Initial- und Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 2/ 2019

Initialvorhaben

GGG-HQ – Ging nicht, Geht nicht, Geht doch Headquarter ist ein Labor von Merle Vorwald, Sara Wendt und Tea Palmel, das sich mit rechtsradikalen Strukturen in Niedersachsen befasst. Grundlage bilden Auseinandersetzungen mit dem rechtsradikalen Großvater, Studien zur rechtsradikalen Identi-tätsbildung nach 1945 und häusliche Artefakte und Alltagsgegenstände, die noch immer als Zeugen der NS-Zeit überdauert haben. Das digitale Headquarter, eine Online-Plattform, wird die gefundenen Zusammenhänge und Rechercheergebnisse dokumentieren.

Um 1900 war der Zirkus in Deutschland eine überaus erfolgreiche Theaterform. Die damaligen Insze-nierungen entsprechen selten der heutigen Vorstellung vom traditionellen Zirkus. Zeitgenössische Zirkusproduktionen sind gegenwärtig in die Spielpläne von Theatern integriert, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Zirkus in Deutschland findet jedoch kaum statt. Mit der Recherche „30 000 Liter Spreewasser stürzten aus der Kuppel“ – Zirkus in Berlin werden För Künkel und Mirjam Hildbrand sich dieser theatergeschichtlichen Lücke widmen.

Krieg, Elend, Vertreibung und Humor. Wie geht das zusammen? Maja Zeco und Ina Arnautalic haben während des Krieges in Bosnien und Herzegowina am eigenen Leibe erfahren, wie Humor zu einer der wichtigsten Überlebensstrategien wurde. Mit Was haben wir gelacht – Humor als Überlebensstrategie wollen sie herausfinden, inwieweit andere Menschen in Konflikt- und Kriegsgebieten ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Da das Teilen von schönen Erinnerungen und von weniger Schönem, Identität schafft und eine Plattform für Kommunikation bildet.

Der sowjetische Konstruktivismus ist als wichtige Architektur-Epoche ein Beispiel für den utopischen Geist der UdSSR. Programmatisch ist das erste Hochhaus der UdSSR, das Gosprom Gebäude in Kharkiv. Das post theater möchte dieses Gebäude in seiner Recherche Leaving/Living Utopia – Konstruktivismus und Augmented Reality-Tanz auf seine Nutzungsgeschichte und identitätsstiftende Funktion untersuchen. Was bedeutet der Utopismus des Konstruktivismus für die Identitäts-politik in der heutigen Ukraine zwischen Russland und dem Westen?

Die Wahrnehmung ist kulturell geprägt und lässt ein Körperverständnis mit bestimmten Hierarchien entstehen. Doch was, wenn diese Hierarchien in Frage gestellt und damit die Bewegung und Darstellung des weiblichen Körpers reflektiert wird? Die Suche nach einem feministischen Körper: Ein neues Bewegungsarchiv beginnt für Natalie Riedelsheimer und Caroline Alves mit der Betrachtung von weiblichen Körpern auf Foto- und Filmmaterial von Widerstandsbewegungen und mit der Arbeit von Agnès Varda.

Etymologisch geht „Entsiffung“ auf die Syphilis zurück, die im 19. Jahrhundert mit „undeutschem“ Lebenswandel verbunden wurde. Historisch, wie aktuell, vereint er Antisemitismus und Antifeminismus mit dem Hass auf das Sexuell-Befreite und Anti-Identitäre. (Verbale) Angriffe gegen die vermeintlich „versiffte“ Kulturlandschaft sind gegenwärtig. Vor diesem Hintergrund lenkt Tina Turnheim mit RADICAL SYPHILIS den Fluss der Hate Speech um und sucht nach einer Sprache, die das Vermischt-Fluide huldigt.

Die Tendenzen an ungewöhnlichen Orten zu inszenieren, erfordern einen flexiblen Umgang mit dem Medium Licht. gamut inc wollen Im Takt der Zeit mit Licht die mittlerweile erschwingliche computergesteuerte Lichttechnik erforschen, die es freien Gruppen ermöglicht, komplexe Lichtchoreographien zu produzieren und eine künstlerisch-technische Souveränität an freien und ungewöhnlichen Spielstätten zu gewährleisten. Die Forschung wird den aktuellen Wissenstand zum Thema bündeln, und Möglichkeiten für eine eigene Sprache und Ästhetik erschließen.

Doppelgängerinnen oder impersonators, mimen und vereinnahmen ein anderes – oft berühmtes – Ich. Einige zu Zwecken der Unterhaltung, andere um zu betrügen. In der Recherche Thieves Like Us wird Melanie Jame Wolf impersonation als einzigartigen Modus von Performance und als popkulturelles Phänomen erkunden und dessen Geschichte, Techniken und Vokabular nachzeichnen. Ein Thema, das unablässig relevant für den gegenwärtigen Performance-Diskurs ist und die Unterscheidung von „Kunst“ und „Unterhaltung“ auf diesem Feld untersucht.

Gegenstand der Recherche zum Thema ‚Kinderhäftlinge in NS-Konzentrationslagern‘ der Theaterwerkstatt Göttingen ist die Untersuchung einer künstlerischen Umsetzung dieses Themas im Jugendtheater. Dazu werden ästhetische wie formale Herausforderungen für dieses sensible Recherchematerial hinterfragt und inhaltliche Aspekte in den KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen und Auschwitz recherchiert. Im Fokus stehen Selbstzeugnisse der Kinder-Überlebenden und die Frage danach, wie eine zukünftige Erinnerungskultur im Jugendtheater aussehen kann?

Narrative um die Entstehung der ostdeutschen Plattenbauten sind mit den Mitteln der Darstellenden Künste noch wenig erforscht. Die Recherche Plattenbauten – Inseln der Gegenwart von Sarah-Marleen Methner und Maximilian Hanisch untersucht wie Erzählungen und Architekturutopien den Bau der seriell gebauten Wohneinheiten rechtfertigten und die Identität und Wahrnehmung der Ostdeutschen Bevölkerung im Vergleich zu BewohnerInnen von Plattenbauten in anderen Ländern beeinflussten.

Projektvorhaben

In PARZELLE 1.9 werden die Zuschauerinnen in einer Kleingartensiedlung selbst zu Voyeurinnen und Akteurinnen und tauchen in das räumliche Narrativ eines zurückgezogenen Laubenbewohners ein. Sie entdecken ein detailliert ausformuliertes Mikroversum, in dem Barbara Lenartz mit einer hermetisch dichten Gestaltung eine neue multisensorische Wirklichkeit konstruiert und jeder Zuschauerin die Bilder zu einem anderen Bild des Laubenbewohners zusammensetzt.

„Die Pflicht zum Ungehorsam“ (Thoreau) ist mit der jungen Generation wieder zurückgekehrt. Fridays-for-Future ist nur ein Beispiel. In der Oper „The Wreckers“ (1906), der Komponistin Ethel Smyth – geht es um den Einsatz für Menschenrechte. Zwischen opulenter Oper und performativem Erlebnis inszeniert Kerstin Steeb mit STRANDRECHT Möglichkeits- und Erfahrungsräume für den politischen und ästhetischen Wandel. Sich im Alltag für Menschenrechte und Minderheitenschutz einzusetzen, ist oft leichter gesagt, als getan.

Markus&Markus lassen sich in DIE BERUFUNG von Menschen ausbilden, die täglich im Klei-nen unsere Demokratie verteidigen und begleiten dies mit der Kamera. Daraus entsteht ein Stück, das zeigt, wie im Öffentlichen Raum Herzen über Hakenkreuze gemalt werden und das von der Bühne zurückwirkt in die Region jenseits der Theatermauern.

Wer hat die Macht? Wie entsteht sie? Warum lassen wir uns unterwerfen? MACHT#1 erforscht das System hinter Über- und Unterordnung und welche Eigenschaften zu dem jeweils einen oder anderen befähigen. the guts company geht der These „ohne Masse, keine Macht“ nach. Als Duett beginnend wird die Bühnenproduktion schließlich zu einem Stück der Vielen und erhöht das Medium der Video-projektion als „Masse im Digitalen“.

RÜBERMACHEN- Ein interkulturelles Training für Ost‐ und Westdeutsche bejaht, dass sich während der deutschen Teilung zwei Kulturen herausgebildet haben. Mit interkulturellen Trainings und partizipativen Mitteln werden Ost und West im Rahmen der Bürgerinnenbühne des LICHTHOF Theaters (später auch in Halle(Saale)) ins Gespräch gebracht, um Verständnis füreinander zu wecken, Perspektiven zu wechseln und Unterschiede zu thematisieren.

Goodbye Norm von SOZIALE FIKTION greift aktuelle Debatten um sich verändernde Normalitätsvorstellungen auf und richtet den Fokus auf das, was als normal gilt. Inszeniert wird der peinliche (letzten) Auftritt einer allegorischen Figur namens „Norm“, die die Regeln und Konventionen des gesell-schaftlichen Zusammenlebens herunterbetet – während u.a. mittels Slapstick körperliche Kontrollver-luste und Scham um sie herum inszeniert werden.

In KONTROL einem Selbstexperiment dokumentiert die ehemalige Leistungsschwimmerin Patricia Mai, wie sie ihren Körper durch extremes Training auf Höchstleistung bringt und formt. Die anschließende Zeit der Stückentwicklung, ohne jegliches Training, zeigt den Verfall. Das daraus entstehende Solo ist ein getanztes Portrait, das die Veränderung von Körpermerkmalen und -konturen verarbeitet.

Die Tanzperformance von Gloria Höckner „Futurecore 2000 – All Beats Are Beautiful“ ist eine choreographische Auseinandersetzung mit apokalyptischen Zukunftsvisionen innerhalb der Techno-Kultur. Mit akustischen Welten entwickeln drei Performerinnen und eine Soundkünstlerin Laboratorien in denen Sound und Körper sich zu immer neuen utopischen Formen zusammenschließen, die fiktive Welten entstehen lassen oder deren Ende ankündigen.

Die Youtube-Videoformate des Unboxing haben ungeahnte Popularität entwickelt, zeigen aber nur das ganz profane Auspacken. Mit UNBOXING UNBOXING untersucht die geheimagentur in der Blackbox wie das Online-Format die szenische Kunst herausfordert. Unboxing ist bereits ein inszenierter Akt und zeigt den Übergang von sichtbar und unsichtbar, von Zeigen und Verbergen und thematisiert das Verhältnis und die Spannung von Privatem und Öffentlichem.

Gegen:über ist ein Stück vom Cargo-Theater ohne Worte mit Live-Musik, Geräuschen und Tönen für junges Publikum. Sie und Er leben Wand an Wand und stören sich mit ihren Alltagsritualen immer wieder gegenseitig: durch lautes Lachen, Saugen etc. Kann die/der nicht leiser sein? Doch eines Tages rollt ihre Apfelsine in seine Wohnung. Ach je, wo ist sie denn hin? Nanu, wo kommt die denn her? So begegnen sich beide statt sich übereinander zu ärgern.

GRUSEL GRUSEL (AT) ist eine Performance von DIE NEUE KOMPANIE für Kinder ab 6 Jahren. In den Händen von vier Performerinnen verwandeln sich Pfeffer- und Salzstreuer in Monster und jene Figuren des Schreckens, die rund um den Globus erfunden wurden. Fürchten wir uns vor den gleichen Dingen? Oder gruselt eine japanische Geistergeschichte anders als ein bulgarischer Wolf? Sicher ist: Kinder gruseln sich gerne, auch gemeinsam, egal wo auf der Welt.

In The Users trifft erwachsenes Publikum auf eine Gruppe mit Tablets ausgestatteter Kinder, die erklären, was sie als User dort „tun“. Durch ihre Beschreibungen werden sie zu Vermittlern zwischen virtueller Welt und dem realen Theatersaal. Das Projekt von Britt Hatzius knüpft an einen technologischen Generations-Entwicklungssprung an, erkundet das Interesse der Kinder an der Medienwelt und macht es für ein erwachsenes Publikum performativ erfahrbar.

Die Figur der Hexe erlebt aktuell ein Revival. Auf Netflix, beim Hexenyoga oder als neue Startup-Idee in der Esoterik. Man zeigt und spricht über Hexen als hätte es sie je oder als würde es sie immer noch geben: Frauen, denen man übernatürliche Kräfte oder außerordentliche Macht zuschrieb. WITCHES von Ursina Tossi bringt popkulturelle Fantasien über Hexen mit historischen Quellen in Kollision und kombiniert diese mit der Propaganda aus „Der Hexenhammer“.

Trial & Error – Im glänzenden Schattenreich des Scheiterns (AT) setzt sich mit der Angst vor dem Misserfolg auseinander. Deutschland liegt bei der Fehlertoleranz auf Rang 60 – von 61 befragten Ländern. Theater Strahl will mit dieser Produktion den Blick des (nicht nur) jugendlichen Publikums verändern. Lustvoll wird das Scheitern erprobt. Es geht schief, was schiefgehen kann. Und je näher man dem Desaster kommen, desto glamouröser und visionärer die Momente.

Dea Ex Machina ist eine performative Begegnung von Bühnentechnik und Körpern, von Technikerinnen und Spielerinnen. SWOOSH LIEU bringen damit das Konstrukt von natürlichen Körpern und normativen Bühnenräumen ins Wanken. Frei nach Donna Haraway wird dies ein Plädoyer „die Verwischung der Grenzen zu genießen und Verantwortung bei ihrer Konstruktion zu übernehmen.“

SHE HULK ist ein Tanzstück von Lisa Rykena und Carolin Jüngst, das hinter die patriarchale Erzähltradition des Mythos der Amazonen blickt. Im Rückgriff auf Comic-Figuren wie Wonder Woman oder Hulk, entdecken sie das queere Potenzial der Comic-Welt. Die (Super)Heldinnen befragen ihre eigene Heldinnenhaftigkeit, entziehen sich dem maskulinistischen (Einzel-)Held*innentums und feiern stattdessen Diversität und Solidarität.

Von Wegen – auf der Suche nach Fontanes Brandenburg ist ein mobiles Theaterstück von Theaterkollektiv FRITZAHOI! | Uniater, das Fontanes Ideen von Heimat und Mobilität erforscht. Das Publikum bewegt sich auf Fontanes Spuren und erkundet reale und fiktive Orte und Geschichten der Wanderungen durch die Mark Brandenburg: Performt wird sowohl auf der Fahrt im historischen Doppelstockbus als auch an Originalschauplätzen in Märkisch-Oderland.

Alte Körper werden gesellschaftlich vor allem über Defizite definiert, darüber, was sie NICHT mehr können. Gleichzeitig konfrontieren alte Körper die Jüngeren mit der eigenen Vergänglichkeit. Mit einer Recherche in Altenheimen entsteht die Tanzproduktion dreams in a cloudy space von Antje Velsinger, die innerhalb der Leistungs- und Optimierungsgesellschaft einen alternativen Blick auf alte Körper ermöglicht.

Düfte und Gerüche markieren soziale und kulturelle Herkunft, Geschlecht, Klasse. Es überschneiden sich auf besondere Weise Persönliches, Politisches, Philosophisches, Affekt und Kunst. In no smell in outer space (AT) wird Sandra Chatterjee die Dimensionen von Gerüchen und Düften verschränken, während formal die Abstraktion zeitgenössischer choreographischer Ansätze und poetisch-philosophischer Texte auf die Konkretheit dokumentarischer Verfahren treffen.

Der Walgesang, eine Kommunikationsform, die über enorme Entfernungen funktioniert. Er kann Liebeslied wie auch Futterton sein oder der Ortung der Familie dienen. In letzter Zeit wird er übertönt. Man muss lauter singen. Man strandet. In Whale Whale Song folgen HAUEN UND STECHEN gemeinsam mit dem Publikum dem Gesang der Buckelwale, lassen sich verschlingen, wie Jona und Pinocchio, um am Ende wieder ausgespuckt zu werden.