Gegenwart und Zukunft von Kultur- und Theater-Entwicklungsplanung in der Bundesrepublik Deutschland

Prof. Dr. Thomas Schmidt, Melina Eichenlaub, Vanessa Hartmann, Rebecca Rasche, Esther Sinka, Hochschule für Musik und Darstellende Künste, Frankfurt am Main

Vortrag beim Symposium "Transformationen der Theaterlandschaft"

In diesem Vortrag stellt Prof. Dr. Thomas Schmidt nicht nur die Ergebnisse seiner Studie zur „Förderung von Theaterentwicklungsplanung“ vor, sondern auch die der ebenfalls von ihm verantworteten Teilstudie „Förderung im politischen Mehrebenensystem“.

Exposé

In der Teilstudie wurden sowohl die gegenwärtige Situation der Kultur- und Theaterentwicklungsplanung in der Bundesrepublik Deutschland untersucht als auch mögliche Zukunftsszenarien aufgezeigt. Dabei untersuchten die Forscher*innen vor allem die Planungsinstrumente in Bezug auf die Theaterlandschaft, mit besonderem Bezug zu den Freien Darstellenden Künsten. Folgende Forschungsfragen standen im Zentrum:

  • In welchen Bundesländern und Regionen der Bundesrepublik werden Theater- bzw. Kultur-Entwicklungs-Pläne (KEP/TEP) angewendet und welche (positiven) Auswirkungen haben diese auf die Darstellenden Künste in den Regionen?
  • Wie müssen diese Planungsinstrumente konzipiert sein, um einen Modernisierungsschub der kulturpolitischen Strukturen zukunftsweisend nutzen und umsetzen zu können?

Um den gestellten Fragen nachgehen zu können, wurden neben ausführlichen Recherchen zur aktuellen bzw. zu einer möglichen zukünftigen Planungssituation in den Darstellenden Künsten fast 130 Interviews geführt. Die Interviewpartner*innen reichten von Kulturpolitiker*innen und Intendant*innen bis hin zu – freien sowie fest angestellten – Akteur*innen und Künstler*innen, Journalist*innen, Theatermacher*innen sowie Kulturmanager*innen. Diese vielfältigen Interviews ermöglichten es, einen Eindruck von den Bedarfen und Problemen zu bekommen, vor denen die von einer Theater- und Kulturentwicklungsplanung betroffenen und bestenfalls profitierenden Personen stehen und weiterhin stehen werden.

Dabei beschäftigten sich die Forscher*innen mit theoretischen Vorleistungen zu den KEP sowie vertieft mit vier verschiedenen Bundesländern, die exemplarisch für bestimmte Regionen Deutschlands sowie die Besonderheiten der dortigen Kulturlandschaft und Förderstrukturen stehen. Diese waren: Hessen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Dennoch sind die übergreifenden und angrenzenden Regionen in jeder der vier Teilstudien ebenfalls berücksichtigt und in die Studien aufgenommen worden, wie Exkurse nach Brandenburg, Sachsen/Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz zeigen. Alle vier Bundesländer und auch die Bundesebene weisen besondere Charakteristika bezüglich der Förderstrukturen auf, aber auch die zukünftigen Herausforderungen hinsichtlich nachhaltiger Kultur- und Theaterentwicklungsplanungen sind je nach Bundesland bzw. kulturpolitischer Ebene spezifisch.

Die aus der Studie gewonnenen Erkenntnisse sind einerseits breit gefächert, allerdings ergeben sich auch immer wieder Muster. Alle Forscher*innen kamen u.a. zu dem Ergebnis, dass

  • ein einheitliches Planungssystem für die Kulturentwicklungsplanung der Darstellenden Künste (aufgeteilt in Aspekte wie Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit oder Flächendeckung),
  • eine kontinuierliche Steigerung des Förderanteils der Freien Darstellenden Künste in den Finanzhaushalten von Kommunen und Ländern,
  • bessere Arbeitsbedingungen für freie und festangestellte Künstler*innen und Mitarbeiter*innen der Kulturbranche
  • sowie eine engere und bedarfsorientiertere Kommunikation der Verbände und Akteur*innen mit der Kulturpolitik (z.B. durch Instrumente wie Runde Tische auf allen politischen Ebenen)

nötig sind, damit die Darstellenden Künste in der Bundesrepublik sich auch zukünftig künstlerisch betätigen können, ohne sich um ihre (finanzielle) Existenz sorgen zu müssen.

Die Zahl der Ergebnisse dieser Studie und die enge Vernetzung dieser mit weiteren angrenzenden Erkenntnissen zeugt davon, welches Potenzial in Kulturentwicklungsplänen bzw. entsprechenden Planungssystemen liegt und wie wenig dieses derzeit noch genutzt wird, auch weil vorherrschende Planungsmodelle nicht nachhaltig implementiert werden. Zudem gibt es eine Vielfalt an konzeptionell sehr verschieden angewendeten Instrumenten, die oft anderen als planerischen Zwecken dienen. Die Kultur- bzw. die Theaterentwicklungsplanung ist jedoch ein Kerninstrument, an das viele andere Planungs- und Konzeptionsinstrumente der Kulturpolitik anknüpfen müssen, um erfolgreich zu sein.

Ein einheitliches Kultur-Entwicklungs-und-Planungssystem sollte vor allem sieben Aspekte beinhalten:

  • Zweigleisigkeit, denn während die Planung und Förderung von künstlerischen Projekten und in sich geschlossenen künstlerischen Produktions- oder Festivalzyklen unbestritten zu den wichtigsten Elementen einer Kulturentwicklungsplanung gehören, sollten zukünftig auch die Lebensentwürfe der Künstler*innen und der Mitglieder von Gruppen durch eine langfristige existenzielle Grundsicherung ermöglicht und abgestützt werden.
  • Zukunftsfähigkeit, also die Reflexion und Aufnahme neuer Entwicklungen in den Darstellenden Künsten und im gesellschaftlichen Umfeld in den Planungssystemen,
  • Nachhaltigkeit, also die Absicherung einer dauerhaften Bedürfnisbefriedigung der beteiligten Akteur*innen bei einer beständigen Regeneration der entwickelten Modelle und Systeme,
  • Modularität, also den Aufbau von Planungssystemen in einzelnen Modulen, die sich nach den jeweiligen Zielstellungen des Systems und ihren Abstufungen ausrichten,
  • Einheitlichkeit, also die Austauschbarkeit von Modulen der Planungsmodelle zwischen den Ländern,
  • Flächendeckung, also die komplette Abdeckung der Theater- und Kulturlandschaften der Bundesrepublik, der Länder und der Kommunen mit Kulturentwicklungsplanungs-Systemen, um die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Städten und Ländern, vor allem aber die Mobilität von Gruppen und Künstler*innen in der gesamten Bundesrepublik abzusichern,
  • Bottom-up-Planung, also die von den Interessen, Zielen und Plänen der Künstler*innen und Gruppen ausgehenden Planungen in die nächsthöhere Ebene – im Widerspruch zur bislang üblichen Top-Down-Planung.

Ein ganzheitliches Planungssystem wird die Darstellenden Künste nachhaltiger, künstlerisch erfolgreicher und schließlich auch resilienter machen, auch in dem die Künstler*innen selbst ein Leben lang unter den Vorzeichen einer elementaren Grundsicherung gefördert werden, dass sie ihren Beruf mit Engagement, Freude und ohne Not ausüben können.

Transformationen der Theaterlandschaft - Symposium
Prof. Dr. Thomas Schmidt beim Symposium "Transformationen der Theaterlandschaft" - Foto: Dorothea Tuch