Eine Tür, hinter der eine ganze Welt wartet

Das Performance-Kollektiv She She Pop forscht zur utopischen Kraft von Träumen.

Von Elena Philipp

Träume eröffnen Räume, in denen das Denken andere als die tagtäglich begangenen Wege einschlagen kann. Träume sind Utopiemaschinen, Keimzellen von Verarbeitung und damit Veränderung – und hier setzen She She Pop mit ihrer Recherche an, die unter dem Arbeitstitel „Arbeit am Traum“ die Grenzen zwischen Nachtbild und Realität verschieben möchte.

Mit Freud im Träumlabor 

Mit „Träumlabor“ haben She She Pop das Thema 2008 schon einmal bearbeitet. Drei Kameras und ein Beamer, das waren damals die technischen Hilfsmittel, um den Traum jeweils einer Person aus dem Publikum in Szene zu setzen. „Wir haben glitzerigen Blödsinn eingekauft und damit improvisiert“, erzählt Lisa Lucassen. Auf einer Projektionsfläche im Bühnenhintergrund nahmen die Bilder aus dem Kopf einer Zuschauerin oder eines Zuschauers live eine reale Gestalt an. „‚Den Hintergrund bespielen‘ war ein Job, das war eine wahnsinnige Requisitenschlacht, ein Mordsspaß“, so Lucassen. Sigmund Freud sei als Figur aufgetreten, „er guckte von oben auf die träumende Person“. „Dann gab es noch ‚die innere Doris Day‘, ‚die böse Schwimmlehrerin‘ und ‚das Pferd Sansibar‘“, ergänzt Elke Weber.

Eingeladen wurde das feministische Performance-Kollektiv mit der Inszenierung auch ins junge Theater. Sibylle Peters, die das Fundus Theater in Hamburg leitet, sprach die Gruppe an. „Dass ‚Träumlabor‘ für Kinder geeignet sein könnte, hatten wir gar nicht auf dem Schirm, aber es funktionierte super“, sagt Lucassen. „Erwachsene fragten vielleicht: Wo ist die Steigerung, der Konflikt?“ Aber die ‚Nochmal-Dramaturgie‘, das Mitspielen, das spontane Entstehen surrealer, bunter Bilderwelten sei für die Kinder genau das richtige gewesen.

Alternative Lebensweisen erträumen

So sehr wie die phantasievollen, kunterbunten Impro-Experimente, die mit der zeitgenössischen Technik noch viel besser umgesetzt werden können, interessiert She She Pop diesmal das utopische Potenzial von Träumen. „Wir haben viel Science Fiction gelesen – von Ursula K. Le Guin oder Marge Piercy“, so Lucassen. In Piercys Roman „Woman on the Edge of Time“ aus dem Jahr 1976 träumt, halluziniert oder psychotisiert sich die in die Psychiatrie eingewiesene Consuelo eine völlig andere Welt. Vielleicht reist sie auch durch die Zeit? Ihr erscheint eine junge Frau aus der Zukunft, die ihr einen Einblick gibt, wie die künftige Gesellschaft mit Rassismus, patriarchalen Strukturen oder Imperialismus fertig geworden ist und wie gut die dezentralisierte, anarchistisch inspirierte Selbstverwaltung funktioniert. 

„Utopien zu träumen, ist interessant. Träume und Utopien unterliegen einer ähnlichen visuellen und inhaltlichen Logik“, sagt Lisa Lucassen. Können Träume unsere Gegenwart beeinflussen und alternative Lebensweisen vorstellbar machen? „Träume sind auch Wunscherfüllung: Wie kommen wir aus der derzeitigen Situation heraus?“, formuliert es Elke Weber. Mit diesen Fragen befassen sich She She Pop in „Arbeit am Traum“. 

Foto: Fanni Halmburger

Zeit für einen Blick ins Weite

Geplant ist eine Produktion, „Mauern“, die im Dezember 2022 im HAU Hebbel am Ufer Premiere feiern wird. Aber die Prozessförderung im Programm #TakeHeart – vom Fonds Darstellende Künste vergeben und über NEUSTART KULTUR finanziert – hat es dem Performance-Kollektiv ermöglicht, dabei auch nach rechts und links zu schauen und Dinge anzugehen, die gegebenenfalls nicht in ‚Mauern‘ münden: „Wir konnten frei ausprobieren, ohne den sonst üblichen Tunnelblick“, so Lisa Lucassen.

Mehr Zeit und Freiraum zu haben, entspricht der Arbeitsweise von She She Pop. „Wir experimentieren auf den Proben gern und können das manchmal nicht in eine Produktlogik bringen“, sagt Elke Weber. „Deswegen ist die Prozessförderung so ein Segen; das, was wir uns schon immer wünschen.“ „Wenn diese Karotte der Premiere vor hundert Zuschauer*innen nicht mehr da ist, fallen wir erst zusammen, aber dann merken wir: Wir haben doch etwas vor“, fügt Lisa Lucassen hinzu. „Wenn wir freigelassen werden und nicht bei jeder Sache, die wir ausprobieren, denken müssen: Gehorcht das der Logik unseres Konzepts? Muss das raus oder gehört das rein?, dann ist das befreiend. Oft sehen wir in den Proben mental eine Tür, hinter der eine ganze Welt wartet – aber wir können sie erst viel später erforschen, wenn wir dazu einen Antrag gestellt haben und dieser bewilligt wurde“, beschreibt sie die Fährnisse projektbezogenen Arbeiten. „Nebenwege zu gehen ist wertvoll. Oft funktioniert dann etwas anderes als eigentlich geplant“, findet auch Elke Weber.

Ausprobiert haben She She Pop in den letzten Monaten Vieles. Im Probenraum haben sie Gazevorhänge aufgehängt, um davor oder dazwischen zu spielen und mit Projektionen vielfach geschichtete Bilder entstehen zu lassen. Sechs Kameras können sie diesmal nutzen, für Close-ups oder bühnenbreite Aufnahmen. Videospezialist Benjamin Krieg hat ihnen Palindrom-Loops von Tanzbewegungen produziert, die Figuren bewegen sich dann sehr klein oder sehr groß über die Gaze. Beraten wurden She She Pop von Experimentalfilmer*innen, und Live-Animationen sind dabei noch der leichteste Trick: „Wir bewegen zum Beispiel Bücher unter den Kameras, um Autofahrten zu simulieren“, beschreibt es Lisa Lucassen. 

Foto: Benjamin Krieg

Traumarbeit als kreative Technik

Für „Arbeit am Traum“ ziehen She She Pop ihren Fokus weit. „Freuds Traumdeutung war der Beginn der Psychoanalyse. Entstanden ist sie aus Interviews mit ‚Hysterikerinnen‘ – Frauen, die sich nicht in die vorherrschende ‚Geschlechterordnung’ oder die ihnen vom Patriarchat zugewiesenen gesellschaftlichen Rollen einfügen konnten oder wollten und die deshalb Symptome produzierten – die ‚widerständig‘ waren“, benennt Elke Weber einen Schwerpunkt der Recherchen. „Wir sehen darin ein revolutionäres, kreatives Potenzial. Das wollten wir als feministische Gruppe aufgreifen: Traumarbeit als kreative Technik, nicht als Dogma.“

Als gedankliche Grundlage dienen ihnen dabei auch die Traumnotate der Schriftstellerin und Historikerin Annett Gröschner. „Sie verfügt über stapelweise Traumtagebücher, ihre Träume sind ganz toll“, schwärmt Lisa Lucassen. In „Schubladen“, dem vergnüglich-erhellenden She She Pop-Abend über Frauen und ihre Ost-West-Biographien oder: die Wiedervereinigung als Beziehungsarbeit, steht Annett Gröschner seit 2012 mit auf der Bühne. Und diesmal? „Sie ist unsere Chefträumerin und -utopistin“, sagt Lisa Lucassen

Wohin die utopische Reise führt, wissen die an der Produktion Beteiligten ein halbes Jahr vor der Premiere natürlich noch nicht. In der technischen Umgebung, die das Performance-Kollektiv in der Recherchephase kreiert hat, wird es in den Proben nun darum gehen, Ideen zu konkretisieren und Szenen zu entwickeln. Anders als sonst beginnt die Produktion nun aber erst, nachdem die Gruppe etliche Materialien bereits vorbereitet hat. Für ihre Träume und Utopien können sie dank der Prozessförderung diesmal aus dem Vollen schöpfen. Und neue gedankliche Räume für die Zukunft entstehen lassen.

Von der Förderung in den Probenraum und auf die Bühne – die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp besuchen im Rahmen von #TakeHeart des Fonds Darstellende Künste geförderte Projekte.