Nur mit uns

Das Netzwerk nichtbehinderter und behinderter Tanz- und Theaterschaffender vermittelt Inklusions-Expertise und ermöglicht den Dialog auf Augenhöhe.

Von Georg Kasch

Langsamkeit kann eine Stärke sein. Zum Beispiel, weil mit reduzierter Geschwindigkeit in einem Gruppenprozess alle mal zu Wort kommen. Also auch diejenigen, die mehr Zeit brauchen. Für Pausen. Für Wege. Um sich zu äußern. Das trifft auf viele Menschen mit Behinderung zu. „Crip Time“ heißt der selbstbewusste, aus der britischen Szene importierte Begriff dafür: Je nach den individuellen Bedürfnissen der Person gibt es einen anderen Umgang mit Zeit. Und dennoch ist das eine Erkenntnis, die sich immer wieder durchsetzen muss – so stark ist das neoliberale Narrativ von Effizienz und Schnelligkeit. Gerade im Theater, wo Selbstausbeutung zu oft Normalität ist. Schließlich brennen hier alle für das, was sie tun.

Wie sehr Zeitlichkeit Verhandlungssache ist, merken auch diejenigen, die gerade am Netzwerk nichtbehinderter und behinderter Tanz- und Theaterschaffender arbeiten. Das Netzwerk ist ein loser, heterogener Zusammenschluss, in dem sich Vertreter*innen von Institutionen, freischaffende Künstler*innen, Kultur- und Theaterschaffende mit Behinderung und Inputgeber*innen austauschen. Monatlich treffen sich zwischen 14 und 20 Menschen in wechselnden Konstellationen. Ihr Ziel: Barrieren abbauen und Künstler*innen mit Behinderung in der Kulturszene zu einer alltäglichen Erscheinung zu machen. Das Netzwerk will Expert*innen zum Thema Inklusion und Kultur mit jenen zusammenbringen, die Menschen mit Expertise suchen.

Gerade liegt die Koordination beim Frankfurter Mousonturm und der freien Kulturpädagogin Roisin Keßler. „Die große Leistung ist, dass wir in regelmäßigen Treffen und Verständigungen Akteur*innen zusammenbringen, die sonst nicht zusammenkommen würden, über Orga-Strukturen und Genres hinweg“, sagt Mousonturm-Intendantin Anna Wagner. Also: Tanzleute aus Kiel mit Sprechtheater-Macher*innen aus München, Kulturveranstalter*innen mit politisch-sozialen Streiter*innen. Die zentrale Überlegung der Gründer*innen war, wie man trotz unterschiedlicher Machtpositionen und Wissensstände auf Augenhöhe miteinander arbeiten kann, immer mit der Forderung der Behindertenbewegung im Ohr: nicht über uns, nur mit uns.

Bild der Künstlerin Laura Schwörer = Fraktalia
Bild der Künstlerin Laura Schwörer = Fraktalia

Klingt logisch. Ist aber dennoch oft nicht so. Und das, obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention auch in Deutschland gilt, die die uneingeschränkte Teilnahme für Menschen mit Behinderung an allen Aktivitäten fordert, auch den kulturellen. Von ein paar Pionier*innen abgesehen sah es da allerdings lange Zeit düster aus. Beim Tanzkongress 2019 in Hellerau kam es deshalb zu einem Eklat: Eine Gruppe von Aktivist*innen, zu denen u.a. die Festivalleiterin Anna Mülter, der*die Performer*in Perel, die Choreografin Gerda König und die Schauspielerin Jana Zöll gehörten, kritisierte in einer spontanen Intervention, dass Künstler*innen mit Behinderung ausgeschlossen werden, weil sie nicht mitgedacht und Barrieren nicht beseitigt würden.

Aus dem Protest wurde ein Grundstein des Netzwerks. Denn während bei vielen Institutionen, Gruppen und Künstler*innen Unwissenheit und Unsicherheit bestand und besteht, wie gelebte Inklusion aussehen kann, gibt es die Expertise dazu in Deutschland schon lange – weil Menschen und Institutionen seit Jahren inklusiv arbeiten. Das Netzwerk beweist einerseits, wie vielfältig die Theaterschaffenden mit Behinderung sind, all die Schauspieler*innen, Tänzer*innen, Kurator*innen, Dramaturg*innen, Regisseur*innen. Andererseits zeigt es all die Strategien auf, die es bereits gibt, um Barrierefreiheit zu erreichen, die ja weit mehr umfasst als Rollstuhlplätze im Parkett und Backstage-Rampen. Entsprechend programmierte Homepages zum Beispiel. Informationen in leichter Sprache. Und eben: mehr Zeit.

„Wir sind viel langsamer als gedacht“, sagt Wagner. Zugleich ist ihr das Potential der Langsamkeit bewusst geworden. So musste das Netzwerk erst einmal nach geeigneten Kommunikationsformen suchen. „Die Fragen sind ja: Wie können alle mitreden? Wie funktioniert ein Treffen auf Zoom zum Beispiel so, dass sich alle willkommen fühlen, sich alle äußern können?“. Fragen, die nicht nur den zwischenmenschlichen Umgang im Inklusionskontext betreffen, sondern die man generell nicht oft genug stellen kann.

„Das Netzwerk ist extrem basisdemokratisch“, sagt Maximilian Dorner, Dramaturg, Schriftsteller und Leiter der Stabsstelle Inklusion und Diversität der Stadt München, der das Netzwerk ebenfalls vorantreibt. „Es gibt nicht den einen Sprecher.“ Auch deshalb dauern die Aushandlungsprozesse so lange. Zu den Folgen allerdings gehört, dass es zum Beispiel drei Monate gebraucht hat, um einen Brief an die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu schreiben, der die Herausforderungen inklusiver Kulturarbeit umreißt und Forderungen stellt.

Natürlich gibt es weitere Gründe, warum das Netzwerk noch nicht da ist, wo es sein will. „Alle machen nebenher tausend andere Sachen“, sagt Wagner. „Da stellt sich natürlich die Frage, wer am Ende noch die Kraft hat, eine Sache zu pushen – und wer nicht. Reproduzieren wir damit nicht ableistische Strukturen?“ Also jene Strukturen, in denen nicht-behinderte Menschen die Norm darstellen und die mit den größten Kraftreserven den stärksten Einfluss ausüben.

„Natürlich waren wir zwischendurch verzweifelt, dass wir noch keinen Verein gegründet und keine fünf Treffen mit der Kulturstaatsministerin absolviert haben“, sagt Wagner. „Aber wir stehen in äußerst produktivem Kontakt. Und letztlich spiegeln unsere Suchbewegungen im Kern die Fragen wider, die sich die Gesellschaft im Ganzen auch stellen muss: Wie finden alle einen Platz? Wie reden wir auf Augenhöhe?“ Ein Resultat der aufwendigen Diskussionskultur ist jetzt, dass sich eine kleine Steuerungsgruppe um Roisin Keßler und das Mousonturm-Team gebildet hat, in der Akteur*innen des Netzwerks Prozesse und Entscheidungen vorbereiten, die dann im größeren Gremium verabschiedet werden.

Koordiniert wird das Netzwerk abwechselnd von den teilnehmenden Institutionen, weil sie finanziell und personell am besten ausgestattet sind – zur Zeit vom Mousonturm, davor vom tanzhaus nrw. Den Antrag hat das niedersächsische LOT-Theater gestellt. Allerdings „müsste es eine Netzwerkstruktur geben, die so stark ist, dass die Institutionen in die zweite Reihe treten könnten“, sagt Wagner. Auf dem Weg dahin hilft die Netzwerk- und Strukturförderung von #TakeHeart, die im Rahmen von NEUSTART KULTUR vom Fonds Darstellende Künste vergeben wird, enorm. „Das ist ein offenes Angebot, das man selbst entwickeln kann und das deshalb für uns sehr passend ist“, sagt Wagner. Allerdings ist es wie alle Förderungen zeitlich gebunden – bis Ende des Jahres muss das Geld ausgegeben sein. Womit wir wieder bei der Zeit wären: Bis Jahresende werden viele Ziele noch nicht erreicht sein. Bei einer anderen Zeitlichkeit kommt auch die aktuelle Förderlogik an ihre Grenzen.

Von der Förderung in den Probenraum und auf die Bühne – die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp besuchen im Rahmen von #TakeHeart des Fonds Darstellende Künste geförderte Projekte.