Initial- und Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 3/ 2019

Initialvorhaben

Was bedeutet es, als Künstler*in zu altern und welche Rolle spielt das Alter in der Kunst? Welchen gesellschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen sieht man sich zunehmend ausgesetzt? Welche neuen Qualitäten bietet das Alter sowohl in der Kunst als auch generell? Über einen Zeitraum von ca. 8 – 10 Wochen soll im Rahmen einer dialogischen Recherche sowohl miteinander als auch im Austausch mit älteren und jüngeren NRW-Kolleg*innen diesen und weiteren Fragen nachgegangen werden.

Manchmal verschwinden Künstler*innen für eine Weile aus der öffentlichen Wahrnehmung weil sie nicht mehr auftreten. In der freien Szene geht das ohne offiziellen Abschied, ohne Krankschreibung, weil es keine langfristigen Verträge aufzulösen gibt. Doch solch ein Abgang kann den Blick auf Produktionsbedingungen, Beziehungen und den ästhetischem Output schärfen. Dieses Vorhaben untersucht, was Brüche und (temporäre) Ausstiege für Künstler*innenbiografien bedeuten und was sie über die offiziellen Produktionssysteme aussagen.

Das eigene Archiv-Modell mit Wissenschaftler*innen und Kollektiven zu testen und mit Netzwerken wie der Initiative der Archive des Freien Theaters e.V., dem LaFT Niedersachsen und Mime-Centrum weiterzuentwickeln ist das Ziel dieses Vorhabens. So soll das Archivieren in der Freien Szene als eine gemeinsame ästhetische Praxis erprobt werden. Bestenfalls entsteht dadurch ein neues Neben- und Beieinander diverser Theaterästhetiken.

Wie gehen wir mit historischen Personen um, von denen kaum etwas überliefert ist – schon gar nicht in der ephemeren Kunstform des Tanzes, die immer nur im Jetzt funktioniert? Diese Recherche befasst sich mit dem Feld der Memory Studies, beispielhaft am Schaffen des Tänzers Alexander Camaro. Dazu wird die Methode der Oral History angewendet, aus diesem Material wird dann wiederum um ein Online-Archiv entstehen, in dem die Interviews und Dokumentationen der Recherche veröffentlichen werden.

Welche Formen körperlicher, psychischer, struktureller oder sozialer Gewalt wirken auf Akteur*innen in der klassischen Musik? Erprobt wird, ob und in welcher Form eine interdisziplinäre Herangehensweise (theoretische Überlegungen, persönliche Erfahrungen, Feldforschung und künstlerische Transformation) an die Beziehung von Ästhetik und Gewalt neue künstlerische Möglichkeiten und produktive Verbindungen von Diskurs, Darstellung und Musik im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters eröffnet.

30 Jahre nach dem Mauerfall. Seither prägten Bilder der Menschen Ost-Deutschlands die Medien, deren Autor*innenschaft meist in den Händen westdeutscher Medien und Vertreter*innen blieb. Wie sähe die kollektive Erinnerung aus, hätten sich alle an der Geschichtsschreibung beteiligt? Welche Auswirkung hätte dies auf Narrative in den darstellenden Künsten? Die Recherche versucht ein Korrektiv für vorherrschende Narrative über Erfahrungen und Identität der Menschen aus der ehemaligen DDR für den Kunst- und Kulturbetrieb anzubieten.

Tobias Malcharzik zeichnet die Migrationsroute seiner Familie vom schlesischen Dorf Maków ins niedersächsische Marienwerder rückwärts nach. Ausgangspunkt ist der Begriff ‚Paskudnik‘, mit dem sein Großvater Männer bezeichnete, die er als schwach wahrnahm – oder den Enkel, wenn dieser den Teller nicht aufessen wollte. Was das Wort genau bedeutet? Unklar. Der Großvater ist tot und der Vater kann sich nur vage erinnern. Für die Recherche werden Stationen der Migrationsroute aufgesucht, um die Familienerinnerung durch aktuelle Erzählfragmente zu erweitern, Identitätskonstruktionen zu befragen und Paskudnik als erinnerungspolitische Kunstfigur zu erforschen.

Die Webseite Operabase veröffentlicht jährlich eine Statistik zu den weltweit meistgespielten Opern-Produktionen Diese dient als Grundlage, um den Opernkanon aus feministischer Perspektive zu untersuchen. Welche Geschichten von Frauen werden erzählt? Worüber singen, was verhandeln sie? Die Statistik: 40% überleben; 20% sind beim Applaus unversehrt; 60% sterben; 30% sterben eines natürlichen Todes; 20% an Selbstmord. Was sagt dieses Resümee über die Tropen von Frauenfiguren in der Oper aus? Wie kann man sich mit dieser Tradition heutzutage auseinandersetzen?

Projektvorhaben

In den 70er Jahren schlossen Brazzaville und Dresden eine Städtepartnerschaft, die mittlerweile fast vergessen ist, obwohl etliche Biografien die Geschichte beider Städte miteinander verweben. Zusammen mit kongolesischen Künstler*innen wird die Cie. Freaks und Fremde dieser Partnerschaft anhand der beiden Flüsse Kongo und Elbe neues Leben einhauchen.
In Kooperation mit dem Theater junge Generation Dresden.

GOLDEN beschäftigt sich mit der Barockmalerei des ‚Goldenen Zeitalters‘. In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts entstand eine Gesellschaft mit hohem Maß an sozialer und kultureller Lebensqualität. Die Bilder der Zeit sind Ausdruck von Opulenz, Pathos und Narration und dienen Woltemate und Elberfeld als Ausgangspunkt für ein zeitgenössisches Tanzstück. Dabei wollen sie die Barockmotive aktualisieren, ohne deren Leidenschaftlichkeit zu verlieren.

Der Kulturforscher Mark Fisher beschreibt mit dem Konzept der ‚Hauntology‘ kulturelle Phänomene, die mit dem Verschwinden der Zukunft in spätkapitalistischen Gesellschaften einhergehen und sich politisch wie auch ästhetisch ausdrücken.
Mittels Tanz – immer schon das Refugium des Flüchtigen – wird eine Reihe von Soirées inszeniert, die sich mit Fishers gedanklichen Kosmos von Kapitalismuskritik, Depression und Hauntology auseinandersetzen und ihn hörbar, spürbar und tanzbar macht.

Ab 1800 kommt es in den Künsten zu einem starken Interesse an der schottischen bzw. gälischen Kultur. Beethoven soll für einen Musikverleger schottische Lieder zeitgemäß arrangieren. Marx veröffentlicht später einen Artikel über die Duchess von Sutherland, die durch Zwangsenteignung (die sog. Highland Clearances) zu Reichtum gelangte. Mit einem performativen Konzert werden in einer kriminologischen Recherche der Musikgeschichte die Folgen der unterdrückten gälischen Kultur und das Zerbrechen des Gemeinsinns durch den Zerfall der Clanstrukturen untersucht.

In der Konzert-Performance für den öffentlichen Raum werden die Körper der Performer*innen durch Kostüme skulptural zu weit sichtbaren ‚landmarks‘ modifiziert. Wie Vögel, die ihr Territorium durch Gesang markieren, rufen sie eine Schutzzone aus, ersingen sich einen sicheren Raum. In ihren repetitiven Beschwörungsarien werden subjektive Sicherheitsvisionen und phantastische Utopien kollektiver Geborgenheitsgefühle ent- und verworfen.

Mit den von Brecht und Müller in ihren Lehrstücken „Die Maßnahme“ und „Mauser“ entwickelten Instrumentarien wird der Frage nachgegangen, wo wir gerade stehen: Moderne, Postmoderne, Fake News, Post Truth, Gegenwartskunst, Wissensgesellschaft? Entstehen werden eine Performance und eine Publikation, die das ästhetische Potential ausloten, das sich aus der Spannung zwischen Lehrstück und Lecture Performance ergibt.

In einer interaktiven Installation findet sich die Zuschauer*innen zwischen den Überresten ihres abgestürzten Raumschiffs in außerirdischer Vegetation auf einem fremden Planeten wieder. Ihr Überleben hängt von Sicherheitsmaßnahmen ab, die sie gemeinsam mit den Performer*innen organisieren und von Informationen, die sie über die AR App sammeln. Dabei wird es zunehmend schwieriger zu unterscheiden, welche Informationen echt und welche fake sind.

Fertig machen zum Angriff! Frauen und Fiktion erproben physisches Empowerment als Verteidigung gegen Ohnmachtsgefühle, Vorbildabstinenz und Ungerechtigkeitsgesellschaft. Mit Humor stellen sie sich dem Mythos, dass Frauen das ‚von Natur aus schwächere Geschlecht’ seien, ohne dabei die schmerzhaften Folgen dieses Narrativs zu negieren. Das Publikum durchwandert verschiedene Levels und steht vor der Aufgabe, neue Narrative jenseits der gängigen Opfer-Täter-Rollen zu finden.

Ein Performer singt Lieder, deren Texte, Rhythmen, Klangfarben und Melodieverläufe sich auf Vogelrufe beziehen: leise aber exaltiert, begleitet von zarten Synthesizer Sounds, manchmal durchzuckt von abrupten Bewegungen. In der Morgendämmerung beginnt die Suche nach einer ästhetischen Form, die eigentümlich und zugänglich zugleich ist, mit Musik, in der plötzliche Wendungen von Vogelgesängen und Elemente aus Pop-Songs in ein dynamisches Verhältnis gesetzt werden.

Eine installative, durational inszenierte Performance für Kinder, die versucht künstlerische Verhältnisse zwischen dem „klassischen“ körperlichen Erleben von Kunst und den neuen Wahrnehmungsräumen, die durch digitale Technologien möglich werden, herzustellen. Die Kinder werden in Mimik, Gestik und Körperhaltung der Portrait-Ästhetik der Renaissancemalerei gefilmt und die Videos in einer Reihenfolge projiziert, die von einem selbstlernenden Code festgelegt wird. Live-Performer*innen reagieren schließlich auf Videos.

Gegen den aus dem Iran stammenden Dichter und Musiker Shahin Najafi (*1980), der 2005 in Deutschland Asyl erhielt, wurde 2012 wegen seines Songs Ay Naghi eine Todes-Fatwa ausgesprochen. Mit der Fatwa wurde ein Kopfgeld von 100.000 $ ausgesetzt.
Gemeinsam mit ihm werden bodytalk durch Performensch-Aufführungen die Strategie „Schutz durch Öffentlichkeit“ erproben. Daraus wird bei jeder Aufführung ein Musik-Video entstehen.

komplex! – ein Figuren-Theaterabend über das ständige Ringen unseren Körper so anzunehmen, wie er ist. Im Mittelpunkt steht die Figur eine 60-jährigen Barbie mit immer noch perfekter, glatter Haut und idealtypischer Figur. Sie trifft auf zwei reale Frauen. Barbie und die Performerinnen diskutieren, streiten, verehren sich. Bis sie beginnen, sich einander anzunähern, Perspektiven zu tauschen. Eine Ode an echte Körper mit realen Maßen, Haaren, Makeln.

Doku-fiktionale Porträts der Künstlerinnen-Mütter treffen auf den von den Urmüttern GAIA, DEMETER und ISIS angeführten Kinder-Chor. Die musikalisch-performative Installation wird zum Aushandlungsort von Schöpfung in Kunst und Kosmos, Genealogie und Geologie. Das „Bitch Mother Manifesto“ ist von diversen Stimmen durchzogen: Ärztinnen in Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbrüche, Betroffene des Paragraphen 219a, transsexuelle „Mütter“, die Fridays for Future-Bewegung… Es entspinnt sich eine radikale Utopie: ein Schöpfungs-Reset.

Ausgehend von Krafttieren und der körperlichen Beschäftigung mit der Angst blicken die Tänzer*innen des generationenübergreifendem Casts ihren evolutionär weit zurückreichenden körperlichen Schutzreflexen tief in die Zellen: Welche der Reflexe sind noch sinnvoll? Wo hemmen sie uns und lassen uns in starren Bewegungsmustern, individuell und im Miteinander, verharren? Über Kontaktimprovisation entsteht eine sich ständig transformierende Zusammenkunft, die kollektive Bilder von Gefahr, Zusammenhalt, Auseinandersetzung und Schutz aufruft.