Pädagogik im Minutentakt

LABOR – Black Dance Culture auf TikTok

In ihrem Labor beschäftigte sich die Tänzerin und Choreografin Gifty Lartey mit Black Dance Culture auf TikTok. Inhaltlich und ästhetisch erforschte sie mit ihrem Team ein schnelllebiges Format. Seither erscheinen auf ihrem Kanal wöchentlich drei Videos, in denen Begriffe zum Thema erklärt werden. 

Elisabeth Wellershaus

Ich gebe es ungern zu, doch gelegentlich passiert es, dass ich die TikTok-Videos, mit denen mein Sohn mich behelligt, lustig finde. Was bislang allerdings nur selten vorkam: dass ich pädagogischen Mehrwert aus den kurzen Clips zog. Ich gehöre zu einer Elterngeneration, in deren Kindheit Videorecorder und Walkmen zu den technologischen Innovationen zählten und deren Lernverhalten stark analog geprägt ist. Informationsformate unter einer Minute machen mich intuitiv skeptisch.

Als die Tänzerin und Texterin Romy Mittag mir vor ein paar Wochen im Zoom-Chat gegenübersitzt, fliegen mir die Vorurteile gegenüber TikTok unerwartet und mit Karacho um die Ohren. Das Labor-Team um Gifty Lartey, zu dem Mittag sowie die Tänzerinnen Jaclyn Hernandez und Safija Qadery gehören, hat ein pädagogisch ambitioniertes Format entwickelt. In Videos, die meist unter einer Minute lang sind, bringen sie jugendlichen Zuschauer*innen faszinierende Fakten über die vielfältige „Black Dance Culture“ näher. Und nicht nur ihnen. Auch für Erwachsene steckt Potential in den pointierten Clips. Auch die meisten Eltern dürften Wissenslücken haben, wenn es um die kulturellen Ursprünge und Entstehungsgeschichten jener Tanz-Moves geht, die in Werbungen, Memes und TikTok-Tänzen über die Screens ihrer Kinder flimmern.

Auf den ersten Blick scheint der Kanal „Educate2Recreate“ all jene anzusprechen, die sich schlicht für sehr bewegte Bilder interessieren. Auf den zweiten aber ist er eine Bildungsinitiative, die sich mit Identität und Aneignung beschäftigt. Mit kulturellen, sozio-ökonomischen und historischen Verwurzelungen verschiedenster Tanzstile, die in vergangenen Jahrzehnten weltweit in Schwarzen Communities entstanden sind. So wächst ein Archiv Schwarzen Tanzwissens, das sich Wissenslücken und blinden Flecken widmet und versucht, Fremdbeschreibungen etwas entgegenzusetzen.

Das folgende Glossar versucht, einige der Video-Inhalte wiederzugeben, die zusammen mit Expert*innen aus den Tanzszenen entstanden sind.

Black Dance Culture

Sie sind allgegenwärtig: Bewegungen, die in Filmen, Serien, Musikvideos oder in der Werbung auftauchen. In sozialen Medien werden sie oft unhinterfragt als universelle Jugendtanzsprache mit Coolness-Faktor gehandelt. Doch in sehr vielen Fällen gehen sie zurück auf eine Black Dance Culture, die in der Unterscheidung ihrer Tanzstile äußerst differenziert ist. Hip Hop, Chicago Footwork, Voguing, Lite Feet, Jersey Club,
 Krump, Waacking, Dancehall, Tap Dance, Capoeira, New Style Hustle zählen dazu, und es gibt etliche mehr. Viele dieser Stile haben ihren Ursprung in der afroamerikanischen Kultur, und es ist wichtig, sich die Diversität und Komplexität dieser Wurzeln bewusst zu machen.

Street- und Urban Dance

Wenn die Bezeichnungen Street- oder Urban Style im Programm von Tanzschulen stehen oder in popkulturellen Kontexten auftauchen, sind in der Regel spezifischere Stile wie Hip Hop, House oder Voguing gemeint. Die Assoziationen, die den Begriffen Street und Urban zugrunde liegen, spiegeln jedoch eine soziale Verortung. Ein urbanes Milieu, das gerade im US-amerikanischen Kontext schnell mit diskriminierenden Klischees in Verbindungen gebracht wird. Die Klischeehaftigkeit der Bezeichnungen Street und Urban ist heute schneller auszumachen als noch vor einigen Jahren. Doch es bleibt wichtig, die indirekten Bezüge auf das vermeintlich prekäre „Straßen-Leben“ Schwarzer Menschen immer wieder zu reflektieren.

Hip Hop

Ein kurzes Video zum Thema Hip Hop klärt schnell über das Folgende auf: Das, was ursprünglich als kulturelle Jugendbewegung in New York entstand, hat heute unterschiedlichste Gesichter. MC Hammer, TLC aber auch Webstar und Young B: Sie alle waren und sind Teil dieser Bewegung, erklärt die deutsche Hip Hop Tänzerin Lulia. Doch wenn sie ein kurzes Video von sich selbst einblendet, wird schnell klar, wie sehr diese Kultur, die ihre Ausdrucksformen auch im Graffiti, Rap und Beatboxing findet, im Tanz eine neue Weichheit entwickelt. Von absolut präzise und sehr spärlich ausgeführten Bewegungen gleitet Lulias Performance über in eine regelrecht zarte Tanzform, die einen Stil im Fluss beschreibt.

Foto: Black Dance Culture auf TikTok

Ballroom Culture und Voguing

Eine der älteren Tanzbewegungen der US-amerikanischen Black Dance Culture ist die Ballroom-Szene, die ihre Ursprünge ebenfalls in New York hat. Bis heute gilt sie als Gegenkultur zu einer Mehrheitsgesellschaft, in der vor allem queere BI*POC kaum Möglichkeiten hatten, sich kulturell auszudrücken. Sie knüpft an die Kultur der Drag-Bälle an, die bis ins 19. Jahrhundert zurückführt. Ende des vergangenen Jahrhunderts waren es vor allem Menschen aus afroamerikanischen und LatinX-Communities, die sich an Wettbewerben beteiligten, in denen sie auf einem Catwalk in Kategorien wie „Runway“, „Realness“ oder „Face“ konkurrierten und spektakuläre, teils selbst genähte Garderoben zur Schau stellten. Zu den Kategorien eines solchen Balls zählte unter anderem auch Voguing – eine Tanzform, die in Anlehnung an das berühmte Modemagazin Tanzduelle in expressivem Stil beschreibt.

Krumping

Krump ist zu Beginn der 2000er Jahre in Los Angeles entstanden und vor allem durch den Dokumentarfilm „Rize“ bekannt geworden, erklärt ein Tänzer im Video. Den sogenannten Tanz-Battles wird oft eine gewisse Aggression zugeschrieben. Doch tatsächlich gibt es noch ganz andere Lesarten. Manche entziffern das Akronym K.R.U.M.P folgendermaßen: „Kingdom Radically Uplifted Mighty Praise.“ Sie identifizieren eine religiöse Komponente und die harten, teils heftigen Bewegungen der Stilrichtung als Ausdruck spiritueller Heilung.

Afro

Wenn nicht als Selbstbezeichnung von Schwarzen Menschen benutzt, wird der Begriff Afro schnell zur ungelenken Verallgemeinerung für vieles, was sich mit dem afrikanischen Kontinent in Verbindung bringen lässt. Unter anderem wird Afro-Dance als Überbegriff für viele Tanzstile verwendet, die ihren Ursprung im sogenannten Subsahara-Afrika haben. Viel treffender ist es jedoch, die tatsächlichen Tanzstile direkt zu benennen. So geht es in einem der Videos um den Kudoro, der in Angola getanzt wird, um den Azonto aus Ghana, Amapiano und Pantsula aus Südafrika und den Coupé Decalé der Elfenbeinküste.

Im Sommer haben freie Künstler*innen-Gruppen in 30 bundesweiten Artist Labs die krisenhafte Gegenwart untersucht. Sebastian Köthe, Elisabeth Wellershaus und ein Team an Gastautor*innen haben ihnen dabei über die Schulter geschaut.