft power des Fonds: fundiertes Wissen um Verwaltungsvorgaben, aber auch um die Bedarfe in der Kunst. So können wir bei jedem Fördervorgang das Ermessen an der richtigen Stelle ausüben.

Während der Corona-Krise hat es seitens der Kulturpolitik einen starken Lernprozess gegeben darüber, welche Personen und Gruppen es überhaupt gibt und wen davon man unterstützen muss. Bleiben diese Erkenntnisse oder werden sie wieder vergessen?

In dem zuständigen Referat beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), mit dem wir eng zusammenarbeiten, wird das nicht vergessen. Bei den Kultur- und Haushaltspolitiker*innen schon eher, weil das Personal durch die Legislaturperioden wechselt. Da gilt es immer wieder von Neuem die Freie Szene zu erklären: Wer ist sie? Was braucht sie? Deshalb muss es zu einer besseren und nachhaltigeren Sichtbarkeit der Bedarfe und Akteur*innen kommen, damit wir nicht immer wieder erklären müssen, wer die Szene ist. Zumal sich jede*r Akteur*in gegenüber der Politik anders erklärt. Der Fonds versucht diese Plattform zu sein, auf der zugehört und verhandelt wird, wie sich die Szene heute versteht und bestenfalls strukturiert und systematisiert werden müsste, um als relevant in der Kulturlandschaft wahrgenommen zu werden An den Prozessen sind wir dran.

Warum setzt du dich beruflich für die Freie Szene ein?

Tatsächlich hatte ich ursprünglich andere Präferenzen. Sport war und ist meine Leidenschaft. In der Schule hatte ich als Leistungskurse Biologie und Chemie. Warum Kunst? Weil ich Kunst als die kosmopolitische Plattform sehe, um viele gesellschaftliche Debatten in der Zivilgesellschaft anders erzählen und verankern zu können, als sie in Politik oder Medien stattfinden.

Wie bist du beim Fonds gelandet?

Ich habe Jura und parallel Theaterwissenschaft studiert, hatte lange einen Student*innen-Job beim Haus der Kulturen der Welt und 2015 meine erste Stelle beim Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK) begonnen. Dort habe ich als Produktionsassistentin den Bundeskongress begleitet. Als das zu Ende ging, hieß es, der Fonds Darstellende Künste stellt sich neu auf, Holger Bergmann braucht Unterstützung.

Wie viel Kunst ist denn in deinem beruflichen Leben hier vor Ort überhaupt übrig?

Heute überarbeite ich mit meinem Team in ständigen Reflexions- und Aktualisierungsloops die Antrags- und Fördervoraussetzungen und tue dies vor dem Hintergrund unseres Praxis-Wissens. Es liegt uns am Herzen, die Künstler*innen nur dort, wo es nötig ist, den formalen und zeitintensiven Antrags- und Verwendungsnachweisverfahren auszusetzen, um ihnen künstlerische und intellektuelle Freiheiten zu ermöglichen. Hier setzen wir verstärkt auf digitale und vielleicht zukünftig mehr KI-unterstütze Verfahren. Das hat mit Kunst wenig zu tun, es geht mehr um das Ermöglichen von Kunst. Hinzu kommt, seitdem ich stellvertretende Geschäftsführerin bin und wir unsere Geschäftsprozesse spezialisiert und auf mehr Personen übertragen haben, bin ich in der täglichen Arbeit vom Geschehen an den Produktionsorten noch weiter entfernt. Als ich mit Holger Bergmann 2016 anfing, hatte ich über die Betreuung der geförderten Vorhaben noch mehr direkte Kontakt zu den Produktionsleitungen und Künstler*innen.

Was ist der Kern deiner täglichen Arbeit?

Im Grunde sind wir als Fonds ein Verwaltungsapparat und meine Aufgabe ist es, die notwendigen Verwaltungsverfahren ordnungsgemäß zu führen oder zumindest die Prozesse anzuleiten. Das betrifft insbesondere die Bereiche Finanzen und den Gesamtkomplex der Förderverfahren. Hierfür stehe ich im täglichen Austausch mit dem BKM, dem Bundesverwaltungsamt (BVA), steuer- und rechtsanwaltlichen Berater*innen und den Akteur*innen der Netzwerke der Szene.

Wenn du zurückblickst auf deine zehn Jahre beim Fonds: Gibt es einen Meilenstein, den du erinnerst, bei dem du sagen würdest: Da haben wir die Welt geändert?

Nein, wir haben die Welt nicht geändert. Wir haben nur unsere Arbeit gemacht. Ein Moment, der mir allerdings nicht aus dem Kopf geht, ist, als wir hier mit Herrn Eifler saßen, damals der zuständige Referatsleiter beim BKM. Und er hat mich gefragt: Frau Roth, schaffen Sie es denn jetzt noch einmal? Es ging um die 88 Millionen Euro, die wir für #TakeHeart als zweiter Neustart-Runde bekommen sollten. Und ich meinte dann: Ja natürlich, Herr Eifler, das schaffen wir. Vielleicht ist mir der Moment so gegenwärtig, weil mir sofort klar war, dass wir das als Team stemmen können. Wir haben einfach ein wahnsinnig starkes Team. Daher kann ich auch nicht von dem einen Moment reden. Sondern es gab und gibt immer wieder Team-Erlebnisse, wo wir in der Geschäftsstelle zusammensaßen und glücklich waren und sind, was wir trotz einer nicht üppigen Personaldecke ermöglichen können.