Ein künstlerisches Trotzdem

LABOR – Artistic Resilience in Times of…

Die Theaterleiterin Ilona Schaal, Übersetzerin Martina Lisa und Bildhauerin Julianne Csapo haben in ihrem Labor Künstler*innen aus Deutschland und der Ukraine für ein digitales Kunstprojekt zusammengebracht. Fragestellung: Wie können Künstler*innen in Krisenzeiten zusammenarbeiten? Und ist Kunstproduktion selbst nicht bereits ein Akt des Überlebens?

Interview: Elisabeth Wellershaus

Elisabeth Wellershaus: Wie ist die Idee zu Eurem Labor und zur Zusammenarbeit mit ukrainischen Künstler*innen entstanden?

Ilona Schaal: Die Idee entstand durch eine Initiative, die sich als unmittelbare Reaktion auf den Krieg in der Ukraine entwickelte hatte. Leipzig, wo ich lebe und arbeite, wurde schnell Anlaufstelle für Geflüchtete, die aus Berlin kamen. Insgesamt entwickelte sich wahrscheinlich gerade im Osten von Deutschland schnell das Bewusstsein: Da „drüben“ ist Krieg, es werden sehr viele Leute kommen, und wir müssen damit umgehen. In diesem Bewusstsein ist die Leipziger Initiative für Solidarität und offene Kultur entstanden, die sich als kreatives Netzwerk versteht, das im Austausch mit Kolleg*innen arbeitet, die von Krieg und Repressionen betroffen sind. Wir wollten dafür sorgen, dass der Faden zwischen Leipzig und Kiew – der durch die Städtepartnerschaft ohnehin stark ist – nicht abreißt. Zunächst ging es dabei um ganz praktische Fragen: Wer kann Räume zur Verfügung stellen, wer hat finanzielle Ressourcen?

EW: In Eurem Lab ging es aber auch viel um die Auseinandersetzung mit Inhalten, oder?

IS: Uns haben vor allem die digitalen Möglichkeiten in der internationalen Zusammenarbeit interessiert. Wir wollten herausfinden, wie sie sich in Pandemie- und Kriegszeiten verändert haben und für ein internationales, interdisziplinäres Kollektiv funktionieren würden. Die Fragen, die wir uns mit 20 Teilnehmer*innen aus Deutschland, der Ukraine und den Keynote-Speaker*innen unserer Impulsvorträge gestellt haben, lauteten: Wie positionieren Künstler*innen sich dadurch, dass sie in Krisenzeiten einfach weitermachen? Wie können Künstler*innen, die unter privilegierteren Bedingungen arbeiten, darauf reagieren? Die Antworten finden sich in sogenannten Scores – kreativen Handlungsanweisungen – die im Kollektiv erarbeitet und danach künstlerisch beantwortet wurden. „Alive at the Moment“ war eines der Arbeitsthemen, „Stressed out by Collective Healing“ ein weiteres. Ein ironischer Comic, der dabei entstanden ist, illustriert vielleicht ganz gut die ständige Auseinandersetzung mit dem gemeinschaftlichen Aspekt des Arbeitens. Er trägt den Titel „Participant Stress“ und zeigt einen Mann in sportlicher Verrenkung, daneben anfeuernde Sprüche wie: Turn on the Camera! Represent yourself! Strike a pose!

Alive in the moment Foto: Artistic Resilienz

EW: Durch das offene Arbeiten und die digitalen Prozesse sind einerseits inhaltliche Freiheiten entstanden. Aber diese Freiheiten spiegeln nicht unbedingt die Lebenswirklichkeiten aller Teilnehmenden wider.

IS: Nein. Unsere erste Session hat damit angefangen, dass eine Teilnehmerin aus Odessa nach fünf Minuten sagte: „Hier ist Fliegeralarm, ich muss runter in den Keller.“ Solche Umstände haben die Zusammenarbeit mit einer Realität aufgeladen, der wir uns alle kaum entziehen konnten. Einige der ukrainischen Teilnehmer*innen lebten während der Projektzeit bereits in Deutschland und anderen europäischen Ländern, fünf aber waren noch in der Ukraine. Eine Teilnehmerin, die eigentlich nach Berlin geflohen war, ist während der gemeinsamen Arbeit wieder in die Ukraine zurückgekehrt. Wir waren live mit ihr im Bus, als sie die Grenze überquerte. Es ist irre, dass die Verbundenheit sich auch an dieser Stelle spiegelte: dass es ihr in dem Moment geholfen hat, uns dabei zu haben. Für uns war es im Gegenzug der absolute Realitäts-Check. Es hat uns klargemacht, dass wir uns mit unserem Projekt nicht im luftleeren Raum bewegen, sondern in der Realität.

EW: Die persönlichen Umstände flossen also sehr unmittelbar in die Zusammenarbeit?

IS: Uns war von Anfang an klar, dass künstlerische, aber auch persönliche Bedürfnisse der Teilnehmer*innen im Zentrum stehen sollten. Trotzdem haben wir im Team viel darüber diskutiert, wie viel Raum wir den Künstler*innen – mit Blick auf zeitliche Vorgaben und finanzielle Ressourcen – geben können. Auf unserem digitalen Whiteboard und in unserem Telegram-Chat sieht man, dass die Austauschplattformen sehr stark frequentiert wurden. Wenn jemand schrieb, „mein Hund ist gestorben, mir geht’s gerade nicht gut“, haben sofort alle reagiert. Dadurch ist in sehr kurzer Zeit ein Gemeinschaftsgefühl entstanden – und genau das war uns wichtig. Wir denken zwar noch darüber nach, in welcher Form die finalen Arbeiten öffentlich gezeigt werden können, aber vor allem ging es um den gemeinsamen Prozess.

EW: Gab es dabei nicht auch Spannungen zwischen allen Beteiligten?

IS: Nicht so sehr zwischen den Teilnehmer*innen. Aber insgesamt waren Hierarchien ein ständiges Thema. Wir haben viel darüber geredet, wie sehr wir als Leitungsteam involviert sein sollten, wie reglementiert die Vorgaben für die künstlerische Zusammenarbeit sind, sein können, dürfen oder müssen. Wie kuratorische Sensibilität vor dem Hintergrund von möglicher Traumatisierung und persönlicher Instabilität aussehen kann. Das war ein ständiges Abwägen.

EW: War es am Ende auch eine Frage der Verständigung? Es war ja ein digitales Projekt, bei dem oft mit mehreren Dolmetscher*innen gleichzeitig gearbeitet wurde.

IS: Es gab Situationen, in denen drei bis vier Sprachen involviert waren. Es ging also häufig ums Warten und Zuhören. Das Nichtverstehen hat einen großen Teil der Zusammenarbeit geprägt. Trotzdem musste die Konzentration aufrecht gehalten werden, was anstrengend, aber auch inspirierend war. Vor allem für die deutschen Zuhörer*innen, die es aus vielen Kontexten gewohnt sind, gehört und verstanden zu werden, war es eine interessante Übung, die eigene Ungeduld zu reflektieren – die Sprachlosigkeit auszuhalten. Für uns war das ein ganz wichtiger Moment: Übersetzung als eine Form von Demut zu begreifen. Nicht selten hat es dazu geführt, dass eine gewisse Unsicherheit Gespräche und Arbeitsprozesse begleitet hat. Und vielleicht steht diese Übung im Warten und Aushalten auch symbolisch für den Ansatz des Projektes. Dafür, im Angesicht von Krieg und Repressionen ein künstlerisches Trotzdem zu formulieren.

Im Sommer haben freie Künstler*innen-Gruppen in 30 bundesweiten Artist Labs die krisenhafte Gegenwart untersucht. Sebastian Köthe, Elisabeth Wellershaus und ein Team an Gastautor*innen haben ihnen dabei über die Schulter geschaut.