Herzlichen Glückwunsch, FFT!

Holger Bergmann zur Eröffnung des KAP1 in Düsseldorf am 6. November 2021

Das FFT FORUM FREIES THEATER, dieser Name ist bereits seit langem eine Einladung an die Bewohner*innen der Stadt Düsseldorf, die Kunst- und Theaterliehabenden im Land NRW und an die bundesweite wie internationale Theater- und Kunstlandschaft.

Das FFT zeigt uns auf: ein Forum im Jahr 2021 ist nicht mehr alleinig als ein einziger Ort der Versammlung von Kunst und Betrachtenden zu denken. Ein Forum heute ist ein multiperspektives Auf-, Neben- und Miteinander in parallelen Räumen und Zeiten. In translokalen Arbeits- wie Schaffensräumen der Theaterkunst, zwischen digitalen Welten und realen Aus- wie Einblicken. Immer gleichzeitig den Perspektiven der ganzen (bekannten und noch größeren unbekannten) Welt und den lokalen Sichtweisen verbunden oder für das FFT treffender gesagt: sich bewusst einer glokalen Realität stellen. Glokal – so nennt die Wissenschaft diese Symptome oder Datenspuren einer globalen Realität, die im Lokalen sichtbar und immer wirkmächtiger werden.

Kathrin Tiedemann als Künstlerische Leitung hat zusammen mit dem Dramaturgen Christoph Rech und ihrem gesamten Team seit vielen Jahren auch aus dem Keller der Kammerspiele an der Jahnstraße Künstler*innen wie Publikum Perspektiven ins Weite eröffnet. Und so sehr sich – berechtigterweise – das Team des FFT auf diesen Ort freut, so kann sich dieser Ort auch über das FFT und sein Team freuen, das diesen Räumen nun in das Forum der performativen Künste des einundzwanzigsten Jahrhunderts verwandeln wird.

Das FFT ist ein Ort der Transition: Hier entstehen Übergänge in eine Zeit, die nicht mehr ist und die noch nicht ist. In bester Zeitgenossenschaft – wie Giorgio Agamben sie als „schöpferische Tätigkeit beschreibt, die als unzeitgemäße Kritik ihrer Gegenwart, jene deutend zu transformieren sucht.“

Die Werke hier sind selten bloße Aufführungen auf dem Podest, wo diese Formate von üblicher 90 oder 120 Minuten Dauer über die Bühne gehen und dann überwiegend direkt zur Weißweinschorle führen. So wuchsen im FFT über Wochen Pilzkulturen heran und breiteten ihre Rhizome in Flingern und anderen Stadtteilen aus. Hier kreierten Monika Gintersdorfer, Knut Klaßen und Franck Yao ihre weitgereisten seriellen Tanz- und Performanceabende und She She Pop öffneten Schubladen, in die sie keine*n stecken wollten. machina eX verflechten hier virtuelle mit realräumlichen Spielanordnungen, Ariel Ashbel, Subontnic, Malin de Hahn… es würde zu lange dauern nun noch weitere zu nennen – entschuldigt.

Ein Ort der Impulse ist dieses Forum und das nicht nur in Zeiten des Impulse- Festivals oder des hier mit begründeten Festivalformats Freischwimmen, welches sehr herausragende Nachwuchsarbeiten präsentiert: viele der frühen Nachwuchsgruppen, die beim „Freischwimmen“ zum ersten Mal in Düsseldorf ihre Performances zeigten, sind heute etablierte Performance- und Theatergruppen.

Der Fonds Darstellende Künste realisierte nicht nur deswegen mit dem FFT eine ganze Reihe von Residenzzeiträumen. Die #takecareresidenzen, die in den für die frei produzierenden Künste so herausfordernden letzten Monaten vielen Düsseldorfer*innen und bundesweiten Künstler*innen eine Stabilisierung verschafften. Kathrin, vielen Dank für dieses Engagement, das wir dank der Fortführung der Neustart Kultur Mittel auch in 2022 fortsetzen können.

Und das FFT bring noch mehr hier ins KAP1 mit: es schafft eine stetige Verbindung nach Hamburg, Dresden, Berlin, Essen und Frankfurt zu dem Bündnis internationaler Produktionshäuser und aus sich heraus oder in diesem Verbund knüpft es wiederum Verbindungen mit vielen Orten – auch über den europäischen Kontinent hinaus. Als bestens vernetzter Ort der Kunst wird hier in Düsseldorf von diesem Team eine unverzichtbare Arbeit für die ästhetische wie inhaltliche Fortentwicklung in den Performing Arts realisiert.

Dies alles jedoch wäre nicht möglich, wenn nicht seit vielen Jahren die Stadt Düsseldorf dieses wirkungsvolle Forum finanzieren und ausstatten würde und ihm nun mit diesen wunderbaren Räumen eine neue Homebase gegeben hätte. Das Land NRW, das seit vielen Jahren diesen Ort und seine Arbeit befördert, hat nun einen neuen Leuchtturm am KAP1. Ein Leuchtfeuer – nicht um über sich selbst hinaus zu strahlen, sondern um die vielen Schauplätze zwischen Alltag und Inszenierung zu beleuchten.

Kreativ und spannungsreich erscheint dieser neue Ort, wie die Arbeit des FFT selber. Der Neubau eines Theaters ist in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit – wieso eigentlich nicht?

Die Räume hier sind eine wunderbare Anerkennung der Arbeit des FFT, Eurer Arbeit, eine Auszeichnung auch für die vielen, vielen Künstler*innen, die im FFT ein- und ausgingen und jetzt das KAP1 beleben werden. Aber auch für das Publikum, das bei Euch oft nicht einfach nur zuschauend, sondern häufig mitgestaltend war und ist. Und nicht zuletzt ist das FFT nun im KAP1 auch die Würdigung und Festschreibung eines Ortes der performativen Künste.

Im Herzen der Stadt oder im Herzflimmern der glokalen Wirklichkeit, dort, wo der Schein auf den Asphalt klatscht. Inmitten der „Sozialen Skulptur Hauptbahnhof“, die uns ihre alltägliche, soziale Realität – von Menschen, die in den Papierkörben nach was Verwertbarem suchen und denjenigen mit den orangen Louis Vuitton Shoppingtaschen – zeitgleich zum Smartphone-Feed unbarmherzig auf die Netzhaut wirft.

Was für eine Aussicht aus diesem herrlichen Nicht-Theater-Foyer! Ein Perspektive, die uns nach dem Wesen der Kunst zwischen Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung fragt: In Zeiten einer digitalen, diversen Gesellschaft, die um ihr Klima ringt, um das soziale wie um das meteorologische. Nein: Kein Fenster zum Rhein, sondern zum Fluss der Gegenwart und ihrer Menschen. Was könnten wir gerade dringender brauchen als so ein Forum des Aushandelns, des streitbaren Diskurses und der Kunst. Nutzt Eure Zeit hier, wollen diese Fenster sagen, und verändert die Aussicht, verändert die Blicke, schafft Perspektiven, tut Unnützes und verschenkt Eure Zeit, wie Ihr es immer gemacht habt – schafft mit der Kunst einen Raum zur Veränderung der Welt, einen Ort, an dem die Menschen, die hier hinkommen, die seien können, die sie sind.

Viel Mut und weiterhin „Gutes schaffen“ auch in den vielen noch kommenden Jahren – hier in Düsseldorf am Hauptbahnhof und im Weiten drumherum!

 

Script des frei gehaltenen Grußworts von Holger Bergmann im Rahmen der Eröffnung des KAP1 am 6. November 2021 in Düsseldorf.