Volle Kraft voraus

BUNDESTREFFEN26 – über Zukunft und Energie

Von Elisabeth Wellershaus

Der Fonds lädt zum BUNDESTREFFEN26 der Freien Darstellenden Künste, und es fällt in politisch fragile Zeiten. Die Kuratorinnen Anneke Wiesner und Theresa Schütz wollen das Programm jedoch nicht allein mit Blick auf drohende Zukunftsszenarien ausrichten. Mit der diesjährigen Veranstaltung blicken sie auf das Wichtigste, was die Freie Szene seit jeher prägt und was sie der Gegenwart entgegensetzen kann: die Kunst selbst. – Im Gespräch mit Elisabeth Wellershaus.

Elisabeth Wellershaus: Das Motto des diesjährigen Bundestreffens heißt „Don’t Stop Me Now.“ Diese Aufforderung lässt sich aktuell weit auslegen. Worauf spielt ihr in Bezug auf die Freien Darstellenden Künste konkret an? Und was genau sollte im Herbst 2026 nicht aufgehalten werden?

Anneke Wiesner: Das Bundestreffen 2025 stand ja bereits stark unter dem Eindruck von Krisenerfahrung und kulturpolitischen Verunsicherungen. Zentrale Frage war vor einem Jahr: Wie bleiben die Freien Darstellenden Künste handlungsfähig, wenn sich gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen zuspitzen? In diesem Herbst gibt es nun wieder genügend Anlässe, sich mit Krisen, Kürzungen und politischen Verwerfungen auseinanderzusetzen. Das sind wichtige Debatten. Gleichzeitig gerät dabei oft aus dem Blick, worum es eigentlich geht: um die Kunst selbst. Deshalb steht dieses Jahr nicht in erster Linie die Frage im Raum, wie und unter welchen Bedingungen wir weitermachen. Sondern vielmehr: Was motiviert uns, was hält uns in Bewegung, und was sollten wir auf keinen Fall aufgeben? „Don't Stop Me Now“ greift den Song von Queen auf und fragt nach den Kräften, die künstlerisches Arbeiten heute antreiben.

Theresa Schütz: Ein Merkmal künstlerischen Produzierens in den Freien Darstellenden Künsten liegt zum Beispiel darin, sich seine Themen, seine Kolleg*innen, seine Arbeitsweise und künstlerische Form selbst zu wählen. So haben Künstler*innen dieser Szene nicht nur wichtige ästhetische Innovationen, sondern auch entscheidende Impulse für Prozesse institutionellen Wandels hervorgebracht. Damit haben sie in die gesamte Theaterlandschaft hineingewirkt, unter anderem, wenn wir an Strukturen und Ästhetiken von Access, an Kanonerweiterungen und spartenübergreifende Kooperationen denken. Wenn Du also fragst, was im Herbst 2026 nicht aufgehalten werden darf, dann gehören diese Entwicklungen klar dazu. Denn mit ihnen sind wichtige neue künstlerische Handschriften und Ästhetiken verbunden, die Räume zur Entfaltung verdienen.

Und doch prägen Sparpolitik und Rechtsruck eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der auch künstlerische Inhalte unter Druck geraten. Gilt es in Zeiten von Exklusion, Polarisierung und Radikalisierung auch, die Schutzräume, die durch die Freie Szene geschaffen werden, auf allen Ebenen zu verteidigen?

Anneke Wiesner: Die Freien Darstellenden Künste sind geprägt von einer großen Vielfalt, die weit über vermeintliche Großstadtdiskurse hinausreicht. So schafft etwa der Upsala-Circus in Zeitz, dessen Akteur*innen zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine aus St. Petersburg vor Putin geflohen sind, kulturelle Begegnungsräume für Menschen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt. Solche Beispiele zeigen, was die Freien Darstellenden Künste auszeichnet: Sie vereinen unterschiedlichste Stimmen, weil sie von Vielfalt und der Freiheit, neue Perspektiven zu durchdenken, erzählen. Die Schutzräume dieser Szene sind dabei keine Selbstverständlichkeit und ihre Verteidigung beginnt auch nicht erst bei Fördermitteln. Sie betrifft ebenso die Orte und Netzwerke, in denen Künstler*innen unabhängig arbeiten können, und die Freiheit, unterschiedliche Positionen sichtbar zu machen. In polarisierenden Zeiten zeigen die Freien Darstellenden Künste, dass man nicht immer einer Meinung sein muss. Allen Widrigkeiten zum Trotz bleiben künstlerische Räume ja Orte, an denen kein Konsens produziert werden muss. Gerade solche Räume gilt es zu schützen. 

Was bedeutet es im Hinblick auf euer Programm, dass es einerseits um Widerständigkeit anderseits um die Selbstverständlichkeit künstlerischer Freiheit gehen wird?

Theresa Schütz: Wir stellen künstlerische Ästhetiken und Praktiken ins Zentrum des diesjährigen Bundestreffens und rahmen sie durch zwei inhaltliche Säulen: einerseits durch das Thema KI, andererseits durch die Verflechtung von Kunst und Wissenschaft. Uns interessiert, beispielhaft zu zeigen, was der Einsatz von KI-Modellen in der künstlerischen Praxis bedeutet, wie sich also ästhetische Entscheidungen und Produktionsweisen durch digitale Technologien verändern. Zugleich zeichnen sich viele künstlerische Positionen dadurch aus, Wissen über den politischen, ökonomischen und militärischen Komplex sogenannter Künstlicher Intelligenz zu verdichten. Sie regen damit nicht nur wichtige Diskurse – wie z.B. zu Bias-Logiken, Extraktivismus und technokratischen Ideologien – an, sondern zahlreiche Künstler*innen entwickeln auch selbst notwendige alternative Modelle, oder unterwandern dominante Prozesse auf kreative, erhellende und erheiternde Weise. Wir freuen uns, diese Entwicklungen beim Bundestreffen im unmittelbaren Dialog zwischen Kunst und Theorie zu reflektieren, indem wir aktuelle philosophische Positionen z.B. von Eva von Redecker, Rainer Mühlhoff oder Dorothea Winter, mit künstlerischen Positionen, etwa von Nina Tecklenburg (Interrobang), Theresa Reiwer oder Rosa Wernecke (Swoosh Lieu) zusammenbringen.

In den Arbeiten anderer Gäst*innen spiegelt sich das Spannungsfeld aus politischen und persönlichen Narrativen wider. Dazu passt auch der geplante Impulsvortrag von Eva von Redecker. Wie korrespondiert euer Programm mit diesem Ansatz?

Theresa Schütz: Ein weiteres herausstechendes Merkmal von Produktionen der Freien Darstellenden Künste ist recherchebasiertes Arbeiten. Darin dokumentiert sich der künstlerische Antrieb, gemeinsam etwas über die Welt, die Gesellschaft oder auch seine eigene Familiengeschichte herauszufinden. Alle Künstler*innen, die wir zum Bundestreffen eingeladen haben, arbeiten recherchebasiert, und bringen dabei ganz unterschiedliche dokumentarische, erzählerische, installative oder partizipative Theaterformen hervor. Wie diese Übersetzungs- und Inszenierungsarbeit vom Material zur Form konkret aussieht, präsentieren Künstler*innen wie Regina Dura und Hans-Werner Kroesinger, Benjamin Truong, Esther Pilkington oder Yeliz Pazar/Manuka im Rahmen von Praxis-Sessions im HAU3. Gleichzeitig arbeiten viele der geladenen Künstler*innen inhaltlich zu Aspekten unseres Oberthemas, sodass sich Querverbindungen knüpfen lassen: Colleen Ndemeh Fitzgeralds letzte Soloarbeit, „I want revenge, grandma“, die in ihre choreografische Beschäftigung mit der Biografie ihrer Großmutter über Fotografien der Bong Mines – einem in den 1960er Jahren von der Deutsch-Liberianischen Mining Company geführten Eisenerzbergwerk – verweist beispielsweise auf die gewaltvolle Kontinuität kolonialer Ausbeutungsstrukturen. Das Duo Miller de Nobili beschäftigt sich mit der Wirkung der Meme-Kultur auf körperliche Wahrnehmungsprozesse. Und Mona el Gammal, die seit Jahren künstlerische Transformationsforschung betreibt, stellt beim Bundestreffen ihren in Strausberg eingerichteten „Speicher“ vor, der fiktionales Utopie-Wissen ebenso wie Erfahrungswissen realisierter Alternativen anderen Wirtschaftens und Zusammenlebens versammelt. An die damit verbundene Idee, die Kunst als Labor für utopische und Lebensformen und -praktiken, zu verteidigen, lassen sich auch Eva von Redeckers Positionen gut anschließen.

Anneke Wiesner: Gerade die unterschiedlichen künstlerischen Zugriffe auf das Rahmenthema waren für uns ein Ausgangspunkt bei der Programmgestaltung. Es war uns wichtig, neben Diskursformaten auch Räume zu schaffen, in denen die Arbeitsweisen und Perspektiven frei produzierender Künstler*innen unmittelbar erlebt werden können. Deshalb sind Besucher*innen eingeladen, im HAU 3 etwas über die Werkzeuge und Methoden künstlerischen Arbeitens zu erfahren. Gleichzeitig wollten wir die praktischen Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang stellen, weshalb das HAU 1 am kommenden Wochenende vor allem zum Diskursraum wird, wo die großen Themen von KI bis zur Verknüpfung von Kunst und Wissenschaft verhandelt werden.

Das Thema Resilienz soll ebenfalls diskutiert werden. In einem eurer Formate geht es um die Frage, wo sich in diesen Zeiten noch nachhaltig Energie beziehen lässt. Wie versteht ihr in diesem Zusammenhang den Begriff Energie?

Theresa Schütz: Beim Nachdenken über den Titel „Don’t Stop Me Now“ waren wir, in Kombination mit dem KI-Thema, schnell beim Energie-Begriff: metaphorisch im Sinne vom Erhalt lebendiger Kunst und konkret materiell im Sinne von Infrastrukturen. Zur Verbindung beider Ebenen fiel uns das künstlerische Forschungsprojekt „Energy. Burnout Artist in a World on Fire“ von Ada Mukhina/SWITCHCRAFT WERK ein. Dann veröffentlichte das OSTEN Festival sein diesjähriges Programm zum Thema „Kraftwerk Zukunft“, das als freies „Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse“ in Bitterfeld und Wolfen nicht nur ähnliche Fragen stellt, sondern selbst ein gutes Beispiel für gelebte Resilienz in Zeiten des Rechtsrucks ist. Wir freuen uns, diese beiden Perspektiven in einer Fishbowl-Diskussion zusammen zu bringen. 
Wichtiger jedoch als den Begriff der Resilienz nun spezifisch für Akteur*innen der freien darstellenden Künste in Stellung zu bringen, war uns das mit dem Energie-Begriff verbundene Assoziationsspektrum der affektiven, politischen und klimatischen „Überhitzung“. Das schlägt sich thematisch vor allem in unserer Eröffnung nieder; besonders bildmächtig dann auch in der Preview von „Eternity“, Susanne Regina Meures‘ Film zu einer spektakulären Kunstaktion von Florentina Holzinger und ihren Performer*innen in den Schweizer Gletschern.

Mit Blick aufs diesjährige Programm wirkt es so, als könnte ein neuer Ansatz im Umgang mit der überhitzten Gegenwart auch im Austausch mit jüngeren Generationen liegen. War die Einladung an Studierende, die neben bekannten Namen aus Politik und Kulturszene auftreten, ein vorsichtig hoffnungsvoller Ausblick auf die Zukunft?

Anneke Wiesner: Ja, und genau das gehört für mich zum Bundestreffen: nicht nur über die Zukunft der Freien Darstellenden Künste zu sprechen, sondern diejenigen einzubeziehen, die diese Zukunft bereits gestalten. Der Fonds lädt deshalb erstmals auch Studierende zu einer Veranstaltung nach Berlin ein. Es werden 40 Studierende, vornehmlich aus Master-Studiengängen von fünf Universitäten und Kunsthochschulen dabei sein. Und damit greift das Motto „Don’t Stop Me Now“ vielleicht besonders eindringlich. Denn diese Generation steht gerade erst am Anfang ihres kreativen Schaffens. Uns war es wichtig, auch sie miteinander zu vernetzen. Ihre Ziele und Visionen zu integrieren und ihre Stimmen hörbar zu machen. Wir bringen ganz bewusst Künstler*innen, Studierende, Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Kulturverwaltungen, Fördereinrichtungen und Theatern zusammen. Denn die Frage, welche Rolle Theater und Kunst heute für unsere Gesellschaft spielen, lässt sich nur gemeinsam diskutieren.