Es ist so schön, euch zu sehen

Vera Klocke hat die Veranstaltung „B.A.L.L. –Bundesweites Artist Labor der Labore“ im Haus der Berliner Festspiele besucht und fasst ihre Eindrücke über zwei Tage voller Momente des Zusammenkommens und Austauschs zusammen.

Von Vera Klocke

Es ist ein sonniger Tag im Oktober, an dem die Freie Szene im Angesicht sich „überlagernder Krisen“ (Kulturstaatsministerin und Schirmfrau der Veranstaltung Claudia Roth) in den Berliner Festspielen zusammenkommt. Die Krisen sind Krieg, Klimakrise und Inflation. Über der Veranstaltung hängen bedrohliche Zahlen der Kürzung. Die großzügigen und teils niedrigschwelligen Förderangebote, die während Corona für Kunst- und Kulturschaffende der Freien Szene vom Fonds Darstellende Künste ermöglich wurden, werden knapper. Während der Geschäftsführer Holger Bergmann erklärt, dass zuletzt 30-45% der Anträge durchgekommen sind, werden das ab 2023 nur noch 1-3 % Prozent sein. Murmeln und Entsetzen im Zuschauerraum.

Vor dem Gebäude hängen gelbe Blätter an Bäumen, in den Pausen steht die Freie Szene in (Feiyue-)Sneakern, mit Beanies und Suppenschalen ausgestattet auf glänzenden Kastanien vor dem Gebäude. In den Pausen zeigt sich, worum es neben den Vorträgen, Labs, Tanz- und Zineworkshops und Treffen von Arbeitskreisen und Expert*innengesprächen vor allem geht: Zusammenkommen und Reden, sich einfach sehen. „Es ist so schön, Euch zu sehen“ sagen dann auch Holger Bergmann und Kulturwissenschaftlerin und Performancekünstlerin Sibylle Peters jeweils und blinzeln gegen das Scheinwerferlicht von der Bühne herunter.

Nach den Ansprachen geht es in die Workshops. Die Unübersichtlichkeit des Programms löst in mir sofort ein angenehmes Gefühl von Überforderung bei gleichzeitiger Entspannung aus. Mein Körper ist klüger als mein Kopf und weiß, was zu tun ist: sich erst einmal treiben lassen.

Zine-Making zur Zukunft der Freien Darstellenden Künste / Foto: Dorothea Tuch
Zine-Making zur Zukunft der Freien Darstellenden Künste / Foto: Dorothea Tuch

In dem Workshop „DANCING ABOUT LABORE“ des deutsch-britischen Performancekollektivs Gob Squad wird es darum gehen zu tanzen. „Bestimmte Zusammenhänge“, zeigen sich am Ende eigentlich nur „auf der Tanzfläche“, so das Kollektiv. Nur 20 Teilnehmer*innen sind erlaubt. Kichern, als die Workshopleitung 23 Personen zählt.

Nach Aufwärmübungen wird es viel darum gehen Wir-Botschaften zu formulieren. Ein Satz wird gesagt, der*die Redner*in beginnt zu tanzen und die Personen, die inhaltlich zustimmen, stimmen in den Tanz mit ein. Bei „We love the Beatles“ gibt es ein Solo; niemand will einsteigen. Die Tänzerin tanzt ausgelassen und lacht, bis der nächste Satz vorgebracht wird. Bei „Wir wollen einen Systemwechsel“ stimmen alle mit ein. Etwas weniger, aber immer noch viele bei „Wir denken immer noch manchmal über den Kommunismus nach.“ Bei dem Freie-Szene-spezifischen Satz „Wir haben schon einmal Abrechnungen von Quittungen gefälscht.“ formiert sich eine lachende Tanzgruppe und während ich mich anfangs gefragt habe, wer genau hier eigentlich zusammenkommt, ist spätestens jetzt klar, dass es Personen sind, die regelmäßig Anträge für eigene Kunst- und Kulturprodukte stellen und am Ende Quittungen kopieren und auf DinA4-Zettel kleben. Von einem Job zum nächsten. Viel Gelächter, als bei „Wir haben uns in einen Workshop eingeschlichen“ drei Personen nach vorne tanzen. „That‘s the spirit“, ruft der Workshopleiter.

In dem Workshop der Gruppe „I can be your translator“, in der Menschen mit und ohne Behinderung kollektiv zusammenarbeiten, fordert Performerin Linda beim Warm-up dazu auf imaginäre Pflaumen zu pflücken. „Streckt Euch“, sagt sie, „Ihr seid doch so überarbeitet, verarbeitet“. Zustimmende Schnaufgeräusche.

In dem Workshop geht es um die Frage, wie Sprache auf der Bühne stattfinden kann, ohne dass im Vorfeld Text auswendig gelernt werden muss. Anschließend an die Projektvorstellung gibt es Fragen. Was machen, fragt eine Person, wenn die Aufführungsslots an Stadttheatern ausschließlich ab 18 Uhr sind, eine Uhrzeit, zu der Tänzer*innen mit körperlichen Einschränkungen teilweise keine Kraft mehr haben? „Hart verhandeln“, sagen die Leiter*innen und andere Workshop-Teilnehmer*innen. Und vor allem: „Früh ansprechen“. In diesen Momenten des Austauschs zeigt sich an diesem Wochenende besonders deutlich, wie politisch es sein kann, zusammenzukommen, um Wissen weiterzugeben. Denn diese, in der Projektzeit akkumulierten Erfahrungen können in der Freien Szene oft nicht ausgetauscht werden. Nach den Aufführungen ist meist das Förderende erreicht, das Geld ausgegangen, die Produktion und Verbreitung von Wissen und gesellschaftlicher Veränderung unterbrochen, wie Sibylle Peters in ihrem Vortrag „Das Recht auf Forschen“ eingangs beschrieben hat.

Beim Zine-Workshop sitzen wir an Tischen, die mit Papier, Prittstiften, Glitzeroptionen und weiteren Basteloptionen bestückt sind. Die Aufgabe ist zu sprechen, kontemplativ zu basteln und am Ende ein gemeinsames Zine zu haben. „Die Schritte fließen so ineinander“, sagt eine Workshopleiterin und das tun sie wirklich. Eine Frau mit Kind erzählt, dass sie gerade in dem Workshop zu Elternschaft und Kunst war und muss dann auch schnell wieder los, weil das Kind schreit. Eine junge Frau aus Teheran, die in Deutschland studiert, spricht über die Proteste in Iran und sagt über die protestierenden Frauen, die ihr Leben riskieren „ich weiß nicht, ob ich so mutig wäre“. „Ja“ murmeln alle und schauen von den Lamettafäden hoch, die sie gerade kleinschneiden. Blickkontakt, sich zunicken, verständigen, zuhören. Basteln, denke ich, ist dabei fast so wie Tanzen: Diskussionen auf einer anderen Ebene.

Foto: Dorothea Tuch

Beim Abschlusspanel mit Dr. Andreas Görgen, Ministerialdirektor der BKM, Helge Lindh Bundestagsmitglied für die SPD, Anikó Glogowski-Merten, Bundestagsmitglied für die FDP und Erhard Grundl, Bundestagsmitglied für Bündnis 90 /Die Grünen wird es dann nochmal theatral. Nachdem Görgen Habermas und Helge Lindh Luhmann zitiert haben und der Begriff „performativer Widerspruch“ einmal zuviel aufgesagt wurde, platzt der Freien Szene im Publikumsraum der Kragen. Eine Vertreterin sagt an: Alle bis auf drei Personen pro fünf Reihen sollen den Raum verlassen, um zu verdeutlichen, wie die Freie Szene nach den geplanten Kürzungen aussähe. Nachdem die Plätze wieder eingenommen wurden, ein kurzer Moment der Versöhnung, als Görgen mit Blick auf unverhältnismäßige Förderungen und die 50 Mio., die das Humboldtforum jedes Jahr bekommt, den ziemlich guten Satz sagt: „Ich habe vor einem Jahr bei Claudia Roth angefangen und da stand da schon dieses ganze Schloss.“

Danach treffen sich an der Bar, in den Fluren und vor dem Haus alte und neue Bekannte wieder. „Und, wie finanzierst Du Dich nächstes Jahr?“, wird gefragt. Eine Person erzählt, gerade erst einmal von Berlin nach Leipzig gezogen zu sein. Günstigere Mieten wären schon einmal ein bisschen Entlastung. Nicken und die Verabredung, später weiterzusprechen. Jemand neues kommt mit frischem Freisekt dazu, der auf die leeren Gläser der anderen verteilt wird. Eine Künstlerin murmelt „das ist Solidarität“ und dann wird weitergesprochen. Über die nächste Produktion.