Das Fasziensystem der deutschen Kulturpolitik – Für eine ganzheitliche und nachhaltige kulturpolitische Förderarchitektur

Prof. Dr. Thomas Schmidt, Hochschule für Musik und Darstellende Künste, Frankfurt am Main

Vortrag beim Symposium "Transformationen der Theaterlandschaft"

In diesem Vortrag stellt Prof. Dr. Thomas Schmidt nicht nur die Ergebnisse seiner Studie zur „Förderung von Theaterentwicklungsplanung“ vor, sondern auch die der ebenfalls von ihm verantworteten Teilstudie „Förderung im politischen Mehrebenensystem“.

Exposé

Die Untersuchung bezieht sich auf die kulturpolitische Förderarchitektur für die Darstellenden Künste in der Bundesrepublik und unterbreitet eine kritische Analyse. Im Zentrum stehen dabei die Freien Darstellenden Künste, die als Teil einer übergeordneten Theaterlandschaft betrachtet werden, zu der auch die öffentlichen und privaten Theater, die Festivals und Bespielhäuser zählen. Im Rahmen dessen wurden 30 jeweils etwa ein- bis zweistündige, leitfadengestützte Interviews geführt, um ein aktuelles Bild über die Wahrnehmung der bestehende Förderpolitik der Darstellenden Künste in den verschiedenen Akteur*innen-Gruppen zu erhalten.

Einbezogen in die Untersuchung waren deshalb vor allem Künstler*innen und Organisationen, aber auch Vertreter*innen der deutschen Kulturpolitik auf allen Ebenen und in möglichst allen Verbänden, Netzwerken und Gewerkschaften, um ein vollständiges Bild der Akteur*innen und ihres Zusammenspiels zu erhalten. Zudem sollte damit die Möglichkeit eingeräumt werden, dass die Verantwortlichen auf Seiten der Kulturpolitik selbst über das bestehende Fördersystem reflektieren können und eine eigenständige Beurteilung entwickeln. Die Anmerkungen und die Kritik am bestehenden kulturpolitischen Fördersystem wurden ebenso ausgewertet, wie artikulierte Vorschläge und Interessen der Interviewpartner*innen. Die Untersuchung und ihre Ergebnisse waren Grundlage für die Entwicklung eines davon abgesetzten, von mir entwickelten ganzheitlichen Vorschlags für eine neue Förderarchitektur für die Darstellenden Künste (DaKü).

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse lassen sich knapp skizzieren:

  1. Die organisationale und künstlerisch-ästhetische Weiterentwicklung der Darstellenden Künste wie auch die Notwendigkeit einer produktiven Auseinandersetzung mit den kritischen zeitgenössischen Diskursen führt kurz-, mittel- und langfristig zu einem größeren Bedarf an finanziellen Mitteln bei – derzeit absehbar – gleichbleibenden oder sogar latent sinkenden Fördermitteln, die vom Staat bereitgestellt werden können. Eine Deckung von Finanzierungslücken durch private Mittel in Größenordnungen ist unwahrscheinlich.
  2. Die derzeitigen Förderinstrumente konzentrieren sich nach wie vor im Grundsatz auf Projektförderung und sind nicht auf eine notwendige strukturelle Förderung eingestellt. In einigen Bundesländern gibt es erste Ansätze einer stärkeren Fokussierung auf institutionelle Förderung, die weiter ausgebaut und diversifiziert werden sollte.
  3. Die Mittel werden ungleichmäßig und asymmetrisch eingesetzt. Der seit Dekaden große und wachsende Bedarf der öffentlichen Theater führt dazu, dass nur ein sehr kleiner Anteil von Mitteln (ca. 5-7%) für die Freien Darstellenden Künste zur Verfügung stehen – entgegen dem Trend einer jährlich wachsenden Zahl an freien Künstler*innen und Gruppen und eines wachsenden durchschnittlichen Mittelbedarfes der freien Darstellenden Künstler*innen.
  4. Dies führt in Krisenzeiten, aber auch im Anschluss an die aktive Zeit als Künstler*in zu prekären Lebensbedingungen der freien Künstler*innen. Zudem werden Phasen oft langwieriger Projektvorbereitung, Zeiten der Schwanger- und Mutterschaft, wie auch von Krankheit nicht bezahlt. Hierfür fehlen kreative Lösungen.
  5. Die deutsche Kulturpolitik besteht aus einem für seine Nutzer*innen und Stakeholder wenig durchschaubarem Dickicht an Gewalten, Funktionsebenen, Instrumenten und Fördermechanismen – vergleichbar mit einem in sich verflochtenen Fasziensystem.
  6. Dieses System entsteht nicht zuletzt durch die Kopplung und Dopplung von Funktionen von Lobbyverbänden, Gewerkschaften und Netzwerken, die sich aktiv in die Gestaltung der Kulturpolitik einschalten und eine Außerparlamentarische Einflusszone Diese Einflusszone entsteht durch eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen den Verbänden und der Exekutive auf Bundes- und Landesebene. Sie vereinfacht die Wege und Abstimmungsprozesse, beschleunigt die Kommunikation zwischen den Vertreter*innen der Verbände und der Kulturpolitik und die darauf fußende Lösung von Krisen sowie die gemeinsame Umsetzung von Sonderprogrammen. Allerdings hat diese auch ihre Schattenseite: Die Vertreter*innen der Legislative werden nur punktuell oder individuell einbezogen. Zudem können die Möglichkeiten einer sehr gezielten und engen Absprache auch zu einer fehlenden Distanz und Objektivität und zur Benachteiligung einzelner Akteur*innen-Gruppen führen.
  7. Verursacht durch verschiedene kulturpolitische Triebkräfte, die asymmetrische Verteilung von Mitteln zwischen öffentlichen und freien Darstellenden Künsten und ihre künstliche Trennung, konnten bislang weder eine einheitliche Kulturpolitik noch eine zukunftsfähige Förderarchitektur entstehen.

Ein neuer Förderfokus sollte demnach möglichst auf drei Prämissen beruhen:

  • Ein neues Modell sollte nicht nur auf die singuläre Förderung künstlerischer Arbeit ausgerichtet sein, sondern in einem Lebens-Arbeits-Modell zugleich eine lebenslange, auf sozialen Standards beruhende Unterstützung für alle Künstler*innen gewährleisten, unabhängig vom künstlerischen Renommee.
  • Die Durchlässigkeit und der Wissenstransfer zwischen den Freien Darstellenden Künsten und den öffentlichen Theatern sollten gefördert und gestärkt werden.
  • Die Unterschiede in der Förderung zwischen öffentlichen und Freien Darstellenden Künsten und die damit verbundene Ungerechtigkeit und Asymmetrie müssen zügig abgebaut werden.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse schlage ich eine ganzheitliche und nachhaltige Förderarchitektur vor, die aus verschiedenen Instrumenten besteht:

  • Gemeinsame und übergreifende Produktionsplattformen für alle Szenen.
  • Ein Think Tank (TTDAKÜ) zur Weiterentwicklung der Darstellenden Künste, aber auch der Kulturpolitik und ihrer Zusammenarbeit, mit dem Ziel Wissen zu sammeln und zu archivieren, vor allem aber beständig zu generieren und weiterzuentwickeln.
  • Eine Entwicklungs- und Förderbank für Kultur (EFÖK) nach dem Modell der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die den gesamten Antrags-, Bewertungs- und Vergabe-Verkehr für die Kulturpolitik übernimmt.
  • Eine gemeinsame Qualitätsagentur für die Darstellenden Künste (QUADAK). Im Zentrum steht die regelmäßige Überprüfung der Qualität der Förderung, ihrer Begleitung und Umsetzung, die mit regelmäßigen Evaluierungen von Projekten, institutionellen Entwicklungsprozessen und Organisationen verbunden sind,
  • Einen Stakeholder Monitor, mit dem alle Bezugsgruppen der Darstellenden Künste angebunden und koordiniert werden können, als Grundlage für die Einbettung in die Polis/ Stadt-Gesellschaft; Zielstellungen sind hier die Entwicklung von und die Zusammenarbeit mit informierten Publika und weitergehend mit informierten Stakeholdern.
  • Ein Institut für Lebenslanges Lernen (ILELE), als zentrales Ausbildungsinstitut der Darstellenden Künste, in dem die Standards, aber auch der ständige Progress in den verschiedenen Disziplinen unterrichtet und weitergereicht werden.

Im Zentrum dieses Instrumentariums steht ein von mir vorgeschlagenes, neues und ganzheitliches bundesweites Fördersystem, dass auf regionale Unterschiede verzichtet und allen Freien Darstellenden Künstler*innen und Gruppen Zugriff auf ein fünf-stufiges System gibt. Das System ist in allen Bundesländern und Kommunen dasselbe, es läuft unter den gleichen Antragsfristen und Konditionen und erfüllt damit die Voraussetzungen für eine einheitliche Förderarchitektur. Die fünf Stufen beginnen mit

  • dem Herzstück einer Lebens-Grundsicherung, auf die additiv
  • Projekt- und Produktions-,
  • Bildungs-,
  • Institutionalisierungs-Förderung und
  • Mentoring und Supervision aufgesattelt werden können,

differenziert in Tranchen, die sich nach Seniorität in Gruppen A-C + P für Pension auffächern.

Kulturpolitik darf kein starres und unbewegliches Feld der Politik sein. Es muss sich an der Entwicklungsgeschwindigkeit der kulturellen Felder, Künste und Themen der Kulturorganisationen messen lassen. Denn der Vorteil der Künste ist es ja gerade, dass sie sich oft mit Themenfeldern befassen, die aus Sicht der Gesellschaft häufig noch in der Zukunft liegen, oder in einer verborgenen „Falte“ (Deleuze 1996). Die Künste können dabei helfen, neue Denkräume an den verborgenen Schnittstellen zwischen Gegenwart und Zukunft zu eröffnen. In diesem Sinne wäre das übergeordnete Ziel aller vorgeschlagenen Maßnahmen und Instrumente, eine Neue Partnerschaft zwischen Kulturpolitik und Darstellenden Künsten im Sinne eines New Deal zu errichten, die auf Augenhöhe eingerichtet wird, und die es zukünftig erlaubt, dass sich die Gruppen und Künstler*innen nicht mehr wie Bittsteller*innen vorkommen müssen, sondern wie Kooperationspartner*innen, die ihre feste monatliche Unterstützung abholen, die als Subsistenzgrundlage für die Lebenshaltung der Künstler*innen dient, auf der wiederum mehrgleisig verschiedene Tranchen einer neuen Förderung aufgesattelt werden können.

Transformationen der Theaterlandschaft - Symposium
Prof. Dr. Thomas Schmidt beim Symposium "Transformationen der Theaterlandschaft" - Foto: Dorothea Tuch