Braucht Deutschland eine Theaterentwicklungsplanung?

Am 02. November 2021 präsentiert der Fonds Darstellende Künste zusammen mit den beteiligten Wissenschaftler*innen die Ergebnisse der Studien, die die NEUSTART-KULTUR-Förderungen begleitet haben. Geleitet hat das Programm Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Vorstandsvorsitzender des Fonds Darstellende Künste. Ein Gespräch über zentrale Erkenntnisse und darüber, was jetzt zu tun ist.

von Elena Philipp und Georg Kasch

Professor Schneider, was ist die wichtigste Erkenntnis aus dem wissenschaftlichen Begleitprozess, der die vom Fonds Darstellenden Künste während der Corona-Pandemie ausgegeben Hilfsprogramme evaluiert hat?

Die erste Erkenntnis war, dass die Theaterwissenschaft in Deutschland relativ wenig über die Freien Darstellenden Künste geforscht hat. Das muss die Künstler*innen nicht beunruhigen, die Bandbreite der inhaltlichen und ästhetischen Entwicklungen sind dem Fonds Darstellende Künste durch Tausende von Projektanträgen bekannt. Unbekannt war uns bisher, dass dieses vielfältige Material der Praxis, aber eben auch der kulturpolitischen Theaterlandschaft an den deutschen Universitäten nicht in dem Maße gewürdigt wurde, wie wir das jetzt versucht haben mit unserem Forschungsprogramm im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

Wie genau war das Forschungsprogramm angelegt?

Wir haben zwölf Studien in Auftrag gegeben, an elf Kolleg*innen von zehn verschiedenen Hochschulen, die uns jetzt ein Konvolut von über 1000 Seiten an Ergebnissen und Erkenntnissen geschickt haben. Gespeist haben sich diese Ergebnisse im Wesentlichen aus drei Quellen: Erste Quelle war das Material der diversen Förderprogramme des Fonds Darstellende Künste, die um ein Erhebliches erweitert werden konnten durch die Initiative NEUSTART KULTUR. Die zweite Quelle ist die Ressource der Macherinnern und Macher, der qualitativen Empirie, indem es viele Gespräche, Interviews und auch so etwas wie eine wissenschaftliche Beobachtung gegeben hat. Und die dritte Quelle ist tatsächlich das Aufgreifen der Idee einer Theaterlandschaft – ein Diskurs, der, wenn man die meiner Meinung nach wichtigste Referenzquelle zur Kulturpolitik vergegenwärtigt, seit dem Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages 2007 geführt wird. Wenn man da auf das Theaterkapitel Bezug nimmt, wird dort tatsächlich zum ersten Mal von einer Theaterlandschaft gesprochen, und nicht von zwei Welten, drei Säulen oder dem System des Stadt- und Staatstheaters – und dann soll es auch noch Freies Theater geben. Auf dieser Basis sind Diskurse in den letzten Jahren zu analysieren gewesen, die auch Eingang in die Forschung gefunden haben.

Gab es in den Teilstudien ein Ergebnis, das sie wirklich überrascht?

Wenn man so lange im Geschäft ist wie ich, dann ist man immer noch überrascht, auch wenn man glaubt, vieles schon zu wissen. In dem Falle gab es ganz viele Bestätigungen, mindestens so viele Ermunterungen und noch viel mehr Überlegungen für Veränderungen. Eine Studie dieser Größenordnung hat es bis dato nicht gegeben. Alleine wenn man sich die Überlegungen zur Wirkung von Kunst anschaut: Die besteht ja im Wesentlichen darin, wie wir uns und die Welt wahrnehmen. Allerdings lebt Kunst einerseits von Veränderung, andererseits – und das war in den letzten anderthalb Jahren durchaus ein Thema – ist sie nicht nur von hoher Relevanz, sondern kann auch systemrelevant sein durch das Weiterdenken von Gesellschaft. Das wird in den Studien bis ins Detail bestätigt, weil man Einblick bekommt in die konkrete Produktionspraxis. Und da, wo Produktion wegen der Pandemie nicht möglich war, bekommt man Einblick in das Denken, in Zukunftspläne, in die strukturellen Perspektiven, die in dieser Zeit entwickelt wurden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ganz viele. Da der Fonds Darstellende Künste ein impulsgebender Förderer in der Bundesrepublik Deutschland ist, stand für uns natürlich die Rolle der Förderprogramme und Förderstrukturen im Mittelpunkt. Darum haben wir die wissenschaftlichen Kolleg*innen gebeten, diese Förderinstrumente besonders zu betrachten, auseinanderzunehmen und für uns neu zusammenzusetzen. Nach wie vor ist es für uns wichtig, aus dieser Krise heraus für die Förderlandschaft zu lernen und mit neuen oder veränderten Programmen dafür zu sorgen, dass, salopp gesagt, mehr Theater für mehr Menschen möglich ist.

 

Prof. Dr. Wolfgang Schneider | Foto: Dorothea Tuch

Was sind die Punkte, an denen man jetzt konkret ansetzen müsste?

Fast übereinstimmend haben die Wissenschaftler*innen dafür plädiert, stärker die Mehrjahresförderung in den Blick zu nehmen. Es gibt zum Beispiel die Idee, dass man über mehrere Jahre ein Netzwerk künstlerischer Forschung fördert, in dem mehrere Gruppen oder Künstler*innen gemeinsam Gelder beantragen und mit dem, was sie erarbeitet haben, weiterarbeiten, vielleicht andere mit hineinnehmen, so dass ein über mehrere Stationen laufender Forschungsprozess entsteht – statt eines Projekts, das sich in wenigen Aufführungen erschöpft. Es geht um Zeiträume, um Planungssicherheit. Wir haben im Fonds seit einigen Jahren die Konzeptionsförderung über drei Jahre. Uns ist mehrfach bestätigt worden: Das ist der richtige Weg, dafür zu sorgen, dass Künstler*innen Zeit haben und mehr auf die Prozessbezogenheit zu achten als auf eine kurzfristige Projektförderung.

Wurde der sogenannte Förderdschungel, die kleinteilig und mitunter unübersichtlich strukturierten Instrumente von Kommunen, Ländern und Bund, thematisiert?

Ja, die Förderinstrumente müssen kompatibler werden. Wir leben in einer vielfältigen Förderlandschaft, vor allem leben wir in einem System des Kulturföderalismus. Dieses politische Mehrebenensystem ist im Sinne der Künstler*innen dahingehend diskutiert worden, dass es zu einem stärkeren Austausch kommen muss, um sich zu verständigen, unter Einbeziehung aller anderen Förderinstitutionen wie der Bundeskulturstiftung, von Stiftungen in den Ländern oder in kommunalen Zusammenhängen. Zugleich muss niemand Bedenken haben, dass in diesem Feld alles fortan nur noch zentralistisch organisiert werden soll. Dafür sind die einzelnen Rahmenbedingungen, Hintergründe oder Ausgangsszenarien zu unterschiedlich.

Die Vielfalt soll erhalten bleiben.

Genau. Es ist offensichtlich so, dass in den Freien Darstellenden Künsten nicht nur soloselbständige Einzelkünstler*innen agieren, sondern dass diese in unterschiedlichen Formationen zusammenarbeiten und daraus auch ihren Honig saugen für die inhaltliche und ästhetische Weiterentwicklung. Das zu stärken und in Förderprogrammen zu berücksichtigen, wird uns von vielen Teilstudien sehr deutlich empfohlen.

Apropos Förderstrukturen: Eine Teilstudie thematisiert Diversität. Zu welchem Schluss?

Zum Thema Diversität wurden auch in der Vergangenheit schon eine Menge an Programmen und Projekten entwickelt. Aber es ist offensichtlich, dass die Förderstruktur in ihrem derzeitigen Zustand nicht in der Lage ist, die treibende Kraft für die Verbesserung der Zugangsbedingungen unterrepräsentierter Gruppen und Künstler*innen zu Mitteln im Bereich Darstellender Künste zu sein. Einige Studien zeigen deutlich, dass es zwar einzelne Förderprogramme gibt, aber Diversität nicht auf migrations- oder inklusionsbezogene Projektförderungen zu reduzieren ist. Sondern es wird allgemein plädiert, Diversität als zentrales Handlungsfeld in der Förderung zu erkennen und zum integralen Bestandteil der Theaterpraxis zu machen.

Wie könnte das aussehen?

Zwei Unterpunkte illustrieren das, weil sie Debatten aufgreifen, die wir im Fonds Darstellende Künste in den letzten Jahren über Abgrenzungen hatten: Wo fängt Theater an, wo hören Soziokultur und Kulturelle Bildung auf? Diese Bestandteile werden als unverzichtbare Dimensionen einer Diversitätsentwicklung beschrieben, aus den Erfahrungen derer, die hier befragt wurden und die in den letzten Jahren in dem Bereich aktiv künstlerisch tätig waren. Der zweite Punkt, der mich als langjährigen Vorsitzenden der ASSITEJ natürlich erfreut hat, ist, dass die Kinder- und Jugendtheater ein elementarer Bestandteil in der Diversitätsentwicklung sind, dass sie mit dazu beitragen, was, wie und von wem auf der Bühne präsentieren und repräsentieren. Sie ermöglichen so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Vermittlung, die im besten Fall ein Leben lang wirkt, zumal das Publikum des Kinder- und Jugendtheaters mit am diversesten ist in Bezug auf die Zusammensetzung.

Untersucht wurde auch das Verhältnis von Stadt und Land. Gibt es da neue Erkenntnisse?

Eine kluge Studie hat sich mit den sozialräumlichen Bedingungen des Theaters beschäftigt. Da gibt es klare Hinweise, was jenseits der Großstädte nicht stattfindet beziehungsweise was als beispiel- und modellhaft in ländlichen Räumen gelten kann: das Prinzip der Partizipation des Publikums. Hier wird sehr deutlich gemacht, dass das möglicherweise auch ein Lernen für die gesamte Theaterlandschaft ist. Deutlich wird auch, dass hier etwas mit der Förderung im Argen liegt: Das föderale Prinzip, das, nach regionaler Relevanz gestaffelt, aufsteigend Kommunen, Länder, Bund meint, greift strukturell nicht, wenn es um die Theaterarbeit jenseits der Großstädte geht, weil viele Kommunen Kultur als Ehrenamt begreifen und finanziell ungenügend aufgestellt sind. Da gibt es klare Hinweise in den Studien, wie das gestärkt werden kann.

Wie zum Beispiel?

Zukünftig sollten im Fokus der Förderung beispielsweise die ungelösten Probleme des Generationswechsels in Vernetzungsstrukturen und die sozialen Orte der ländlichen Räume wie Schulen, Büchereien, Soziokulturelle Zentren oder Dorfgemeinschaftshäuser stehen. Denn ohne gute Gastgeberschaft läuft gar nichts. Und ohne Qualifizierung von Verwaltung und Politik in den Kommunen wird es nicht gehen. Wir haben auch danach gefragt, ob Deutschland so etwas wie Theaterentwicklungsplanungen braucht – vernetzte Konzeptionen der Kommunen, Länder und des Bundes, mit den Zielen einer Ausweitung der Finanzen, der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Verständigung der Förderinstitutionen untereinander. Kooperationen der Freien Darstellenden Künste und der öffentlichen Theater werden empfohlen, Durchlässigkeit und Wissenstransfer sowie gemeinsame Produktionsplattformen angemahnt. Und auch die theaterbezogene Ausbildung in Deutschland steht auf dem Prüfstand.

Ließen sich in den Studien auch negative Entwicklungen ablesen, etwa die uns gegenüber des Öfteren geäußerte Überforderung durch die verstärkte Förderung innerhalb eines kurzen Zeitraums? 

Die Langfristigkeit von Theaterförderung wird das A und O einer zukünftigen Kulturpolitik sein. Alle Studien plädieren für mehr Zeit, mehr Räume, mehr Geld. Das klingt utopisch, basiert aber auf der beforschten prekären Praxis. Verbindlichkeiten und Planungssicherheiten befördern offensichtlich die künstlerischen Prozesse und verhindern, dass sich auch weiterhin Freie Theater von Projekt zu Projekt hangeln müssen, viel Zeit für Antragslyrik verwenden und nach kurzer Zeit der Aufführungspraxis beim nächsten geförderten Programm mitmachen müssen. Zu den Forderungen aus der Wissenschaft gehören Rechercheförderung, Prozessförderung und Residenzförderung, auch die Wiederaufnahmeförderung und die Konzeptionsförderung.

Was passiert mit den Ergebnissen der Studie nach der Präsentation? Lassen sich daraus klare Handlungsempfehlungen ableiten?

Den Kolleginnen und Kollegen der wissenschaftlichen Studien bin ich zu großem Dank verpflichtet. Sie haben in kurzer Zeit, in einer für das Theater wohl schwierigsten Situation, die Akteure der Freien Darstellen Künste beobachtet, befragt und Erkenntnisse generiert, die jetzt in die Diskurse eingespeist werden müssen. Alle Texte werden frei verfügbar sein, nach dem Symposium ist vor der Veröffentlichung der Studien, analog und digital. Und auch die Politik wird sich der Ergebnisse annehmen können, im besten Falle mit den Künstlerinnen und Künstlern und dem Fonds Reformen bedenken, ausarbeiten und realisieren. Neustart Kultur hat es endlich möglich gemacht, fundiert die Situation der Freien Darstellenden Künste zu analysieren und dahingehend auszuwerten, was die Systemrelevanz der Theaterlandschaft zukünftig braucht, um nicht nur existieren zu können, sondern auch ihre Potentiale für die Gesellschaft nutzbar zu machen, und um sich weiterzuentwickeln.