Stadt, Land, Probe
Von Christine Wahl
Benjamin Foerster-Baldenius, Anna Foerster-Baldenius und Andrea Hofmann von dem mit dem Tabori Preis 2026 ausgezeichneten Kollektiv raumlaborberlin im Gespräch mit Christine Wahl.
Benjamin Foerster-Baldenius, Anna Foerster-Baldenius, Andrea Hofmann – herzlichen Glückwunsch zum Tabori Preis 2026! Fällt Ihnen spontan etwas ein, das Sie als Kollektiv mit Architektur-Hintergrund mit dem Namensgeber dieser wichtigsten Auszeichnung der Freien Darstellenden Künste verbindet, dem Theatermacher George Tabori?
Benjamin Foerster-Baldenius: Die Leichtigkeit, mit der auch er das Medium betrachtet hat! Das Theater als Ort nicht bierernst zu nehmen, sondern eher als Werkzeug zu verstehen, mit dem man alles Mögliche anstellen kann – ich glaube, darin treffen wir uns tatsächlich mit Tabori. Für uns ist das Theater ja vor allem eine Infrastruktur – auch eine personelle, weil dort, von der materiellen Grundausstattung abgesehen, Expert*innen und entsprechende Expertisen aller möglichen Bereiche versammelt sind, die man als Architekt gar nicht in einer Person vereinen kann. Deswegen hat das von Anfang an sehr gut gematcht: das Theater und wir.
Sie sind ein neunköpfiges Kollektiv, das dem Theater seit 1999 den öffentlichen Raum gleichsam als Bühnenraum erschließt. Unvergessen, wie Sie 2003 in Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater Halle gemeinsam mit über 100 Jugendlichen ein 18-geschossiges Gebäude im Plattenbauviertel Neustadt zum „Hotel Neustadt“ transformierten oder ein Jahr später, beim „Volkspalast“-Projekt des HAU und der Sophiensaele Berlin, den ehemaligen Palast der Republik fluteten und in eine temporäre Lagunenstadt verwandelten, die man mit Booten durchfuhr!
Andrea Hofmann: Heute sagen wir, wir arbeiten an der Schnittstelle von Stadtplanung, Architektur, Kunst und Intervention. Aber als wir damals anfingen, war es in erster Linie unser Bedürfnis, das, was wir in der Architektur-Ausbildung gelernt hatten, anders anzuwenden. Das führte uns natürlich auch zu anderen Auftraggeber*innen. Wobei diejenigen, die im klassischen Hochbau aktiv waren, uns tatsächlich nicht nur weniger interessierten, sondern zu diesem Zeitpunkt – das muss man ehrlicherweise dazusagen – für uns auch gar nicht erreichbar gewesen wären.
In klassischem Theatervokabular ausgedrückt, bildet die Stadt Ihre Bühne. Was genau interessiert Sie an diesem Szenario?
B. Foerster-Baldenius: Zuallererst einmal ist die Stadt deshalb interessant, weil sie unser Lebensraum ist – und als Biotop unglaublich vieler verschiedener Individuen so organisiert werden muss, dass es möglichst für alle gut ist. Dazu gehört vorrangig das, was wir die urbane Praxis nennen: Worin bestehen eigentlich die Codes, mit denen wir durch die Stadt gehen? Wie improvisieren wir unsere Gänge durch den öffentlichen Raum, wie lavieren wir umeinander herum, mit wem kommen wir auf welche Weise in Kontakt, wem schauen wir in die Augen? Davon ausgehend versuchen wir – im besten demokratischen Verständnis – Orte zu schaffen, an denen Begegnungen anders möglich sind. Und dafür reicht es eben nicht, einfach einen Raum zu bauen, sondern man muss gewissermaßen auch seine Programmierung hinbekommen; die soziale Praxis spielt herein. Das ist der Punkt, an dem es performativ wird: Man muss gemeinsam üben – vor allem, wenn man etwas verändern will. Insofern schaffen wir Übe-Räume, die sehr viel von Proberäumen haben ….
Hofmann: … und in denen die Passant*innen eben automatisch Mitakteur*innen werden. Ich glaube, unsere Räume fungieren häufig als Verstärker: Sie sind derart mit bestimmten Phänomenen aufgeladen oder manchmal auch überzeichnet, dass sie zum Mitmachen herausfordern, zum Dialog. Dadurch entstehen Orte, die helfen, zu einem anderen Bewusstsein zu kommen und letztlich herauszufinden, wie wir eigentlich zukünftig gemeinsam qualitätsvoll in diesen Städten wohnen wollen.
B. Foerster-Baldenius: Architekt*innen haben ja gemeinhin die Vorstellung, sie müssten nur ihren eigenen Wissens- und Erfahrungshaushalt auspressen, um Gebäude zu entwerfen, die dann einfach irgendwie aus sich heraus funktionieren. Das ist auch das, was man an der Uni lernt – und woran wir eben überhaupt nicht glauben. Wir sind überzeugt, dass man, um einen Raum zu schaffen, diesen Raum mit denjenigen, die ihn anschließend nutzen sollen, auch ausprobieren und deshalb bereits gemeinsam entwickeln muss. Im ersten Schritt hat das viel mit Un-Learning zu tun.
Was genau soll dabei verlernt werden?
B. Foerster-Baldenius: Global betrachtet wissen wir ja, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. Und um tatsächlich einen ökologischeren, offeneren, toleranteren Umgang miteinander hinzubekommen, müssen wir alle erst mal vieles von dem, was wir jahrzehnte- oder sogar jahrhundertelang eingeübt und praktiziert haben, verlernen! Das ist ähnlich, wie wenn man sich das Rauchen abgewöhnen will.
Anna Foerster-Baldenius: Das muss man unter Umständen auch mehrfach üben! Vielleicht ist es ja nötig, drei-, vier- oder fünfmal mit dem Rauchen aufzuhören, weil man zwischendurch immer wieder angefangen hat, und jedes Mal eine andere Methode auszuprobieren.
Welche „Übe-Räume“ entwerfen Sie zurzeit?
B. Foerster-Baldenius: Wir arbeiten gerade für Kampnagel in Hamburg. Dort ist in den nächsten Jahren eine Großbaustelle, auf der Kampnagel weiter Theaterprogramm macht. Wir nennen das „performative Baustelle“ und entwickeln dafür Räume zwischen Theater und Baustelle, die wir als „Kläranlage“ definiert haben: Orte, an denen Dinge geklärt werden können. Das ist – unter vielem anderen – ein Becken mit warmem Wasser im Garten des Theaters, der zum Dreh- und Angelpunkt zwischen den Theaterleuten, den Nachbarn, dem Publikum und den Leuten von der Baustelle werden soll, betrieben vom Team von Migrantpolitan. Denn wenn man sich – nackig oder in Badesachen – in diese nasse Umgebung begibt, denkt und spricht man entspannter über den Stress, der alle umgibt. Außerdem sind alle gleich, genau wie in der „Floating University“.
Jenem temporären Campus in einem Regenrückhaltebecken nahe dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, der Lernen, Forschen und Zusammenleben unter freiem Himmel erprobt und für den Sie 2021 mit dem Goldenen Löwen auf der Architektur-Biennale in Venedig ausgezeichnet wurden.
B. Foerster-Baldenius: Genau. Wenn wir dorthin akademische Gruppen einladen, sind die erst einmal mit völlig anderen Gegebenheiten konfrontiert als in ihrem gewohnten Umfeld: Da gibt es keine Wände, da fliegen Mücken vorbei, während sie ihre Vorträge halten, und nebenan quaken die Frösche. Der Ort ist ja ungeheuer charmant, deshalb fühlen sich alle, die dorthin kommen, erst einmal wohl. Aber mit ihrem Anliegen sind sie ein bisschen aufgeschmissen, weil ihre Routinen nicht funktionieren. Das ändert notgedrungen die Art, in der sie über diese Anliegen sprechen, und führt schließlich dazu, dass die Leute aus den unterschiedlichen Forschungsbereichen – die Ethnolog*innen, die Architekt*innen, die Theaterleute – auf einmal miteinander reden können.
Die Stadt, als soziologische Kategorie, hat sich seit Ihren Anfängen um die Jahrtausendwende stark transformiert, gerade auch in Berlin. Heute geht es weniger darum, Räume zu erschließen, als vielmehr darum, Räume zu verteidigen. Wie hat sich Ihre Arbeit vor diesem Hintergrund verändert?
Hofmann: Ich glaube tatsächlich, dass wir uns von den Partizipationsthemen aus immer stärker den Entwicklungsthemen geöffnet haben. Projekte wie die Floating oder auch das Haus der Statistik hängen ja wirklich sehr grundsätzlich mit der Frage zusammen, wer sich im innerstädtischen Bereich überhaupt noch Räume leisten kann.
Beim Haus der Statistik am Alexanderplatz – direkt im Herzen des mittlerweile tatsächlich unbezahlbaren Zentrums von Berlin – geht es darum, einen ehemaligen Verwaltungsbau Schritt für Schritt in einen gemeinwohlorientierten Ort für Wohnen, Arbeiten und Kunst zu transformieren.
A. Foerster-Baldenius: Wichtig ist, dass es sich bei beiden – dem Haus der Statistik wie der Floating – nicht nur um langfristige, sondern auch ausdrücklich kollektiv angelegte Projekte handelt; raumlabor agiert dort nicht allein. Im Haus der Statistik sind wir lediglich eine von mehreren Gruppen und Personen, die den Prozess mit angestoßen haben. Und die Floating wurde 2018 zwar von uns initiiert, aber 2019 von einem eigenständigen Verein übernommen, in dem raumlabor nach wie vor Mitglied ist, der aber komplett für sich selbst spricht und allein das Programm gestaltet. Da geht es also darum, Stadtentwicklungsprozesse mit anzuschieben und unser Wissen auch weiterzugeben.
Worin sehen Sie zurzeit die größte Herausforderung in Ihrer Arbeit?
B. Foerster-Baldenius: Darin, einen Ort zu schaffen, der kontinuierlich interessant bleibt und an dem diese Auseinandersetzungen, von denen wir gerade gesprochen haben, auch wirklich immer wieder stattfinden. Denn Orte werden sehr schnell institutionalisiert: Man läuft Gefahr, Verwaltungsstrukturen aufzubauen, die überhaupt nichts mehr produzieren, sondern sich nur noch selbst erhalten – und reproduziert damit am Ende genau das, was man mit der Entwicklung des Raumes ursprünglich gerade loswerden wollte. Das Problem sehen wir ja bei den Theatern: Die Häuser werden mit einem wahnsinnigen Aufwand renoviert, die Verwaltungsstrukturen sind gewerkschaftlich abgesichert, aber die Inhalte – das Programmieren und vor allem das Arbeiten mit den Freien Darstellenden Künsten – ist irgendwann unmöglich, weil das Budget fehlt, da das Geld in diesem Land für andere Dinge gebraucht wird.
Sie spielen auf die Kulturkürzungen an, denen sich Berlin – wie viele andere Städte und Kommunen – konfrontiert sieht.
B. Foerster-Baldenius: Das sind Vorgänge, wo wir uns auch mehr und mehr verantwortlich fühlen, den Mund aufzumachen und selbst Veränderungsmöglichkeiten vorzuschlagen. Es müssen Formen gefunden werden, wie künstlerische Arbeit weitergehen kann!
Gutes Stichwort: Der Tabori Preis geht ja nicht nur mit symbolischem Kapital einher, sondern auch mit 100.000 Euro. Wissen Sie schon, wie Sie das Geld investieren werden?
B. Foerster-Baldenius: Wir haben schon einen Tag geplant, an dem wir alle gemeinsam ins Grüne fahren und diese Frage besprechen werden. Es gibt unglaublich viele Dinge, die auf der Matte stehen, denn zurzeit stecken wir eigentlich ausschließlich in unterfinanzierten Projekten.
Hofmann: Insofern werden wir wirklich sehr genau darüber nachdenken, wo der Preis seine beste Wirkung entfalten kann.
B. Foerster-Baldenius: Auf jeden Fall freuen wir uns total darüber. Und eben tatsächlich nicht nur, weil es Ruhm und Ehre bedeutet, sondern ausdrücklich auch, weil es mit Geld einhergeht. Es ist total gut, gemeinsam über so einen Topf nachzudenken! Wir werden das sehr verantwortungsvoll tun.