Allgemein

Bundesweite Artist Labs

Freie Künstler*innen und ihre Erkenntnisse zu Herausforderungen, Chancen und Veränderungen für die Darstellenden Künste einer postpandemischen Gegenwart

Der Fonds Darstellende Künste nahm im Rahmen seiner Programme und anlässlich der veränderten Situationen künstlerischen Arbeitens in der Pandemie die gegenwärtigen und die zukünftigen Herausforderungen wie Potenziale in den Freien Darstellenden Künsten in den Blick. Nach den Stimmen aus Wissenschaft, Fachverbänden und Strukturen standen nun insbesondere die Erkenntnisse und Positionen der Künstler*innen im Mittelpunkt – als wichtigstem Ausgangspunkt für die Gestaltung einer zukunftsweisenden Förder- und Theaterlandschaft.

Dafür initiierte der Fonds ein Programm der Labore: die BUNDESWEITEN ARTIST LABS. Rund 25 Labore wurden durch Künstler*innen der Freien Darstellenden Künste, von Figuren- und Objekttheater bis Musiktheater, von Tanz über Performance und Schauspiel bis zu Theater im Öffentlichen Raum und Zeitgenössischem Zirkus, realisiert. In über die Bundesrepublik verteilten (auch digitalen) Laboren, wurden Erfahrungen aus der künstlerischen Praxis und dabei erlangte Positionen zusammengetragen, diskutiert und fließen in vielgestaltiger Form in die Debatte um eine postpandemische Kunstproduktion ein.

In der Zeit vom 14.-15. Oktober 2022 richtet der Fonds im Haus der Berliner Festspiele ein Bundesweites Artist Labor der Labore aus, den B.A.L.L. der Freien Darstellenden Künste, auf dem die vielfältigen Positionen der Labore aufeinandertreffen. Über Austausch, Begegnung und Wissenstransfer zwischen den Künstler*innen entsteht hier ein weiterer Raum für die Debatte über die Transformation der Theaterlandschaft.

Gefördert wurden austauschbasierte Laborformate, die auf Basis der veränderten Situationen künstlerischen Arbeitens in den vergangenen Jahren der Pandemie die gegenwärtigen und die zukünftigen Herausforderungen wie Potenziale in den Freien Darstellenden Künsten in den Blick nahmen und sich im Kern drei übergreifenden Feldern widmeten:

  • Fragen um die Veränderung der Kunst selbst – in Bezug auf Inhalte und Ästhetiken
  • Fragen um gegenwärtige und zukunftsgerichtete Arbeits- und Produktionsweisen
  • Fragen der Rezeption und Partizipation, des Publikums bzw. der Publika

Die jeweiligen Schwerpunktsetzungen der Labore konnten auf unterschiedlichen Ebenen gedacht werden – sei es etwa zu Aspekten der Nachhaltigkeit, Ökologie und Digitalität, intersektionalen Betrachtungen von Gender Diversität, Race, Inklusion, Intergenerationalität oder Klasse, aber auch zu neuen Formen der Vernetzung und Zusammenarbeit, Interdisziplinarität, Community(-Building) und Kulturpraxen des Teilens, wie sie zum Beispiel auch der digitale Raum bietet. Ebenso können Spezifika von Genres und Sparten der Freien Darstellenden Künste, Merkmale des ländlichen und städtischen Raums sowie weitere aktuelle und zukunftsweisende Themenfelder Ausgangspunkt eines Labors sein.
Im Rahmen der ARTIST LABS sollte eine verbindliche Dokumentation der Laborergebnisse in Form von Text, Audio und/oder Video entstehen, deren Ausgestaltung nach Förderzusage in Rücksprache mit dem Fonds Darstellende Künste erfolgte.

Einzelkünstler*innen, Kollektive, Ensembles, projektgebundene und/oder Community-basiert arbeitende Zusammenschlüsse von Künstler*innen der Freien Darstellenden Künste, die langjährig kontinuierlich professionell tätig sind und weitere Künstler*innen der Freien Darstellenden Künste einladen, an und in dem beantragten Labor mitzuwirken.

Ausgeschlossen von der Antragstellung waren Produktionshäuser, Festivals, Verbände und Produktionsbüros.

 25.000 € – 50.000 €

Eine Kofinanzierung durch weitere Mittel war nicht notwendig.

  • Antragsteller*innen mussten langjährig professionell in den Freien Darstellenden Künsten tätig sein
  • Mindestens 10 % der Antragssumme mussten für die Dokumentation der Laborerkenntnisse berechnet werden
  • Einbringen der ausführlich dokumentierten Laborergebnisse im Rahmen des BALL der Freien Darstellenden Künste im Haus der Berliner Festspiele (siehe unten)

15.05.2022 – 31.08.2022

Anträge konnten bis zum 10.04.2022 eingereicht werden.

Bundesweite Artist Labs – Impulse und Themen im Rückblick

B.A.L.L. - Bundesweites Artist Labor der Labore

Jury

Foto: Christian Fuchs

Regisseur, Puppenspieler | Leipzig

Christian Fuchs wurde 1972 in Düsseldorf geboren und studierte als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes Musiktheater-Regie in Hamburg. Seit 2003 arbeitet er als freischaffender Regisseur in Oper und Figurentheater unter anderem in Würzburg, Halle, Erfurt und Leipzig. Er war Dramaturg am Theater Waidspeicher Erfurt, Leiter des Jungen Theaters am Theater Nordhausen und Projektleiter am Theater der Jungen Welt Leipzig. Seit August 2019 ist er als freischaffender Regisseur und Puppenspieler tätig und lebt mit seiner Familie in Leipzig.

Foto: Sibylle Fendt
Foto: Sibylle Fendt

Regisseur*in, Choreograf*in, Performer*in | Berlin

Heinrich Horwitz ist Regisseur*in, Choreograf*in und Schauspieler*in. Heinrich studierte Schauspielregie und Choreografie an der HfS Ernst Busch Berlin. Sie realisierte Produktionen in der freien Szene, an diversen Stadttheatern und in der Szene der Neuen Musik.
Heinrich war zum Heidelberger Stückemarkt, zum Autorenfestival Maximierung Mensch in Trier eingeladen und wurde mit dem Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Seit 2017 arbeitet Heinrich kontinuierlich mit dem Decoder Ensemble zusammen. Neben der Regie und Choreografie arbeitet Heinrich kontinuierlich auch als Schauspieler*in an Theater, in Film und Fernsehen. Heinrich erhielt den Adolf-Grimme-Preis. Seit 2016 arbeitet Heinrich mit dem Künstler*innen Team The Agency zusammen. 2021 entstand der Amazonen Mythos, bei dem Amazon Rising als queer-feministischer Umzug durch Berlin im Zentrum stand. 2022 ist Heinrich als Dozent*in in der Regieklasse an der AdK in Ludwigsburg tätig.
Heinrich Horwitz ist neben 185+ Schauspieler*innen Mitunterzeichner*in des #ActOut Manifests und Aktivist*in.

Foto: Alexander Wunsch
Foto: Alexander Wunsch

Choreografin, Regisseurin, Künstlerische Co-Leiterin von backsteinhaus produktion | Stuttgart

Nicki Liszta (*1980) studierte zeitgenössischen Tanz an der Hogeschool voor de Kunsten, Tilburg, Niederlande. Seit ihrem Abschluss 2006 arbeitet sie als Choreografin und Regisseurin in der zeitgenössischen Tanz- und Theaterszene. Seit 2009 als Gastdozentin an diversen Kunsthochschulen. Als Teil der künstlerischen Leitung von backsteinhaus produktion realisierte sie seit 2008 zahlreiche Kooperationen und Eigenproduktionen und erhielt mit diesen Arbeiten diverse Preise und Nominierungen wie etwa für den Georg Tabori Preis 2018. Tief verbunden ist die Gruppe backsteinhaus produktion seit 2016 mit dem Theater Rampe in Stuttgart. Von hieraus arbeiten sie an der Erzählung im Tanz, experimentieren mit ortsspezifischen Arbeiten, mit dem Wechsel zwischen Außen- und Innenräumen und mit inszenatorischen Überschreibungen. Thematisch reflektieren backsteinhaus produktion damit Bilder aus dem aktuellem Zeitgeschehen und Diskursen kontrovers und entwickeln groteske Zerrbilder unserer Gesellschaft zwischen Pathos und Komik. Als Künstlerin und Teilnehmerin diverser Teams interessiert sich Nicki Liszta speziell für das Aufbrechen ungesunder Strukturen und das Ideal des machtfreien, expertisenbasierten Arbeitens.

Foto: privat

Autor, Regisseur, Mitglied der Performancegruppe Ligna | Köln, Frankfurt

Torsten Michaelsen ist Teil der Performance-Gruppe LIGNA, die sich seit 2002 damit beschäftigt, temporäre Situationen herzustellen, in denen das Publikum ein Kollektiv von Produzent*innen wird – eine Assoziation, die unvorhersehbare, unkontrollierbare Effekte hervorbringt, welche die Ordnung des Raumes herausfordern.
LIGNAs erste breiter wahrgenommene Arbeit, das „Radio Ballett“ (ab 2002) lädt die Teilnehmer*innen dazu ein in ehemals öffentlichen, inzwischen privatisierten und kontrollierten Orten wie Hauptbahnhöfen oder Shopping Malls einer Choreographie der verbotenen und ausgeschlossenen Gesten zu folgen. Dabei entstand eine neue Form des partizipatorischen Theaters, die die Gruppe 2020 mit der Arbeit „Zerstreuung überall“ aktualisierte – eine Kollaboration mit 14 internationalen Choreograph*innen, die sich mit der Frage kollektiver Handlungsfähigkeit in den Zeiten der Pandemie auseinandersetzte. Stücke wie „Der Neue Mensch“ (2008), „Tanz Aller -“ (2013) oder die Bearbeitung von Brechts „Die Spitzköpfe und die Rundköpfe“ (2022) untersuchen das Theater selbst als einen Ort, in dem Subjektivität produziert wird.

Daneben gibt Torsten Michaelsen auch ab und zu Workshops und Seminare.

 

Foto: Nico Scagliarini
Foto: Nico Scagliarini

Theaterregisseur, Schriftsteller, Festivalleitung | Hamburg

Dan Thy Nguyen ist freier Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller und Sänger in Hamburg. Er arbeitete an diversen Produktionen u.a. In Ballhaus Naunynstraße, auf Kampnagel, dem Mousonturm Frankfurt, dem MDR und an der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. 2014 entwickelte und produzierte er das Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ über das Pogrom von Rostock -Lichtenhagen, welches 2015 in seiner Hörspielversion die „Hörnixe“ gewonnen hat und bis heute noch an diversen Institutionen gespielt wird. Seit 2020 leitet er mit seiner Produktionsfirma Studio Marshmallow das Hamburger Festival „fluctoplasma – 96h Kunst Diskurs Diversität“ und er ist stellvertretender Vorstand der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg. 2021 erhielt er zusammen mit dem Gesamtensemble den Deutschen Hörspielpreis für seine schauspielerische Leistung.

Foto: Mable Preach
Foto: Mable Preach

Regisseurin | Hamburg

Mable Preach ist seit vielen Jahren in der Hamburger Kunstszene präsent – als Regisseurin bzw. Choreografin, als Kuratorin und Netzwerkerin. Sie ist Initiatorin des Festivals für urbane BIPoC-Jugendkultur FORMATION**NOW und Leiterin des Kultur- und Jugendvereins Lukulule. Zuletzt hat sie ihre Regiearbeit EMB*RACE YOUR CROWN** im Rahmen der Spielzeiteröffnung auf Kampnagel gezeigt. In ihrer Arbeit setzt sie sich kritisch mit Rassismus und (Neo-)Kolonialismus auseinander, fördert Empowerment und produziert alternative Bilder und Erzählungen zum weißen Mainstream.

Foto: privat
Foto: privat

Regisseurin, Musikerin, Gründungsmitglied von kainkollektiv | Bochum, Berlin

Mirjam Schmuck (*1984), arbeitet seit 2005 als Regisseurin, Dramaturgin, Musikerin und musikalische Leiterin in Theaterproduktionen in NRW, Hamburg, Berlin und international (Polen, Kroatien, Kamerun, Madagascar). Sie gründete 2010 gemeinsam mit Fabian Lettow das kainkollektiv. Nach dem Abitur studierte sie Theaterwissenschaft und Komparatistik an der Ruhr Universität Bochum und der Université Charles-de-Gaulle in Lille. Ihre Theater-Arbeiten entwickelt sie im Spannungsfeld verschiedener musikalischer Stile und im Dialog mit zeitgenössischen sowie klassischen Musiker*innen, Sänger*innen, Komponist*innen, Elektro-Sound- und Hörspielkünstle*innen. Ihre theatrale Suche gilt den Möglichkeiten zeitgenössischen Musiktheaters, die sie als „OPERationen für Zeitgenossen“ beschreibt. Mirjam Schmuck ist in ihren letzten Kreationen GAIA, KASSIA und aktuell in BLACK EURYDICE auf der Suche nach neuen Strategien in feministischen Praktiken und Stiftung neuer gemeinsamer feministischer Erzählungen. Ihre Theaterarbeit wurde 2015 mit dem Tabori Nachwuchspreis ausgezeichnet. Seit 2018 leitet sie in einem kollektiv-kollegialen Leitungsmodell mit 6 anderen Künstler*innen das tak Theater Aufbau Kreuzberg. Sie lebt mit ihren drei Kindern in Bochum.