Initial- und Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 1 / 2019

Initialvorhaben

Ausgehend von der Musiktradition der Bantu und ihrer Schnittmengen mit europäischen Musiktraditionen widmet sich David Guy Kono mit Between The Lines / Zwischen den Zeilen der Schnittmengen zwischen zentralafrikanischen und europäischen Erzählweisen in der Darstellenden Kunst, um so eine größere Wertschätzung für künstlerische Traditionsvielfalt auf der Bühne zu generieren und neue Strategien für transkulturelle Vorhaben zu entwickeln.

Crosscurrents von Jochen Roller und Yuki Kihara thematisiert das Korallenriff als Form und Ort der Kohabitation. Übertragen in ein choreografisches Klima, interessiert sie das Riff als dynamisches System aus unterschiedlichen Körpern mit verschiedenen Bewegungsqualitäten, die – als (kulturelle) Diversität verstanden – anhand derer ein utopisches Modell von Zusammensein entwickelt werden könnten.

Das Medienkünstlerduo IRIS-A-MAZ und die Regisseurin Julia Hart beobachten, analysieren und (re-)inszenieren in Twitterstorm Jäger das Phänomen des Twitterstorms. Der Proberaum wird zu einer theatralen Echokammer, in der Hashtags, Memes, Tweets und Twitterbots aufeinanderprallen.

Die andere Vernunft (Rausch, Trance, Ekstase) von Karen Bösser Projects erschließt neue Ressourcen an Bewegungsenergien, wie sie u. a. Trance-, Hypnose-, Ekstasetechniken bieten, um äußere Formen und innere Zustände in den Fokus zu rücken und darstellbar zu machen. Es geht um das Umsetzen des Potenzials von archaischer Körperlichkeit für den Tanz heute – abstrakt und befreit von ritueller Praxis.

In der Recherche Performance und digitale Stadt wollen LIGNA, ausgehend von ihren eher analog angelegten Arbeiten, die aktuellen und zukünftigen digitalen Prozesse und Möglichkeiten erkunden, um eine Weiterentwicklung bisheriger Arbeiten zu ermöglichen, bzw. die Frage der bis dato eingesetzten Mittel neu zu stellen. Wie könnte eine aktuelle Form aussehen und sich im urbanen Raum als Performance materialisieren?

Mit Songs for Captured Voices recherchieren Philipp Bergmann, Laure M. Hiendl, und Thea Reifler Geschichten von Stimmen, die in Zwangssituationen aufgenommen wurden. Sie nutzen Stimmaufnahmen aus deutschen Kriegsgefangenenlagern und Praktiken des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das eine Spracherkennungssoftware zur Prüfung der Herkunft nutzt. Was sind die Hintergründe dieser Aufnahmen, damals wie heute? Wie können sich Künstler*innen kritisch mit diesem Vorgang auseinandersetzen?

THE MEDUSA RESEARCH von virtuellestheater in Kooperation mit diffract – zentrum für theoretische peripherie und dem Institut für Objekt & Spiel der HfS Ernst Busch arbeitet, ausgehend vom explosionsartigen Anstieg der Quallenbestände (lat. Medusen) durch globale Erhitzung, mit Unterdrückung, Empowerment, und Monstrosität als tools, erforscht das ästhetisches Potential von Marmor (Medusa) und Schleim (Qualle) und nutzt VR-Technologien, um die Begegnung mit Qualle und Fantasiewesen im virtuellen Raum zu simulieren.

Projektvorhaben

Mit IMPRINT [Versuche zur Abwesenheit] befragen Dekoltas Handwerk in verschiedenen Versuchsanordnungen Medien als Träger von Erinnerung. Anhand von Post-Mortem Fotografien, Totenmasken und Devotionalien des Totenkults, soll der Zustand des eigenen Todes bespielt und der ganz persönliche Umgang mit dem eigenen Tod sichtbar gemacht werden.

Die Performance Good Game Gretel vom Theater Marabu handelt von Kindern, deren Zuhause kein Ort der Geborgenheit ist. Auf Grundlage von zahlreichen Interviews mit Sozialarbeiter*innen, Wohngruppen, Polizist*innen und betroffenen Kindern, wird deutlich, dass Kinder ihre Eltern, so problematisch das Verhältnis auch sein mag, um jeden Preis schützen.

In einer Kooperation zwischen werkgruppe2, dem polnischen Teatr Polski in the underground, den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Theater Essen soll ein musikalisches Dokumentartheaterprojekt namens ARBEITERINNEN, basierend auf einer Interview-Recherche im Ruhrgebiet und Niederschlesien, entstehen, das Frauen aus polnischen und deutschen Arbeiterfamilien über drei Generationen portraitiert.

Who is Frau Troffea? von Ceren Oran ist ein Tanzmarathon: 10 Tage à 7 Std. Die Bewegungssequenzen sind sozial, politisch oder persönlich inspiriert. Damit ist Tanz über lange Zeiträume und an unterschiedlichen Orten der Stadt täglich präsent; macht Passanten zu Zeugen der Intervention; zeigt ikonisch gewordene Proteste und Facetten des tanzenden Körpers.

half past selber schuld orientieren sich an den Vorhersagen von Ray Kurzweil und ersinnen anhand derer in The Last Mortal weitere Kuriositäten des fiktiven Konzerns Wonderland Inc., um potentielle Stationen der menschlichen Zukunft zu zeichnen. Parallel wird eine Webseite dazu Fakten zum tatsächlichen Stand der Wissenschaft liefern …

Das Jahrmarkttheater macht seit 12 Jahren in Wettenbostel Theater und wird 2019 seine letzte Vorstellung dort spielen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich unterdessen rasant verändert: Das sich abschottende Europa und die immer lauteren Geister des Nationalismus verlangen Haltungen und Handlungen. Aufbruch verhandelt den Umgang mit Unsicherheiten und den Start ins Ungewisse.

Was ist mehr zu viel als alles von fachbetrieb rita grechen ist der Versuch, zum einen aus dem Theater herauszuwachsen und die Theaterarchitektur in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Das Publikum, wird bereits an der Bahn empfangen, und dann 4 Stunden lang mit „unendlichen Melodien“ und Texten bespielt. Zum anderen kämpfen die Performer*innen selbst gegen das Verschwinden an.

boat people projekt sind bei der Arbeit mit syrischen Künstler*innen immer wieder auf die Grenzen der Sprache gestoßen. Trotz vieler Verbindungen zueinander, die auch aufgrund verschiedener Herkunftsländer nicht beeinträchtigt sind, ist es die Sprache, die trennt und Missverständnisse schafft. Lost and Found in Translation fragt wie Mehrsprachigkeit in der Gesellschaft stärker genutzt werden kann.  

Trotz fallender Kriminalitätsraten ist die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, hoch wie nie. KGI möchte gemeinsam mit von Polizeiarbeit/-gewalt betroffenen Menschen und  der “Polizeipuppenbühne Bochum” Schillers Die Polize rekonstruieren und die Fragen nach dem Verhältnis von Zivilgesellschaft und Polizei, Freiheit und Sicherheit stellen.

Das Figurentheater Antje Töpfer thematisiert mir Zwei im Fluss das Element Wasser. Wo begegnet es uns und in welcher Form? Die Spieler*innen greifen Natur-, sowie Motive des täglichen Lebens auf, lassen sinnlich erfahrbare Bilder entstehen, die sich analog den Fähigkeiten des Wassers stetig verwandeln. Unbewusste Sinneseindrücke, werden in hör- und sichtbare Bewegungssequenzen umgesetzt und gehen überraschende Verbindungen ein.

Clanga pomarina. Die Schreiadleroper ist eine Uraufführung des Opernale INSTITUT für Musik & Theater in Vorpommern. Der auf der Roten Liste stehende Vogel berührt durch seine Lebensweise in und mit der Umwelt und tangiert existentielle Themen unserer Zeit. Im Zentrum steht der Vogel Rainer, der als präparierte Jagdtrophäe von der Decke hängt, während die Oper seine Flugrouten nachzeichnet.

Tänze und Tanzstile, die sich viral verbreiten, werden von Kindern aufgegriffen. Diese Beobachtung hat Takao Baba/ E-Motion bei der letzten Produktion mit Kindern regelmäßig gemacht. Aber welche Bewegungen werden übernommen und warum? Boys don’t dance erforscht, wie sich dieses Phänomen auf die Körpersprachen und das Selbstverständnis der Kinder auswirken.

Inspiriert von transnationalen Diskussionen über Krankheit, Heilung und Medizin betrachten Flinn Works (Berlin) und Asedeva (Dar es Salaam) in ihrer neuen Arbeit eine der gefährlichsten Krankheiten der Welt: Malaria. Malaria – Heal the World ist eine interaktive Performance, in der sich kolonialhistorische und heutige Forschungs- und Heilmethoden überlagern und gegeneinander antreten.

In accident exercises nähern sich Rotterdam Presenta dem Unfall als plötzliches Ereignis an. Dazu arbeiten sie mit einem installativen Setting, in dem Unfälle provoziert, fallende Körper und berstende Objekte dokumentiert werden. Das Unkontrollierbare des Unfall-Ereignisses wird dabei als Akteur ernstgenommen und in artifiziellen Bildern gerahmt.

2D – dramatic dimensions von TanzKollektivBremen ist eine Transformation von Bildender in die Darstellende Kunst. Mit performativen Mitteln wird erforscht, wie Aussagen von fotorealistischen Bildern erweitert werden können. Tänzer*innen lassen projizierte Bilder durch Bewegungen im Raum lebendig werden und verändern so die Aussage des Motivs. Die Projektion wird schließlich selbst zum Bild.

20 Jahre nach Veröffentlichung wird das Album Nightlife der „Pet Shop Boys“ Gegenstand eines performativen Abends von Thomas Bartling & David Kilinç. Beide versetzen sich in die Zeit ihrer Pubertät zurück, gleichen damalige Zukunftsvorstellungen und politische Situationen mit der Realität des Jetzt ab und fragen welchen Einfluss die damalige Lieblingsmusik auf ihr heutiges Verständnis als schwule Männer und Künstler hat.

Für die Choreografie TURBULENCE setzt Helge Letonja/steptext dance project die Ebene gesellschaftlicher Umwälzungen, die im Aufeinanderprallen politischer Strömungen wurzeln, in Verbindung mit der naturwissenschaftlichen Betrachtung turbulenter Strömungsphänomene. Zwischen den dynamischen Choreografien und Momenten öffnet sich eine kontrapunktische Ebene zur körperphilosophischen Betrachtung.

Die (DiS)INTEGRATIONSMASCHINE: DADA R von andcompany&Co. erlaubt, die „Geschichte(n) der Gegenwart“ neu und anders zu erzählen: Menschen aus Ost und West erinnern sich an ihre jugendliche Melancholie der Wendezeit. Dabei scheinen alternative Geschichtsverläufe auf. Vergangenheit, Gegenwart, Erinnerungen und aktuelle Ereignisse gehen ineinander über.

Mit Retrospective zeigt Xavier Le Roy eine Ausstellung, die als Choreografie konzipiert ist: 15 Tänzer*innen benutzen Teile der Solo-Choreografien Le Roys, die zwischen 1994-2009 entstanden. Jede Ausgabe wird mit lokalen Künstler*innen in einem Museum oder Ausstellungsort kreiert und während der Öffnungszeiten für die Ausstellungsbesucher*innen interpretiert.

Darüber hinaus wurden in dieser ersten Entscheidungsrunde drei Konzeptionsvorhaben ausgewählt.