Mehr als Partizipation. Das digitale Publikum als Innovationstreiber der Darstellenden Künste

Vortrag beim Symposium „Transformationen der Theaterlandschaft"

Dr. Henning Mohr & Svenja Reiner,
Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft, Bonn

Exposé

Die vom Institut für Kulturpolitik durchgeführte explorative Kurzstudie analysiert aktuelle Entwicklungstrends des digitalen Theaters im Kontext sich verändernder Rezeptionsweisen des Publikums. Auf Basis einer Auswertung von insgesamt 15 etwa 60-80 Minuten langen leitfadengestützten Interviews mit Akteur*innen aus dem Feld der Darstellenden Künste konnten vielfältige Potentiale des Digitalen Theaters in Bezug auf neue Ausdrucksformen und eine Erweiterung von Zielgruppen herausgearbeitet werden. Gleichzeitig offenbarten sich vorhandene Strukturdefizite und Blockaden im Zusammenhang mit den Versuchen der digitalen Transformation. Zur Kontrastierung differenzierter Perspektiven bestand das Interviewsample aus neun im Vorfeld ausgewählten, externen Digitalexpert*innen und sechs Projektorganisator*innen, die im Zuge des #TakeThat-Programms des Fonds Darstellende Künste gefördert wurden. Die Interviews wurden mit der Software MAXQDA hinsichtlich der Kategorien Publikum/Zielgruppe, digitale Technologien, Formate, künstlerische Arbeit, (digitale) Vermittlung, Produktion, Interaktion/Kommunikation, Kulturpolitik, Personal bzw. digitales Theater, angelehnt an die Grounded Theory-Methodology in einem mehrstufigen, iterativen Verfahren codiert und gemäß einer Ableitung möglicher Anknüpfungspunkte für die Theoriegenese ausgewertet.

Es zeigt sich, dass der digitale Raum für die Darstellenden Künste viele Potentiale wie neue Ästhetiken, zentrale Auseinandersetzungen mit Themen der Gegenwart und neue Publikumsgruppen bereithält, aber auch tiefgreifende Transformationsbedarfe hinsichtlich bestehender Institutions-Verständnisse, Produktionsweisen, Hierarchien und Arbeitsweisen nach sich zieht. Die heraussedimentierten digitalen Praktiken – Sharing, Hacking und Community Building – dienen dabei als strukturierende Prinzipien, um dem Bedürfnis des Publikums zur Verantwortungsübernahme und Mitgestaltung nachzukommen. Damit einher geht eine Implementation zusätzlicher Strukturen und damit zusammenhängender Prozesslogiken (als Querschnitt) in die bestehenden hierarchischen Systeme, so dass Spartenlogik, Abteilungstrennung und der klassische Stückekanon teilweise als überholt geltenmüssen.

Um den sich verändernden Bedarfen gerecht zu werden, bietet sich eine Form des digitalen Theaters als Plattform an, das durch seine Anschlussfähigkeit nach außen die Interaktion unterschiedlichster Akteur*innen und vielfältiger Expertisen in dynamischen Arbeitsprozessen ermöglicht. Dafür bedarf es nicht zuletzt alternative Fördersysteme der Kulturpolitik, in denen unter anderem die Projektlaufzeiten erweitert, Bürokratien reduziert und Accessibility-Förderung ermöglicht werden sowie eine Neubeurteilung von förderfähigen Leistungen bzw. deren Qualitätsbeurteilung erfolgt. Darüber hinaus braucht es Kultur(en) der Weiterbildung, um die Komplexität des Themas in Bezug auf eine Anwendung in den Systemen besser zu verankern.

Beteiligte