Initial- und Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 3 / 2018

Initialvorhaben

Sonya Schönberger widmet sich mit André Müller – der radikale Interviewer (AT) einem der kontroversesten Interviewer der deutschen Nachkriegszeit. In 40 Jahren interviewte er zahlreiche Persönlichkeiten, wie Beuys, Riefenstahl, Handke, etc. Seine Witwe, gewährte der Künstlerin nun uneingeschränkten Zugang zu über 400 Kassetten Interviewmaterial, um diese zu sichten und daraus eine künstlerische Arbeit zu realisieren.

Während Bayern ab November 2018 sein 100jähriges Demokratiejubiläum feiert, wird gleichzeitig mit dem neuen Polizeigesetz und rechter Politik Wahlkampf gemacht. ScriptedReality beobachten mit dem Projekt Heimatsch(m)utz (AT) Werbestrategien und Narrative rund um die Feierlichkeiten, um Theater statt als Safe-Space als gesellschaftlichen Eingriff zu denken und auszuprobieren, was das in dieser Situation bedeuten kann.

Freie Künstler*innen sind einen Großteil der Schaffenszeit auf sich allein gestellt. Eva Meyer-Keller möchte mit Sustainability in the Arts Möglichkeiten bieten, sich über künstlerische und strukturelle Aspekte dieser Arbeit auszutauschen. Dabei soll ein Netzwerk entstehen, das über verschiedene Medien (Print, feedback sessions bei Proben, Workshops, Online-Austausch) unterstützend wirkt.

Künstliche Intelligenz (KI) wird als Haushilfe, Smartphone, etc. immer mehr Bestandteil des Alltags. ddanddarakim interessiert im Initialvorhaben Say my name, say my name (AT), wie der Zeitgenössische Tanz durch den Einfluss von KI in Zukunft aussehen wird. Wie kann KI den Begriff des Körpers erweitern und eventuell Identitätspolitik Vergangenheit sein lassen?

Korb + Stiefel interessiert der Körper im Spannungsfeld zwischen Diszipliniertheit und Anders-Befähigtkeit, zwischen Adrenalin-Rausch und Schmerz. Der Mikrokosmos Zirkus ist somit nur eine Facette der Gesamtgesellschaft, in der körperliche Diskriminierungen die Norm sind. Inwieweit reproduziert der Zirkus diese Körpernormen? #ablebodiesandstones ist künstlerisch auf der Suche nach dem Zirkus der Zukunft.

In Bitch Mother & Holy Mater: Mothers Portraying Mothers von kainkolllektiv und OpusXX Berlin wird es einen Erfahrungsaustausch dazu geben, was es bedeutet, Künstlerin und Mutter zu sein. Neben der künstlerischen Auseinandersetzung und der Erarbeitung einer öffentlichen Präsentation, soll öffentlich artikuliert werden, wie die Situation für Künstlerinnen-Mütter in der freien Theaterszene ist und wie sich eine Vernetzung der Künstlerinnen-Mütter denken lässt.

Projektvorhaben

(in)Visible wird die Rolle des Sehens in der kulturellen Erfahrung untersuchen und die zeitgenössische Performance von Jess Curtis/ Gravity einem tauben und sehbehinderten Publikum zugänglich machen. Andere Zugangspraktiken haben gezeigt, dass viel mehr möglich ist und entwickelt werden muss.

Während des Deutsch-Französischen Krieges wurde ein französischer Kriegsberichterstatter verhaftet und mit der Eisenbahn an den Atlantik verschleppt. Daraus entstand Theodor Fontanes Bericht Kriegsgefangen, der nun 150 Jahre später von  Das letzte Kleinod in Eisenbahnwaggons installiert und mit dem aktuellen Nationalismus in Beziehung gesetzt wird.

BERMUDA von F. Wiesel beschäftigt sich mit der aktuellen Wahrheitsbildung. Manipulierte Netzwerke übermitteln scheinbare Wahrheiten und durch alle Filter hindurch hat das Faktum selbst seine Legitimation verloren. Auf Grundlage des Bermudamythos werden Verschwörungstheorien und Mythenbildung als Erzählform der Gegenwart untersucht.

Mit Motiven des Romans Was vom Tage übrig blieb untersuchen Cie.Freaks und Fremde und fragen nach der Verantwortung des Einzelnen an historischen Wendepunkten. Derzeit stellen politische Entscheidungsträger weltweit erneut Grundprinzipien der Demokratie infrage. Wo beginnt die Verantwortung des Individuums und entbindet Loyalität von eigener Verantwortung?

In 10 Meter in den wilden Westen schließen Meine Damen und Herren einen Western mit Elementen aus Musical, Psychodrama, „Mädchenfilm“ und Verwechslungskomödie kurz, ermächtigen Frauen(-Figuren) mit Erwartungen zu brechen und schaffen einen Schutzraum vor den Diskriminierungen der nichtbehinderten „Normalgesellschaft“.

TWO LIPS ist eine choreografische Installation. Ausgehend von der Anatomie der Vulva kreiert Regina Rossi  dabei eine eigene, feministische Ästhetik, die der Abwesenheit des weiblichen Genitals aus Symbolik, Sprache und Wissenskultur entgegenwirkt. Die Kulturgeschichte der Vulva wird künstlerisch wiederbelebt und der stark visuellen Darstellungslogik des Phallischen entgegengesetzt.

Schwerkraft leicht gemacht von TanzZeit ist der Versuch, die Grenzen der Schwerkraft zu überwinden. Zwei Männer praktizieren Selbstversuche: fallen, stehen wieder auf und versuchen zu fliegen. Ziel ist es dabei auch, Grenzen zwischen Wissen und Spekulation zu überwinden und herauszufinden, wieso man in Konflikt mit dem eigenen Körperbild gerät.

Planetauswanderungs-Fantasien bekommen in Zeiten des Klimawandels ernsthafte Züge. Analogastronauten ist ein experimentelles Tanzstück und audiovisuelle Installation von Teresa Hoffmann, in dem das Leben auf dem Mars mit dem Publikum phantasiert wird. Dieses Bestreben wird zur Vorlage um die Besonderheit der Erde selbst hervorzuheben.

WHAT DO WE DO von Edan Gorlicki ist ein Stück über Entscheidungsfindungen, bei dem, wie in einem interaktiven Buch mit alternativen Handlungssträngen, das Publikum durch auswählen und zusammensetzen verschiedener Module den Verlauf des Stücks bestimmt. Dabei geht es um Fragen der Verantwortung in der Kunst, aber auch in der Gesellschaft.

Dark Lolita untersucht mit einer lebensgroßen realistischen Puppe, animiert von 3 Spielerinnen, das Verhältnis von Sexualität, Manipulation und Gesellschaft zwischen Kind- und Frausein. TARTproduktion verhandelt damit den manipulativen Blick und die Frage, wie durch Sozialisation präjudiziert Urteile gefällt werden und zu sozialen Zurichtungen führen.

In Der flüchtige Körper untersucht theatrale subversion Körperbilder in Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung. Die Performance widmet sich dem – ursprünglich als Fluchttechnik entwickelten – Parkour und verbindet die choreographische Recherche mit den Mittel der Lecture und der Videoinstallation.

In Casting Freischütz überblenden Quast & Knoblich zwei Wettbewerbssituationen: das Ritual der Kür zum Schützenkönig und den Castingprozess für den Protagonisten im Opernklassiker „Der Freischütz“, der vom verzweifelten menschlichen Verlangen nach Erfolg und Anerkennung erzählt und konfrontiert das Publikum mit eigenen Vorurteilen und klischeebehafteten Vorstellungen…

Die Frau auf der Bühne war immer „Die mit dem Hund“. Jetzt fehlt der Hund. Er ist tot. „Lebt der Hund in mir weiter?“ Mit Hundeherz beginnt das Figurentheater Vanessa Valk eine theatrale, Reise ins Innere des Hundeherzens, das doch kein anderes ist, als das eigene. Die Frau durchstreift seine Räume und stößt dabei – wie könnte es anders sein? – auf die ganze Welt.

Showcase Beat Le Mot arbeiten in diesem Musiktheaterstück mit den Jahreszeiten  – Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Die fünfte Jahreszeit, die DEAD SEASON ersteht, als Jahreszeit, die alle gewohnten klimatischen Gegebenheiten leugnet, zugleich aber, als utopischen Ausblick, ein neues planetarisches Klima entwirft.

People Power von theater wrede+ ist ein politisches Gametheater, bei dem die Zuschauer/Spieler gleich zu Beginn von einer fiktiven autokratischen Regierung als Staatsfeinde in Arrest genommen. Ihre Aufgabe ist es letztlich ihre Freilassung zu erwirken. Da gerade eine Präsidentschaftswahl ansteht, könnte der Sieg der Opposition zum Ziel führen…

1917 stellt Freud Die drei Kränkungen der Menschheit fest: Der Mensch ist nicht Mittelpunkt des Universums (Kopernikus), er hat keine Vormachtstellung unter den Wesen (Darwin), er ist nicht Herr im eigenen Haus (Freud). Diese Kränkungen lassen Recke/Ninag von schwarzen Performer*innen in Tableaux Vivants übersetzen und mit einer vierten Kränkung brechen.