Umverteilung der Arbeit – das Theater und seine Verbündeten

Ein Rückblick auf die Arbeit der Bundesweiten Artist Labs und das Programm des B.A.L.L. – Bundesweites Artist Labor der Labore – auf eine Veranstaltung, in der die Vielfalt der freien Szene in sämtlichen Ecken und Nischen vom Haus der Berliner Festspiele aufblitzte.

Von Elisabeth Wellershaus und Sebastian Köthe

Im Sommer dieses Jahres haben Künstler*innen in 30 Laboren über mehrere Monate die Gegenwart aus performativer Perspektive erforscht. Im Herbst präsentierte der Fonds Darstellende Künste beim B.A.L.L. – Bundesweites Artist Labor der Labore im Haus der Berliner Festspiele die enorme Bandbreite ihrer künstlerischen Prozesse und Resultate. Die Veranstaltung zeigte auf, dass die Methoden und Perspektiven, Strukturen und Produktionsbedingungen in der Freien Szene in ständiger Bewegung sind. Dass diese Szene die Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Zeit mit unterschiedlichsten Mitteln am Laufen hält. Aber sie zeigte auch, dass es am Ende doch des gesamtgesellschaftlichen Austauschs bedarf, um den Krisen der Gegenwart wirklich zu begegnen. Denn das bedeutet auf allen Ebenen: Arbeit.

Bevor das Wort Kulturarbeiter*innen sich etablierte, war das Wort Kulturschaffende lange in Umlauf. Doch es ist aus guten Gründen in Verruf geraten. Es ist eines von vielen Wörtern, die während der NS-Diktatur vereinnahmt wurden, und noch immer hallt daraus das Echo einer gleichgeschalteten deutschen Kultur nach. Es hatte sich festgesetzt und störrisch an der Erschaffung neuer künstlerischer Inhalte festgehalten. Doch seit einer Weile tauchen die Kulturarbeiter*innen immer häufiger als Selbstbezeichnung und in den Feuilletons auf. Kulturarbeiter*innen erfinden nicht geniehaft eine eigene, elitäre, homogene Kultur, sondern führen zusammen und verteilen um, pointieren Unterschiede und halten Konflikte aus. Sie situieren sich und schaffen eigene Orte und führen Veränderungen stets im Kleinen bei – Schritt für Schritt, Abend für Abend.  

Diskussionsrunde beim B.A.L.L. - Bundesweites Artist Laor der Labore
Diskussionsrunde beim B.A.L.L. / Foto: Dorothea Tuch

Im Rückblick auf den zweitägigen B.A.L.L., mit dem die Monate lange Laborphase der Künstler*innen ihren Abschluss fand, stand dieser Begriff der Arbeit besonders im Fokus. Denn unter anderem ging es in den vom Fonds Darstellende Künste geförderten Projekten um die Prozesshaftigkeit künstlerischen Arbeitens. Es ging um die Erkenntnis, dass ein Produktions- und Aufführungszwang der kreativen Praxis nicht unbedingt dient – und dass der Raum für Erarbeitungsprozesse immer mehr an Relevanz gewinnt. Denn nur in offenen Prozessen können eigene blind spots entdeckt werden, kann etwas Neues, weil eben nicht Vorgeplantes, geschehen. 

Die Labor-Projekte weisen darauf hin, wie viel Arbeit es bereits bedeutet, sich als Künstler*in mit der eigenen Verortung in der Welt zu beschäftigen – mit drohenden, sich überlagernden Krisen, mit der Frage nach Ungleichheit und Wegen in gerechtere Zukünfte. Sie beschreiben die Prozesse, in denen Formate des Austauschs entstehen und in denen die Störgeräusche etablierter Strukturen überhaupt erst einen Resonanzraum finden.

Gleich zu Beginn des B.A.L.L. hatte die Kulturwissenschaftlerin und Performancekünstlerin Sibylle Peters bemängelt, dass bis heute nur diejenigen in unseren Gesellschaften Macht haben, „deren Erkenntnisse und Erfahrungen als Wissen, als Innovation, als Patent, als Produktionsmittel oder zumindest als ARBEIT anerkannt werden. Die, für deren Praktiken, Gefühle und Einsichten Diskurse existieren, die ihre Relevanz, ihre Wirkmächtigkeit und Produktivität sicherstellen.“ Während die einen forschen dürfen und damit Wissensbestände prägen, müssen die anderen dieses vorgeprägte Wissen lernen.

Foto: Dorothea Tuch

Auch in den Laborarbeiten hatte sich gezeigt, wie sehr die Fragen nach Repräsentation und dem Sichtbarmachen der eigenen Positionen viele Künstler*innen in der Szene umtrieben – Kostümbildner*innen wie Szenograf*innen, Tänzer*innen wie Regisseur*innen. Das Ringen um Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Arbeit stand dabei ebenso häufig im Fokus wie die oft schwierigen Produktionsprozesse unter denen sie entstand.

Es bedeutet Arbeit, sich gegen Marginalisierung und Diskriminierung zu stemmen und einem Publikum zu erklären, wie mühsam es ist, sich vom Rand bis in die Mitte vorzukämpfen. Unter anderem zeigten das Projekte wie Mutating Kinship, die sich mit diasporischer Vernetzung beschäftigten oder SIGNS, das die Sichtbarkeit von Gebärdensprachenkünsten thematisierte. Es bedeutet Arbeit, mit kleinen Kindern in engen Wohnungen und mit spärlichem Einkommen der eigenen Kreativität nachzugehen. Das zeigte sich im Lab Mit Kind: Tanzkünstlerinnen zwischen Beruf und Elternschaft. Es bedeutet Arbeit, einen Raum zu schaffen, in dem Künstler*innen mit unterschiedlichsten Erfahrungen sich sicher genug fühlen, um zusammenzufinden. Das zeigte sich in Labs wie Artist Resilience in Times of…, das ukranische und deutsche Künstler*innen zusammenbrachte. Oder in den Decolonised Glamour Talks von Lara-Sophie Milagro, die Menschen mit unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen zusammenbrachte.

Es bedeutet Arbeit, immer wieder mit knappen Mitteln den Raum für all dies zu schaffen.

In einem literarischen Feuerwerk, das der Schriftsteller Jörg Albrecht auf der großen Bühne des Hauses entzündete, fragte er nach einer gerechteren Arbeitsteilung in der Auseinandersetzung mit den komplexeren Themen der Gegenwart. „Wieso soll Kultur hier Avantgarde in der Umsetzung sein?“, fragte er. „Wieso kann sie nicht tun, was sie am besten kann: Soft Facts liefern dafür, wie sich Dinge wandeln – Gesten, Berührungen, Worte? Wieso erwartet der Staat von der Kultur nun wieder Emsigkeit, Bienenfleiß, Industriousness?“

Für die deutliche Benennung gesellschaftlicher Missstände, für das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten, selbst für den Austausch diverser Erfahrungen braucht es angemessene Räume. Solche Räume tun sich im freien Theater immer wieder auf. Die Frage ist nur, wie viel strukturelle Arbeit der inhaltlichen Auseinandersetzung vorausgehen sollte. Und wie viel Raum am Ende bleibt, um auch dem Publikum dort wirklich zu begegnen.

Foto: Dorothea Tuch

In einem kleinen Gesprächskreis im Foyer des Haus der Berliner Festspiele – Auf Tuchfühlung mit Hannah Biedermann von pulk fiktion – diskutierten Personen aus den Bereichen Kinder- und Jugendtheater, Tanz und Zirkus sowie Vermittlung, was Publikum für sie bedeutet. Hannah Biedermann stellte dabei eine Reihe von Aussagen und Fragen vor, auf die mal einhellig, mal kontrovers reagiert wurde: „Beim Proben sollte man ans Publikum denken.“ „Interaktives Theater ist per se politisch.“ „Ich kenne mein Publikum.“ Einerseits will niemand den Anspruch aufgeben, dass Theater für ‚alle‘ ist, dass das Publikum vielschichtig und unterschiedlich ist, und dass gerade diese Diversität die politische Öffentlichkeit des Theaters ausmacht. Andererseits weist das Beispiel des Kinder- und Jugendtheaters darauf hin, dass das Publikum Künstler*innen mit Recht in die Pflicht nimmt, einen Anschluss an seine Erfahrungswelten, Sensibilitäten und Interessen zu suchen. Eine Produktion für jemanden, vielleicht sogar für jemanden ganz bestimmtes zu inszenieren, bedeutet nicht zwangsläufig eine Normierung – eine Anpassung, Gleichmachung, Unterordnung. Es kann auch einen Gewinn bedeuten. Manchmal ist so eine Widmung von Beginn an gegeben, manchmal zeigt sie sich als eine nachträgliche Überraschung. Inszenierungen laden das Publikum in ihre Welten ein, gleichzeitig verändert das Publikum diese Welten.

Eine solche Befragung des Publikums war eine Leitfrage vieler Labore. Das Jugendtheater Strahl hat mit einem Lob auf sein unruhiges Publikum die Energie, Unangepasstheit und Utopiefähigkeit junger Zuschauer*innen beschworen, denen es mit seiner eigenen Arbeit gerecht werden will. OutOfTheBox haben in der Untersuchung postdigitaler, interaktiver Spielformen eine Symmetrisierung von Machtverhältnissen im Theater und einen Anschluss an andere Kunstformen wie das Gaming gesucht. Die Tauben Künstler*innen des Labors SIGNS haben gefordert, dass ein durchmischtes Publikum ihrem Ausdruck und ihren Themen Aufmerksamkeit schenkt. Gleichzeitig haben Labore wie Schmerz Verstehen, in dem sich Künstler*innen unter anderem aus der Ukraine und Russland getroffen haben, oder Collective (un)learning Spaces, einem empowernden Workshop für BIPOC und marginalisierte Künstler*innen, deutlich gemacht, dass – insbesondere marginalisierte – Künstler*innen der schützenden Räume bedürfen. Dazu gehört der Schutz davor, permanent angesehen und gedeutet, bewertet und evaluiert zu werden oder auf jedes Problem eine repräsentative Antwort haben zu müssen. Und natürlich der basale Schutz körperlicher und seelischer Unversehrtheit und der Erfüllung materieller Grundbedürfnisse. Während OutOfTheBox darüber nachdenken, wie man Publikum in Proben integrieren und früher ansprechen kann, geht es hier um eine Schutzzone für ästhetische und soziale Experimente. Eine solche Sensibilisierung für Machtverhältnisse ist ein zentrales Forschungsergebnis der Bundesweiten Artist Labs: gesehen zu werden kann heissen, Anerkennung oder Gewalt zu erfahren. Nicht gesehen zu werden kann heissen, Schutz zu erfahren oder im Gegenteil verkannt zu werden. Mitzumachen kann heißen, empowert oder exponiert zu werden. Zuschauen kann heissen, ausgeschlossen zu werden oder lustvoll teilzuhaben. 

Outdoor-Labor / Foto: Dorothea Tuch
Outdoor-Labor / Foto: Dorothea Tuch

Bei den Artist Labs und dem daran anschließenden B.A.L.L. – Bundesweiten Artist Labor der Labore ist deutlich geworden, dass wir alle zum Publikum gehören: im Theatersaal, im öffentlichen Raum oder vor der Tagesschau. Die Teilnehmer*innen des Labors Schmerz Verstehen sind jeden Abend ins Theater gegangen, weil man doch Theater aus Liebe zum Theater macht, obwohl viele professionelle Künstler*innen immer seltener die Zeit zu gehen finden. Beim „Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ sind die Grenzen verschwommen. Einzelne Besucher*innen buchten Gespräche mit Expert*innen, die wiederum von anderen Besucher*innen belauscht wurden, die von wieder anderen Besucher*innen beim Belauschen beobachtet wurden. Auf der Bühne selbst waren Tribünen aufgebaut. Wer zuschaute und wer darstellte, war hier nur noch eine Frage der Perspektive – wie bei dem berühmten Hasenentenkopf. Vielleicht ist dies ein weiteres Forschungsergebnis: Wir alle sind immer auch Publikum, tragen als Produzierende wie als Zuschauende Verantwortung. Hinzuschauen, zuzuhören, Zeit zu schenken – im Theater, aber auch darüber hinaus – ist das eine nachhaltige Tätigkeit, die den Wert des Bestehenden ausschöpft anstatt immer Neues hinzuzufügen. Das hat sich im Rahmen der Artist Labs wieder in ganz konkrete Forderungen übersetzen lassen: nach Archivierungsstipendien, nach mehr Aufführungen und Wiederaufnahmen, nach mehr Zeit und Gelegenheit, von den Arbeiten der Kolleg*innen zu lernen.

Die drastischen Mittelkürzungen werden den Abbruch von Prozessen und eine Beraubung des Publikums um Stücke und Performances und damit um Erkenntnisse, Gefühle und Verbindungen bedeuten. Sie werden bedeuten, dass Künstler*innen sich andere Berufe suchen müssen, dass viele Menschen prekärer leben werden, dass Gelegenheiten zur Verbündung und Solidarisierung schwinden, dass die Demokratie durch die Sabotage einer progressiven Kultur selbst geschwächt wird. Diese strukturelle Dimension lässt sich durch Engagement, Selbstverwirklichung, durch das Arbeiten unter dem Mindestlohn, am Wochenende und in der Nacht nicht ausgleichen. Schon allein, weil man auch mit sich selbst solidarisch sein muss. Gleichzeitig hat der B.A.L.L. gezeigt, dass die Freie Szene unbeirrbar ist und dass das Theater selbst stets mit seinen Verbündeten auftritt: mit dem Publikum an erster Stelle, mit den vielen freien Gruppen, die sich gegenseitig bestärken, mit Journalist*innen, Vermittler*innen und Wissenschaftler*innen, mit Diskursen und störrischen Körpern, und und und –