Hackt das Skript!

Von Elena Philipp

Zum Auftakt des Bundesforums stehen die Künstler*innen und die Wissenschaft im Fokus - Elena Philipp über die Eröffnung des dreitägigen Dialogformats von Kunst, Politik- und Förderpraxis am Berliner Radialsystem.

Einspruch wagen, alternative Perspektiven einspeisen, mit Spürsinn nicht unmittelbar erkenntliche Subtexte zutage fördern – das sind Kernkompetenzen von Künstler*innen. Gerne gibt man ihnen Raum, um Veranstaltungen diskursiv zu rahmen. Und so legt die Dramatikerin Sivan Ben Yishai zum Auftakt des Bundesforums 2021 souverän die Ambivalenzen offen, von denen Anlässe wie die Konferenz geprägt sind: „Dieser Raum – wie die meisten Räume – wird mit der einen Hand den Weg freimachen für Begegnung, Entwicklung und Transformation, und mit der anderen Hand den Weg versperren“, sagt sie in ihrem Vortrag „Proberaum. Das Paradox der Veränderung“ und verweist auf den Soziologen Markus Pohlmann. „Innovationen sind nicht nur Chancen für Veränderungen, sondern auch Bedrohungen für das Funktionieren eines sozialen Systems.“

Veränderung ist nötig nach Corona. Aber utopische Potenziale stehen Beharrungskräfte gegenüber: Fast körperlich spürbar wird in Ben Yishais gelassen präsentiertem, aber inhaltlich dringlichen Vortrag, welche Chance in einem Zusammentreffen wie dem Bundesforum liegt – und wie leicht diese ungenutzt verstreichen kann. Können das Bundesforum und seine Teilnehmer*innen nachhaltig Weichen stellen, um die Freien Darstellenden Künste für die Zukunft aufzustellen? Oder wird der kulturpolitische Zug ab Donnerstag Abend wieder auf dem Gleis des Weiter-wie-bisher davonrollen?

Fragil und zugleich kraftvoll sind temporäre Zusammenkünfte, wie Sivan Ben Yishai anhand einer Konversation der Wissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak mit dem armenischen Abgeordneten Narek Mkrtchyan (https://www.youtube.com/watch?v=Satn4-ojKMQ) anschaulich macht. Politiker*innen seien für kurzfristige Lösungen zuständig, langfristige Strategien aber lägen in den Händen eines „Wir“, zu dem Spivak Lehrende und Schreibende, Theoretiker*innen und Aktivist*innen zählt. Dieses machtvolle „Wir“ stelle „zu Politik und Macht eine Alternative“ her, so Ben Yishai – eine Alternative, welche die Zukunft formen könne. Spivaks Äußerung ist für die Dramatikerin ein „Hack“, der performativ die vom „Skript“ des Talks vorgegebene freundliche Atmosphäre „zerschneidet“. Und sie ist ein Moment von Theater, den Ben Yishai in jeglichem Raum für möglich und nötig hält: als Kunst der Begegnung, als visionäre Weise, den gegenwärtigen Moment zu „hacken“, langfristiges Denken zu üben und temporär das solidarische „Wir“ zu bilden, von dem Spivak spricht.

Wird beim Bundesforum das Skript überwiegen oder der Hack?

Hack-Ästhetiken schildern Kai van Eikels, Laura Pföhler und Christoph Wirth von der Ruhr Universität Bochum, die die vom Fonds Darstellende Künste vergebenen Neustart-Kultur-Förderungen wissenschaftlich begleiten. In einzelnen Digital-Performances der vergangenen eineinhalb Jahre sei der Rahmen des Vorgegebenen durchbrochen worden und das Utopische eines selbstermächtigten künstlerischen Schaffens auch auf vorformatierten Plattformen zum Vorschein gekommen, berichtet Kai van Eikels. Eisa Jocson etwa setze in „Manila Zoo“ die beengten Räume der Zoom-Kacheln mit Käfigen gleich: In der Yoga-Pose des herabschauenden Hundes nähmen die lässigen Lockerungsübungen der Performer*innen hospitalistische Züge an. Kratzen, Wippen, Hecheln, Trippeln zeigten den Menschen in der Pandemie als ein Lebewesen ohne adäquaten Lebensraum, so Kai van Eikels.

Projiziert auf eine große Leinwand hält Prof. Dr. Kai van Eikels zugeschaltet seinen Impulsvortrag. Neben ihm ist ein großes Schaubild eingeblendet. © Dorothea Tuch

BUNDESFORUM 2021: Vortrag Prof. Dr. Kai Van Eikels & al: „Gute Antworten: Wie die Freie Szene auf die Krise reagiert“, 14.09.2021

Freiräume für die Kunst hingegen entdecken seine Kolleg*innen in der leichteren Zugänglichkeit von Programmierumgebungen, die Künstler*innen in der Pandemie verstärkt nutzten – zumindest ein Teil von ihnen, denn Aron Weigl vom Wiener Forschungs- und Projektinstitut EDUCULT macht in seinem Vortrag zur (Förder-)Situation in den Bundesländern deutlich, dass rund 25 Prozent der von ihm für seine Studie Befragten nicht am pandemiebedingten Digital-Boom teilgenommen haben. Und obwohl 82 Prozent angaben, sie hätten sich neue Kenntnisse und Techniken angeeignet, sahen nur 49 Prozent im Digitalen einen künstlerischen Mehrwert.

Laura Pföhler und Christoph Wirth stehen am Redner*innenpult, hinter ihnen sind Programmierungscodes auf den Screen projiziert. © Dorothea Tuch

Eindeutigen Mehrwert schreiben die wissenschaftlichen Teams einer längerfristig orientierten, vom Output unabhängigeren Förderung zu. „Finanzielle Sicherheit macht experimentierfreudig“, lautet ein Fazit von Kai van Eikels. Ob ein künstlerischer Output für den Erhalt öffentlicher Förderung ausschlaggebend sein sollte, diskutierte die Künstler*innen-Runde der folgenden Podiumsdiskussion. Mit einem eindeutigen Ja antwortete Sahar Rahimi von Monster Truck – „vielleicht kommt da in mir das Arbeiterkind durch“. Im Gespräch mit Sibylle Peters von der geheimagentur und Fabian Lettow von Kainkollektiv wurde man sich einig, dass dieser Output nicht unbedingt ein verwertbares Produkt sein müsse, sondern auch in Rechercheprozessen bestehen könne, deren Förderung von durchweg allen Beitragenden als ein Gewinn der Pandemiezeit verbucht wurden.

Verluste verzeichnete der erste, dem Rückblick gewidmete Tag des Bundesforums auch. Aron Weigl etwa verwies auf die drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation freier darstellender Künstler*innen, die sich über Eigeneinnahmen finanzieren. Gut 60 Prozentvon ihnen hätten durch Corona einen existenzgefährdenden Einnahmenausfall erlitten – ein klares Handlungsfeld für Fördergeber*innen. Nicht monetär, sondern ideell und die Kunst in ihrem Kern betreffend ist die Aufgabe, die Sibylle Peters für den gesamten Sektor identifizierte: „Das war die heftigste Zäsur, die unserer Kunstform in meiner Lebenszeit passiert ist und sie hat uns weit nach hinten geworfen in Sachen Diversität“, resümiert sie die vergangenen eineinhalb Jahre. „Wir lassen uns gerade auf Schwellen ein, die wir vor zwei Jahren nie diskutiert hätten: Leute nur mit Adresse reinzulassen. Menschen ohne Papiere, Leute, die verpeilt sind, pleite, denen es geradenicht gut geht – die erreichen wir nicht mehr, und wir erreichen sie ohnehin nur gelegentlich.“ Und ihr dringender Appell: „Wir müssen alle zu erreichen versuchen, nicht nur die Fans.“ Hier braucht das Skript eindeutig einen Hack.


Tagesaktuell berichten die Kulturjournalist*innen Georg Kasch und Elena Philipp von dem Geschehen vor Ort, zeichnen die Diskussionen nach und geben Einblicke in die Vorträge und vertretenen Standpunkte.