Wenn die Tür des Käfigs offen steht

Anke Retzlaff und ihr Team bringen mit „Wofür es sich zu kämpfen lohnt“ eine Hamstergeschichte als Musiktheater mit moralphilosophischen Fallstricken auf die Bühne.

Von Georg Kasch

Was bedeutet Freiheit? Reisen zu können? Zu Tanzen? Oder vielleicht: nicht eingesperrt zu sein? Für Hamster Edward geht es genau darum. Er erlebt auf wenigen Quadratzentimetern Käfig, wie begrenzt sein Dasein ist – Körner fressen, Wasser trinken, das Laufrad benutzen. Als noch schlimmer, weil übergriffiger empfindet er es, wenn ein Mensch ankommt und mit ihm spielen will.

Edwards Ziel: Nichts wie raus hier. Seinen öden Alltag, seine Sabotageversuche, eine erste Liebe wie seinen Fluchtplan dokumentiert er in seinem Tagebuch in lakonischen, oft ziemlich komischen Einträgen, die unerwartete moralphilosophische Fallstricke bereithalten – und das nicht nur mit Blick auf Haustiere.

Eine die Genres querende Comic-Adaption  

Wenn man „Das Tagebuch von Edward dem Hamster (1990-1990)“ liest, das knapp 100 Seiten dünne Büchlein zwischen fiktivem Journal und Graphic Novel von Miriam und Ezra Elia, denkt man nicht sofort an eine Bühnenumsetzung. Anke Retzlaff und ihr Team haben es dennoch gewagt: „Wofür es sich zu kämpfen lohnt“ ist ein Abend zwischen Hörstück, Konzert und Performance. Auf der Bühne – bei der Premiere beim Asphalt Festival Düsseldorf die schwimmende Seebühne am Schwanenspiegel – stehen nur Mikros, Verstärker und ein halbes Duzend Kassettenrecorder aller Größen und Fabrikate. Peter Florian Berndt an der Akustikgitarre sorgt für den Grundbass, auf den Retzlaff mit Hamsterfellmähne auf dem Kopf an ihrer Geige Melodien setzt, manchmal auch akustische Illustrationen und Kommentare: Wenn Hamster Edward etwa im Rad läuft, um mit seinem Scharren und Kratzen die Menschen zu nerven, dann kratzt und sirrt Retzlaff mit ihrem Bogen über die Saiten.

„Das Buch hat mich seit Langem fasziniert“, sagt Retzlaff, die die Produktion leitet, an Regie, Komposition und den Liedtexten beteiligt ist und auf der Bühne steht. „Anfangs fand ich es vor allem lustig, mittlerweile berührt es mich viel tiefer. Gerade mit der Pandemie im Nacken, aber auch all den anderen Krisen stellt sich für mich die Frage neu: Was bedeutet Freiheit? Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Was passiert, wenn der Hamsterkäfig wirklich mal offen steht?“ Trauen wir uns dann zu gehen? Oder bleiben wir im Vertrauten?

Foto: Jan-Moritz Hoffmann

Publikumsbeteiligung via Telefonzelle

Besonders ist dabei nicht nur die Form, ein Musiktheater zwischen Konzert, Hörspiel und Performance. Sondern auch die Publikumsbeteiligung. In der Nähe der Spielorte steht eine Art Telefonzelle mit einem alten Philips-Kassetten-Radio statt einer Wählscheibe. Nimmt man den daran befestigen Hörer ab, meldet sich in schönster Frühstücksradiomanier „Hamster.FM“ und fragt: „Wann habt Ihr Euch in Eurem Leben schon mal besonders frei gefühlt?“ Wer mag, kann anderer Leute Gedanken anhören – oder selbst eigene beisteuern. Mitunter finden sie den Weg auf die Bühne, eingespielt über einen der zahlreichen Kassettenrecorder, bis hin zum Stimmengewirr. Einmal erzählt ein Mann, wie er die Leinen löst, der Wind in die Segel bläst, sich sämtliche Gedanken darauf konzentrieren, das Boot zu steuern: „Dann war ich frei für mich.“

Die Idee der Publikumsbeteiligung hat Retzlaff schon bei ihrem Vorgängerprojekt „Dream Machine“ ausprobiert. Ein Mensch stirbt an Corona, ein anderer Mensch – dem die Erzählerin auf der Bühne ihre Stimme leiht – verarbeitet diesen Tod in seinen (Alb-)Träumen. Diese Reflexionen des Unbewussten, das auch mal persönlich auf der Bühne anruft, hat Matin Soofipour Omam dichterisch fixiert. Jeden Abend wird ihr Bewusstseinsstrom von Retzlaff und den Musikern aber mit Material angereichert, die Besucher*innen vor der Vorstellung ebenfalls in einer Art Telefonzelle einsprechen konnten – der titelgebenden „Dream Machine“.

Foto: Jan-Moritz Hoffmann

Glücksfall zweifacher NEUSTART-Förderung

Auch „Dream Machine“ war ein musiktheatraler Abend zwischen Konzert und Performance – mit Jo Beyer, Lukas Schäfer, Peter Florian Berndt und Anke Retzlaff allerdings größer besetzt. Auch auf der musikalischen Ebene, die sich mit Synthesizer, Sampler, Schlagzeug und Stimme zu wahren Klanggewittern steigerte, als zuckten im Gehirn unkontrolliert die Neuronen. „Dream Machine“ hatte 2021 bei Theater der Welt in Düsseldorf Premiere, lief in Santiago de Chile, Valparaiso und beim BAM!-Festival in Berlin. Dort füllte es den großen Saal der Volksbühne – keine Selbstverständlichkeit für eine Produktion der Freien Szene.

Bereits „Dream Machine“ profitierte über das Programm #TakeAction des Fonds Darstellende Künste von NEUSTART KULTUR. „Wofür es sich zu kämpfen lohnt“ wurde aus dem Programm #TakeHeart finanziert. Für Retzlaff war das mitten in der Pandemie ein Glücksfall: „Ich war überrascht und dankbar, dass beide Projekte gleich so groß gefördert wurden; für mich war es das erste Mal, dass ich selbst die Förderanträge gestellt und alles konzipiert und geplant hatte.“

Retzlaff hat ursprünglich Musik studiert, später Schauspiel, danach meist frei gearbeitet. Zusammen mit Schauspieler und Regisseur Paul Jumin Hoffmann (der bei beiden freien Produktionen als Co-Regisseur firmiert) realisierte sie an der Bürgerbühne und im Jungen Schauspiel Düsseldorf erste Inszenierungen – bis zur Pandemie-Vollbremsung. Es war der Moment, in dem sie neue Ideen ventilierte, sich spannende Leute zusammensuchte und mit „Dream Machine“ ihren ersten eigenen Abend konzipierte, der immer größer wurde.

„Wofür es sich zu kämpfen lohnt“ haben Retzlaff und Berndt nun bewusst kleiner gehalten, um damit besser touren und mehr experimentieren zu können: „Florian improvisiert viel, wir haben wieder neue Prinzipien entwickelt, nach denen Sprache und Musik ineinandergreifen und wir miteinander und mit dem Material jeden Abend neu spielen können“, sagt Retzlaff. Intimer machen es auch die Kopfhörer, die das Publikum bekommt und die es ganz nah an die Bühne holen, auch über eine Wasserfläche hinweg wie bei der Premiere. Die Bühne erwies sich aber als besonders passend zum Thema: „Wir waren da eingesperrt wie der Hamster im Käfig.“

Übrigens kommt das Publikum beim Hamster-Abend auch live zu Wort. Mitten im Stück klingelt ein Telefon im Zuschauerraum, und weil auf der Bühne dazu längst „Hamster.FM“ seine Radioshow abzieht, ist klar: Wer rangeht, wird dazu aufgefordert, seinen größten Freiheitsmoment zu teilen – aus dem Berndt dann eine Techno-Nummer macht. Als Dankeschön gibt’s hinterher ein Mixtape der Aufnahme.

Intimer ist dieser Abend, aber nicht weniger drängend als sein Vorgänger. Verdichtet klingt der Sound dank der Kopfhörer, konzentriert die Geschichte. Sie wirft Fragen auf, die uns angesichts der vielen Krisen weiter begleiten: Wie wollen wir leben?

Von der Förderung in den Probenraum und auf die Bühne – die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp besuchen im Rahmen von #TakeHeart des Fonds Darstellende Künste geförderte Projekte.