Entscheidung Konzeptionsförderung (2022)

Ausgewählte Vorhaben

Aus lokaler Recherche im ländlichen Raum und weltweiter Forschung mit internationalen Kooperationspartner*innen auf der Spur des Verschwindens werden zwei OpenAir-Stücke entstehen: Die theatrale Ausstellung unserer Gegenwart „Next Stop Torfbostel“ und das auf einem Friedhof in der Zukunft spielende Requiem „Das schwarze Loch des Vergessens“. Das Jahrmarkttheater Bostelwiebeck ist ein Theater in einem winzigen Dorf im ländlichen Raum, der rasanter Veränderung unterworfen ist. Vieles ist schon verschwunden oder im Verschwinden begriffen. Einkaufsläden, Kneipen, Schulen, öffentlicher Nahverkehr, Schützenvereine. Was ist mit den Klischees übers Dorf? Warum halten die sich bei den Menschen in den Metropolen? Und wo auf der Spur des Verschwindens lösen sich Schweine aus Bostelwiebeck auf der Reise nach China in Luft auf? Ein Drittel der hier produzierten Lebensmittel verschwindet im Müll? Wohin geht der Strom aus den Windrädern auf den Äckern? Und Milliarden Insekten? Und weltweit? Verschwinden die Songlines der Aborigines in den australischen Bergwerken für unser neuestes Handy? Schwerpunkt der Recherche ist der Zusammenhang von dörflichem Strukturwandel und globalen Abhängigkeiten.

Innerhalb des dreijährigen Konzeptionsvorhabens „Cash Club“ durchleuchten Frauen und Fiktion auf Basis von Interviewrecherchen mit Alltags- oder Berufsexpert*innen das deutsche Wirtschaftssystem auf Zugänge und Ausschlüsse.
In „Playing By The Rules“ setzen sie sich mit den Spielregeln des bestehenden Wirtschaftssystems auseinander: Wem dienen sie und wem nicht? Wann müssen sie gebrochen werden? Aus der Recherche entsteht ein künstlerischer Podcast, der über eine aufmerksamkeitsstarke Plakatkampagne in Hamburg sowie ein Auftaktevent im LICHTHOF Theater veröffentlicht wird.
In der anschließenden multiperspektivischen und -medialen Soloperformance „The Heritage“ inszenieren sie den historischen Zusammenhang von Privileg und Wohlstand: Was kann alles vererbt werden? Welche alternativen Umgänge mit Erbe gibt es?
Die Erkenntnisse der aufeinander aufbauenden Recherche führen sie zusammen und ergänzen sie um Ideen alternativer Wirtschaftssysteme. Die Performance „Beyond Capitalism“ beruht auf Interviews mit Aussteiger*innen, abwegigen Ökonom*innen u.W. Sie lädt als interaktive Glücksspiel-Show dazu ein, die Karten neu zu mischen und gemeinsam um die Zukunft zu zocken.

Flinn Works wird 2022-24 mit „Boss/y“ einen feministischen Liederabend entwickeln, sich in „Ultimate Safari“ auf eine Reise in die Abgründe des Tierschutzes in Ostafrika begeben sowie mit „White Money_Berlin“ und „White Money_Talks“ die Schieflagen der globalen und der Berliner Kulturproduktion untersuchen. „Boss/y“ bringt das Thema ‚weibliche Führung‘ mit dem Theater Freiburg und dem Streichensemble Quartett PLUS1 musiktheatralisch in Form eines ‚Leaderabends‘ auf die Bühne. „Ultimate Safari“ führt das Publikum virtuell in ostafrikanische Nationalparks, um die dunkle Seite des Tierschutzes erlebbar zu machen. Die immersive Performance entwickelt Flinn Works mit Asedeva (Dar es Salaam) in den Sophiensælen. Mit „White Money_Berlin“ führt Flinn Works die Auseinandersetzung mit der globalen Kulturpolitik weiter und produziert vier Kurzperformances von Künstler*innen aus dem globalen Süden mit Wohnsitz in Berlin. „White Money_Talk“ vertieft dieses Thema in einer Gesprächsreihe von internationalen Kulturschaffenden mit Kurator*innen und Förderern in Deutschland.

„Sustain & Decolonize“ ist das Motto für die künstlerische Arbeit der Company Christoph Winkler für die nächsten drei Jahre. Es umschreibt die für die Company maßgeblichen Entwicklungen sowohl in politischer Hinsicht als auch für ihre unmittelbare Arbeitsstruktur. Die nach wie vor bestehenden Ungleichheiten zwischen westlichen Ländern und vielen außereuropäischen Regionen sorgt für einen sehr unterschiedlichen Zugang zu Ressourcen und unterschiedliche Verteilung von Lasten. Dies gilt beispielsweise für viele Menschen des globalen Südens, welche selbst nur mit einem sehr geringen Anteil an der Erwärmung der Erde beteiligt sind, aber überdurchschnittlich von den Folgen betroffen sein werden. Auch die Pandemie hat diese Diskrepanz noch einmal deutlich aufgezeigt. Diese Disproportionen bilden sich auch in der künstlerischen Arbeit ab. Während der europäische Kunstmarkt über große Ressourcen verfügt, haben beispielsweise außereuropäische Künstler*innen oft wenig bis gar keine eigenen Mittel. Es stellt sich daher die Frage, wie man mit dieser Ungleichheit umgeht und wie man die künstlerische Arbeit innerhalb dieses Rahmens organisiert. Darauf eine Antwort zu finden, soll das Ziel der Förderperiode sein.

Die dreijährige Konzeption von „FUTURE BODIES“ besteht aus den Bühnenproduktionen „SENSE OF WONDER“ (AT) und „TRANSFIGURED“ (AT), einer internationalen Gastspiel-Tour und dem Recherche-, Vermittlungs- und Netzwerkprojekt „LISTENING“ (AT). In „FUTURE BODIES“ begibt sich das Duo Rykena/Jüngst zusammen mit einer Vielzahl von interdisziplinären Kollaborateur*innen, inspiriert vom Genre des Speculative Fiction (Science- und Climate Fiction), auf die Suche nach fiktiven, konstruktiven und kollektiven Erzählweisen einer Zukunft, die durch Körper und Stimme Ausdruck finden. Das gemeinsame Spekulieren wird zu einer kontinuierlichen Praxis und das Zusammenspiel von Bewegung und Stimme möchten sie als „futuristic storytelling“ in Form einer choreografischen Methodik weiterentwickeln. Die „access tools“ Audiodeskription, Gebärdensprache und Übertitelung und die damit einhergehenden unterschiedlichen Sprach- und Zeichensysteme werden in Zusammenarbeit mit blinden/sehbehinderten und gehörlosen/hörbehinderten Expert*innen während des gesamten Projektzeitraumes als expressive Formen in die choreografischen Erzählungen übernommen und in die Bühnenproduktionen integriert.

Algorithmen sind längst zu Gatekeepern geworden, die über Zugänge zu fast allen Notwendigkeiten des täglichen Lebens entscheiden und dabei häufig sozial schwache Bevölkerungsgruppen benachteiligen. Automatisieren Algorithmen soziale Ungleichheit?
Mit der Konzeption „Algorithms of poverty“ widmet sich OutOfTheBox dem Thema digitale Ungleichheit. Im Zentrum steht eine künstlerische Erforschung des sogenannten Digital Devides, der Spaltung in jene, die digitale Werkzeuge produktiv und selbstbestimmt nutzen und den „digital Abgehängten“, die zunehmend durch digitale Technologien getaktet und überwacht werden. Basierend auf einem umfassenden dokumentarischen Rechercheprozess verhandeln sie unterschiedliche Dimensionen von „Algorithms of poverty“ und realisieren in Kooperation mit dem LOT Theater Braunschweig und der Schaubude Berlin drei Produktionen: Die Reihe startet 2022 mit „In ghosts we trust“, einer Working Simulation zum Thema Plattform Arbeit. 2023 verhandeln sie mit der Augmented Reality Installation „In skills we trust“ das Spannungsfeld von Digitalisierung, Klasse und sozialer Mobilität. Den Abschluss bildet 2024 die Performance „In data we trust“ zum Thema digitale Optimierung.

Die SWDC will ein neues Niveau von regionaler Verwurzelung, internationaler Vernetzung und künstlerischer Exzellenz erreichen.
2022 steht im Zeichen strategischer Entwicklung. Ziele sind die Aktivierung neuen Publikums, die finanzielle Absicherung des Company-Managements und die Anbahnung neuer Gastspiel- und Produktionspartnerschaften. Dies wird die SWDC erreichen durch eine Kommunikationsstrategie, die Entwicklung horizontaler Community- und Peer-Support-Formate, eine personalisierte Netzwerkoffensive und den fortgesetzten kulturpolitischen Dialog.
2023 entsteht die Neuproduktion „THE LONG RUN“ in internationaler Koproduktion. Der Fokus liegt auf der ambitionierten Weiterentwicklung des Stepptanz als zeitgenössischer Ausdrucksform. Dazu kooperiert Weber mit herausragenden Persönlichkeiten des zeitgenössischen Tanzes wie Claire Cunningham und Guy Cools. In 2024 kulminiert die künstlerische und strukturelle Entwicklung in einem großen Werk für zeitgenössischen Stepptanz und Orchester, das an der Staatsoperette Dresden produziert wird und in großer Besetzung die besondere Symbiose von Klang und Bewegung würdigt, die dem Step eigen ist.

Mobile Albania legt einen neuen Netzfahrplan über die Pendler*innenhauptstadt Frankfurt und ihr angrenzendes Umland – er lädt dazu ein, in gemeinsamen Bewegungspraktiken neue Verbindungslinien in der Stadt zu entwickeln. Das mobilalbanische Nahverkehrsnetz spannt sich sukzessive über die Stadt und versucht, zwischen neu geschaffenen Haltestellen Verbindungen zu stiften, Trennendes zu überbrücken und zu konfrontieren, im Vorhandenen das Ungeahnte und Mögliche zu suchen. Strategisches Anliegen ist es dabei, den künstlerischen „Kern“ von Mobile Albania weiter auszufeilen und teilbar zu machen: die performative öffentliche Praxis. Bisher oftmals inkompatibel mit den Konventionen des Kulturbetriebs, will Mobile Albania weiter ausreizen, was diese kann – als freie Form der öffentlichen Probe, des Probierens von Gesellschaft, der Adressierung diverser Publika, die sich nicht mehr nur als Beiwerk versteht, sondern als offensiv begriffenes Aufführungsformat mit offenem Ausgang. Das aus den Bewegungen entstehende Netz neuer Haltestellen wird zur Grundlage für die beiden Neuproduktionen „Pendelverkehr“ und „Drehkreuz“, die das Thema von „Verbindung“ künstlerisch und inhaltlich weiter ausloten.

Moritz Ostruschnjak möchte in den kommenden Jahren die Idee der radikalen Vermischung von Stilen, Genres, Techniken aus unterschiedlichsten Epochen weiter vorantreiben – gerade auch in Hinsicht auf die Gesamt-Dramaturgie der Arbeiten. Eine Art ‚Browser-Logik‘ als dramaturgische Matrix, die die Medienmaschinerie des 21. Jahrhunderts als Fundus nutzt und aus heterogensten Elementen choreografisch, musikalisch, visuell ein Narrativ unserer Realität entstehen lässt. Es geht ihm darum, Ästhetiken aus dem Netz herauszufischen, um sie in die physische Realität zurückzuholen, sie sich wieder mit dem Körper anzueignen. Mittels des Arbeitsprinzips Copy & Paste wird gesampeltes Bewegungsmaterial aus dem WWW zur Basis der Choreografie, in der es bearbeitet, transformiert, re-arrangiert wird. In den kommenden Stücken möchte er diese Praxis erweitern; sowohl in sich selbst als auch um andere Arbeitsweisen und -verfahren. Insbesondere möchte er sich dem Layering von diversen Techniken und Materialitäten widmen: einem collagierenden Umgang mit Bewegung, Bild, Objekt, Sound, Text, ähnlich dem Ausschneiden von Zeitungsbildern, die man dann auf eine Zeichnung klebt – und am Ende malt man dann nochmal drüber…

Der Zyklus „ZUSAMMEN“ vereint drei, auf den ersten Blick recht unterschiedliche Projekte unter dem übergeordneten Anliegen, die Bezugnahme auf biographisches Material und die eigene Diskriminierungserfahrung als Arbeitsweise abzulegen. In 2022 spricht die Gruppe darüber, was Menschen zusammenbringt und startet den neuen Zyklus mit dem Projekt „Let’s just be friends“, einer feministischen Betrachtung von Freund*innenschaft als Gegenpol zur romantischen Zweierbeziehung. 2023 führen sie in „STÜRMT DAS SCHLOSS“ stadtpolitische Kämpfe zusammen und verhandeln die Frage „Wem gehört die Stadt?“. 2024 kommen in der Installation „ÜBERSETZEN“ verschiedene Sprachen und Generationen zusammen.
Über die Projekte hinaus sollen die nächsten drei Jahre die lose Gruppe mit inzwischen mehr als einem Jahrzehnt gemeinsamer Erfahrung in kollektive Strukturen transformieren, um gemeinsam auch in Zukunft multiperspektivische Performances zu machen.

In den Projekten von CocoonDance rückt das Thema Co-Autor*innenschaft immer mehr ins Zentrum der künstlerischen wie reflektierenden Arbeit und soll nun für den Tanz, aber auch in einem breiteren, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang als kreative Arbeitsform erforscht und vorangetrieben werden. Mittels kommunikativer Arbeitsweisen wie „Glossararbeit“ und „Austausch“ konnte das Ensemble in den letzten Jahren künstlerische Qualität, Identität und, daraus folgend, Kontinuität noch einmal steigern. Spielräume, welche mit einer mehrjährigen Förderung gegeben wären, sollen nun dazu genutzt werden, um intern sowie über ein breit gefasstes interdisziplinäres Netzwerk, eine tiefergehende Auswertung und systematische Weiterentwicklung der bewährten Praxisfelder, im Hinblick auf Co-Autor*innenschaft und kollektives Arbeiten, voranzutreiben. Zugleich wird dies durch Aufführungsprojekte überprüft und veranschaulicht. Die dreiteilige Projektreihe zu Co-Autor*innenschaft, mit konzeptionell aufeinander aufbauenden Stücken, soll wiederum mit durchgeplanten Recherche- und Austauschphasen mit diversen Partner*innen und Mentor*innen eng verzahnt werden.

Für die kommenden drei Jahre plant die Tanzkompagnie Hennermanns Horde die Sparte „Tanz für Junges Publikum“ bundesweit weiter zu verstetigen, international auszurichten und spannende Neuproduktionen zu entwickeln, die sich an der Lebensrealität der heutigen Generation von Kindern und Jugendlichen orientiert.
Zwei Tanz-Neuproduktionen decken die Zielgruppen Jugendliche und Grundschulkinder ab. Die Produktion „Alter Ego“ (12+) legt den ästhetischen Schwerpunkt auf den urbanen Tanz und das Medienverhalten von Jugendlichen. „Feed me“ (7+) erforscht performativ das Thema Essen und Körper. Weitere digitale und analoge Vermittlungsprojekte werden fortgesetzt und ausgebaut. Gastspieltätigkeiten sollen verstärkt werden und auch den internationalen Markt bedienen. Dafür ist der Ausbau der Kompaniestruktur notwendig. Mit der strategischen Setzung der Zielgruppenbildung sollen Lehrkräfte aber auch Kunstschaffende für die Theaterform „Tanz für Junges Publikum“ sensibilisiert werden. Dafür benötigt es neben Organisation und Vermittlung auch die Entwicklung nachhaltiger Konzepte mit bestehenden und neuen Partnerschaften, die bereits in die Ausbildung implementiert werden können.

Was ist ein erfülltes Leben im westlichen neoliberalen System? In welchen Sphären spielt es sich ab und welche Versprechungen bringt es mit sich? Mit „Familie + Arbeit + Freizeit = ?“ wollen PINSKER+BERNHARDT drei Bereiche, in denen Erwachsene oftmals ihre Identität aushandeln, für ein junges Publikum greifbar machen und dabei untersuchen, wie sich Arbeits-, Familien- und Freizeit-Ideologien auf Kinder und Jugendlichen auswirken – denn diese Identitätsparadigmen tauchen genauso für junge Menschen auf. 2022 wird in „No Exit Horror Family Show“ die Institution der Familie als Horrorshow untersucht – ein Familienstück ohne Happy End, sondern mit der Auseinandersetzung des Scheiterns von Familie. 2023 verhandelt die Klassenzimmerperformance „Stranger Life Fantasies“ die Frage „Was möchtest du mal werden?“ über einen Klassenraum und seine Bewohner*innen. 2024 folgt mit „No Leisure Just Losers“ ein künstlerisch-strategisches Vorhaben, in dem das Duo weg von der Frage „Was interessiert ein junges Publikum?“ hin zu „Was müssen Erwachsene endlich mal verstehen?“ geht. In Freizeittrainingscamps und diskursiven Treffen schafft das Projekt Möglichkeiten für Recherche und Austausch.

Im Rahmen der Konzeptionsförderung arbeitet Caroline Creutzburg an zwei Neuproduktionen und einem strategisch-organisatorischen Vorhaben mit den Themen Digitalität, Performativität und Figürlichkeit.
Das erste Projekt ist die Science-Fiction-Satire „Das Stück mit den Vielhundertjährigen“ (AT) (Sophiensaele Berlin Herbst 2022), das Performer*innen im Alter von 75-85 Jahren als progressiv-rebellische Digital-Expert*innen zeigt. Zweites Projekt ist die hybride Performance „Muskeln mit drei Frauen“ (AT) (Mousonturm Frankfurt 2023), in der drei Frauenfiguren – Heldin, Monsterin und Komikerin – in Form von Avataren auftreten und dabei Bühnenraum und digitalen Raum verschränken. Das dritte Projekt ist ein strategisch-organisatorisches Vorhaben mit dem Titel „Alter-Online-Ego“ (AT). Dieses Vorhaben widmet sich der Konzeption, dem Ausprobieren sowie dem Aufbau ihrer Online-Präsenz und der Vermittlung des professionellen Profils als Künstlerin. Sie möchte darin in Zusammenarbeit mit einer Grafiker*in und Webdesigner*in das Potenzial der digitalen Räume und der Online-Öffentlichkeit als künstlerische Handlungsfelder erkunden.