Vereinzelt Euch nicht
Von Janis El-Bira
In Zeiten von Spardiktat und Wind Richtung Rechts der Mitte ist Vereinzelung das falsche Rezept zum falschen Zeitpunkt, diagnostiziert Kulturjournalist Janis El-Bira – und ruft zur Geschlossenheit auf. Eine Bestandsaufnahme zur aktuellen Lage der Freien Darstellenden Künste.
© Sebastian Bolesch
Auf dem Weg zum Publikum auch fernab von Theaterhäusern an ungewöhnlichen Orten. Hinter den Kulissen von "T. Regina" der Gruppe hannsjana beim Forum "Die Kunst, Viele zu bleiben" in Potsdam.
Wären die Freien Darstellenden Künste Patientin einer kardiologischen Klinik, dann müsste man mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre episodenhafte Herzrhythmusstörungen attestieren. Erinnern wir uns noch an den Beinahe-Stillstand zu Beginn der Covid-Pandemie? Hintangestellt im vielbeschworenen „System“ fühlte man sich damals, da mochte man die eigene Unverzichtbarkeit noch so sehr betonen. Also wurde bald mit merklichem Trotz gefragt, was es denn überhaupt ausmache, dieses System, und ob man zu seinem Erhalt wirklich weiter beitragen möchte. Derlei grundsätzliche Erwägungen lösten sich schnell in kooperationsbereitere Antragstexte auf mit dem Moment, als durch die NEUSTART-Programme dann doch vergleichsweise viel Geld auf die Freie Szene regnete, und es eine Zeitlang vielen – klar: nicht allen – tatsächlich ziemlich gut ging. In der jüngsten Vergangenheit scheint sich fast eine kleine Pandemie-Melancholie entwickelt zu haben, seitdem der Herzschlag der Szene im Angesicht von Spardebatten und Kürzungen wieder flattriger geworden ist. Von den glücklich Geretteten zur Verschiebeposition auf den über den Daumen kalkulierten Streichlisten der Finanzpolitiker*innen? Das verlangt noch den resilientesten Künstler*innen einiges an Nervenstärke ab. Heißt frei nun doch wieder verzichtbar?
Das falsche Rezept
Damit es nicht so kommt, wäre die Szene aktuell gut beraten, sich an diesem historisch vulnerablen Punkt, an dem es vor dem Hintergrund der massiven Finanzengpässe ums künstlerische Überleben geht, nicht noch zusätzlich auseinanderdividieren zu lassen. Viele Förderrunden werden jetzt und in Zukunft Ergebnisse mit noch größeren Ungerechtigkeiten hervorbringen als ohnehin schon. Entscheidungen werden noch angreifbarer und willkürlicher, manches kaum vernünftig begründbar erscheinen. Darüber enttäuscht, traurig, auch wütend zu sein, ist nur allzu verständlich. Jetzt allerdings mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich zu fragen, ob ausgerechnet die nun verdient haben, was man selbst nicht bekommen hat, trägt nur denjenigen Wind in die Segel, die auf der Fahrt nach Rechts die unbequemen Freien Künste am liebsten eh über Bord gehen sähen. Vereinzelung ist mit Sicherheit das falsche Rezept zum falschen Zeitpunkt.
In der großen Ratlosigkeit
Aber war es mit dem Unbequemen und Innovativen in den letzten Jahren eigentlich überhaupt noch so weit her, wie gerne behauptet wird? War die Szene zuletzt noch die wesentliche Impulsgeberin für den Theaterbetrieb? Wenn wir ehrlich sind: Wie viele wirklich über die Mauern von Kampnagel, HAU, FFT oder Mousonturm hinausstrahlenden, breit diskutierten freien Produktionen hat es in den vergangenen fünf Jahren wirklich gegeben? Vier? Fünf? Und ist Florentina Holzinger da schon großzügig zugedrückten Auges mit eingerechnet oder nicht? Die Szene scheint in Deutschland von einer merklichen künstlerischen Ratlosigkeit erfasst, die auch vor den etabliertesten und qualitativ verlässlichsten Gruppen und Künstler*innen nicht Halt macht. Viele aktuelle Abende erkunden nun eher das Private, das Alltagsphänomen oder suchen die Nische in der Nische.
Und kann man es ihnen verdenken? Die Freien Darstellenden Künste existieren ja nicht abgekoppelt von einer müde gewordenen Gesellschaft, in der die multiplen Krisen, unser tägliches Grauen, viele Gedanken eher um Heim, Herd und Wärmepumpe kreisen lässt. Die neubiedermeierliche Rückbesinnung auf das Stabile des eigenen kleinen Wirkbereichs hat auch die freien Theaterschaffenden zumindest in Teilen erreicht. Man schaut diesen Bohrungen in der eigenen Biographie, Familien-, Krankheits- oder Beziehungsgeschichte oft noch immer mit Gewinn zu, das soll nicht in Abrede gestellt werden. Häufig aber erschöpft sich dieser Gewinn im bloßen Lerneffekt und der Kenntnisnahme von anderen Lebenswirklichkeiten. Der vielgeäußerte und völlig richtige Anspruch, dass in den Freien Darstellenden Künsten die marginalisierten Stimmen gehört werden sollen, schlägt sich gerade häufig als mit der eigenen Message befasstes Aufklärungstheater nieder.
Auch das ist verständlich in Zeiten der gesellschaftlichen Regression gegenüber den vermeintlichen „Snowflake-Themen“ wie Geschlechtergerechtigkeit, Queer- und Trans*-Rechte, Rassismus-, Ableismus- und andere Diskriminierungserfahrungen. Man will hier natürlich etwas tun, einen Gegenpol bilden, sensibilisieren, eben aufklären. Die Frage allerdings, ob man dabei einer offenen Hand und nicht doch eher dem erhobenen Zeigefinger begegnet, bestimmt entscheidend über die Wirkung. Und vor allem muss der ästhetische Suchauftrag für die Zukunft lauten, wieder einen Weg aus der Defensive zu finden. Im Moment dominieren Verteidigungsstrategien und Besitzstandswahrung. Das Überleben der eigenen Lebens- und Kunstform und jener Institutionen, in denen sie sich verwirklichen lassen, steht im Mittelpunkt. Der Rückzug in die intimen Räume mit wohlvertrauten Kompliz*innen und freundlichen Gästen mag dabei vorrübergehend trösten – bis man unversehens unsichtbar geworden ist. Und wen man nicht mehr sieht, den hat man bekanntlich schnell vergessen.
Neue Allianzen, neues Publikum
Wie also zurück in die Offensive kommen? Womöglich wäre die Szene gut beraten, sich auf einige eher überraschende Erkenntnisse der jüngeren soziologischen Forschung zu verlassen. Dass nämlich die Gesellschaft in Deutschland gar nicht so polarisiert ist, wie uns anhand einiger „Triggerpunkte“-Debatten (so heißt das so argumentierende Buch von Linus Westheuer, Steffen Mau und Thomas Lux) gerne weisgemacht wird. In der Mitte der Gesellschaft gibt es weiterhin einen erstaunlich breiten Konsens zu entscheidenden Themen unseres Zusammenlebens – selbst beim von Theater und Politik gleichermaßen als randständig betrachteten Klimaschutz. Diese entideologisierte, in vielen Ansichten heterogene, aber in Ambiguitätstoleranz geschulte Mitte bleibt also erreichbar für die Inhalte und Ästhetiken des Freien Theaters.
Ja, es gibt tatsächlich ein „normales Publikum“, bei dem sich die ungeliebte Zuschreibung „normal“ nicht automatisch mit AfD-Wähler*innen gleichsetzen lässt. Hier lassen sich Allianzen bilden, sofern man denn wirklich bereit ist, auch Hoheiten abzugeben und im Gegenüber mehr als einen Forschungsgegenstand zu sehen. Einige Akteur*innen aus Freier Szene und Stadttheater haben es in den letzten Jahren vorgemacht – ob in den Kleingartenkolonien von Jena, den Boxclubs von Augsburg, im politischen Filz von Brandenburg, den Fitnessstudios in Luckenwalde oder in vielen Projekten im ländlichen Raum, wo Freies Theater mit seiner Dezentralität und Beweglichkeit ein entscheidender Mitspieler für die Menschen vor Ort und ihre Themen sein kann. Partizipatives Theater darf dabei gerne sehr viel mehr bedeuten, als dass das Publikum einmal während der Vorstellung aufstehen und später noch ein Lied singen soll.
© Thomas Oswald
Mut zum Selbstwiderspruch
Das bleibt gleichwohl ein schmaler Grat. Das Theater wird nicht ausgleichen können, was politisch versäumt wird, eine 60-minütige Tanzperformance keine Probleme lösen, auch wenn viele Förderanträge das in ihrer Not nahelegen. Theatermachen ist Kunst und Kunst muss erstmal gar nichts – schon gar nicht, sich als Ersatzkitt für einige bröckelnde Fugen in unserer Gesellschaft in Dienst nehmen lassen. Hier würde man sich mehr Selbstvertrauen, ästhetische Ambition und Mut zum großen Denken wünschen. Ja, das ist viel verlangt in Zeiten, da den Fördergeber*innen die emphatischen Bekenntnisse zur Kunst mit großem K nicht eben leicht über die Lippen gehen. Und in denen gerade in den Freien Darstellenden Künsten die überbordenden Ästhetiken schnell unter den Verdacht der wenig nachhaltigen Verschwendung gestellt – und somit als potenziell selbstwidersprüchlich gegeißelt werden. Leider kann man eben nicht alles richtig machen. Leider auch nicht immer nur recht haben. Wenn aktuell ein paar weniger Produktionen aussähen, als hätten sie es trotzdem versucht, wenn es stattdessen ein bisschen mehr Angreifbarkeit und, ja, auch produktive Selbstwidersprüchlichkeit gäbe, wäre viel gewonnen.
Die Freiheit der Freien
Dummerweise baut sich Selbstvertrauen dieser Art nicht von alleine auf. Die Freien Darstellenden Künste leben in einer permanenten Prekarität, die sich durch die aktuellen Spardebatten noch einmal drastisch verschärft. Wer in dieser Unsicherheit arbeitet, wird vorsichtiger. Mehr noch: Die chronische Unterfinanzierung nimmt den Freien die Freiheit. Wo schon die Förderanträge sich im Ringen um Aufmerksamkeit wie eine mithin kuriose Verschraubung von Buzzwords und Awareness-Markern lesen, sieht auch die Kunst später dementsprechend aus. Hier müssen sich auch die Jurys in die Pflicht nehmen, im Zweifel häufiger für das Experiment zu votieren, wo es sich – wenn auch vielleicht noch unrund – außergewöhnlich liest. Dafür allerdings braucht es den politischen Willen, die Freiheit der Freien auch abzusichern. Langfristig wird es ohne einen solchen nicht möglich sein, diese Infrastruktur der Freien Darstellenden Künste, die in ihrer Breite und Qualität genauso weltweit herausragend ist wie die deutsche Stadttheater-Landschaft, weiterhin aufrecht zu erhalten.
Und damit wären wir wieder am Anfang: Vereinzelt Euch jetzt nicht. Ent-bubblet Euch. Denn ein Theater, das die Menschen, die Vielen, hinter sich hat, hat man schon immer nur unter größtem Getöse loswerden können. Verlasst Euch dabei nicht auf diejenigen, die eh schon da sind. Sucht neue Allianzen, intensiviert bestehende. Identifiziert Themen, die nicht nur Euch etwas angehen. Aber macht es trotzdem auch für Euch. Schaut, wie es anderswo läuft, außerhalb von Deutschland – schließlich ist kaum eine Szene international so gut vernetzt wie die Freien Darstellenden Künste. Geht nicht davon aus, dass es irgendwie schon weitergehen wird. Glaubt nicht, dass „audience development“ und „Vermittlung“ nur Musicalveranstalter*innen oder Opernhäuser beschäftigen müssen. Organisiert Euch in den Verbänden. Geht den Politiker*innen auf den Geist. Geht den Redaktionen auf den Geist. Macht Euch verständlich. Gönnt einander die Erfolge und seid solidarisch. Ihr seid wahnsinnig viele kluge und begabte Menschen. Vertraut auf Eure Resilienz. Es ist nicht die erste Krise, die Ihr überwunden habt. Es wird nicht die letzte gewesen sein.
Die freien Künste wirken nah an ihrem Publikum und setzen ästhetische Impulse und weiten das Denken: Ist dieses Wirken weitreichend genug? - Dies die Ausgangsfrage des vom Fonds initiierten „BUNDESTREFFEN25 der Freien Darstellenden Künste" am 25. und 26. September 2025 im HAU Hebbel am Ufer. Im Vorfeld des zweitägigen Gipfeltreffens haben wir Kulturjournalist*innen um ihre Einschätzung zu dieser Frage gebeten: frei, subjektiv und ungefiltert. Janis El-Bira moderiert die Podiumsdiskussion „Politik oder Kunst: Eine Show ohne Wirkung?“ zwischen der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach und der Performancekünstlerin Cesy Leonard beim BUNDESTREFFEN25.
-
Mehr erfahren über das „BUNDESTREFFEN25 der Freien Darstellenden Künste“: