Sonderprogramm HOMEBASE

1. Förderrunde

Mit dem neu aufgelegten Programm HOMEBASE – Theater für die kommende Gesellschaft möchte der Fonds Darstellende Künste den Künstler*innen bundesweit gezielt Freiräume eröffnen, um die Auseinandersetzung mit Fragen von Herkunft, Heimat und Migration zu erproben, zu realisieren und zu verstetigen. In der ersten von zwei Förderrunden vergab die Kommission des Kuratoriums in ihrer Sitzung am 11. Juli 2016 Projektförderungen an insgesamt 13 neue Vorhaben der frei produzierenden Darstellenden Künste u.a. in Sachsen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hamburg, Bayern und Berlin.
Die Kommission sprach sich für die Förderung von sechs Produktionsvorhaben sowie sieben projektvorbereitenden Recherche- und Konzeptionsphasen in sieben Bundesländern aus.

Das neue Programm HOMEBASE – Theater für die kommende Gesellschaft des Fonds Darstellende Künste ist für die Jahre 2016 und 2017 mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien von bis zu 300.000 Euro ausgestattet. Ziel des Programms ist es, die Kreation neuer, identitätsstiftender Narrative für die kommende Gesellschaft mit den Mitteln des Theaters zu unterstützen. Der Begriff HOMEBASE steht dabei zum einen im Wortsinn für den Ausgangspunkt einer Suchbewegung, zum anderen als Platzhalter für zeitgemäße, im Wandel begriffene Formen und Praktiken von Heimat.

Der Fokus der Förderung liegt explizit auf dialogorientierten und interkulturellen Ansätzen. Zum ersten Einsendeschluss am 16. Juni 2016 lagen dem Fonds Darstellende Künste 78 Anträge mit einem Antragsvolumen von insgesamt rund 740.000 Euro vor. 

Kategorie Produktion

Mit der Produktion First Black Woman in Space möchte die Regisseurin Simone Ayivi den Fokus auf Frauen of color richten, die in Deutschland leben – schon immer oder erst seit kurzem. Wie erleben sie Deutschland in 2016 zwischen Willkommenskultur und rechtem Terror?

Ausgehend von dem Phänomen der russischen Wissenschaftsstadt Akademogorodok stellt das Stuttgarter post theater die Frage, ob Nationalitäten heutzutage verblassen gegenüber einer kosmopolitischen Wissenschafts-Welt. Im russisch-deutschen Team wollen sie vor diesem Hintergrund Wissenschaftsutopien allgemein und konkret in Adlershof und im Bosch Campus Renningen untersuchen.

Inspiriert von rituellen Praktiken aus Traditionen der Sufi möchte das international besetzte Orchestral Theatre Ensemble unter der Leitung von Regisseur und Komponist Haitham Assem Tantawy basierend auf der kulturübergreifend bekannten Geschichte von Josef und Suleika das Musiktheaterstück YUSUF’S entwickeln.

Ausgestattet mit einem mobilen Checkpoint widmet sich die geheimagentur in unLTD der praktischen Erforschung verschiedenster Grenzfelder im Münchner Stadtraum. Dabei geht es im Speziellen um die Grenzerfahrungen von Flüchtlingen, die in die diversen Aktionen vor Ort einbezogen werden sollen.

Unter dem Titel AM FLUSS / gestrandet möchte die cie. Freaks und Fremde ein internationales Theaterprojekt der Begegnungen im einem Zelt im Zentrum von Dresden etablieren. 17 Theatermacher*innen aus diversen Nationen sollen hier gemeinsam Theatervorstellungen entwickeln und dem Publikum präsentieren.

Mit Migrantpolitan-The Label entsteht in Hamburg auf Kampnagel eine Plattform, auf der Refugee-Künstler*innen selbstverwaltete Kunstprojekte verwirklichen können. Das Portfolio reicht von einer Theaterproduktion über eine Refugee-Voices-TV-Show und Oriental Karaoke Nights bis hin zu performativen Ausstellungen.

Kategorie Anbahnung und Recherche

In Kooperation mit einer jamaikanischen Künstlerin und Aktivistin und dem Schifffahrtsmuseum in Flensburg möchte die Theaterwerkstatt Pilkentafel neue Mitbürger*innen aus afrikanischen Ländern unter dem Motto a relation to explore zu Theaterworkshops und Gesprächen entlang der Frage des Zusammenhangs zwischen Flucht und Kolonialismus einladen.

Das Kinder- und Jugendtheater theater morgenstern arbeitet seit Februar 2016 unter einem Dach mit einer Notunterkunft in Berlin-Friedenau. Das Vorhaben Halt in Friedenau will deren Bewohner*innen mit professionellen internationalen Künstlern und Anwohnern in einen Dialog über eine mögliche gemeinsame künstlerische Sprache bringen.

Unter dem Titel Come On In will die akademie der autodidakten im Ballhaus Naunynstraße eine Reihe von Workshops in den Bereichen Performance, Tanz, Musik und Spoken Word mit Kindern, Jugendlichen mit und ohne deutschen Pass und jungen Refugees unter der Leitung von Künstler*innen mit Fluchterfahrung konzipieren und umsetzen.

Die Regisseurin Recha La Dous, der Dramaturg Kris Merken und die Schriftstellerin Lana Chudnowska planen eine Performance zu jüdischer Identität heute. Die vorbereitende Recherche Schabbatot soll Gespräche mit deutschen Rabinner*innen und die Aufbereitung dieses Materials für die Produktion ermöglichen.

 

Die Regisseurin des freien Theaters boat people projekt, Nina de la Chevallerie, will gemeinsam mit dem syrisch-kurdischen Schauspieler Rzgar Khalil eine Recherchereise durch acht bis zehn Städte in Niedersachsen unternehmen und die dort ansässigen professionellen geflüchteten Künstler*innen besuchen. Ziel ist die Vorbereitung eines geplanten künstlerischen Netzwerktreffens Meetingpoint (AT) in Göttingen.

 

 

Unter dem Arbeitstitel Nach gültiger Rechtslage möchten sechs Künstler*innen – je zwei aus Deutschland, Syrien und Afghanistan – der Gruppe suite 42 für eine geplante Stückentwicklung zum Thema Asylrecht recherchieren. Juristen, Sachbearbeiter, Asylbewerber und Lokalpolitiker, sollen zu ihren Erfahrungen auf allen Ebenen mit dem deutschen Asylrecht befragt werden.

2. Förderrunde

Die Kommission des Kuratoriums sprach sich für die Förderung von vier Produktionsvorhaben sowie zehn projektvorbereitenden Recherche- und Konzeptionsphasen aus.

Kategorie Produktion

Die Interreligiöse Stadterkundung Eine Frage des Glaubens, konzipiert von Diana Wesser & Sophia Brock, soll Menschen einer Vielzahl religiöser und spiritueller Gruppen im Leipziger Osten dazu einladen, diese multikulturelle und -religiöse Nachbarschaft und die damit verbundenen Lebenswelten zu entdecken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Rolle von Religion und Glauben soll vor dem Hintergrund einer sich aktuell im Aufbruch befindlichen Gesellschaft und der spezifischen Situation in Ostdeutschland hinterfragt werden.

Unter der Regie von Mable Opoku Preach soll sich die Science Fiktion Musiktheaterproduktion Ich Du Wir Superhelden des LUKULULE e.V. u.a. mit allen Formen und abgründigen Schichten von Rassismus beschäftigen und sie im Rahmen der künstlerischen Arbeit spielerisch übersetzen. Durch eine radikale Nutzung von Sozialen Netzwerken will eine Gruppe junger Hacker*innen schrittweise das Denken und Handeln ihrer Anhängerschaft verändern.

Das Projekt DIVA: Celebrating Oum Kalthoum zielt darauf ab, Verbindungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften in Berlin zu stärken und durch Musik eine kulturelle Brücke zwischen alten und neuen Bewohnern der Stadt zu schlagen. The Wedding Orchestra for Middle Eastern Music ist eine neue Initiative des Regisseurs Ariel Efraim Ashbel und widmet sich mit einem Performance-Konzert und Film dem Erbe der legendären ägyptischen Sängerin Oum Kalthoum, die in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt scheint.

Mit der Produktion MITTELREICH plant die künstlerische Leiterin und Regisseurin Anta Helena Recke (Recke/Niang GbR) eine Kopie der gleichnamigen Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, die sich u.a. mit dem Motiv der Herkunft beschäftigt und starken Bezug zur gesellschaftlichen Gegenwart hat. Recke wird alle Parameter des Originals übernehmen, jedoch die Besetzung aus ausschließlich weißen Schauspieler*innen durch schwarze Schauspieler*innen ersetzen. Mit der Strategie der abweichenden Wiederholung will sich die Produktion in den Kanon des deutschen Sprechtheaters einschreiben und so die Vorzeichen problematisieren, unter denen dieser Kanon immer weiter hervorgebracht wird. 

Kategorie Anbahnung und Recherche

Das Letzte Kleinod geht im Jahr 2017 unter dem Titel ÜBERSIEDLUNG in Niedersachsen (Deutschland) und Kasachstan auf Spurensuche und beschäftigt sich mit der Frage, welche Erfahrungen deutschstämmige Aussiedler aus dem ehemaligen Ostblock in der Bundesrepublik gemacht haben und was besser hätte laufen können. Zusammen mit der Dramaturgin Zindi Hausmann wird Regisseur Jens-Erwin Siemssen ein Licht auf die Integration der (Spät-)Aussiedler werfen, die wertvolle Anregungen für den Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation geben kann.

Die geplante Musik-Performance Neverland São Paulo/Neverland Berlin handelt von ernüchternden Erkenntnissen im kulturellen Austausch, von eitlen Wünschen und Missverständnissen, aber auch von den komischen Momenten der Erkenntnis, die sich ereignen, wenn die Kommunikationspartner ihren eigenen Standpunkt wanken sehen. Autor und Performer Veit Sprenger recherchiert dazu mit seinem Team in São Paolo und Berlin und erhofft sich, mit der Bezugnahme auf Michael Jackson (Pop-Ikone der 1980er und -90er Jahre), die nötige Distanz zur Beurteilung aktueller Vorgänge schaffen zu können.

DABKE ist ein alter Folkloretanz des Nahen Ostens, der heute noch getanzt wird und unter dessen Titel ein Tanzlaboratorium zwei syrische Tänzer und zwei PerformerInnen von TOTAL BRUTAL in einer Körperrecherche zusammenbringen will. Der künstlerische Leiter Nir de Volff zielt darauf ab, die Verbindung, in der Gesellschaft und Körper zueinander stehen zu erkunden und den Fokus auf das „neue“ Leben der syrischen Tänzer in Berlin zu richten. Welche Methoden können entwickelt werden, um die Erfahrungen der Darsteller in eine Körpersprache übersetzen?

Im Projekt Bldeshi-Fremder erforscht der Tänzer und Choreograf Tomas Bünger vom TanzKollektivBremen zusammen mit einer zeitgenössischen Tänzerin aus Brasilien deutscher Herkunft, einem Tänzer der urbanen Szene mit syrischen Wurzeln und einem 2014 aus Gambia geflüchteten Breakdancer, wie sich Migrationserfahrung und -erlebnisse körperlich ausdrücken und in den Leib einschreiben. Die tänzerische Recherche bewegt sich zwischen „Prägung“ und „Freiheit“.

 

 

 

New Urban Stories 2017 (AT) ist ein als Sommerakademie angelegtes Rechercheprojekt, dass partizipatorische künstlerische Beziehungen zwischen Kindern und Künstler*innen etablieren möchte.
Die Schülerschaft der Düsseldorfer Gemeinschaftsgrundschule Sonnenstraße, gelegen im spannungsgeladenen Sozialraum Stadtteil Oberbilk, wird zusammen mit Ingo Toben und Anke Platon insbesondere Vorstellungen der Kinder von Politik, Demokratie und kollektiver Macht untersuchen und aktuelle sowie visionäre Erzählungen von Stadt, Stadtregierung und Zusammenleben betrachten.

 

No man delights in the bearer of bad news vereint einen hochaktuellen Diskurs und seine Verschränkung mit einer kulturgeschichtlichen Konstante – der Identifikation von Botschaft und Überbringer sowie des daraus erwachsenden Dilemmas. Die Rolle der Dolmetscher im Asylverfahren wird ins Zentrum gerückt und genauso wie die Bedeutung der kulturellen Übersetzung als Methode für unsere künftige Gesellschaft diskutiert. Zusammen mit ‚Alltags-Experten‘ lotet Isabelle Kranabetter (Dramaturgin und Produzentin) das theatrale Potential der Übersetzungsmetapher aus.

performance of being in-between ist als wissenschaftlicher, biografischer und künstlerischer Recherche-Workshop angelegt, innerhalb dessen Regisseurin Julia Wissert und Dramaturgin Laura Paetau in Zusammenarbeit mit der akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße die alltägliche Performance eines Lebens zwischen den gesellschaftlich genormten Erwartungen untersuchen. Sie fragen danach, wie Mehrfachidentitäten erlebt und gestaltet werden und was diese kosmo- und multipolitischen Erfahrungen für sie als Kulturschaffende bedeuten. Als Dokumentation steht eine begehbare, polyphone Klanginstallation – ein Raum der Mehrstimmigkeit.

Das internationale künstlerische Team Gruppe trunkene Zeiten um Regisseur Philip Baumgarten will in seiner Recherche den Konflikt in der Ukraine aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, ohne einer Partei Recht zu geben. das Haus in der Straße der erfundenen Traditionen ist darauf angelegt, die Grenzen der Länder und der divergenten Realitäten unserer Gesellschaften zu überwinden und die Individuen als internationales Ensemble in Berlin zu versammeln.

Innerhalb der Recherchephase zum transkulturellen Tanzprojekt OUT OF JOINT des steptext dance project unter der künstlerischen Leitung von von Helge Leonja und Gregroy Maqoma findet eine inhaltliche Auseinandersetzung mit globalen Dynamiken zwischen Macht und Ohnmacht, Besitzenden und Besitzlosen und den kulturellen und religiös motivierten Mechanismen von In- und Exklusion statt. Die afrikanischen Communities in Bremen werden Partner des inhaltlichen Austausches.

 

Im deutsch-kurdischen Vorhaben mikan – #Heimat #Hoffnung #Ort #Platz (AT) stehen Aspekte der Heimatsfindung und -behauptung im Fokus. mikan bedeutet im kurdischen nicht nur Heimat, sondern auch Hoffnung oder, neutral, Ort und Stelle – ein Verweis darauf, dass Heimat für Kurden alles andere als eine eindeutige Sache ist. Die Recherche des fringe ensembles soll aufzeigen, welche identitätsstiftenden Merkmale für die kurdischen Migrant*innen in der Homebase NRW von besonderer Bedeutung sind.