Wo sich DDR-Schwalbe und Zuchtpudel treffen
Von Ella Rendtorff
Stellplatz, Werkstatt und sozialer Treffpunkt – Die Garagenhöfe in Chemnitz sind weit mehr als gewöhnliche Parkplätze. Erbaut zu DDR-Zeiten, wird hier ein Gefühl spürbar, das heute oft schwer zu finden ist: echte Gemeinschaft. Im Rahmen der Kulturhauptstadt öffnen die Garagenbesitzer*innen ihre Holztore für Öffentlichkeit und Kunst. Eine Reportage von Ella Rendtorff.
© Silvan Hagenbrock
Der Kies knirscht unter den Füßen, wenn man die Auffahrt zu Ute Wetzels Garagenhof im Westen von Chemnitz hinaufläuft. Fast täglich kommt die gelernte Veterinärin an diesen Ort – seit über 25 Jahren. Angrenzend an Kleingartenanlagen und Grünflächen öffnet sich hier ein Hof, auf dem mehr als 500 gleichförmig angelegte, in Brauntönen angestrichene Garageneinheiten stehen. Vor mehr als 50 Jahren, als Ute Wetzel jung war und die Stadt noch Karl-Marx-Stadt hieß, lag das Gelände brach, erzählt sie im Gehen, während bei jedem Schritt kleine graue Kieselsteine neben ihren Schuhen zur Seite hüpfen. Als Anfang der sechziger Jahre in unmittelbarer Nähe ein gigantisches Neubaugebiet mit 10.000 Wohneinheiten errichtet werden sollte, kam der im Stadtteil bekannte Friseurmeister Heinz Foraschik auf eine Idee: Warum nicht die freie Fläche für Garagen nutzen? Wer in der DDR ein „Fahrzeug“, wie Wetzel sagt, erwerben wollte, musste Geduld mitbringen. „Bis der Trabant oder Wartburg einmal da war, vergingen oft zehn, fünfzehn Jahre.“ Und war es dann endlich da, brauchte es natürlich eine angemessene Unterbringung, „weil man das gute Teil möglichst lange erhalten wollte.“ Als die Stadt dann 1971 die Baupläne genehmigte, entstand mit dem Garagenhof neben dem Chemnitzer Klinikum ein Ort, der die Stadtgesellschaft bis heute prägt: die Garagengemeinschaft.
Gemeinschaft – ein Gefühl, das im heutigen Chemnitz nicht selbstverständlich ist. In keinem deutschen Bundesland sind die politischen Gräben so tief wie in Sachsen. Das zeigte sich zuletzt auch bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt: Etwa tausend Chemnitzer*innen gingen auf die Straße, um Anhänger*innen der als rechtsextrem eingestuften Kleinstpartei „Freies Sachsen“ zu blockieren, die durch die Stadt zogen. Ein Ereignis, das repräsentativ für die politischen Fronten steht, die sich in Chemnitz immer stärker voneinander abgrenzen. Aber ist die Stadtgesellschaft tatsächlich so gespalten, wie diese Lagerbildung auf den ersten Blick vermuten lässt? Und wo gibt es sie noch, die Räume, in denen Gemeinschaft gelebt und Vielfalt verwirklicht wird – abseits ideologischer Abschottung? Wie sich ein entgleistes Gesellschaftssystem wieder auf einen gemeinschaftlich-demokratischen Kurs bringen lässt, fragt auch die diesjährige Kulturhauptstadt – dieser Tage flankiert von einer Veranstaltung des Fonds Darstellende Künste, der in der Kunst danach fahndete, Viele zu bleiben. Vielleicht lässt sich in den Chemnitzer Garagen eine Antwort finden.
Ute Wetzel sperrt die Tür zu einem Büroraum seitlich des Garagengeländes auf. Spärliche Einrichtung, ein großer Tisch füllt die Mitte des Raumes. Seit sie als Vorstandsvorsitzende der Garagengemeinschaft tätig ist, kümmert sie sich um Organisation, Instandhaltung und Weiterverkauf der Garagen, erzählt Wetzel und blickt durchs Fenster auf eine der vielen Garagen-Zeilen. Wenn sie sich daran zurückerinnert, wie der Hof Garage für Garage immer weiter wuchs, liegt Nostalgie in ihrem Blick: „Ich kann mir vorstellen, dass das eine schöne Zeit war, damals, in den Siebzigern.“ Schön vor allem deshalb, weil die Menschen sich gegenseitig aushalfen, zusammenhielten. Und weil jede einzelne Garage aus gemeinschaftlicher Arbeit entstand. Wer eine Garage wollte, musste selbst anpacken, erst nach 240 Arbeitsstunden hatte man die Berechtigung, sie zu erwerben. Aber allein gelassen wurde hier niemand: Immer sei Hilfe aus den fachspezifischen Brigaden zur Stelle gewesen, den Handwerksgruppen des planwirtschaftlichen Systems. Kam eine Lieferung Sand oder Beton auf dem Hof an, ließ Garagen-Gründer Heinz Foraschik auch mal seine Kund*innen im nachbarschaftlichen Friseursalon sitzen und eilte auf den Hof, um die Materialien entgegenzunehmen – eine Anekdote, die Ute Wetzel bis heute gerne weitererzählt.
Werkstatt und Wohnzimmer: Der Mikrokosmos Garage
Fünf Meter lang, zweieinhalb Meter breit und gerade so hoch, dass ein DDR-Wagen darin Platz fand. Wie eine Garage im Chemnitzer Stil auszusehen hat, wurde von Beginn des Bauprojekts in einheitlichen Bauvorlagen festgelegt, von denen nicht abgewichen werden durfte. So identisch die Tore von außen betrachtet aussehen, so individuell ist allerdings das Innenleben, das sich dahinter verbirgt. Denn schnell war klar: Garage ist nicht nur Parkplatz, sondern Werkstatt, Hobbyraum, Treffpunkt. Vor allem letzteres entwickelte sich im Laufe der Jahre, in denen DDR-Bürger*innen auf das begehrte Fahrzeug warteten, zu einem essenziellen Teil der Chemnitzer Stadtgesellschaft: Die Garage als Ort des Zusammenkommens. Während Trabant und Wartburg längst Volkswagen und Mercedes gewichen sind, haben die Garagenhöfe ihre Funktion als Gesellschaftsräume bis heute nicht verloren – im Gegenteil.
Geschäftig läuft Ute Wetzel über ihren Hof, grüßt Garagenbesitzer*innen im Vorbeigehen, die an diesem Mittwoch im Spätnachmittagslicht vor ihren Garagen sitzen, Schraubenzieher und eine Flasche Bier in der Hand. Wie an so vielen Abenden hat sich auch Michael Kaden mit einem Freund in seiner Garage verabredet, um weiter an der gemeinsam hergerichteten Schwalbe zu schleifen – einem DDR-Moped, Baujahr 1985. Betritt man den Raum, riecht es nach Lack und Staub, im Hintergrund dudelt Chartmusik, an den Wänden hängt eine Werkzeugsammlung: Schraubenschlüssel, Feilen, Hämmer in allen Größenordnungen. Daneben ein DDR-Kassettenradio – „leider kaputt“, sagt Michael Kaden, das müsse er mal reparieren. Sogar ein kleiner Kühlschrank steht unter einer Werkbank, darin Ketchup und Mayo in Jumbo-Größe, hin und wieder werde in der Garage auch gemeinsam gegessen: „Das ist der Ausgleich vom Arbeitstag.“ Sechzig Prozent seines Feierabends verbringe er hier, erzählt der Chemnitzer mit hörbarem Stolz in der Stimme und wischt mit einer routinierten Bewegung Metallstaub von den Blechteilen der Schwalbe. „Grau, dreckig und unschön“ sei die Garage gewesen, als er sie vor sechs Jahren gepachtet habe. Gemeinsam mit seinem Kollegen, der beruflich Malermeister ist, habe Kaden, der selbst gelernter Elektriker ist, Böden und Wände „liebevoll hergerichtet“. Seitdem wird hier gewerkelt und geschraubt – und damit ein Jugendtraum verwirklicht. Damals habe ihnen das Geld und die Zeit gefehlt, 1400 Ostmark hätte ein Moped gekostet. Zu DDR-Zeiten eine Summe, die schwer aufzutreiben war als junger Arbeiter im Dreischichtbetrieb: „Entweder du hast dir ein Radio gekauft oder ein Moped“, erinnert sich Kaden. Heute hat er beides, für ihn „der Himmel auf Erden“. Und doch wünscht er sich die Zeit von damals manchmal zurück – keinesfalls politisch, aber gesellschaftlich. Was ihm heute fehlt, ist der Zusammenhalt. Der Garagenhof sei da eine Insel, in der sich der Geist der Gemeinschaft noch gehalten hätte, wie früher auf dem Zeltplatz: „Wir sind intim, wir sind Nachbarn, wir sind Freunde. Wir helfen uns gegenseitig durch die Generationen hindurch.“
„Im Osten kommt man immer ins Gespräch“
Es ist das Jahr der Kulturhauptstadt, für Chemnitz Herausforderung und Chance zugleich. Dementsprechend ambivalent fielen die Reaktionen in der Garagengemeinschaft aus, als das Kunstprojekt „3000 Garagen“ ins Leben gerufen werden sollte. Die Idee: ein Austausch zwischen dem Programm der Kulturhauptstadt und den Garagennutzer*innen. Anfangs sei die Skepsis groß gewesen, erzählt Ute Wetzel: „Chemnitz, Garage, Kultur – was soll das?“, hätten sich viele Gegner*innen des Projekts gefragt. Als sich am 5. April dieses Jahres dann die Schranke vor der Auffahrt des Garagenhofs für eine Auftakt-Veranstaltung des „3000 Garagen“-Projekts öffnete, wichen die anfänglichen Zweifel einer beschwingten Euphorie: „Ein wahnsinnig schöner Tag“ sei es gewesen, erzählt Michael Kaden. Rund 300 interessierte Menschen kamen hier zusammen, Vertreter*innen der ehemaligen Kulturhauptstädte trafen auf Chemnitzer*innen aus der Nachbarschaft, die auch mal sehen wollten, was in diesen Garagen eigentlich so passiert. „Im Osten kommt man immer ins Gespräch“, sagt Michael Kaden mit einem Augenzwinkern und klopft seinem Schrauber-Freund kameradschaftlich auf die Schulter.
Gemeinschaft – der Motor für die Kunst?
Ute Wetzels Garagenhof ist zwar der größte, bei Weitem aber nicht der einzige in Chemnitz. Zwei Kilometer südlich in Richtung Innenstadt liegt eine weitere der insgesamt 156 Garagen-Kolonien, die immer wieder im zerklüfteten Stadtbild aufblitzen. In einer Baulücke zwischen vierspuriger Verkehrsachse und dem Chemnitzer Flüsschen befindet sich der Garagenhof Theaterstraße, auf dem vom 24. Mai bis zum 3. Oktober im Jahr der Kulturhauptstadt eine Ausstellung des Projekts „3000 Garagen“ stattfindet. Schon über den Zaun hinweg ist zu sehen: Hier wird gewerkelt. Allerdings nicht an einem Liebhaberstück aus DDR-Zeiten, sondern an einem Kunstobjekt. Die Künstlerin Cosima Terrasse öffnet das Tor zum Garagenhof in einem blauen Overall, als käme sie direkt aus der Werkstatt. Auf dem Hof riecht es nach Filterkaffee, den Cosima Terrasse und ihr Team aus Pappbechern trinken, und Strohballen, auf denen sitzend man in einer der insgesamt sechs Garagen eine kurze Filmeinführung sehen kann. Es ist die Woche vor der Eröffnung der begehbaren Installation mit dem rätselhaften Namen „Fischelant“, einem mysteriösen Autowesen zwischen Kraftfahrzeug und Kunstautomat, das laut Programm verspricht, „aus Scheiße Gold zu machen“. Entstanden durch gemeinsames Fabulieren und Experimentieren mit Garagenbesitzer*innen, spielt die Installation auf die alltagsimprovisatorische DDR-Mentalität an, aus vermeintlichem Schrott immer noch etwas Wertvolles zaubern zu können: schlau, gewitzt und wendig, „fischelant“ eben, wie das sächsische Wort lautmalerisch ausdrückt.
Die Kulturwissenschaftlerin Ann-Kathrin Ntokalou hat das Projekt von Tag eins an betreut, ist dafür von München, wo sie studiert hat, nach Chemnitz gezogen. Ganze zwei Jahre Vorlauf und etliche Anbahnungsgespräche mit der Garagen-Community habe es benötigt, bis das Konzept der „3000 Garagen“ zur Kulturhauptstadt nun tatsächlich in Form von Ausstellungen, Konzerten und Installationen umgesetzt wird. Selbstverständlich sei das allerdings nie gewesen: „Garagenhöfe sind schon sehr private Räume“, sagt Ann-Kathrin Ntokalou und zeigt mit einer ausschweifenden Bewegung in Richtung der Garagen. Das Interesse und vor allem das Vertrauen der Besitzer*innen zu gewinnen, hätte anfangs gerade bei den älteren Menschen Zeit gebraucht. Viele hätten befürchtet, das Konzept der „3000 Garagen“ sei nur ein Aushängeschild, um ein externes Kunstprojekt in Chemnitz anzusiedeln, das die Garagennutzer*innen letztlich außen vor ließe. Ein berechtigter Vorbehalt, findet Ntokalou: „Deshalb wollten wir mit unserem Projekt auf keinen Fall als UFO landen, das einfach wieder abhebt, wenn das Kulturhauptstadtjahr vorbei ist.“ Durch gemeinsam gestaltete Events wie Garagenkonzerte oder Open-Air-Kinos hätte sich die anfängliche Skepsis dann in Neugier und ein Gefühl von Zusammenhalt verwandelt. Ntokalou und ihr Kurator*innen-Team stellten die Infrastruktur, die Garagenbesitzer*innen den Hof und Getränke: „Und dann standen da auf einmal Frauen im Versace-Kleid mit Zuchtpudel und alte Motorrad-Schrauber zusammen auf einer Veranstaltung.“
„Als wir in Chemnitz ankamen, waren wir drei Frauen mit einem polnischen Kennzeichen und einem alten Mazda“, erinnert sich Ann-Kathrin Ntokalou an die Anfangszeit des gemeinsamen Projekts der Kurator*innen von „3000 Garagen“. Damals hätten sie vor heruntergefahrener Schranke in der Auffahrt von Ute Wetzels Garagenhof gestanden, den Kofferraum voller Ideen. Heute sind sie über das „Garagen-Telefon“ mit der Garagengemeinschaft vernetzt, ein Anruf reicht und man hilft sich gegenseitig, tauscht Kontakte und Geschichten aus: „Das ist ein Prozess, der nicht umkehrbar ist.“ Ein Prozess, der daran erinnert, wie Demokratie abseits von Parlamenten stattfinden kann, und der zeigt, wie Kulturarbeit nicht nur die Schranke vor dem Garagenhof, sondern auch die zwischen gesellschaftlichen Schichten öffnen kann. Vielleicht wird sie hier, auf den Chemnitzer Garagenhöfen, nicht nur diskutiert, sondern gelebt – die Kunst, Viele zu bleiben.
C the Unseen - das Motto der Kulturhauptstadt Chemnitz wurde für zwei Tage die Einladung an Studierende im Masterstudiengang Kulturjournalismus der Hochschule für Musik und Theater München, das Programm von „Die Kunst, Viele zu bleiben. Forum für Kunst, Freiheit und Demokratie: Deutschland und Europa“ des Fonds zu besuchen und Chemnitz zu erkunden. Ihre Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen zum Nachlesen, -schauen und Staunen.