Wir brauchen eine Ästhetik der Berührung

Mit dem „Queens“ schafft die Künstlerin und Regisseurin Sibylle Peters einen Club für die Lust heterasexueller Frauen, der patriarchale Normen sprengt.

Von Elena Philipp

Leben in einer nicht-patriarchalen Gesellschaft, in der frau ihre Lust ausleben kann, ohne Schamgefühle und ohne Grenzüberschreitungen oder sexuelle Gewalt fürchten zu müssen. Wie das wohl wäre? Sibylle Peters erschafft mit „Queens. Der Heteraclub“ die performative Umgebung, um es auszuprobieren. 2020 eröffnete der temporäre feministische Nachtclub für einige Tage neben dem Golden Pudel Club auf St. Pauli. Das Rotlichviertel dort bietet Sex für weiße, heterosexuelle Männer. Für Frauen: nichts, außer einigen Bars, Konzerten, ein paar Food Trucks. „Da hat der erste Heteraclub eine gewisse Gender-Equality eingeführt“, benennt Sibylle Peters das Anliegen ihres Projekts. Female pleasure first!

Sex im Sinne von käuflicher Penetration ist nicht die Idee des „Queens“ – der Heteraclub ist klar im Kunstkontext angesiedelt, auch wenn seine Anmutung zwischen Performance und Sex Work changiert. Aber hat nicht auch Sex Work eine stark performative Komponente? Die sollte stärker anerkannt werden, meint Sibylle Peters.

Die Künstlerin, Regisseurin und Hochschuldozentin hat für das „Queens“ ausführlich zu Heterasexualität recherchiert. Die Hälfte aller Frauen, so eine der schockierenden Statistiken, hat sexuelle Übergriffe erfahren. Auch die Einstellung zu ihrer Sexualität unterscheidet sich von der heterosexueller Männer: „Es gibt Studien dazu, dass heterasexuelle Frauen weit monogamer sozialisiert sind als heterosexuelle Männer. Liebe bedeutet Hingabe, das Eigentum von jemandem zu sein“, erklärt Peters. „Das ist ein Punkt, den wir auch im Club immer wieder mit den Besucher*innen verhandeln: Darf ich da überhaupt hin, wenn ich in einer monogamen Beziehung lebe?“ Aus Peters’ Sicht: Ja. Weibliche Sexualität ist lang genug ausgeblendet und dämonisiert worden. Zeit, das zu ändern. Wozu der Heteraclub beitragen möchte.

Nachdem der erste Heteraclub knapp vor dem ersten Corona-Lockdown stattfand, konnte das „Queens“ mit einer Wiederaufnahmeförderung des NEUSTART-KULTUR-Programms #TakeHeart im Juni 2022 beim Impulse Festival in Mülheim erneut seine Türen öffnen. Die beiden Ausgaben waren sehr unterschiedlich, wie Sibylle Peters erzählt: „Auf St. Pauli war Sex Work ziemlich präsent, dort mussten wir die Grenzen der Performer in dieser Richtung halten. In Mülheim war es die Grenze zum Therapieraum, über die wir kritisch im Team diskutiert haben.“

Foto: Robin Junicke
Foto: Robin Junicke

Fans hat das „Queens“ schon in der ersten Staffel gewonnen: „Manche sind aus Hamburg angereist“, erzählt Performer Nilsipilsi, der schon auf St. Pauli dabei war, über die Mülheimer Ausgabe. Wie sehr das „Queens“ wirkt, belegen die Liebesbriefe an den Club, die das Team auf der Webseite veröffentlicht: Danke für den „Ort der Entdeckung & Neugier & Erfahrung“, heißt es auf einem der handgeschriebenen Zettel an die „wundervollen Menschen“. „Ich bin ganz verzaubert von den Persönlichkeiten, die die Ladies hier rauslassen“, schreibt eine andere Besucherin. „So viel Interesse und Wertschätzung nehme ich von Seiten des Raumes und der Menschen darin wahr. Ich wünsche mir den Heteraclub immmmmmmer.“

Auch Sibylle Peters hat das „Queens“ bewegt. „Ich habe schon viele Performances gemacht, in denen es um gesellschaftliche Fragen ging und darum, übliche Wahrnehmungen umzudrehen. Aber ich glaube nicht, dass es jemals so intensiv gewesen ist wie im Heteraclub. Erstaunlich, was für Erfahrungen die Menschen gemacht haben.“ Und sie ergänzt: „Es ist auch große Traurigkeit dabei zu sehen, was sonst fehlt.“

Im „Queens“ stehen die Besucherinnen im Fokus. Zwei Stunden verbringen je sechs von ihnen im Heteraclub, mit den sechs Hetera-Performern und den beiden Pimps, Sibylle Peters und ihrer Kollegin Charlotte Pfeifer. Die meiste Zeit halten sich alle im Salon auf, wo sie sich kennenlernen, Peters die Performances vorstellt, die Wünsche und Bedürfnisse der Gäste oder: Queens erfragt und sie dann mit den Performern zusammenbringt. Dann geht es für jede Queen eine halbe Stunde mit einem Hetera-Performer für eine 1:1-Performance in eines der Séparées. Das Ziel? Pleasure bereiten. „Das Wort ist gar nicht so einfach zu übersetzen – Lust, Freude, Spaß, Intimität, das spielt alles mit.“ Und die Lust, die Bedürfnisse der Frauen stehen oben an. Performer Nils Findus sagt: „Im Club geht es um die Begierde der Frau. Meine Begierde muss zurückgeschraubt werden.“

Foto: Robin Junicke

Nils, der nach einem Studium der Bildenden Kunst als Tänzer und Akrobat arbeitet, hat gemeinsam mit einer Freundin einen Audioguide entwickelt. Er steht mit Augenbinde vor der Besucherin, während die Stimme von Joelle ihn vorstellt, von ihrer Beziehung erzählt und dazu einlädt, ihn genau zu betrachten, ihn zu berühren oder auszuziehen. „Ich sehe die Queen nicht, sondern höre und rieche sie anfangs nur“, sagt Nils. Für ihn trägt das zu einer vorurteilsfreien Kontaktaufnahme bei, so kann er jeder Besucherin offen begegnen. „Es ist immer sehr unterschiedlich, was passiert. Das ist das Spannende: Obwohl der Rahmen gleich gesteckt ist, ist jede Erfahrung anders“, erzählt der Performer. „Ich hatte jemand sehr Vorsichtiges da, bei der ich sehr sensibel sein musste und wo es auch Tränen gab. Und ich hatte eine wunderschöne, respektvolle Begegnung, da gab es einen sehr großen Altersunterschied.“ Für Nils ist das Erlebnis ähnlich intensiv wie für die Besucherinnen: „Ich bin non-stop im Moment, das hat etwas sehr Meditatives.“ Und er sieht im „Queens Veränderungspotenzial“: „Was es sehr besonders macht, ist, dass wir innerhalb der Gruppendynamik viel mehr verstehen von der Komplexität von Emotionalität, der Rolle der Frau in der Gesellschaft, vom Patriarchat oder über Sex und Begierde im Genderspektrum.“

Das „Queens“ ist in doppelter Hinsicht ein Safe Space: Es schließt das Patriarchat aus – nur weibliche Besucherinnen werden eingelassen –, und was immer an Intimität passiert, passiert unter der Maßgabe von Umsicht in der Begegnung und unterliegt einem klaren Konsensverständnis. „Wir sind auch im Praktischen sehr sicher: Es gibt Handschuhe, Lecktücher und Toy Cover.“ Klare Regeln, die es allen ermöglichen, ihre Grenzen zu wahren, sind die Voraussetzung des „Queens“: „Alles, was eine Erektion voraussetzt oder eine Ejakulation impliziert, findet bei uns nicht statt, es gibt keine Penis-in-Vagina-Penetration. Dadurch schützen wir alle Beteiligten“, betont Peters. „Aber einige Performances laden zu Masturbation ein, Orgasmen sind möglich.“

Für Sibylle Peters ist das „Queens“ „eine Heteratopie“ – in Anlehnung an Foucault ein Ort, an dem die gängigen gesellschaftlichen Normen nur eingeschränkt gelten und der nach eigenen Regeln funktioniert. Worin besteht für sie das utopische Moment des „Queens“? „Während Corona ist deutlich geworden, dass wir eine Ästhetik der Berührung brauchen, weil Berührung so ungerecht verteilt ist. Manche Leute werden überhaupt nicht berührt. Das ist gesundheitsschädigend, von den emotionalen Folgen ganz abgesehen“, erklärt Peters, die hier auch die Künste in der Verantwortung sieht: „Wir brauchen eine Ästhetik der Berührung. Ich finde es nicht nachzuvollziehen, warum das Theater Menschen berühren will, aber nur im Herzen. Auftrag staatlich geförderter Kunst ist es auch, Orte zu schaffen, in denen Berührung stattfindet, für Menschen, die keine Kinder haben, die nicht in einer Beziehung leben oder sich keine Retreats leisten können.“ Damit alle in einer Gesellschaft leben können, in der gegenseitige Fürsorge der Normalzustand ist. Um Elisabeth von Thaddens viel zitierten Buchtitel von der „berührungslosen Gesellschaft“ umzudrehen: Das „Queens“ ist ein Modellprojekt für eine berührungsreiche Gesellschaft.

Von der Förderung in den Probenraum und auf die Bühne – die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp besuchen im Rahmen von #TakeHeart des Fonds Darstellende Künste geförderte Projekte.