Entscheidung GLOBAL VILLAGE LABS

Die Jury hat sich für die Förderung von insgesamt 7 Projekten ausgesprochen und dabei Künstler*innen gestärkt, die bereits seit vielen Jahren in ländlichen Räumen aktiv sind. Die Auswahl rückt inhaltlich starke Vorhaben in den Fokus, die in der lokalen Auseinandersetzung mit globalen Fragestellungen und in der Einbeziehung ansässiger Bewohner*innen besonderen Wert auf Austausch und eine Partizipation auf Augenhöhe legen.

Ein internationales Team von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen begibt sich im Labor des Theaters DAS LETZTE KLEINOD auf Expedition in die ostdeutschen Kohlereviere. Die Beteiligten eint, dass sie aus ländlichen Gegenden in Europa und Asien stammen, die den Klimawandel bereits zu spüren bekommen haben. In Dörfern an der Abbruchkante schafft die Gruppe unterschiedliche Gesprächsanlässe: Gezielte Interviews und öffentliche Versammlungen werden ergänzt um zufällige Begegnungen im öffentlichen Raum, wenn die Bewohner*innen beobachten können, wie ihre Geschichten und Erlebnisse in Carbon in erste Szenen übersetzt werden.

Ihrer eigenen Utopie eines globalen Operndorfs nähert sich das ENSEMBLE BUEHNENDAUTENHEIMS mit der Frage GLOBALES OPERN DORF DAUTENHEIM oder: Wo ist ein Operndorf utopischer, in Rheinland-Pfalz oder Burkina Faso? indem es Lokalpolitik, Bildungseinrichtungen und die mehrheitlich rumänischen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft in Austausch bringt. Oper wird dabei als Hyperform der darstellenden Künste begriffen, deren Zugang auch den Blick auf unterschiedlichste Fragen der Gemeindeentwicklung verändern kann: Gemeinsam mit Expert*innen entstehen Visionen für soziale Infrastruktur, dörfliche Digitalisierung und postmigrantische Landwirtschaft sowie die Rolle, die Dautenheims Bühne dabei spielen kann.

Das in Roßwein angesiedelte THEATER FIGURO unternimmt in seinem Labor Orthopter(r)a eine breit angelegte Exploration von Fragestellungen, die mit Insekten verknüpft sind. Die Figurenspieler, die zum Teil auch Systembiologie studiert haben, nutzen den Insektenbegriff als Einstieg in Themen wie Evolution, Schwarm, Resilienz, Natur, Vernetzung, körperliche Funktionalität oder die Besiedelung neuer Lebensräume. Dazu versammeln sie in der Region lebende Wissenschaftler*innen und Künstler*innen für gemeinsame Workshops mit den Bewohner*innen mehrerer umliegender Gemeinden.

Die beiden Dörfer Friedland in Südniedersachsen und Moria auf der griechischen Insel Lesbos haben eines gemeinsam: Nur durch ihre geographische Lage sind sie zu Angelpunkten der Migration geworden und beherbergen beide heute große Flüchtlingslager. An vorherige Arbeiten in Friedland anknüpfend, initiiert WERKGRUPPE2 mit Transit einen Austausch der ehrenamtlichen Helfer*innen an beiden Orten. Wie haben sich Moria und Friedland angesichts der permanenten Ausnahmesituation verändert? Und was kann unsere Gesellschaft von den ruralen Helfer*innen lernen?

Die Neuenkirchener Laientheatergruppe DE PLATTEN SPEELERS untersucht mit der Künstler*innengruppe MYVILLAGES.ORG in The International Village Shop – Eine Revue Bilder und Erzählungen des Lokalen, Authentischen und Beständigen, die immer dann im Fokus stehen, wenn ländliche Produkte beworben werden. Die Internationalität der Dorfgemeinschaft ermöglicht es, globales Wissen zu versammeln und Sehnsüchte vom Anderen lokal zu verhandeln. Im Mittelpunkt steht dabei die Ermächtigung des ländlichen Raums zu einer eigenen und differenzierten Erzählung von sich selbst.

Im brandenburgischen Dorf Strohdehne erprobt LANDMADE, wie internationale Kulturprojekte trotz Sprachbarrieren partizipativ „von innen heraus“ entwickelt werden können. Zum Start einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit der schottischen Initiative „Deveron Projects“ (Huntley) werden bei der Organisation einer deutsch-schottischen Tanzveranstaltung alternative Formen der Verständigung erprobt. Das Aufeinandertreffen von Ceilidh-Dance und Discofox setzt in Dancing the Kittel-Kilt den Rahmen für einen Austausch der Landbewohner*innen aus zwei europäischen Regionen über Gender und Rollenbilder.

Das JAHRMARKTTHEATER in Altenmedingen versteht den Dialog mit dem Publikum als Teil seiner künstlerischen Arbeit. Angesichts eigenen Nachholbedarfs beginnen die Künstler*innen eine Auseinandersetzung mit ihrem Publikum darüber, wie eine antirassistische Theaterinstitution auf dem Land aussehen kann. Dabei werden die bisherigen Strukturen des Theatermachens vor Ort genauso reflektiert wie Interventionsmöglichkeiten erlernt. Gemeinsam mit Initiativen und Künstler*innen aus der Umgebung begibt sich das Jahrmarkttheater in Landkante in eine Versammlung der Vielen, um die bisherigen Denk- und Verhaltensmuster neu zu verhandeln.