Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI

Vortrag beim Symposium „Transformationen der Theaterlandschaft"

Dr. Hilke Marit Berger. CityScienceLab/HafenCity Universität Hamburg

Exposé

Diese Studie zeigt eine Vielzahl künstlerischer Möglichkeiten, die in der Zusammenschau Potenzial in mehrerlei Hinsicht besitzen. Einerseits in der Entwicklung neuer Formate, Erzähltechniken, Formsprachen und Zugänge. Andererseits in der Sichtbarmachung von Systematik und Wirkungsweisen einer Technologie, die beginnend mit ihrer Namensgebung so mystifiziert wurde, dass die allermeisten Menschen sich passiv einem technologischen Fortschritt ausgeliefert glauben, den wir alle tatsächlich sehr aktiv vorantreiben.

Die entsprechenden Konsequenzen, wie die Radikalisierung von rassistischer Stereotypisierung, Normierung, Überwachung und Beeinflussung, sind längst spürbar und werden zukünftig weiter zunehmen. Die Förderung von KI in den Darstellenden Künsten kann nicht getrennt von der Transformation einer digitalen Theaterkultur bzw. der Beförderung theatraler Digitalität in unserer postdigitalen Gesellschaft gedacht werden. Anstelle von Ignoranz technologischer Möglichkeiten, kann es im Sinne des Selbstverständnisses einer progressiven Kunstform, die gesellschaftliche Relevanz besitzen will, nur um eine aktive und damit gestaltende Einmischung in diese Prozesse gehen. Das größte Potential des künstlerisch-technischen Arbeitens liegt in der Möglichkeit der Sichtbarmachung und Vermittlung dieser Technologien, auch im Sinne der Entwicklung von alternativen Praktiken und Einsatzmöglichkeiten. Die gestaltende Verantwortung, die sich hierin zeigt, können Künstler*innen nur übernehmen, wenn es Rahmenbedingungen gibt, die ein produktives Arbeiten möglich machen. Die Verantwortung zur Ermöglichung dieses Potentials künstlerischer Praxis liegt damit auch bei den mittelgebenden Institutionen, den kooperierenden Partner*innen und Netzwerken. Hierfür ist Mut von allen Beteiligten gefragt und die Bereitschaft, sich auf neue Formate und Experimente (auch in der Förderung) einzulassen.

Die Arbeitsweise ist nur als eine Verschaltung aus Kunst, Technik und Wissenschaft denkbar, denn die allermeisten Projekte sind auch als künstlerische Forschung zu sehen. Die etablierte Trennung in Kunst und Technik ist in diesem Bereich – ebenso wie ein Verharren im steifen Korsett von Sparten- und Silodenken – eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Das Arbeiten in inter- und transdisziplinären Teams, an neuen Schnittstellen (z.B. im Virtuellen) und hybriden Formaten, ist eine wichtige Weiterentwicklung, sowohl innerhalb der Szene als auch in der Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, Kompetenzen und Institutionen. Arbeitsgrundlage hierfür ist stets die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, die gleichzeitig eine der größten Herausforderungen ist und entsprechend Zeit benötigt.

Um auf bestehendes Wissen zurückgreifen zu können, sollte nicht nur in Projekte, sondern vor allem auch in Strukturen und Netzwerke investiert werden. Hierfür braucht es eine neue Kulturpraxis des Teilens (von Erfahrungswissen, Technologien und Ergebnissen) in der Szene der Darstellenden Künste, die ähnlich wie im technologischen Bereich selbstverständlich werden muss. Voraussetzung hierfür ist die Möglichkeit, Bestehendes auch weiterentwickeln zu dürfen und nicht mit jedem Projekt neu starten zu müssen. Statt Innovation sollte es in diesem Sinne um aufbauende Entwicklung gehen!

Wesentliche Faktoren für die erfolgreiche Förderung ist die Bereitstellung von mehr Zeit, die Akzeptanz von anderen Formaten und Experimenten und dem Zulassen von Freiräumen, in denen auch Scheitern eine Option sein kann. Eine modulare Förderung, die aufeinander aufbaut, die hybride Formate und das Zusammenarbeiten ganz unterschiedlicher Akteur*innen fördert und fordert, wäre hierfür ideal.

All diese Faktoren ließen sich auf die grundsätzliche Förderung einer neuen digitalen Kultur als wichtigen Motor für wesentliche gesellschaftliche Transformationsprozesse übertragen. Darum sollte Kunst als eine tragende Ebene in das Bundesprogramm zur Digitalität Verankerung finden, beispielhaft das Programm AUTONOM verstetigt in der KI-Strategie des Bundes. Denn: Gestaltende Verantwortung zu übernehmen ist kein Privileg der Kunst, sondern eine schlichte gesellschaftliche Notwendigkeit.

Beteiligte