Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 2/2020

Was ist gerecht? Unter Einbezug des eigenen spezifischen Erfahrungshorizontes (mit und ohne Behinderung), nach Recherchen u. a. im Bundestag und zusammen mit anderen Künstler*innenkollektiven, untersucht diese Produktion, wo Ungerechtigkeit anfängt. Nur scheint diese Suche nie ihr Ziel zu erreichen – denn Strategien, die Ungerechtigkeiten beseitigen sollen, produzieren nicht selten neue. Diese Ambivalenz wird performativ untersucht, mit dem Fokus auf ihre Regelhaftigkeit sowie ihre hochgradig subjektive Emotionalität.

„Cultural Drag“ ist eine zeitgenössische Tanzperformance, eine Drag Show der kulturellen Identitäten. Die subversive Haltung des Drag, des queeren Blicks auf Gender und Kultur bietet die ästhetische Folie dieser Auseinandersetzung. Es geht um die Wahrnehmung des „Unnatürlichen“ und damit um die Zuschreibungen, die in die Geschichten und Identitäten eingeschrieben sind. Wie könnten Alternativen aussehen für unseren Zugang zur Welt, für ein Gefühl der Vertrautheit in einer Welt voller Ungewissheiten?

„PERFORM!“ beobachtet unsere gesellschaftliche Faszination für Leistung und untersucht diese im Bereich von Hochleistungssportarten. Wann erschöpfen sich die Körper? Wie lange reichen ihre Ressourcen? In Interviews mit Sportler*innen, Aussteiger*innen, Trainer*innen, Psycholog*innen u. a. wird nach Strategien im Umgang mit den eigenen Grenzen gesucht. Tänzer*innen und eine Schlagzeugerin widmen sich in der multimedialen Inszenierung dem Konflikt zwischen Leistungswillen und Fragilität.

Die Produktion widmet sich den historischen Kulissen und Ruinen in Berlins Randbezirken: von der vergessenen Joe-May-Filmstadt bei Rüdersdorf, in der sich Perspektivlinien deutscher Gewalt-Geschichte überschneiden hin zu Wäldern und Parks, die Massengräber und ehemalige Schützengräben verbergen. Aus diesen Bildern wird ein Stummfilm produziert, der bei der Performance mit Live-Musik vertont wird. Es entsteht ein akustisch-visueller Essay über die immerwährenden Spuren des Nationalismus.

Die Chat-Oper „DER WALD“ untersucht den Begriff ‚German Angst‘ und fragt, was dahinter steckt. In der realen Chatgruppe ‚Wachsamer Nachbar‘ [Name geändert] werden harmlose Menschen schamlos zu Tätern konstruiert. Dieses Chat-Material – als Zeugnis einer obskuren, aber realen Lebenswelt – bildet die Basis und wird mit der romantischen Oper „DER WALD“ von Ethel Smyth (UA 1902) konterkariert. Somit werden Mechanismen der Konstruktion des Fremden mitsamt ihrer unkontrollierten, digitalen Verbreitung als Muster des Schürens kollektiver Ängste offenbart.

Auf den Bühnen werden Showgirls bis heute inmitten männlich dominierter Vermarktungsstrategien zum patriarchalen Phantasma und zur Projektionsfläche lasterhafter Sinnlichkeit. Aus einer queer-feministischen und Ableismus-kritischen Perspektive befragen sehende und nicht-sehende Performer*innen in Rose La Rose Blickhierarchien und dekonstruieren klischeehafte Vorstellungen erotischer Körper. Ein Plädoyer für ein kritischeres und erweitertes Verständnis der Konstruktion und Darstellung von Erotik und für ein Verführen durch Entschleunigung, Skurrilität, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit.

Kein Text, kein Thema, kein Bühnenbild steht fest. Nach Interviews mit dem Zielpublikum entsteht eine Szene, die im Laufe des Probenprozesses stets anderen Kindern gezeigt wird – gefolgt von der Frage: Was habt ihr gesehen? Diese Beschreibungen werden die Regieanweisungen für eine neue Szene. Ein Hase findet zum Beispiel keine Erwähnung. Ergo: In der nächsten Version tritt kein Hase auf. Damit wird den Kindern Mut gemacht, sich angstfrei einem kreativen Prozess zu öffnen, zu rätseln und ihren Augen zu trauen.

In ihrem Kern geht die interaktive musik- und medienbasierte Performance von einer kollektiven Gegenwart als Ergebnis vieler sehr unterschiedlicher, individueller Vergangenheiten der Mitglieder des Kollektivs aus und sucht nach Rahmenbedingungen und Vereinbarungen für die Formulierung einer kollektiven Zukunftsvision. Wie wirken sich unsere verschiedenen Vergangenheiten auf unsere gemeinsame Gegenwart aus? Welche Vergangenheit wurde uns herangetragen, welche haben wir selbst produziert? Welche wurden für uns erzählt?

Zaungäste setzten sich mit öffentlicher Hatespeech und Shitstorms auseinander. Sie sammeln solche Kommentare als Textgrundlage der Arbeit, um sie zu collagieren, zu rhythmisieren und zu dekonstruieren. Es entsteht eine chorische Tirade, die diese Kommentare analysiert, aneignet und umwandelt. Je nach Publikumsreaktionen werden unterschiedliche Reaktionsketten auf der Bühne ausgelöst, die unerwartete, teils komische Verschiebungen begünstigen und somit eine anderen Perspektive im Umgang mit Hatespeech eröffnen.

Was hat der Mord an einem 14-jährigen Schwarzen Jungen in den USA von 1955 mit der deutschen Wirklichkeit von 2018 zu tun? Der Fall Emmett Till spielte eine zentrale Rolle im Entstehen der Bürgerrechtsbewegung in den USA. In der Verbindung seiner dramatischen Bearbeitung der US-amerikanischen Autorin Clare Coss und Material aus einer Recherche zu Schwarzem Leben in Deutschland werden Gleichzeitigkeiten und Kontinuitäten Schwarzen Lebens in Deutschland und Amerika herausgearbeitet.

Essen verbinden wir mit Zuhause – wo und was auch immer das ist. In Familien mit Migrationserfahrung heißt reden über Essen: Gespräche über Verlust und Heimweh sowie Aufbruch und Zusammenhalt. Essen ist politisch: z. B. können Geflüchtete über das was sie essen nicht bestimmen. Doch wer ein Rezept aus der Kindheit teilt, gibt nicht nur Fertigkeiten weiter, sondern auch etwas über die eigene Identität preis. In dieser Kochshow gilt es herauszufinden, was Essen mit Community Building zu tun hat und was wir wirklich lernen, wenn wir kochen lernen.

„Hält uns wach“ ist eine ca. 8-9-stündige Durational Performance über den „Cum-Ex“-Steuerraub. Das Stück entwickelt eine Form der Raumdramaturgie, die zwischen dem Alleinsein in Räumen und verschieden rhythmisierten Gruppensituationen ihre Dynamik entfaltet. So kann die Publikumsperspektive zwischen der Identifikation mit handelnden Akteur*innen und der sie umgebenden Gesellschaft wechseln. Die Übersetzung komplexer wirtschaftlicher Vorgänge in emotional und intuitiv lesbare Rhythmen erlaubt auch einem wirtschaftsfernen Publikum einen Zugriff.

Zehn Jahre nach Corona: Die Krise ist überwunden. Die Menschheit gewöhnte sich daran, ihre physischen Begegnungen auf ein vernünftiges Maß zu begrenzen. Die vor der Pandemie verbreitete Praxis der öffentlichen Versammlung hat man nicht wieder aufgegriffen. Während man sich in den Theatern aufs Streaming verlegte, sind Parlamente zu Museen geworden. Diese Performance ist eine fiktive Museumstour durch das Frankfurter Rathaus. Aus der Perspektive einer dystopischen Zukunft blickt sie auf die Parlamente als Ruinen einer anderen Zeit.

The guts company widmet sich den Menschenrechten, Erfahrungen von Ohnmacht, Subversion und Selbstermächtigung. Ausgehend davon, dass die Menschenrechte (wie) unsere Haut sind, die unsere Innereien schützt und dabei die Außenwelt hineinlässt, gilt es zu dokumentieren, zu verhandeln und zu fragen wie es sich anfühlt, wenn man weniger oder keine Menschenrechte zugestanden bekommt: Wer nimmt sie einem und was können Formen der Selbstermächtigung sein?

Vier Körper: HUNT(ER), der Herrscher über das Gleichgewicht der Natur mit der Jagd als nekropolitischem Ritual im kolonialen Kapitalismus; HYSTERIA, das zu Viel an Erotik, Humor, Wissen des monströsen, als weiblich gelesenen Körpers; CHIMAERA, die Grenzen von Geschlecht und Spezies überschreitet und MOTHER(ING), die das Care- und Lebensprinzip als radikale Materialist*in problematisiert. Diese Figuren reflektieren ein spezifisches Verhältnis zur Welt und fragen wie wir in Krisen die Verteilung von knapp werdenden Ressourcen, Zufluchtsorten und Zukunftsvisionen auf körperlich-emotionaler und räumlicher Ebene verhandeln.

Traumascape ist eine Heilungsperformance für das Prinzip der Rationalität. Sie betrachtet es als verletzt und als Verletzung. Sie interessiert sich für verschiedene Erzählungen und eine nichthegemoniale und nichtlineare Wahrnehmung von Geschichte(n). Die Performer*innen begehen ein fiktives Ritual und vollziehen auf kritische Weise europäische Wissensgeschichte nach. Schließlich behauptet die Performance eine heilende Wirkung – wohl auch für das Publikum – zu haben.