»Handelt bitte nicht so, als würde alles, jede und jeder Euch gehören.«

Erstmals in diesem Jahr verleiht der Fonds die Tabori Auszeichnung international. Der Kulturjournalist Tom Mustroph im Gespräch mit den Preisträger*innen des teatru-spălătorie aus Moldau.

Das teatru-spălătorie aus Moldau wurde 2010 gegründet. Es zeichnet sich durch unbequeme Arbeiten aus, unbequem für viele Adressat*innen. Seit mehr als 10 Jahren wird es vom Berliner HAU Hebbel am Ufer unterstützt. Dort kam auch die jüngste Produktion Symphony of Progress, die den Glauben an den Fortschritt massiv erschüttert. Das Interview mit dem Kollektiv von teatru-spălătorie wurde im April 2022 per mail geführt.

"Symphony of Progress" von teatru-spălătorie / Foto: Ramin Mazur
"Symphony of Progress" von teatru-spălătorie / Foto: Ramin Mazur

Als ich das erste Mal vom teatru-spălătorie hörte, gefiel mir schon der Name. Er bedeutet Wäscherei. Wie kamen sie darauf? Und was haben Sie bisher dort gewaschen?

teatru-spălătorie: Der Name kommt von dem Ort, an dem wir mit unseren Performances begonnen haben, dem Keller einer früheren Wäscherei. Aber es war natürlich auch damit verbunden, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen zu wollen. In Clear History sprechen wir Themen unserer jüngeren Vergangenheit an, die regelmäßig ausgeblendet werden wie die Beteiligung der lokalen Bevölkerung auf dem Territorium des heutigen Moldau am jüdischen Holocaust im 2. Weltkrieg. Abolition of the Family untersucht die Institution Familie und wie das patriarchal-kapitalistische System davon profitiert. Symphony of Progress beschäftigt sich mit der Ausbeutung migrantischer Arbeiter*innen in Westeuropa, Requiem for Europe mit dem Ausnutzen der schwachen Arbeitsgesetzgebung und den Niedriglöhnen in Ländern wie Moldau durch internationale Unternehmen.

Da wird also vielerlei dreckige Wäsche ans Licht gezerrt?

Ja, natürlich. Gospel of Mary untersucht das Patriarchat, das in der Bibel gepredigt wird und ruft zu einer feministischen Revolution auf. Life geht auf den individuellen Widerstand während der Besetzung des Donbass ein, in Zeiten, in denen Schlachten auf dem Schlachtfeld und durch Propaganda in Massenmedien und sozialen Medien ausgetragen werden.

Seit Februar 2022 wird der Krieg in der Ukraine auf einer neuen, noch brutaleren Stufe ausgetragen. Moldau, wo Sie alle leben und arbeiten, hat eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine. Wie hat der Krieg das Leben in Moldau verändert?

Es war schockierend und überraschend, als Russland im Februar einmarschierte und viele Menschen fliehen mussten. Über Nacht wurde Moldau zu einem Zufluchtsort. Inzwischen haben Hunderttausende die Grenzen passiert, die meisten von ihnen zogen weiter. Aber etwa 100.000 blieben in Moldau und hoffen auf ein baldiges Ende des Krieges. Der Staat Moldau hat keine finanziellen Reserven. Es gibt auch keine Infrastrukturen und menschlichen Ressourcen für eine Hilfe für die Geflüchteten aus der Ukraine. Für uns ist das nicht überraschend, denn Moldau schafft es nicht einmal, sich um die eigenen Bürger*innen gut zu kümmern. Schockierend allerdings ist, dass sich all die internationalen Organisationen, die in den letzten zwei Monaten nach Moldau kamen, genauso unfähig sind, die Grundbedürfnisse der Geflüchteten zu befriedigen. Noch immer sind Geflüchtetenlager in Chișinău ohne Trinkwasser und nur mit improvisierten Betten. Die tägliche Essensversorgung ist ein Problem. Noch immer trägt die lokale Bevölkerung die größte Last.

Man muss aber auch sagen, dass die berühmte moldauische Gastfreundschaft nicht für alle Geflüchteten galt. Roma, die vor dem Krieg flüchteten, werden in keinem Privathaushalt willkommen geheißen. Der Staat schickt sie in separierte Lager mit den härtesten Bedingungen.

Das sind bedrückende Nachrichten. Wie beeinflusste die Gesamtsituation Ihre künstlerische Arbeit?

Wir konnten uns in den letzten zwei Wochen gar nicht darauf konzentrieren und versuchten, Geflüchteten zu helfen. Freund*innen unseres Theaters spendeten, wir bewarben uns auch für Förderungen. Manches wurde gewährt, manches abgelehnt. Einige Geldgeber*innen wollten Fotos der Geflüchteten, weil wir für sie nicht vertrauenswürdig waren.

Wie sind generell Ihre Arbeitsbedingungen in Chișinău? Haben Sie eigene Räume?

Die Arbeitsbedingungen für Freie Darstellende Künste haben sich seit unseren Anfängen im Jahr 2010 nicht wesentlich geändert. Es fehlen Spielstätten, allgemein Infrastruktur und Unterstützung durch die öffentliche Hand. Es gibt noch immer kein Interesse, nicht einmal Neugier von den staatlichen Institutionen für die Arbeit unabhängiger Kollektive. Uns gehörte die ganze Zeit über kein einziges Mal ein Raum. Von 2010 bis 2017 probten und spielten wir im Keller einer alten Wäscherei. Ab 2012 hatten wir auch eine Bar und organisierten Partys, um die Miete aufbringen zu können. Dann wurde die Gegend gentrifiziert. Seitdem proben wir in unterschiedlichen Räumen, mal zur Miete, mal frei zur Verfügung gestellt.

Wie sind die Förderbedingungen in Moldau?

Das Kulturministerium wie auch die städtische Kulturabteilung denken, ihre Aufgabe sei es, Weihnachtsmärkte zu organisieren, sexistische Dichter zu feiern, nationale Feierlichkeiten für den Unabhängigkeitstag abzuhalten und einige Orden an verdiente ältere Künstler*innen zu verteilen, anstatt ihnen anständige Renten zu zahlen.

In den letzten Jahren gab es einen kleinen Wandel. Durch den Einfluss der EU und von Expert*innen der Weltbank kamen sie darauf, dass ein etwas fortschrittlicheres Kulturministerium die Kreativindustrie und den Kulturtourismus sponsern sollte, und dass die Kunst sich verkaufen müsse und die Künstler*innen sich in Unternehmer*innen verwandeln sollten.

Und nein, wir bekommen keinerlei staatliche Förderung, und es gibt auch keine lokalen privaten Stiftungen, die die Darstellenden Künste unterstützen.

Wie kamen Sie alle zum teatru-spălătorie? Können Sie beschreiben, was Sie zunächst daran faszinierte, und in welcher Form Sie im Ensemble tätig sind?

Nicoleta Esinencu: Ich bin eine der Mitgründer*innen des teatru-spălătorie. Ich möchte betonen, dass wir kein Ensemble, sondern ein Kollektiv sind. Die Idee ist, dass wir Dinge gemeinsam tun und nicht um eine Person herum. Wir haben versucht, eine alternative Arbeitsweise zu finden, die sich von dem unterscheidet, was wir in der Schule gelernt oder in den Staatstheatern gesehen haben. Wir hatten keine klare Idee, was das werden würden, aber wir wussten genau, was es nicht werden sollte.

Doriana Talmazan: Ich bin Schauspielerin und eine der Wäscherinnen, die im teatru-spălătorie seit Anfangszeiten ist. Meine Erfahrungen mit dem Stadttheater weckten in mir den Wunsch für ein individuelles, politisches und unbequemes Theater, eines, in dem ich mit Menschen, die einen kritischen Blick auf die Welt, in der wir leben, haben, Dinge kreieren kann. Ich mag die Recherche- und Dokumentationsphase. Das ist ein Selbstlernprozess für mich. Und natürlich mag ich es auch, wenn ich bei einem Drink nach der Show Leute treffe und merke, dass es mir geglückt ist, wenigstens bei einer/m Zuschauer*in die Frage zu provozieren, die mich selbst beschäftigt hat. Ich mag am spălătorie, dass wir ein nichthierarchisches Kollektiv sind, ohne die Autorität einer/s Regisseur*in, ohne sexistische und patriarchale Attitüden – all das, was wir in anderen Theatern kennenlernen mussten.

Kira Semionov: Ich kam zum teatru-spălătorie Ende 2014. Meine Hauptaufgaben sind Ton und Licht, aber ich trete auch auf der Bühne auf. Wir sind horizontal organisiert und diese Arbeitsweise im Kollektiv ist einer der vielen Gründe, warum ich so gern Teil vom teatru-spălătorie bin.

Artiom Zavadovsky: Ich bin Performer und Medienkunststudent. Ich bin von Anfang an dabei, erst als Zuschauer und Freund, seit fünf Jahren gehöre ich zum Kollektiv. Ich finde es wichtig, Raum für persönliche Geschichten zu schaffen. Für mich macht der dokumentarische Aspekt Theater politisch, denn das provoziert Fragen über unsere jüngste Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, die wir erhoffen. Ich mag es, dass wir miteinander auf der Grundlage gemeinsamer Anstrengungen arbeiten und dass das über die Theaterproduktion an sich weit hinausgeht.

Nora Dorogan: Ich bin Kulturarbeiterin, Mitgründerin und Produzentin von teatru-spălătorie. Ich mag den gesamten Prozess der Diskussion und der Entscheidungsfindung darüber, woran wir das nächste Mal arbeiten wollen. Dem folgt ein langer Prozess von Forschung und Dokumentation, während dem wir vielen Fährten folgen. An einem bestimmten Punkt aber kommen wir alle zu einer Schlüsselidee, von der aus die Performance zu wachsen beginnt. Ich muss auch sagen, dass ich die Herausforderungen liebe, die unabhängiges Theater in Moldau mit sich bringt – und es gibt viele davon! Aber das erfordert Einfallsreichtum und Kreativität.

"Symphony of Progress" von teatru-spălătorie / Foto: Ramin Mazur
"Symphony of Progress" von teatru-spălătorie / Foto: Ramin Mazur

Ihre letzte Produktion Symphony of Progress kam am Berliner HAU heraus. Darin geht es um die Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen in Westeuropa, auf Spargelfeldern wie bei Amazon. Diese Arbeitsverhältnisse nannten Sie moderne Sklaverei. Was genau meinen Sie mit moderner Sklaverei?

Moderne Sklaverei bedeutet, dass jemand nur überleben und die Seinen versorgen kann, wenn er Tausende Kilometer reisen muss, um für einen Lohn, der unter dem Mindestlohn liegt, und unter schrecklichen Bedingungen arbeiten zu müssen.

Moderne Sklaverei besteht darin, dass die Unternehmen, die diese Jobs anbieten, an Menschen aus dem Ausland interessiert sind, weil diese sich den Bedingungen, die für einheimische Arbeiter*innen inakzeptabel sind, unterwerfen und sich darüber auch nicht beschweren.

Moderne Sklaverei liegt auch darin, dass Unternehmen es für sinnvoll erachten, ganze Produktionslinien ins Ausland zu verlagern, weil die Menschen dort für ein Minimum an Lohn bereit sind zu arbeiten.

Moderne Sklaverei wird nicht mehr als Sklaverei bezeichnet, denn das ist ein schlechtes Wort. Man sagt, es ist ein Minimumlohn-Job, ein saisonaler Job, ein Internationales-Unternehmen-eröffnet-eine Produktionsstätte-in-deinem-armen-Land-Job, es ist ein Job, den du annimmst, weil du keine andere Chance hast.

Wo konnten Sie Symphony of Progress in der Zwischenzeit zeigen? Und unterschieden sich die Reaktionen des Publikums in, sagen wir, Berlin, von dem in Chișinău oder in anderen Ländern in Osteuropa?

Nach der Premiere im HAU zeigten wir das Stück in Stuttgart, Düsseldorf und Dresden. Im Mai geht es nach Bern und Freiburg. In Moldau hatten wir nur eine offene Probe für unsere Freund*innen. Davon ausgehend kann man sagen: Ja, die Reaktion in Moldau ist anders. Denn die Perspektive ist anders. Jeder hier hat ein Familienmitglied, einer/n Freund*in, einer/n Nachbar*in, die in Westeuropa arbeiten. Und die meisten dieser Menschen haben schlecht bezahlte Jobs.

In Deutschland wurden wir nach einer Lösung für dieses Problem befragt, ganz so, als seien wir die, die das lösen müssten. In Moldau dachte das Publikum über die Notwendigkeit nach, diese Geschichten öffentlich zu erzählen. Wir wissen immer noch nicht, wann wir Symphony of Progress in Moldau zeigen können. Wir müssen eine Spielstätte finden und Geld für die Miete. Aber wir werden wahrscheinlich im Herbst damit auf Tour nach Rumänien gehen. Leider haben wir bis auf Rumänien unsere Arbeiten noch nicht in anderen osteuropäischen Ländern zeigen können. Wir denken aber, dass es ganz besonders für diese Produktion wichtig ist, in Osteuropa gezeigt zu werden, einfach weil es sich um gemeinsame Geschichten handelt.

Moldau erlebt einerseits die Ausbeutung seiner Bevölkerung durch Unternehmen aus Westeuropa, andererseits ist ein Teil des Landes, Transnistrien, seit langem von Russland kontrolliert. Sehen Sie Moldau als ein frühes Beispiel für die neokolonialistischen Ambitionen Russlands?

Dieses Land wurde immer von anderen kontrolliert. Wir leben an der Kreuzung neokolonialer imperialistischer Ambitionen von beiden Seiten, von Europa und NATO wie von Russland. Die Billigarbeit, von der der Westen profitiert, ist nichts anderes als eine Form von Neokolonialismus.

Die Situation ist komplizierter als »ein Land geteilt in das prorussische Transnistrien und Moldau«. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, aber wir versuchen nicht, daraus zu lernen. Wir wollen Teile davon auslöschen oder sie dahin gehend drehen, wessen neokoloniale Ambitionen schlimmer und welche besser sind. Deshalb gibt es auch aktuell so viel Hassrede.

Was würden Sie aktuell von Westeuropa erwarten, in Bezug auf Transnistrien, in Bezug auf die Ukraine?

Je größer die Länder, desto größer die Probleme, je größer die Raketen, desto größer die Zerstörung. Es geht ganz klar um Machtbeziehungen und wer den größeren Schwanz hat. Die einzige Bitte, die wir haben, ist: Lasst nicht eure Muskeln hier spielen. Handelt bitte nicht so, als würde alles und jede und jeder Euch gehören.