Initial- und Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 4/2019

Initialvorhaben

Gegenstand der Recherche ist der inter- und intradisziplinäre Austausch zwischen Tanz und Fotografie. Das Wesen der Fotografien ist statisch, während die Essenz des Tanzes dynamisch und vergänglich ist. Performances verbinden beide Motive als eine Abfolge von flüchtigen Momenten, die im Kopf der Betrachter*innen weiterleben, der individuelle Moment bleibt nicht aufgezeichnet. Kann mit photographischen Ansätzen eine eigene, tänzerische Sprache gefunden werden?

In den letzten Jahren haben sich künstlerische und wissenschaftliche Projekte zur Anwendung bildbasierter Technologien in den Bereichen Tanz und Choreographie entwickelt. Dieses Projekt ist ein entscheidender Moment, um unsere Sinne zu rekalibrieren und zu fragen: Wie würde eine Radiochoreographie aussehen? Mit diesem Vorhaben werden die Zusammenhänge zwischen den Bereichen der Expanded Choreography und des experimentellen Radios untersucht, um eine neue künstlerische Methodik zu entwickeln.

Der Moment, in dem wir jemanden zum ersten Mal auf der Bühne sehen, ist aufregend. Wir wissen nicht, wer die Personen sind, wen oder was sie repräsentieren oder ob sie überhaupt jemanden oder etwas darstellen. Die Recherche untersucht die Form einer durch automatisierte Technik ausgelösten spontanen Performance für drei völlig unerprobte Personen auf einer Bühne: zwei Erwachsene und ein Kind.

Die Elbphilharmonie steht für ein umstrittenes Großbauprojekt, ein Haus der Musik und eine internationale touristische Marke. Diesem Ort nähern sich Alice Escher und Rosanna Lovell mittels künstlerischer Forschung. Im Fokus der Recherche wird die An- und Abwesenheit von Klang stehen. Welchen Schall produziert das Gebäude selbst? Welche Stimmen erklingen auf der Bühne? Welche fehlen, und welche politische Dimension hat z. B. das Kuratieren des Konzert-Programms?

Gegenstand der Recherche ist die performative (Selbst)inszenierung weiblicher Charaktere auf der Bühne und im Video. In vier praktischen Laboren in Hamburg und in einer Online-Einladung werden Künstlerinnen darstellender Berufe eingeladen, ein performatives Solo zu kreieren. Angeschlossen ist ein inhaltlicher und biographischer Austausch über das Verhältnis zum eigenen Körper. Erforscht wird, wie und ob in den unterschiedlichen Settings Gemeinschaft und Verbindung entsteht und wie diese sich zeigt.

Die Debatte um die Doppelmoral im deutschen Automobilismus hat durch Fragen des Klimaschutzes besondere Brisanz bekommen. Dass die Widersprüchlichkeit erst spät aufscheint, ist auch Folge einer faschistischen Rundfunkpropaganda zur Autobahn. In Interviews mit Autbahnexpert*innen und Feldaufnahmen werden neue Stimmungen zur Autobahn generiert. Warum macht das Fahren auf der Autobahn auch dann noch Spaß, wenn rationale Argumente dagegensprechen? Kann man diesen Widerspruch hörbar machen?

Dieses Rechercheprojekt setzt sich mit dem Paradox auseinander, wie Handlungsansätze in Situationen der Ohnmacht an Theatern aussehen könnten. Über individuelle Zugänge soll erarbeitet werden, mit welchen Mitteln Sprechfähigkeit hergestellt werden kann. Inwiefern ist es möglich, sich als lernende Person zu verstehen und die eigene rassistische und sexistische Sozialisation zu reflektieren und zu verlernen? Wie kann in einem von Konkurrenz geprägten Umfeld solidarisch gehandelt werden?

Das Projekt untersucht theoretisch und praktisch die Beziehungen zwischen Angstgefühlen, Ökologie, Körper und Tanz in urbanen Kontexten. Können wir durch die Aktivierung des Körpers diese Ängste bekämpfen, um sie in generative Affekte und Ressourcen für die Erprobung alternativer Formen des Teilens von Leben und unserem Planeten zu verwandeln? Kann Tanz als Körperpraxis über unser bisheriges Wissen hinausgehen und so zum Diskurs der Sorgearbeit beitragen – insbesondere der „self-care“, also dem individuellen Kümmern um sich selbst?

Wie macht man Theater in Zeiten populistischer Parolen und unverschämter Emotionsbekundung? Wir begeben uns auf die Suche nach einem inklusiven Musiktheater, das die Kraft der Provokation mit der Forderung nach Utopie verbindet. Ziel ist es, Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen und Raum zu schaffen für eine Neubesetzung des Genres Oper. Wie können Konventionsgrenzen überschritten und Zuschreibungen abgelegt werden? Wagners Parsifal bildet die Arbeitsgrundlage: Wer ist heute ein reiner Tor?

Projektvorhaben

Alter, insbesondere wenn es weiblich ist, findet kaum Abbildung im öffentlichen Raum. Nach einer Studie der Uni Jena ist Altersdiskriminierung die häufigste Form von Diskriminierung, noch vor Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe. Diese Theaterarbeit gibt dem Altsein eine Plattform und macht sich auf die Suche nach individuellen und paradoxen Altersbildern.

Womit werden wir konfrontiert, wenn wir versuchen, den Individualismus in unseren Körpern aufzubrechen? Zeigt sich ein utopisches Potenzial, das auf ein veränderbares Verhältnis zwischen Körper, Natur und Gesellschaft weist? Im Kontext der Klimakrise begreift das Projekt den Körper als explizites Bindeglied zwischen Natur und Zivilisation und will dazu beitragen, dass das Eintreten für das Klima von einer substanziellen körperlichen Betroffenheit aus begriffen wird.

Wo finden sich Erzählungen, die nicht in Geschichtsbüchern auftauchen, aber beispielhaft für zivilgesellschaftliches Engagement stehen? Ausgehend von der Widerstandsgeschichte Else Jochems, die als Seifenhändlerin ihre Ware in Flugblätter wickelte und diese so unter die Leute brachte oder zu Konzentrationslagern fuhr, um den Inhaftierten Koteletts durch den Zaun zu reichen, soll eine Brücke vom Antifaschismus in Oberhausen während des Nationalsozialismus ins Hier und Jetzt schlagen. Welche Akteur*innen finden sich heute?

„Jede Gruppe, die ich frage, findet die Welt erschreckender, gewalttätiger und hoffnungsloser, als sie wirklich ist. Es gibt keinen Platz für Tatsachen, wenn unser Geist von Angst besetzt ist.“, sagt Hans Rosling, Professor für globale Gesundheit. Meyer&Kowski will unseren Orientierungssinn neu kalibrieren, um gleichzeitig informiert UND angstfrei (sic!) durch die Ambiguität der Gegenwart zu navigieren. Ob wir gemeinsam essen, trinken, tanzen, schlafen oder Boot fahren: immer treffen Fakten auf Darstellung, auf realen Ort, auf Zuschauergemeinschaft.

Ausgangspunkt dieser Produktion ist ein Hörspiel, das Ende 2019 im Deutschlandfunk Premiere hat und nun für die Bühne überschrieben werden soll. Im Zentrum steht ein syrischer Mann, der von sich enttäuscht ist und Halt in der Beziehung zu einer deutschen Frau in Deutschland sucht. Beide Figuren hadern mit den Zuschreibungen von Männlich- und Weiblichkeit in ihrem jeweiligen soziokulturellen Kontext, beide bewegen sich im Teufelskreislauf, beide versuchen mithilfe des Anderen die Abwärtsspirale zu verlassen.

Wie gehen Traumatisierte mit dem Erlebten um? Wie verändert sich ihre Körpersprache? Wie integrieren sie das Geschehene in ihre eigene Geschichte? Der Körper hat physisch, emotional und psychologisch unterschiedliche Möglichkeiten, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Das Projekt untersucht, wie das Individuum mit seinen Coping-Strategien einen Weg aus der Erfahrung des Leids in die Selbstermächtigung beschreiten kann.

Überall auf der Welt wandern Millionen Menschen in andere Länder aus, zu arbeiten. Erforscht wird dieses Thema am Beispiel vietnamesischer Auswanderer in Deutschland und Taiwan. Zu Wort kommen junge, hoffnungsvolle Menschen ebenso wie illegale Einwanderer oder ehemalige DDR-Vertragsarbeiter. Was erzählt diese Migration über die einzelnen Gesellschaften, ihre Brüche und Probleme, und über die globale Gemeinschaft?

Dieses Stadtraumprojekt hat sich dem sehr unwahrscheinlichen Ziel verschrieben, in Frankfurt einem Exemplar des größten lebenden Säugetiers zu begegnen. In Form einer Stadtführung mit Expert*innen und Künstler*innen steht das Projekt ganz im Zeichen der Suche, der Observation, der Aufmerksamkeit mit dieser immer einhergehenden Hoffnung. Doch auch (massen-)touristisch genormte Formen der Naturerfahrung sollen auf diese Weise kritisch analysiert und überschrieben werden.

Die bürgerliche Mitte als Zentrum der Gesellschaft hat sich entleert. Die Armen werden ärmer und die Reichen reicher. Gerade Menschen mit Vermögenshintergrund sind durch den mangelnden Zwang, Geld zu verdienen, und den Rückzug in die privatisierten Versionen vormals staatlicher Institutionen (z. B. Privatschulen) davon bedroht, aus dem gesellschaftlichen Gefüge herauszufallen. Club Real will die leere Mitte wieder füllen. Integrationsmaßnahmen sind gefragt – aber diesmal nicht als Repression für Hartz IV-Empfänger, sondern für die, die sich oft hinter hohen Mauern verstecken.

Die Konzert-Performance folgt der dramaturgischen Idee einer Oper, bewegt sich kaleidoskopähnlich zwischen Musik, Theater und Bildender Kunst. Sie ist komponiert für NAFs 6 Meter langes Keyboard namens 392, und 8 Gastmusiker*innen. Damit verknüpft der Abend Formate und führt Beschäftigungen mit Geschlechter- und Rollenkonstruktionen sowie deren Auswirkungen auf die hegemonialen Strukturen unserer Zeit weiter.

SHOW ME A GOOD TIME stellt sich dem Paradox einer Welt im Zusammenbruch, während wir alle unserem Alltag nachgehen als sei nichts passiert. Jeden Tag erreicht uns eine Auswahl erschreckender Nachrichten, bereit angeklickt zu werden, um irgendwo die Werbeeinnahmen zu erhöhen. Im digitalen Bilder- und Informationsrausch inszenieren Gob Squad eine performative Uhr, die uns die letzte Stunde schlägt und uns mit der Frage konfrontiert: Womit füllen wir unsere Zeit?

Die bei den Frankfurter Auschwitzprozessen auf Tonband aufgenommenen Zeug*innenaussagen ehemaliger Lagerinsass*innen dienen als Ausgangsmaterial für die Performance und die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie gelingt heute und künftig ein Reden über Auschwitz? Dabei wird ein Stimmkaleidoskop aus Aussagen, Interviews mit FrankfurterBürger*innen und Reden heutiger Politiker*innen komponiert und so ein Raum geschaffen, der das Hinhören ermöglicht.

In der fiktionalen Rahmung dieser Produktion wird geprüft, wie heutige Schwarze Deutsche Identität erfasst werden könnte – würden die Vertreter*innen der SDW (Boney M, Roberto Blanco, Arabella Kiesbauer…) als maßgeblich bei der Konstruktion ihres Bildes ernst genommen und der Rolle als stigmatisierte und exotisierte Entertainer*innen enthoben. Durch eine genuin-seriöse Auseinandersetzung sollen die Akteur*innen einerseits im deutschen Medienkanon sichtbar und festgeschrieben, andererseits rassistische Inszenierungsmechaniken dahinter entlarvt werden.

„What is left“ ist die abschließende Produktion der Trilogie „Geometrie und Politik“. Das Ineinandergreifen von Politik und (Raum-)Geometrie steht im Vordergrund: Welche Rolle spielen Architektur und räumliche Anordnungen im politischen Kontext und wie beeinflussen sie gesellschaftliche Machtstrukturen? Wie können diese Beobachtungen choreografisch-dramaturgisch für einen performativen Raum umgesetzt werden?

Auf St. Pauli zeigt sich beispielhaft die Überschneidung von queerer Entertainment-Kultur, die zur kulturellen Identität der Stadt beiträgt, und der Underground-Economy, die vielen von Diskriminierung betroffenen Menschen überhaupt erst eine wirtschaftliche Grundlage bietet. Das Kollektiv schreibt das norddeutsche Kaufmannsepos „Buddenbrooks“ fort und arbeitet dabeimit queeren Überzeichnungen von Schauspiel- und Tanz-Stilen, kanonischen Texten und Songs, die das aufklärerische (und befreiende Potenzial) queerer Performance zeigen. Das einbezogene Publikum ist dabei in einer emanzipierten und reflektierenden Position.

Der „extrem gemischte Chor“ ist ein multiprofessionelles, -ethnisches und intergenerationales Gesangskollektiv. Mit den Zuschauer*innen erprobt es – durch eine immersive Lautsprecher-Landschaft wandelnd – sprechend, singend und schweigend die Möglichkeiten einer radikalen Passivität in Anbetracht elektronischer Dauerbeschallung. Wird Musiktheater so zum Übungsort für eine Gesellschaft jenseits des Spektakels werden und wann wird Mitsummen zu einer Form der Teilhabe?