Initial- und Projektvorhaben – Entscheidungsrunde 4 / 2018

Initialvorhaben

Mit MEASURING THE PULSE begeben sich Crossover Art Concepts und der Geophysiker und Künstler Michael Lazar auf eine performative Recherche, um die Verbindung von Geophysik und Performance als neuen Zugang zur Bearbeitung des öffentlichen Raums weiterzuentwickeln. Mit Messinstrumenten zeichnen sie Vibrationen des urbanen Raumes auf und überführen diese in Soundscapes, die als Basis für die choreografisch-performative Umsetzung dienen. Mittels Interventionen wird diese Bearbeitung dann wieder in den öffentlichen Raum zurückgeführt. Ziel dieses Vorhabens ist es, die massive Veränderung des urbanen Raumes durch künstlerische Zugänge zu thematisieren.

Der Körper ist das zentrale Medium der Darstellenden Kunst. Mit Personen in Halle 14: Bitte meldet euch! erforschen Donald Becker und Gudrun Herrbold diesen Körper im Bereich der industriellen Arbeit, da dort das Verschwinden/Transformieren der Körper längst Praxis ist. Aus den großen Kollektiven der Werktätigen werden kleine Teams, aus den kolossalen Körpern der Maschinen werden winzige Chips und die Entwicklung von analog zu digital ist nur ein Teilstück des Weges ins Immaterielle. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der körperlichen Dimension der Arbeit und der Erfahrung der eigenen Identität? Gibt es eine soziale Aufgehobenheit jenseits des Kollektivs? Und welche Bedeutung hat diese Entwicklung für die Körper und das Kollektiv in der Darstellenden Kunst? 

TBN wollen Eine digitale Bühne entwickeln, die es ermöglicht, Kunst – unabhängig von geographischen Grenzen oder körperlichen Behinderungen – digital erfahrbar zu machen. Basierend auf dieser Recherche wollen sie die Frage beantworten, welche existierenden Technologien wie Chat, Stream, interaktives Webdesign, soziale Medien oder Virtual Reality am besten geeignet sind, um Dramaturgien zu bauen und Charaktere dreidimensional darzustellen. In welcher Kombination können sie genutzt werden können, um einen volle Narration zu bilden?

Das wirtschaftlich wachsende Deutschland des Jahres 1964 vereinbarte mit der Türkei ein Abkommen, woraufhin zahlreiche Gastarbeiter nach Deutschland kamen und nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch verschiedene Formen von Kunst und Kultur mit nach Deutschland brachten, aus der sich eine hybride Kulturform entwickelte. 2015 begann eine weitere Einwanderungswelle, diesmal waren es Migranten, die auf der Suche nach Asyl und politischem Schutz waren. Candas Bas untersucht mit The Turkish Immigration Waves and Their Relation to Art and Culture anhand dieser beiden Zuwanderungswellen sozio-politische und kulturelle Effekte der Migration.

Das künstlerische Recherche-Projekt Von Schädeln, Tieren und Fetischen – die Wiederbelebung der Dinge von Crossings e.V. möchte die Spuren der während der deutschen Kolonialzeit geraubten ‚Dinge‘ nachzeichnen. Themen der Recherche sind: Aneignung, Ermächtigung, Kontrolle, sowie Rahmungen wie Bildung, Forschung und Wissenschaft, die die Verwendung, Deutungshoheit und den Raub erst legitimierten. Die performativen Eigenschaften der Artefakte und deren agency (Handlungsmächte) werden über vielfältige Interventionen mit Menschen damals und heute erforscht und tragen dazu bei, dass diese wieder in den Fluss künstlerischen, politischen und spirituellen Schaffens gelangen.

Overhead Project interessiert bei ihrer Recherche #Körper #Gewalt #Architektur die architektonische „Klassenzimmer“-Anordnung, wie sie in Parlamentsgrundrissen –  vorranging von autoritär regierten Ländern – sowie in Theatern, Gerichten und tatsächlich in Klassenzimmern selbstverständlich ist. Sie wird der Ausgangspunkt für die Befragung von #Körper und #Gewalt. Leitfragen sind dabei: Wie konzipiert man eine künstlerische Position zum Thema #Gewalt zeitgemäß? Und wie lässt sich diese Frage mit theaterhistorischen Aspekten und der spezifischen räumlichen Frontalanordnung verknüpfen?

Inspiriert vom Sonic De-linking, das Prinzip der Dekolonisierung des Denkens, das beschreibt, wie in der  elektronischen Musik mittels Effektgeräten naturalistische Sounds dekonstruiert werden, wird im Fokus von houaïdas Recherchevorhaben die Frage stehen, ob es Mittel gibt, dieses Prinzip auf den semantisch dominierten Theaterraum auszuweiten. Kann ein radikal über die Sinne erlebbarer Performance- und Klangraum (hybridsonicspace) zu einem „Umfühlen“ motivieren, so dass das „Umdenken“ als intuitive Konsequenz daraus folgt? Kann das Mittel, um diesen Raum herzustellen, radicalsensuality – eine radikale Versinnlichung von Allem – sein? Ein Prinzip, das auch als Lebensmodell dabei helfen könnte, Zugänge zu schaffen.

Projektvorhaben

Es waren einmal zwei Brüder, Jacob und Wilhelm Grimm. Sie widmeten sich der deutschen Sprachwissenschaft und ihrer Leidenschaft: den Märchen. Das Theatrium Steinau thematisiert mit Die Brüder Grimm nicht nur die Sammlung von Märchen durch die Brüder, sondern zeigt dem jungen Publikum mit geschichtliche Zusammenhängen aus dem Leben der beiden, dass demokratische Prinzipien ein schützenwertes Gut sind.

Kein Kläger von Querspur. Verein zur Förderung soziokultureller Aktivitäten mit dem Medium Video e.V. ist eine interaktive Performance, die an Münchner Originalschauplätzen 3D animierte Zeitzeugenberichte von NS-Verfolgten auf von Schauspielern dargestellte NS-Juristen treffen lässt. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Rolle die Justiz künftig bei der Aufarbeitung rechter Gewalt für die Hinterbliebenen und für die gesamte Gesellschaft spielt.

Die Video- und Performancearbeit abandoned positions von Sebastian Hirn und Lisa Hörstmann  setzt sich mit dem Irakkrieg und dessen Folgen für die Region und Europa auseinander. Durch die Montage von Dokumentationen, Ton- und Interviewsequenzen, die 2003-2018 mit Friedensaktivisten, Exilirakern und US- Soldaten aufgezeichnet wurden, gibt die Arbeit denjenigen eine Stimme, die in der Berichterstattung sonst Gehör finden oder vorverurteilt werden.

Seit 2012 stürmt eine junge Generation mit afrikanischem Migrationshintergrund die französischen und europäischen Charts. Sie kombinieren Rap mit afrikanischen Rhythmen und Melodien. Monika Gintersdorfer/La Fleur erforschen in Hybride Transaktionen – un truc d’ouf diese franco/deutsch/afrikanischen Popmilieus und bringen die verborgene politische Dimension dieses Lebens- und Kulturentwurfs zum Vorschein.

Die Performance Wem gehört die Straße? von forum kunstvereint e.V. untersucht die Auswirkungen von sexualisierten Verhaltensvorgaben auf das Selbstbild von Mädchen. Im Übergang zur Pubertät werden geschlechtsspezifische Verhaltensvorgaben und Einschränkungen sehr explizit. Teenager sind damit oft überfordert, weshalb das Stück Mädchen wie auch Jungen einlädt, gemeinsam ihre erfahrenen Rollenrestriktionen zu diskutieren.  

KEINE AHNUNG ist eine performative Arbeit mit der Nele Stuhler anhand der Figur der Kassandra, den Umgang mit der Ahnungslosigkeit gegenüber der eigenen Vergangenheit und Herkunft, den Anforderungen der Gegenwart und der eigenen Identität untersucht. Daraus findet sie für die Herausforderungen der Zukunft eine performative Sprache des Nicht-Wissens und schafft einen Raum für Scham, Angst und Unwissen.

Der blinde Straßenkünstler Moondog, der auf selbstgebauten Instrumenten spielte, war zwischen 1948 und 1972 mit seinem nordischen Kostüm ein Phänomen in Manhattan. Vom obdachlosen Autodidakten zum international anerkannten Künstler, prägte er Musiker*innen, wie Tom Waits oder Laurie Anderson. Anlässlich seines 20. Todestages will sich This Machine Kills in MOONDOGGING mit dem Ausnahmemusiker auseinandersetzen.

Das Vermächtnis ist getanzte Expertise und ein autobiografisches, existenzielles und physisches Vermächtnis von Raphael Hillebrand für seine Tochter und ihre Generation mit dem Versuch, die eigene Lebenserfahrung als schwarzer deutscher Künstler, aufgewachsen im West-Berlin der 1980er Jahre, in eine Form zu bringen, um zu zeigen, dass diese Stadt, dieses Land eines Tages auch ihr gehören wird, der rechtspopulistischen Gefahr zum Trotz.

Bodies and Structure ist eine Arbeit der Düsseldorfer Choreografin Alexandra Waierstall mit zehn Performer*innen für Bühnen- und Museumsräume. Die Körper und Strukturen werden dabei als sich verändernder Organismus entwickelt, der unendliche Sichtweisen auf das Verhältnis von Raum und Zeit, von Körper und Struktur bis hin zu Gesellschaft und Struktur in ihrer Komplexität und Poetik eröffnet.

DAMENGEDECK ist eine von Liliane Koch und Ruby Behrmann entwickelte performative Führung durch das GDA Wohnstift Frankfurt angeleitet von über-80-jährigen Bewohnerinnen. Auf diesem Rundgang vermischen sich Alltag und Fiktion, Pflegeheim-Atmosphäre und szenografische Eingriffe. Die Damen erzählen Anekdoten, während ihre Kostüme, Gehhilfen und Blutdruckmesser die SciFi-Ästhetik zuspitzen und aus fragilen Omas Superheldinnen machen.

Mit dem Format der PP-News, macht die ARMADA OF ARTS 2019 ein überraschendes kritisch-künstlerisches Angebot in Dresden: Puppen berichten auf Spaziergängen und Guerilla-Story-Walks – in Kurzgeschichten verpackt – zu tagespolitischen Themen an ausgewählten Orten der Stadt. Sie führen durch den öffentlichen Raum Dresdens, entdecken und behaupten diesen in Zeiten von menschenverachtender Meinungsmache.

Johannes Müller und Philine Rinnert suchen nach einem vergessenen Werk deutscher Fluchtgeschichte: Jimmy Bergs‘ Das Weiße Rößl am Central Park – In schlechtem Deutsch und ebensolchem Englisch, das im New Yorker Emigranten-Treffpunkt Café Vienna gespielt wurde. Damit begeben sie sich in einen Assoziationsraum aus Heimatklischees, Fluchterfahrung und der utopischen Neuerfindung nationaler Identitäten.

Aesthetics of Color ist ein Theaterstück von Kultursprünge im Ballhaus Naunynstraße über die Situation von Künstler*innen of Color in einem weiß dominierten deutschen Kunstbetrieb, eine Fiktion, die auf konkreten Lebensrealitäten beruht. Welche Regeln der Repräsentation und Teilhabe beherrschen den Kunstmarkt und wie wirken sie sich auf die Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten Schwarzer und POC-Künstler*innen aus?

!Woman With Stones! von Caroline Creutzburg geht der Frage nach: „Was kann Drag sein?“ jenseits der Stereotype binärgeschlechtlichen Drags experimentieren Performer_innen mit der Verwandlung des „Originalkörpers“. Ein Wechselspiel zwischen dem Heraustreten und Verschwinden der grotesken Identitätenansammlung charakterisiert diese Performance.

Schulausflug – Ein Audiowalk zurück in die Schule von Hain/Kapsner/Mahlow/Romanowski ist eine Expedition in die Herderschule in Frankfurt a.M. und erkundet mit literarischen Texten das Bildungssystem. Bei der ortsspezifischen Inszenierung wird die Schule zur Bühne, Schüler*innen und Lehrer*innen sind Agierende und Publikum zugleich. Sie hören Erzählmomente und Klangcollagen zu Form und Erfahrung des Bildungssystems.

Zum 30 jährigen Jubiläum des Mauerfalls entwirft Lea Connert in Wir treiben die Liebe auf die Weide ein dokumentarisches Theaterstück, das in Form eines Konzerts das reichhaltige und musikalisch einzigartige Erbe der Pop-, Jazz- und Rockszene der ehemaligen DDR beleuchtet. 10 ausgewählte Songs werden dafür re-interpretiert und mit Interviews, Protokollen der staatlichen Prüf-Kommission und Zeitzeugen-Berichten kontextualisiert.

TEUTONA von Oliver Zahn / HAUPTAKTION setzt sich mit dem Imaginieren von Zukunft auseinander. Die Vorstellung wird aufgezeichnet und parallel werden alle Videos vergangener Vorstellungen projiziert. Das eigentliche Stück findet im Zusammenspiel dieser verschiedenen Zeitebenen statt: Ziel ist dabei eine kritische Betrachtung möglicher Zukünfte und ihrer Konsequenzen.